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Zwischen Spaten und Papierkram

Wie Dörfer und Stadtteile zu echten Lebensmittelpunkten werden.

von Anja Marwege , erschienen in 57/2020

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© Foto: Dorfgemeinschaft Niesen

Hartmut Lüdeling erlebt in seiner Arbeit als Stadtplaner und Dorfentwickler immer wieder wirkliches »Gemeinschaffen« – immer dann, wenn Menschen Feuer für eine Idee fangen. Weder spezielle Moderationsmethoden noch Förderprogramme seien ausschlaggebend dafür, ob das Feuer entfacht werde; wichtig sei ein Rahmen, in dem sich die Menschen so einbringen können, wie sie sind. Er berichtet von einem Beispiel:
»Vor drei Jahren fiel uns während eines Rundgangs im nordrhein-westfälischen Dorf Niesen eine verfallene Scheune gegenüber der Kirche auf einem völlig zugewachsenen Grundstück auf. Ich war mit meiner Mitarbeiterin und einer Gruppe aus Niesen, die ein Entwicklungskonzept erstellen wollte, unterwegs. Als wir in der Dorfmitte ankamen, bedauerten die Niesener, dass es dort keinen Ort für gemeinschaftliches Leben gab. Ihnen fiel die Scheunen-Ruine ins Auge: Wäre das nicht der ideale Ort für einen Dorftreff? Aber wie sollte die finanzschwache Gemeinde den Wiederaufbau finanzieren? Wir ermutigten die Dorfgemeinschaft: Mit einer Mischung aus Fördermitteln und ehrenamtlicher Arbeit ließe sich viel bewegen. Tatsächlich setzten sich einige den Hut auf, aus der Idee ein handfestes Projekt zu stricken.
Anfangs sagten einige: ›Da muss ein Bagger her und erstmal alles abreißen.‹ Aber schließlich setzten sich diejenigen Stimmen durch, die meinten: ›Diese Bruchsteine sind durch die Handwerkskunst unserer Eltern und Großeltern sorgfältig verbaut worden. Wenn wir das Mauerwerk von Hand retten und sanieren, entsteht etwas Unbezahlbares, etwas Individuelles.‹ Es gab im Ort einen alten Maurer, der noch wusste, wie man mit Natursteinen umgeht, sowie viele weitere Handwerker aller Generationen, die bereit waren, ihre Kompetenz ehrenamtlich einzubringen. Ein paar Gewerke, wie Dachdeckerei, Sanitäreinrichtung oder Elektrik, wurden an Unternehmen vergeben, aber die Rohbau-Arbeiten sind in gut 2500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit von den Menschen aus dem Dorf selbst erledigt worden – dabei ist noch gar nicht eingerechnet, dass die Nachbarschaft Essen und Getränke während der Bauarbeiten vorbeibrachte. Das ganze Dorf stand hinter dem Aufbau der Scheune. Zu dem Projekt gehörte auch, sich ein Betriebskonzept zu überlegen, bei dem der Gemeinde bei der Nutzung keine Kosten entstehen würden. In den nächsten Monaten wird nun dort ein Dorfbistro eröffnen, und damit wird es Räumlichkeiten geben, die von allen im Dorf für verschiedenste Zwecke genutzt werden – zum Beispiel für Spielnachmittage und Kulturveranstaltungen. Im Sommer soll es für die vorbeifahrenden Radfahrer selbstgebackenen Kuchen geben.«
Unter dem Motto »Dorfentwicklung« beziehungsweise »Quartiersentwicklung« finden in vielen Dörfern oder Stadtteilen Bürgerversammlungen statt, werden Zukunftsideen zusammengetragen oder Veränderungen durch Bürgerhand bewirkt. Mal findet das formeller, mal weniger formell statt, mit oder ohne externe Moderation, mit Fördergeldern oder ohne sie. Das Wörtchen »Entwicklung« gibt dabei einen Hinweis auf das weitverbreitete, durch den Soziologen Wolfgang Sachs benannte Vorurteil, dass Gesellschaften angeblich unaufhaltsam fortschreiten und immer besser werden müssten. In kritischer Distanz zu dieser Denkweise sei in diesem Text der Versuch unternommen, nach Dorfwandlungsprozessen jenseits von monetärem Wachstum zu suchen. Lara Mallien und ich führten Gespräche mit Menschen, die Dörfer und Stadtteile beraten, und fragten: Wie ermöglichen Stadtteil- oder Dorfveränderungsprozesse, dass Menschen vor Ort tätig sein können und dort wesentliche Aufgaben übernehmen, und zwar auf die ihnen eigene Art und Weise?
Die Sirene heult am Freitagvormittag, und sieben junge Menschen sind binnen Minuten am Feuerwehrhäuschen an der Holzener Dorflinde, um zum Brand auszurücken. Das ist eine Situation, die ich beobachte, während ich an diesem Artikel schreibe. Eine ebenso eindrucksvolle Szene begegnete mir bei der Recherche, aber auch schon in den vergangenen Jahren immer wieder in ähnlicher Weise: Bei einem selbstgekochten, wöchentlichen Mittagstisch speisen junge und ältere Menschen gemeinsam an Tischen im Innenhof des Holzener Stadtteilhauses. Die Qualität, die an diesen Beispielen und auch an der Niesener Scheune spürbar wird, lässt sich als ein »Tätigsein unter Gleichrangigen« beschreiben. Das setzt eine Gesprächskultur voraus, bei der das Verschiedensein Raum bekommt und als fruchtbare Kraft erkannt wird. Die Qualität zeugt auch von der inneren Entscheidung, einen gewissen Teil der eigenen Zeit einem Ort mit begrenztem Radius zu widmen und das Eingebundensein in diesen Ort zuzulassen – trotz aller ernstzunehmender Zwänge, die dem entgegenwirken. In dieser Qualität steckt auch ein starker Grad an Selbstorganisation, jenseits des Tauschs vom Typ Wie-du-mir-so-ich-Dir. Wenn das Leben vor der eigenen Haustür so spannend und sinnvoll erscheint, dass die Zeit zu kostbar ist, um sie ständig andernorts zu verbringen, dann gelingt offenbar ein gemeinsames, in konkrete Orte eingebundenes Wirken der Bewohnenden.

Hindernisparcours
»Viele Ideen und Ziele, die in Dorfentwicklungsprozessen an runden Tischen mit den Bürgerinnen und Bürgern entstehen, werden nicht umgesetzt, weil die Menschen mit ihren Jobs, mit dem täglichen Pendeln oder mit bestehenden Ehrenämtern bereits völlig ausgelastet sind«, sagt Julia Tiernan, die als Regional­entwicklerin ebensolche Prozesse moderiert. Auf einem langen Spaziergang um das Dorf, in dem wir beide wohnen, tauschen wir uns aus. Wie sollte sich denn in den Dörfern grundlegend etwas in Richtung dieser Qualitäten verändern, wenn die Menschen atemlos durch ihre Alltage hetzen und schlichtweg nicht vor Ort sind, um sich überhaupt Gedanken zu machen, geschweige denn sich für deren Umsetzung einzusetzen? Lebens­bereiche sind in ­»Beruf«, »Einkauf«, »Mobilität« oder »Urlaub« getrennt; das alles findet weit entfernt voneinander statt. Welche Arbeit­gebende stellt schon ihre Angestellen für ehrenamtliche Projekte in ­Dörfern und Stadtteilen frei?
Eine wesentliche Rolle spielt das Verhältnis von zivilem Engagement und kommunaler Verwaltung. Zwei visionäre Beispiele könnten so aussehen: Ein Bürgerrat entscheidet auf gleicher Augenhöhe mit dem Gemeinderat, dass kein neues Baugebiet ausgewiesen wird, sondern stattdessen ein Waldgarten in den Händen der Bürgerinnenstiftung entstehen soll. Oder: Statt ein Jahrzehnt auf Gelder in Millionenhöhe zu hoffen, realisieren Bürgerinnen und Bürger mit wenigen Hundert Euro selbst einen schmalen, geschotterten Fuß- und Radweg durch die Feldmark – eine Lebens­ader zwischen zwei Orten, der Grund liegt in Allmendehand. Dieses Vorgehen ist unüblich, aber dort naheliegend, wo das Bedürfnis nach postfossiler Erreichbarkeit groß genug ist und von Menschen ernstgenommen wird. Solche Beispiele werfen die Frage auf, in welchem Verhältnis Projektvorschläge, Ideensammlungen, Wünsche und Zielformulierungen – gesammelt in »Dorfentwicklungsprozessen« – im Vergleich zu Entscheidungen und Vorhaben auf der Verwaltungs- und Politikebene stehen. Mit welcher Entscheidungssicherheit können Dorfläden, Bürgerräte oder Radwege von allen Menschen, die sich einem Lebensort zugehörig fühlen, selbst beschlossen und umgesetzt werden? Was passiert im Konfliktfall oder wenn Entscheidungen gegenläufig ausfallen? Wie können Kommunalverwaltungen Wertschätzung zeigen, wo Bürgerinnen und Bürger Verantwortung dafür übernehmen, das lokale Zusammenleben zu gestalten?
»Das Recht der Nutzenden setzt ein Mindestmaß an staatlicher Ankerkennung voraus, damit diese ihre eigenen Regeln festlegen können«, zitiert Christian Nähle ein durch die Commonsforscherin Elinor Ostrom beschriebenes Prinzip als Antwort auf die Frage. Als Mitarbeiter der Klimaschutzstelle der Stadt Dortmund fragt er sich: »Wie kann ich Menschen unterstützen – und zwar so, dass ich mir als Verwaltungsmitarbeiter kein Vorbehaltsrecht einräume –, allein die Entscheidung zu treffen, also etwas wirklich bedingungslos zuzusagen und nicht am Ende alles wieder zurückzunehmen, wenn etwas nicht erfüllt ist oder es sich anders entwickelt als gedacht?« Damit verbindet er die Behörden-Per­spektive mit der Logik des Gemeinschaffens. So entsteht eine Grundlage, auf der kommunale Entscheidungsträgerinnen und Bürger gemeinsam handeln können. Noch ein anderer, pragmatischer Grund spricht aus Sicht von Christian Nähle dafür, solche Organisationsmodelle auszuprobieren und übliche Hierarchien zwischen »der Verwaltung« und den Bürgerinnen und Bürgern zu hinterfragen: »Das gesamte Gemeinwesen beruht auf Ehrenamt, sei es in der Freiwilligen Feuerwehr, in Parteien, Kirchen, Gewerkschaften oder im Technischen Hilfswerk. Die wenigsten, die dort wirken, verdienen damit Geld. Allerdings ­besetzen immer weniger Menschen diese Funktionen, und das Gemeinwesen schwindet.« Kommunalverwaltungen bekommen den demografischen Wandel in unbesetzten Stellen hautnah zu spüren und ächzen zugleich unter wachsender Regulierung.
Das Dortmunder Umweltamt, in dem Christian Nähle arbeitet, verteilt Open-Source-Saatgut für Tomaten. Er selbst ist daneben noch in einer Initiative tätig, die die Software der Stadtverwaltung durch Open-Source-Software ersetzen möchte. »Digitale Souveränität, Befreiung von Monopolen und funktionale Transparenz gehören für mich in den Staatsausbau hinein, denn wir sollten doch genau verstehen, wie und wo unsere Daten verarbeitet werden«, sagt er. Ihm selbst schwebt eine noch viel weitreichendere Vision vor: Die Stadt stellt ein Haus bereit und finan­ziert eine Grundausstattung, damit ein Commons-Zentrum in einem Stadtteil entstehen kann. Das Ungewöhnliche daran: Aus allem weiteren Geschehen hält sich die öffentliche Hand dann heraus. So kann ein Ort der Begegnung entstehen, zum Beispiel eine Fahrradwerkstatt, ein Lastenradverleih, ein Vortragsraum oder ein Raum der Stille. Nicht die Verwaltung bestimmt die Regeln, sondern diejenigen, die den Ort hüten. Damit erhält das Wesen des Staats etwas Dienendes, etwas dem Gemeinschaffen Zugewandtes.

Das Geschäft mit dem Dorf(leben)
Das Angesicht eines Dorfs oder Stadtteils spiegelt die Art des Zusammenlebens und der Beziehungen wider. Wo seit Jahren kein einziger Versuch, einen Rundweg zu realisieren, geglückt ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch kaum mehr gemeinsame Feste gefeiert werden. Es sind nicht allein die inneren Strukturen, die das Zusammenleben bestimmen. Wie schwer es ist, einen Allmendeort zu schaffen, zeigt ein Blick in die aktuelle Förderlandschaft für Dörfer und Stadtteile.
Vorhaben wie der Aufbau der Scheune in Niesen, bei denen Menschen viel Eigeninitiative entwickeln, haben oft die größte Wirksamkeit und brauchen in der Regel nicht das große Geld, so Hartmut Lüdelings Erfahrung. Hingegen bewirken manche gut gefüllten Fördertöpfe wie das von der Europäischen Union seit 1991 aufgelegte LEADER-Programm für den ländlichen Raum, dass sehr oft nicht der Zweck der Sache selbst, sondern die Förderrichtlinien die Planungen bestimmen. Eine der Voraussetzungen für ein ­LEADER-Projekt ist sein »Innovationspotenzial«. Wenn aber irgendetwas nicht innovativ ist, sondern so alt wie die Siedlungsgeschichte der Menschheit, dann ist es das gemeinschaftliche Dorfleben.
»Manchmal werden hanebüchene Dinge erfunden«, erzählt Hartmut Lüdeling. »Da wollte eine Dorfgemeinschaft ihre Heiligenhäuschen sanieren. Das ist an sich überhaupt nicht innovativ. Doch es wurde viel Geld gebraucht, also sollten LEADER-Mittel beantragt werden. Zur Rechtfertigung der Innovation wurden QR-Codes an den Häuschen angebracht, damit sich die Vorbeigehenden nun mit dem Smartphone Informationen über die Heiligen herunterladen können. Mit diesem Trick war das Projekt förderfähig! So etwas ärgert mich – die Kreativität der Menschen wird dadurch auf seltsame Bahnen gelenkt, dabei wird das Geld häufig an anderen Stellen im Dorf viel dringender ­gebraucht.«
Bei all den Fördertöpfen besteht die Gefahr, das Dorf auf weiteres Wirtschaftswachstum einzustellen und ihm dann auch Regeln zu diktieren, die nichts mit der vorhin beschriebenen Qualität zu tun haben. Das ist eine Art kapitalistischer Kolonialisierungsprozess ähnlich der sogenannten Entwicklungshilfe für Länder des globalen Südens. Staatliche Förderprogramme sind Instrumente unserer gegenwärtigen Staats- und Wirtschaftsordnung. Und sie sind immer auch Ergebnis zäher Aushandlungen zwischen den Menschen in Institutionen und Behörden: Da sind diejenigen, die das Wort »Innovation« lieben, da sind die anderen, die Umweltschutz fördern wollen, und die dritten, die Nachbarschaftshilfe wichtig finden, weil es den Krankenkassen Kosten erspart, und viele mehr. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der staatliches Handeln »dem Markt« tief verpflichtet ist und beide Bereiche stark voneinander abhängig sind – wie Silke Helfrich und David Bollier in ihrem Buch »Frei, fair und lebendig« schreiben –, verwundert es nicht, dass auch das Dorfleben dem Kapital untergeordnet wird. Wo investiert wurde, soll auch ein »Return on Investment« entstehen – die Investition soll sich auszahlen. »Ich verstehe den Oberbürgermeister, der eine Investition aus Angst, später keinen messbaren positiven Effekt vorzeigen zu können, ablehnt«, sagt Christian Nähle.

Subversiv Gelder umwidmen
Wie unterscheidet sich dörfliches Gemeinschaffen von der Attraktivitätssteigerung eines Wohngebiets oder der »Gentri­fizierung« eines Stadtteils? Wie unterscheiden sich echte Lebens­mittelpunkte von »Schlafdörfern«, in die auswärtig Erwerbs­arbeitstätige nur abends oder an den Wochenenden zurückkommen?
Programme wie »Miteinander reden«, bei dem einhundert Dörfer durch die Bundeszentrale für politische Bildung und den Deutschen Städte- und Gemeindetag gefördert werden und bei dem es darum geht, Bürgerversammlungen einzuberufen, stimmige Gesprächsformen und einen fruchtbaren Umgang mit Konflikten zu finden, verlagern den Fokus (siehe Seite 65). Anstatt ein neues Projekt nach dem anderen anzustoßen, wird dabei ein Raum geschaffen, in dem die soziale Struktur eines Dorfs dauerhaftes Zusammenleben ermöglicht, und zwar hervorgehend aus dem Miteinander und der Art und Weise, die diesem konkreten Lebensraum entspringt. Dabei stehen die geförderten Dörfer in einem intensiven Austausch miteinander. Wie anders als aus sich selbst heraus sollte ein Dorf zum Ort des guten Lebens werden?
Bei Förderungen wie »Miteinander reden« ist die Richtung, die der Prozess nimmt, offen. »Denkweisen«, wie sie Wolfgang Sachs nennt – also Welt- und Menschenbilder – können sich drehen. Ob dann dabei Gemeinschaffen passiert? Gemeinschaffen – auf Englisch »commoning« – ist viel mehr als gute Gesprächskultur und funktioniert nach klaren, gemeinsam festgelegten Regeln, die immer wieder überprüft werden. »Beim Commoning geht es um mehr, als das Brot mit meinem Nachbarn zu teilen«, sagt Christian Nähle. »Ich verabrede mit ihm, wie wir beide in Zukunft immer Brot haben können! Dazu gehört, dass wir beide gleichermaßen die Verfügungsrechte am Saatgut haben, sonst können wir nicht auf gleicher Augenhöhe miteinander agieren.« Prinzipien wie gleicher Zugang für alle oder das sogenannte Verfügungsrecht – mit einem Gegenstand nach eigenem Gusto arbeiten zu dürfen – setzen einen Rahmen. »Commoning wirkt auf die Stadt und die Institution zurück«, sagt Christian Nähle.
Wachsen auf solche Weise Orte heran, die Begegnungen wesentlicher Art ermöglichen – Orte der Fülle und der »Zeitverschwendung«? Niemand würde ein Förderprojekt, das diese Ziele nennt, bewilligen. Dabei ist genau diese Praxis vor wenigen Jahrzehnten noch Normalität in den Behörden selbst gewesen. Geburtstage wurden ausgiebig im Büro gefeiert. Das lebendige Beisammensein ermöglichte es, sich selbst und einander einschätzen zu können. Heute könnte sich das vielleicht in einer gemeinsamen Wanderung unter Kolleginnen und Kollegen oder in der Freiheit, den Bürotag nicht durchtrimmen zu müssen, ausdrücken. In diesem Licht betrachtet, sind auch Mitfahrbänke, Boule-Plätze, ein Bekenntnis zum Glyphosat-Verzicht, ein Rundweg mit Erinnerungssteinen, eine freie Dorfschule oder ein gemeinsam betriebenes Backhaus Lernorte, die dieses Eingebundensein vermitteln. Solche Verankerungen haben weniger mit einer bestimmten Gemeindegrenze zu tun als mit dem Spüren von Gemeinsamkeit und Vertrauen, woraus sich ein tragfähiges Netz aus Beziehungen weben lässt. So mag es dann leichtfallen, zu sagen: »Das Leben ist schön da, wo ich lebe – so schön, dass ich am liebsten einen Großteil meiner Zeit dort verbringe.« Wer kann das von sich behaupten?

Lesetipps und Empfehlungen
Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz, Edition Körber Stiftung, 2013.
Florian Wenzel und Christian Boeser-Schnebel: Dorfgespräch, Stiftung Mitarbeit, 2018,
dorfgespraech.net
Kurzporträts von Dörfern: zukunftskommunen.de
100 Dörfer reden miteinander: miteinanderreden.net

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