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Im Begriff, heimisch zu werden

Lara Mallien und Matthias Fersterer unterhielten sich mit Malte Cegiolka, Philipp Gerhardt und Jona Seggern darüber, was es bedeutet, sich hier und heute zu
beheimaten, und welche Rolle Tabus dabei spielen.

von Jona Seggern , Lara Mallien , Malte Cegiolka , Matthias Fersterer , Philipp Gerhardt , erschienen in 57/2020

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© Foto: Lara Weis

Matthias Fersterer  Malte, Jona und Philipp, ihr habt erzählt, dass sich eure Gespräche zu dritt um Fragen drehen, die uns auch in dieser Ausgabe beschäftigen: Was bedeutet »Indigenität« für euch? Was bewegt euch bei diesem Thema?
Philipp Gerhardt  Menschen werden immer in etwas Bestehendes hineingeboren: in eine Landschaft, eine Kultur, die Evolution. Es ist eine Geisteshaltung, sich als »eingeboren« zu betrachten. Für mich beinhaltet das auch, das Gegebene liebevoll, wertschätzend und respektvoll aufzunehmen und zugleich die Freiheit zu haben, etwas hinzuzufügen und zu verändern.
Malte Cegiolka  In unserem Wohn- und Lernort-Projekt »Frieda«, das nun seit vier Jahren in Brandenburg existiert, sind wir auf der Suche nach der Ausrichtung unserer Gemeinschaft. Was hält uns zusammen? Sind es die gemeinsamen Erlebnisse, die uns zusammenschweißen, oder gibt es da noch mehr? Wir sind zur Zeit nur zu viert, aber wir wollen wachsen. Also fragen wir: Was wünschen wir uns von Menschen, die dazukommen? In diesem Kontext ist für uns Indigenität wichtig geworden. Zu mir kam das Thema außerdem durch eine Reise durch Südamerika. Zurück­gekehrt, waren da zwei Sätze in mir: »Ich will Humus sein für die Erde« und »Ich möchte gemeinschaftlich leben«. Die Bezogenheit auf Traditionen und die Verbundenheit zu Landschaften, die ich bei lokal verwurzelten Menschen in Südamerika erfahren habe, empfand ich als sehr inspirierend.
Jona Seggern  Junge Menschen scheint das Thema »Indigenität« besonders umzutreiben. Welche Sehnsucht verbinden sie damit? Viele greifen das »Buen vivir« aus Südamerika auf und fragen sich, was dieses Prinzip hier in Europa bedeuten kann. So etwas fehlt uns hier, deshalb entsteht diffuse Sehnsucht. Das Thema hat für mich viel mit Bindung zu tun, mit der Suche nach Gemeinschaft, mit Verbindung zu Ökosystemen, mit dem Sich-einfügen-Dürfen in das, was uns umgibt – sozial wie ökologisch.
PG  Früher waren Menschen stärker in die sozialen und ökologischen Gegebenheiten eingettet. Heute fragen viele in erster Linie nach persönlichem Wachstum, und für manche gehört es zur individuellen Freiheit, mal eben um die Welt zu fliegen. Dem sollten Grenzen zum Wohl kommender Generationen gesetzt werden. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen Freiheit und Verbundenheit mit den Lebensgrundlagen lässt die Menschen im luftleeren Raum hängen. Das Leben wird nicht mehr aufgrund gemeinschaftlicher Tradition gestaltet, sondern von der »Gesell­schaft« mit all ihren staatlich festgeschriebenen Regeln. Natio­nalstaatliche Konstrukte stehen regionaler Verbundenheit diametral entgegen.
MF  Ja, das Eingewobensein in eine Landschaft und die dort gewachsenen sprachlichen und kulturellen Eigenarten haben nichts mit Nationen zu tun, die es erst seit gut 200 Jahren gibt: Nationalismus zeigt allenfalls einen Mangel an Beheimatung an!
PG  Ich spreche gerne von »ökosystemarer Verbundenheit«, in diesem Sinn ließe sich sagen: Heimat entsteht durch das Ökosystem des »Menschseins«. Raymond Dasmann, der das Konzept der Biosphärenreservate erarbeitet hat, meinte, dass Nachhaltigkeit durch eine Ökosystemkultur entsteht – und zu der gehören auch überschaubare menschliche Gemeinschaften. Wenn ich meinen Nachbar-Landwirt kenne, kann ich ihm persönlich sagen, dass ich es nicht toll finde, wenn er sein Güllefass im Bach auswäscht, und damit Schaden am Ökosystem abwenden. Wenn das ein Lohnunternehmer aus einem anderen Land tut, habe ich weitaus weniger Chancen. Ökosystemgebundenheit ist für mich ein wesentlicher Aspekt des Gefühls von Beheimatung.
Lara Mallien  Dieser Begriff verdeutlicht für mich, worüber Jona gesprochen hat: Die Sehnsucht nach Indigenität hat etwas Diffuses, es fällt uns schwer, dafür Wörter zu finden, schließlich wählen wir einen so abstrakten Begriff wie »Öksystemgebundenheit«. Nichts gegen dieses Wort, aber es macht für mich auch erkennbar, wie wortlos wir bei diesem Thema sind.
JS  Ja, wir suchen über den Umweg der Ratio einen Zustand, den eigentlich nur ein Bauchgefühl herstellen kann.
MF  Das Phänomen ist zwar rational beschreibbar, aber nicht ohne weiteres erfahrbar. Ich halte es für ein Missverständnis, »Heimat« als etwas Gegebenes anzunehmen, als etwas, das ein Mensch »haben« könnte. Beheimatung ist für mich eher ein Verb als ein Substantiv: Menschen »werden heimisch«, »beheimaten sich«, »werden etwas eingeboren« – das sind Prozesse, die nie ganz abgeschlossen und dadurch auch weniger korrumpierbar durch völkische Ideologien sind.
MC  In vielen Kulturen gibt es Traditionen, in denen Jugendliche auf Wanderjahre gehen. Dabei verlassen sie ihren gegebenen Kontext, nehmen neue Impulse auf und können dadurch später mündiger das Gegebene wahren oder verändern.
JS  Bei den Amischen gibt es die Phase des »Rumspringa«. Dabei verlassen die Jugendlichen ihre Gemeinschaft und erproben das Leben außerhalb ihres gewohnten Zusammenhangs. Anschließend steht es ihnen frei, sich für oder gegen diesen zu entscheiden. Ein zweites Beispiel kenne ich von den Tahltan, einer First Nation in Kanada. Sie leben in einem Flussgebiet. Als Gruppe junger Erwachsener unternehmen sie dort in einer bestimmten Lebensphase eine Kanureise entlang des Siedlungsgebiets und besuchen andere Stämme. Bei gemeinsamen Festen erleben sie die kulturelle Ähnlichkeit, aber auch die Unterschiedlichkeit ­ihrer Gastgeber und erfahren sich so als verantwortliche Träger, aber auch als Mitgestalter ihrer eigenen Stammeskultur.
PG  In unserer Gesellschaft gilt die Jugend typischerweise als Zeit der Rebellion. Gesellschaft ist ein großes Regelwerk, das irgendwann zur Erstarrung führt. Dadurch entsteht der Drang, zu rebellieren, um etwas Erstarrtes aufzubrechen. Eine Gemeinschaft im besten Sinn ist hingegen flexibel. Wenn ich als Jugend­licher zu älteren Menschen eine persönliche Bindung habe, wird es ihnen leichter fallen, meine neuen Impulse aufzunehmen, so dass sich Dinge gemeinsam verändern lassen.
MF  Würde sich die persönliche Bindung auf die Landschaft ausweiten, wären dort krasse Brüche – etwa die Sprengung ganzer Berggipfel zur Rohstoffgewinnung – nicht vorstellbar. Zu jugendlichen Impulsen fällt mir noch eine Geschichte ein, die unser Freund Zoltan Hajdu aus Transsilvanien erzählt hat: An den Ostertagen übernehmen anstelle des Gemeinderats die jungen Leute das Ruder und installieren einen Kinderkönig. Ihre Aufgabe ist es, in dieser Zeit die Dorfgemarkung abzuschreiten. Dabei dürfen sie keinen Meter hinzufügen und keinen verlieren. Außerdem reinigen sie die Flüsse und Schleusen von Treibholz. Einerseits haben sie damit eine klare Aufgabe, andererseits herrscht in diesen Tagen Narrenfreiheit – sie dürfen innerhalb ihrer Dorfgrenzen tun und lassen, was sie wollen, und ausgelassen feiern.
JS  Woran ich noch denke: Weltweit haben indigene Gemeinschaften durch Kolonialisierung Gewalt erfahren. In Süd- und Nordamerika gab es bis ins 20. Jahrhundert Umerziehungs­internate. Die Älteren können noch davon erzählen. Wir hingegen können uns nicht mehr daran erinnern, wie aus Europa indigene Lebensweisen vertrieben wurden, etwa durch die Einhegung der Allmenden. Wir sehen nur, dass sich das imperiale Prinzip fast immer und überall durchgesetzt hat. Was tun wir damit? Mir geht dabei das Phänomen »Resilienz« durch den Kopf – dass Menschen auch nach einer Traumatisierung wieder in einen gesunden Zustand zurückfinden. Gleichzeitig denke ich, dass wir die gegenwärtigen Probleme nicht mehr mit Ökosystembewusstsein lösen können, wir brauchen ein globales Biosphärenbewusstsein – eine übergreifende Intelligenz, in der regionale Indigenität so etwas wie Synapsen bildet. Ich frage mich, wie sich diese globale Ebene auf gesunde Weise gestalten ließe. Eine »unschuldige« Indigenität, wie sie nur in unseren romantischen Vorstellungen existiert, reicht wahrscheinlich nicht aus.
MF  Dass wir »einfach so« ein Biosphärenbewusstsein herausbilden oder frei flottierende »Weltbürger« sein könnten, ist ebenfalls ein fatales Missverständnis. So meintest du es bestimmt nicht, Jona. Aber oft höre ich, dass die Verbindung mit dem globalen Raum doch das »eigentlich Wichtige« sei. Diese kann jedoch meiner Ansicht nach nur aus einer Verbundenheit mit konkreten Orten und Menschen entstehen, ansonsten ist sie bodenlos.
LM  Dass sich Indigenität per se nur auf kleinräumige Regionalität bezieht, halte ich für ein weiteres verbreitetes Missverständnis: Schon im Neolithikum führten Handelswege von Südengland nach Nordafrika. Deshalb halte ich es für schwierig, einen kategorischen Gegensatz zwischen Regionalbewusstsein und Globalbewusstsein aufzumachen. Jonas Hinweis auf den Imperialismus ist wichtig: Der begann nicht erst im 15. Jahrhundert mit der von Europa ausgehenden Kolonialisierung anderer Erdteile, sondern in der frühen Antike, als damit begonnen wurde, Staaten zu bilden und Menschen zu vertreiben oder zu versklaven. Es ist wichtig, zu begreifen, wie alt die Geschichte der Kolonialisierung ist.
PG  Wir könnten bei der mesopotamischen Stadt Ur anfangen, die vor 6000 Jahren gegründet wurde. Wer heute an Indigenität in Europa denkt, hat oft ein Bild von vor 200 Jahren vor Augen: Der patriarchal geführte Hof, die Familie, die Tracht – aber das ist bereits ein Ergebnis von Vereinzelung, Ausbeutung und Entfremdung. Wir müssen weiter zurückgehen.
JS  Trotzdem sollten wir erkennen, dass wir heute eine Situation vorfinden, die es so noch nie gab: Erdüberhitzung, atomare Bedrohung, Gentechnik, sogenannte künstliche Intelligenz – das sind Probleme, die wir nicht im Griff haben und für die es in unserem Generationengedächtnis noch keine Lösungen gibt.
LM  Auch Überlieferungen zum Umgang mit Katastrophen sind uralt. Irgendwann in der Eisenzeit waren die Rasenerzvorkommen in vielen Gegenden Europas abgesammelt und die Wälder abgeholzt, woraufhin ganze Regionen über 1000 Jahre hinweg unbesiedelt blieben. Immer wieder finden sich in indigenen Überlieferungen Geschichten, was aus solchen Krisen gelernt wurde. Nicht alle indigenen Kulturen haben es geschafft, sinnvoll mit ihrem Lebensraum umzugehen. Wir müssten bei denjenigen, die es bewältigt haben, nachfragen: Welche Art von Wissensbildung habt ihr betrieben, und lassen sich davon Essenzen auf die heutige Zeit übertragen? Wie etwa sollte heute Atommüll gekennzeichnet werden, damit auch Menschen in 10 000 Jahren wissen, dass es dort gefährlich strahlt? Welche Art von Sicherheitssystem müsste dazu auf einer ganz elementaren, körperlichen Ebene ­tradiert werden?
MF  Da fällt mir ein überliefertes Tabu der Diné im Südwesten der USA ein: Es gebe zwei Sorten gelben Staubs – den Pollen der Maispflanze, der die Menschen am Leben erhält, und den Staub, der unter der Erde liegt und die Menschen umbringen wird. Es ist unschwer zu erkennen, dass von Uran die Rede ist. Und tatsächlich leben die Diné auf Uranvorkommen.
PG  Ich mag das Beispiel aus Frank Herberts Roman »Der Wüstenplanet«. Er spielt viele Jahrtausende in der Zukunft. Es gibt Raumschiffe mit Überlichtgeschwindigkeit, die jedoch ohne viel Technik, sondern durch eine speziell ausgebildete Navigatorengilde betrieben werden. Dazu haben sich die Menschen entschieden, weil sie in einer früheren Phase durch Übergriffe der künstlichen Intelligenz fast ausgerottet worden wären. Künstliche Intelligenz wurde deshalb mit einem Tabu belegt.
MF  Ich frage mich oft: Wie wird eine Tradition, die überlebenswichtiges Wissen transportiert, lebendig gehalten?
PG  Die jungen Leute müssen immer wieder »Warum?« fragen, und die Älteren dürfen nicht müde werden, das zu beantworten.
LM  Das bringen die Menschen zum Glück von Geburt an mit. Kinder fangen aus sich heraus an, Warum-Fragen zu stellen, und ältere Menschen tun oft nichts lieber, als zu erzählen. Für eine solche Art von Wissenweitergabe kannst du dich darauf besinnen, was deine Zellen wissen.
MF  Und du musst dich erinnern und lernen! Wenn mich mein fünfjähriger Sohn fragt: »Woher kam der erste Mensch, der einen anderen geboren hat?«, muss ich erstmal nachdenken. Das schlimmste Zeugnis struktureller Gewalt ist der Satz: »Das verstehst du noch nicht«. Es sollte ein Tabu sein, so etwas zu sagen.
LM  Der gesamte imperialistische Komplex sollte einem Tabu unterliegen – und das sollte als lebendige Tradition über die ­Generationen weitergegeben werden.
MF  In Nationalstaaten gibt es eine Art Tabu, das es quasi verbietet, öffentlich über nicht-staatliche Organisationsformen nachzudenken. Wer das tut, muss die Worte klug wählen, um nicht reflexartig ins extremistische Lager eingeordnet zu werden. Aber warum sollten wir nicht fragen, welche Organisationsweisen naheliegender, effizienter und verbundener wären?
JS  Das gleiche gilt für den Kapitalismus als »einzig gültiges« Wirtschaftssystem.
PG  Ich finde es wichtig, dass wir uns wieder trauen, Komplexität zuzulassen. Gerade fiel mir die Region Rojava in Nordsyrien ein, wo sich übergemeinschaftliche Organisationsformen herausbilden und über-ökosystemar komplex zusammenwirken. Zugleich gibt es in den Siedlungen eine auf individuellen Beziehungen beruhende Basis. Verschiedene Kulturen, Denkansätze und Religionen bilden dort gemeinsam ein flexibles System, das ziemlich resilient ist. Lokale Räte regeln die Dinge auf der Dorfebene und entsenden Delegierte auf die nächsthöhere Ebene, wo überregionale Fragen geklärt werden. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine immer komplexer werdende Menschheit ein wandelbares, flexibles Zusammenwirken organisieren kann, und zugleich ähnelt es den Strukturen, die verschiedene indigene Gemeinschaften ausgeprägt haben. Die patriarchale, imperiale Welt versucht selbstverständlich gleich, das wieder plattzumachen.
MF  In Rojava spielen ja auch Frauen, Rätinnen eine wichtige Rolle. Damit könnten wir jetzt einen neuen Bogen zum matri­fokalen Aspekt von Indigenität spannen – aber lasst uns das ein andermal fortsetzen. Habt herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Malte Cegiolka (27) beschäftigt sich seit einem Südamerika-­Aufenthalt mit Fragen zu nachhaltiger Landnutzung. Er baut mit einer jungen Gemeinschaft im brandenburgischen Brück eine Allmendestruktur auf. www.die-frieda.org

Philipp Gerhardt (37) hat in Tharandt, Ålnarp und Wien Forst­wissenschaften studiert. Er entwirft als Planer regenerative Ver­sorgungssysteme von Waldgärten bis hin zu Landschaften, gibt Kurse, schreibt und hält Vorträge. www.baumfeldwirtschaft.de

Jona Seggern (29) befasst sich mit dem Aufbau alter­nativer Gesellschaftsentwürfe und hat die Gemeinschaft »Die Frieda« in Brandenburg sowie die Bildungsinitiative »Bildungs-Bande« mit­gegründet. www.bildungs-bande.de

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