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Die Welt hat viele Mitten

Warum wir diese Oya-Ausgabe um »Weltmittelpunkte« kreisen lassen – und was Pu der Bär damit zu tun hat.

von Matthias Fersterer , erschienen in 57/2020

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© Foto: wikimedia commons

Wie nur kamen wir auf die Idee, diese Ausgabe »Weltmittelpunkte« zu nennen? Die Erde ist doch (annähernd) eine Kugel, und als solche ist ihre Oberfläche doch mittelos! Nun ist »Welt« nicht dasselbe wie »Erde«, wenn freilich auch nicht davon zu trennen. Meine »Erfahrungswelt« ist alles das, was ich als wahrnehmendes Wesen erfahren kann; und die »Welt« ist alles, was der Fall ist: das Welt-All. Weder Weltall noch Erdober­fläche haben eine eindeutig zu ermittelnde Mitte, und auch meine Erfahrungswelt ist fluide, beweglich, wandelbar. Deshalb sprechen wir auch nicht von dem einen »Mittelpunkt« – dazu später noch mehr –, sondern von »Weltmittelpunkten«. Sich als Mittelpunkt der je eigenen Welt zu empfinden, dürfte eine rein menschliche Erfahrung sein, und in diesem Sinn ist unsere Erde von so vielen Mittelpunkten überzogen, wie es Menschen gibt: Sie ist »vielmittig«, und das ist, nebenbei bemerkt, ein Merkmal der Commons. Den je eigenen Weltmittelpunkt zu feiern, ohne anderen den jeweils ihren abzusprechen, ist eine urmenschliche Praktik. Dass ihre Brille aus Abstraktion und Rationalismus westlich geprägten Menschen den Blick auf diesen so naheliegenden wie offenkundigen Umstand oft verschleiert, tut dem keinen Abbruch.

Eine Landschaft aus Mittelpunkten
In ihrem Essay »Ein nicht-euklidischer Blick auf Kalifornien als kalten Ort in spe« beschrieb Ursula K. Le Guin die höchst unterschiedlichen Weltwahrnehmungen der europäischen Kolonisatoren und der Native Americans:
»Was den Weißen als zu ›zähmende‹ Wildnis erschien, war den dort lebenden Menschen weit bekannter gewesen, als es allen anderen, die nach ihnen kamen, je sein sollte: bekannt und benannt. Jeder Hügel, jedes Tal, jeder Wasserlauf, jeder Canyon, jede Schlucht, jeder Tobel, jede Rinne, jede Landzunge, jede Klippe, jedes Steilufer, jedes Gestade, jeder Mäander, jeder Felsblock von gewisser Größe und jeder markante Baum hatte einen Namen, einen Platz in der Ordnung der Dinge. Dieser gefühlten Ordnung begegneten die Eindringlinge mit blankem Unwissen. Jeder dieser Namen benannte nicht ein Ziel, nicht einen Platz, den man ansteuern kann, sondern einen Ort, an dem man ist: einen Mittelpunkt der Welt. Kalifornien war über und über voll von Mittelpunkten der Welt. Einer davon ist ein Steilufer des Klamath River. Sein Name war ›Katimin‹. Das Steilufer ist noch da, hat aber keinen Namen mehr und ist nicht mehr Mittelpunkt der Welt.«

Wo deine Füße steh’n …
Diese indigene Haltung der respekt- und friedvollen Koexistenz vielfältiger Weltmittelpunkte ist jedoch nicht auf außereuropäische Lebenswelten beschränkt.
»Wo deine Füße steh’n, ist der Mittelpunkt der Welt« – was sich in der Diktion Sven Regeners, des Sängers der Band »Element of Crime«, auf die wunderbar melancholische Textzeile »Ich bin der Wischmop für die Tränen / und der alte Hund, der für dich beißt und bellt« reimt, ist mehr als der eingängige Refrain eines kunstvoll komponierten und arrangierten Popsongs. Wenn deine Füße, die nie lange an einer Stelle verweilen, den Mittelpunkt der Welt markieren, dann gilt das auch für meine und für unser aller Füße – der »Mittelpunkt der Welt« ist auch »die Welt der Mittelpunkte«. Ebenso alt wie die Praktik, Weltmittelpunkte zu markieren – durch einen Stein, eine Wächterskulptur, einen Baum, einen Pfahl, eine Spindel –, ist wohl die Praktik, sich im Kreis um diese Mitte herum zu versammeln – um eine Feuerstelle, einen Kessel, eine Ofenbank, einen Steinkreis, einen Brunnen. Nicht irgendeine Mitte, sondern das, was Anja Marwege in »Zwischen Spaten und Papierkram« (siehe Seite 30) als »Lebensmittelpunkte« bezeichnet, das also, was Menschen meinen, wenn sie sagen: »Das Leben ist schön, da, wo ich lebe – so schön, dass ich am liebsten einen Großteil meiner Zeit dort verbringe«; der Artikel endet übrigens mit der berechtigten Frage »Wer kann das von sich behaupten?«
Zugegeben, viele Menschen haben heutzutage eine ganz andere, von Zufall und Zweifel geprägte Beziehung zu ihrem Wohnort; dennoch werden Weltmittelpunkte an vielen Oorten lebendig gehalten – das zeigt etwa unser Titelbild, das wir von Zoltan ­Hajdu aus Transsilvanien (siehe Ausgabe 45) geschenkt bekamen: Wir sehen eine Dorfgemeinschaft, die sich um einen dampfenden Feuerkessel, in dem Pflaumenmus blubbert, versammelt hat. Und wir sehen ­einen Pfahl aus der Kesselmitte herausragen wie eine Weltenachse – die Axis mundi –; er macht den Kessel zur Weltmitte, zur mythischen Quelle des Lebens, die schon vor der geschaffenen Welt da war. Die Einladenden unterhalten sich mit den Gästen aus den umliegenden Dörfern. Alle haben etwas mitgebracht, tragen es in die Mitte – Berge an Früchten, Feuerholz, selbst­gebrannten Obstler, Klatsch und Tratsch. Während die Jungen Feuer und Kessel hüten, tauschen die Alten Neuigkeiten aus – was Menschen eben so tun, wenn sie an einem Weltmittelpunkt zusammenkommen.
Während dieses archaische Verständnis der Weltmittelpunkte noch heute in einem transsylvanischen Dorf – und anderswo – ­lebendig ist, wird es seit über zweitausend Jahren durch ein ganz anderes Mittelpunktsdenken ergänzt und oft verdrängt. Die Mitte wurde ausschließend: Das vielmittige Gewebe aus gefühlten – und deshalb subjektiv wahren – Weltmittelpunkten wurde durch die Abstraktion der »einzig wahren« Mitte ersetzt.

Der Nabel der Welt
Omphalos (Nabel) wurde ein Kultstein im alten Rom genannt. In Abwandlung einer ursprünglich mit der Erdgöttin Gaia und später dem Sonnengott Apollo im griechischen Delphi verbundenen Tradition befand sich dieser »Nabel der Welt«, umgeben vom kleinen Tempel »Umbilicus urbis« (Nabel der Stadt), auf dem Forum Romanum. Dieser Markstein definierte nicht nur die Mitte der Stadt, sondern auch jene des römischen Imperiums – von dieser Mitte aus sollte die bekannte Welt erobert und die bislang unbekannte entdeckt werden; wobei »erobern« und »entdecken« auf ein und dasselbe hinauslief. Von dieser einen Mitte aus wurde die Welt in Zentrum und Peripherie, in Hauptstadt und Provinz, in Eroberer und Unter­worfene unterteilt. Dieses Schema zentralistischen Denkens lebt in heutigen Nationalstaaten fort; ganz gleich wie föderalistisch und subsidiaristisch diese organisiert sein mögen – immer ist da das eine Zentrum, umgeben von den Provinzen, den Rändern – den Abgehängten.
Sich beheimaten statt Heimat haben
Aha, imperialistischer Größenwahn auf der einen Seite – die Schönheit des Kleinen auf der anderen. Noch Fragen? – Oh, ja! Menschen, die ihre Weltmittelpunkte gestalten, sind doch andauernd auch damit befasst, Kompromisse auszuhandeln, Förder­mittel zu aquirieren, sich mit Anrainern und offiziellen Stellen zu arrangieren! Gewiss. Die Beiträge dieser Ausgabe erzählen nicht von idealtypischen Zuständen, sondern davon, wie Menschen sich tagtäglich – mal mehr, mal weniger gelingend – bemühen, ein richtiges Leben im falschen zu führen; und dazu gehört es eben auch, Gestaltungsspielräume zu nutzen, Verordnungen vorteilhaft auszulegen, Nischen und Lücken im System zu finden: Beheimatung ist Arbeit mit dem, was da ist.
In dieser Ausgabe wollen wir sichtbar machen, wie Menschen »hier und jetzt« – jeweils an ihren Weltmittelpunkten – heimisch werden, sich Orten zueignen, diesen vielleicht sogar »eingeboren« werden. Wenn auf den folgenden Seiten das Sub­stantiv »Heimat« nur ausnahmsweise zu lesen ist, dann aus gutem Grund: Dass Heimat etwas Statisches sei, das wir ein für allemal »haben« könnten, ist ein fatales Missverständnis der Moder­ne. Viel angemessener und menschheitsgeschichtlich zutreffender ist die Verbform – es geht nicht ums »Heimat-­Haben«, sondern darum, sich an konkreten Orten »zu beheimaten«. In diesem Sinn warnt die Ethnologin Beate Binder: »Die Rede von Heimat kann nie harmlos sein«, da das Reden darüber immer die ­Gefahr der Ausgrenzung anderer berge, zumal derer, die heimatlos sind.
Dass »Beheimatung« durch die Identifikation mit einem imaginären »Vaterland« oder einem abstrakten »Nationalstaat« geschehe – jenen alles andere als gottgegebenen Konstrukten, die vor gut 200 Jahren in Mode kamen –, ist das nächste fatale Missverständnis. Der Wahn von einer sprachlich, kulturell und ­ethnisch gleichförmigen Nation greift seit dem 18. Jahrhundert verstärkt um sich. Der »Nationalismus«, zur Zeit der Romantik als Utopie eines besseren Lebens gefeiert, führte und führt noch immer zu Blutvergießen, Elend und Ausgrenzung.
In jener Zeit entstand auch die ideologische Gleichsetzung von »Volk« und »Nation«, die in den Greueln des Nationalsozialismus gipfelte. Zuvor hatte »Volk« eher eine größere Anzahl an Menschen oder eine bestimmte Art von »Leuten« bezeichnet. Der seit dem 8. Jahrhundert belegte althochdeutsche Begriff folc konnte zwar die Bedeutung von »Heerschar« haben – ­jedoch auch jene, die den sprachgeschichtlich verwandten Begriffen »viel«, »voll« und »Fülle« nahesteht. Deutlich wird dies anhand von Wendungen wie »allerley volck«, »fahrend volk«, »buntes Volk«, »Schiffsvolk« oder auch heutigen Selbstbezeichnungen wie »Talvolk« (siehe Seite 52). Bei dem »lieben Volck«, das dem schlesischen Dichter Friedrich von Logau (1605–1655) »bey Lebens-Zeiten […] stund lieblich an den Seiten« handelte es sich nicht um einen »Staat«, sondern um Eltern, Kinder, Freunde – um »nahe Menschen«, »liebe Leute« eben; und »Das leichte Volk der Luft / Das zwitschert, schreyet, pfeift und ruft« (Daniel Wilhelm Triller, 1695–1782) oder »Der Bäume Volk, das aus der Erden / mit schwachen Sprossen dort sich drängt« (Johann Adolf Schlegel, 1721–1793) steht für mehr-als-menschliche »Leute«. Und wenn Walter ­Jerven in seiner 1928 erschienenen Übertragung des »Daodejing« ins Deutsche dichtet: »Ein leises Land / einfältig Volk«, dann ist damit weder Nationalismus noch Volkstümelei gemeint, sondern es wird die Vision von einträchtig zusammenlebenden Menschen, die aus freien Stücken einen einfachen Lebensstil auf der einen Erde pflegen, heraufbeschworen.
Wie weit müssen wir zurückblicken, um zu erfassen, seit wann die lebensvolle Vielfalt der Weltmittelpunkte durch die Abstraktion der »einzig wahren« Mitte überschattet wird? – Bis zu den Anfängen des europäischen Kolonialismus in der frühen Neuzeit? Bis zur römischen Antike? Bis zur Gründung der mesopotamischen Stadt Ur vor 6000 Jahren? Bis zur Sesshaftwerdung des Menschen, mythologisch versinnbildlicht durch den Brudermord des Ackerbauern Kain am Hirtennomaden Abel? Und was ist eigentlich mit denen, die kein Volk haben, sondern »Volk« – im Plural – sind? Was ist mit den Sinti und Roma, die in Deutschland immerhin als »nationale Minderheit« anerkannt sind? Was ist mit den Hirtennomaden Zentralasiens und des Subsahararaums? Was mit den Khoisan im südlichen Afrika? Was mit den Millionen von geflüchteten Menschen weltweit, die, in Notunter­künften zusammengepfercht, in Angst und Elend gefangen sind? In einigen Beiträgen dieser Ausgabe scheinen auch Aspekte von nicht-sesshafter und fehlender Beheimatung durch.

Die nomadische Alternative
»Die nomadische Alternative«, die der englische Reisende und Schriftsteller Bruce Chatwin in einem Aufsatz über die ­»Anatomie der Ruhelosigkeit« skizzierte, steht nicht im Gegensatz zu den hier beschriebenen Weltmittelpunkten: Land- und Seenomaden, halbnomadisch lebende Hirten, halbsesshafte Jäger und Sammler, Menschen, die an mehreren Orten heimisch sind, beheimaten sich schlichtweg auf andere Weise als weitgehend ­sesshafte Menschen – die Zeltstange markiert den Weltmittelpunkt, die Zeltwand den Kreis um die Mitte. Doch leider gibt es kaum ein Beispiel für die fried­liche ­Koexistenz nomadischer und nationalstaatlich organisierter Lebens­entwürfe. Das ist umso tragischer, als dass es keinen absoluten Gegensatz zwischen mobilen und sesshaften Lebensweisen gibt: Vielmehr sind sowohl das Unterwegssein als auch die Ortsgebundenheit Aspekte, die sich in unterschiedlichen Anteilen in jedem Menschen und somit auch in allen Gesellschaftsformen widerspiegeln. Wohnmobile, Fernreisen, Individualverkehr, ­Jetset-Lebensstile oder Steuerflucht sind nur einige Beispiele dafür, wie sich unser nomadisches Erbe auch in westlich geprägten Gesellschaften auf ökologisch und sozial verheerende Weise Bahn brechen kann, wenn wir es nicht bewusst integrieren. Dass viele der auf den folgenden Seiten vorgestellten Orte und Menschen von sesshafteren Lebenswirklichkeiten in ländlich geprägten Gegenden erzählen, hat in der Redaktion Gedanken zu einer vielleicht irgendwann einmal erscheinenden Ausgabe über »mobile Lebensweisen« angeregt.

»Expotition zum Nordpohl«
Eine Frage aber ist noch offen: Was hat Pu der Bär mit all dem zu tun? Diese Geschichte soll hier noch erzählt werden, zeigt sie doch, wie normal, ja geradezu unvermeidlich es ist, Weltmittelpunkte zu finden, zu markieren und staunend zu würdigen – selbst für einen Bären »von sehr geringem Verstand«: Christopher Robin, Pu und ihre Freunde aus dem Hundertmorgenwald gehen auf eine »Expotition zum Nordpohl«, ohne genau zu wissen, was dieser denn eigentlich sei – vermutlich »ein Pfahl oder Pohl oder so, der irgendwie im Boden steckt«. Dann fällt Ruh in den Teich, und Pu findet einen langen Stock, mit dessen Hilfe das kleine Känguru wieder herausgefischt wird – und bei diesem Pfahl, da ist die Schar sich ganz sicher, kann es sich nur um den »Nordpohl« handeln! – »Sie steckten den Pfahl in den Boden, und Christopher Robin befestigte eine Botschaft daran: ›Notpohl, endtegt vohn Pu, Pu had in gefuhnden.‹«

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