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Raum und Gedächtnis

Von beseelten Landschaften und den Bulldozern des Imperiums.

von Fabian Scheidler , erschienen in 57/2020

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Inwelten
Für die Penan, ein Volk, das in den Gebirgswäldern von Borneo lebt, ist die Landschaft, in der sich die Menschen bewegen, mit einer großen Dichte von Bedeutungen aufgeladen. Einzelne Bäume, Flussläufe, Lichtungen oder Höhen werden nach Ereignissen, die dort stattgefunden haben, erinnert und benannt: die Anhöhe, auf der jemand von einem Tier gebissen wurde; der Baum, in den eine inzwischen verstorbene ­Nichte ein Zeichen gemacht hat; das Flussufer, an dem sich zwei Frauen in einem Eifersuchtsstreit an den Haaren gezogen haben; die Lichtung, wo dem Urgroßvater eine gute Melodie eingefallen ist.
Aber nicht nur werden Orte nach menschlichen Ereignissen erinnert und benannt, es werden auch umgekehrt verstorbene Menschen nach dem Ort benannt, wo sie begraben sind. Persönliche Erlebnisse sind ebenso in die Landschaft eingewoben wie die kollektive Geschichte: wo man einst ein Lager aufgeschlagen hatte, wo es einen Kampf gegeben hatte usw.
Darüber hinaus sind bestimmte Stellen von unsichtbaren Wesen bewohnt, die, wenn man sie durch Unachtsamkeiten reizt, allerhand Unglück verursachen können.
Biografie, Geschichte, Landschaft und die Sphäre unsichtbarer Kräfte sind eng miteinander verwoben.
Wenn ein Penan sich durch diese Landschaft bewegt, bewegt er sich nicht durch eine Umwelt, eine Naturkulisse, einen Außenraum, der mit ihm nichts zu tun hat, sondern immer zugleich durch eine innere Landschaft, die Lebende und Verstorbene miteinander in Beziehung setzt. Zwischen Innenraum und Außenraum, Erinnerung und Gegenwart kann keine Demarkationslinie gezogen werden.
Und so ist das Gedächtnis eines Penan auch nicht »in seinem Kopf«, »in seinem Gehirn«, in irgendeiner isolierbaren neuronalen Struktur, sondern in der Landschaft.
Wenn heute die Planierraupen der Holzfäller Schneisen in den Wald schlagen, dann verwüsten sie nicht nur eine Umwelt, sondern unzählige Inwelten: das persönliche Gedächtnis jedes Einzelnen ebenso wie den großen geistigen Zusammenhang, der die Menschen verbindet.
Ein Penan sagte, was geschehen würde, wenn das Land einmal verwüstet sei: Dann würde das Leben nur noch darin bestehen, in brütender Hitze am Rand einer staubigen Bulldozer-Piste zu sitzen und nichts zu tun.
Und tatsächlich: Was soll denn noch getan werden, wenn mit der Landschaft das gesamte Bedeutungsgefüge, in dem jede Handlung überhaupt erst ihren Sinn und ihre Motivation erhielt, verschwunden ist?
Für die Bulldozer-Fahrer und ihre Auftraggeber sind die verlorenen Gestalten am Straßenrand dann nichts als faule Eingeborene. Jetzt, wo diese Steinzeitmenschen endlich in den kalten, bedeutungsleeren Raum verfrachtet sind, der von Menschen, die nichts anderes kennen, als »Zivilisation« bezeichnet wird, bestätigt sich, was man von den Primitiven immer schon wusste: dass sie wenig Verstand und keine Disziplin besitzen.

Der apokalyptische Raum
Die Herrenmenschen mit ihren Planierraupen und satelliten­gestützten GPS-Systemen glauben, dem Raumverständnis von Leuten wie den Penan haushoch überlegen zu sein. Und sie sind es auch, wenn es darum geht, schnurgerade Schneisen in die Landschaft zu schlagen oder Raketenabwehrsysteme zu bauen. Sie sind es, um genau zu sein, wenn es darum geht, die Struktur der gewordenen Welt, ihre einzigartige Topo­graphie und die innige Verwobenheit von Landschaft und Gedächtnis zu zerbrechen und durch eine Neue Welt aus Menschenhand zu ersetzen, eine Welt ohne Gedächtnis, wie sie im Buch Jesaja angekündigt wird: »Denn, wohlan, ich schaffe / den Himmel neu, / die Erde neu, / nicht gedacht wird mehr des Frühern, / nicht steigts im Herzen mehr auf.«
Apokalypsen sind Visionen einer totalen Verzweiflung. Sie entstehen in den Verwüstungsspuren der Imperien, wo alle Wurzeln verbrannt sind und keine menschliche, keine irdische Hilfe mehr in Sicht ist, wo die Welt so tief korrumpiert erscheint, dass Rettung nur noch in der totalen Vernichtung und Neuschöpfung des Kosmos vorstellbar ist. Das apokalyptische Denken hat die Verwüstung immer schon hinter sich. Aber was es als Neue Welt gebiert, ist keine wirklich andere Welt, sondern die Wiederholung des eigenen Traumas, die Beton gewordene Entwurzelung – ein neues Empire.
Der Raum der großen Baukastenwelt, der Straßenschluchten, Glasfassaden und Schaltkreise, in denen man Informationen und Bilder, aber keine Menschen mehr findet, der Zimmerschluchten, in denen jeder für sich allein stirbt wie ein Wurm in einer Streichholzschachtel, der Callcenter und Montagehallen, in denen Menschen verbraucht und weggeworfen werden wie Kekspackungen, dieser Raum einer totalen Logistik ist zugleich der Raum ­einer totalen Verzweiflung.
Die Verzweiflung in diesem Raum ist umso unergründ­licher und auswegloser, als sie gedächtnislos ist. Täglich, stündlich werden die Spuren der Vergangenheit beseitigt, ununterbrochen sind Putzkolonnen unterwegs, um auch die kleinste Spur, die ein Mensch hinterlassen hat, zu löschen und an ihrer Stelle wieder die betäubende Sauberkeit herzustellen, die man allerorten als Zeichen des Fortschritts preist.
Die Apokalyptik teilt die Welt in zwei Sphären: Auf der einen Seite die Downtown, die himmlische Stadt, das Neue Jerusalem, wie es die Johannes-Apokalypse beschreibt: eine rechtwinklige Lichtwelt aus Gold, Glas und Edelsteinen, in der es keine Nacht, keinen Schmutz, keine Spuren des Irdischen mehr gibt.
Auf der anderen Seite, am Hinterausgang bei den Mülltonnen, beginnt der See aus brennendem Schwefel, der denen, die nicht in das »Buch des Lammes« eingetragen sind, den Namen­losen und den »Sans Papiers« – den Menschen ohne Aufenthalts­genehmigung – zugedacht ist.
Der apokalyptische Fortschritt produziert überall, wo er seine cleane Lichtwelt, sein Utopia errichtet, zugleich seinen nach Schwefel stinken­den Schatten. Wo es nichts anderes mehr gibt als den Glasturm und den Schwefelsee, wo auch die ­Erinnerung an eine andere Welt gelöscht ist, haben alle nur noch eine Vorstellung von Ausweg und Rettung: nach oben. Der Chief Executive Officer in der Vorstandsetage des Holzkonzerns, der seine Zigarette aus dem Fenster wirft, ebenso wie der zum Schuhputzer degradierte ehemalige Waldbewohner, dem sie auf den Kopf fällt. Um sich zu retten, versucht jeder, so nah wie möglich an eines der Zentren des Empires zu kommen. Der Konzern wird zur Arche, der Vertrie­bene zum Mitarbeiter der Apokalypse. Und auch der Penan am Rand der staubigen Piste wird vielleicht irgendwann froh sein, einen Job als Baggerfahrer zu bekommen. Wenn nicht er selbst, dann sein Sohn oder Enkel.

Die Axt des Bonifatius
Die Entwurzler haben die eigene Entwurzelung immer schon hinter sich. Nicht nur die Baggerfahrer in Malaysia, auch die Euro­päer selbst.
Im Jahr 723 missionierte ein Mann, der den Namen Boni­fatius, »der Wohltätige«, trug, im Auftrag des Papsts die mitteleuropäischen Völker. Im heutigen Hessen weigerten sich damals die Leute noch, das zu empfangen, was ein Chronist »des reinen Glaubens unverletzbare Wahrheiten« nannte, und verehrten weiterhin unbeirrt Bäume und Quellen. Nachdem der Wohltätige mit freundlichen Ermahnungen ­gegen diese Praktiken nichts erreichte, zog er eine Truppe zusammen, fällte in ­einem Ort ­namens Geismar unter Verwünschungen der Bevölkerung den heiligen Baum und ließ aus dem Holz eine Kirche bauen. So unterzog er die Aborigines von Geismar einem Crashkurs in Weltgeschichte: Innerhalb weniger Stunden sollten sie erleben, was sich seitdem bis in die hintersten Winkel der Erde wiederholt hat und noch wiederholt: die Zerschlagung von Raum und Gedächtnis im Zeichen des Empires.
Vom Baum zum Kreuz: Dieser Weg ist in manchen Kirchen als Weg der Heilsgeschichte dargestellt: links der Baum des Lebens im Garten Eden (die Vergangenheit), rechts das Kreuz auf dem Schädelberg (die Zukunft).
Vom Baum zum Kreuz – treffender ist Geschichte, von Geismar bis Borneo, nicht darzustellen. Es ist nicht nur der Weg von einem lebensspendenden Wesen zu einem Instrument des Todes, sondern auch von der Vielfalt zur Abstraktion, von der Unerschöpflichkeit eines wirklichen Baums zur Trostlosigkeit seines Schemas.
Es ist hier eine Richtung in den Verschlingungen und Brüchen der Geschichte erkennbar, eine unterirdische Kontinuität, die das christliche und das technokratische Zeitalter miteinander verbindet. Und wenn heute von Fortschritt, Wachstum, Modernisierung oder auch von »Entwicklung« die Rede ist, hört ein feines Ohr noch immer die Axt des Bonifatius.

Auszug aus: Fabian Scheidler: Die volle und die leere Welt.
Essays und Bilder, thinkOya, 2019.

Fabian Scheidler (51) studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin sowie Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor. 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Nachrichtenmagazin »Kontext TV«, das regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert (www.­kontext-tv.de). Im selben Jahr erhielt Fabian Scheidler den »Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus«. Als Dramaturg und Theaterautor arbeitete er viele Jahre für das Berliner »Grips Theater«. 2013 wurde seine Oper »Tod eines Bankers« am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz uraufgeführt. Sein 2015 erschienenes Buch »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation« wurde in mehrere Sprachen übersetzt und gilt bereits als Standardwerk herrschaftskritischer Geschichtsschreibung. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen wählte es zu den »TOP 10 der Zukunftsliteratur«. 2017 folgte »Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen«, 2019 »Die volle und die leere Welt«, ein Band mit Essays und Foto-Synthesen des Autors. Derzeit arbeitet Fabian Scheidler an einem Sachbuch über Wissenschaftsgeschichte und technokratische Ideo­logie sowie an seinem ersten Roman.

www.fabian-scheidler.de

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