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Die Beziehungshaftigkeit des Habens nähren

Das Projekt »Inseln mit Hafen« will ­Häuser und Grundstücke für mehrere Generationen als ­unkommerzielle Räume sichern.

von Sigrun Preissing , erschienen in 56/2019

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© Foto: Gottfried Schubert

»Wir Utopistinnen und Utopisten sind es gewohnt, uns in linkspolitisch sozialisierter Sprache zu unterhalten«, denke ich oft. Nicht selten passiert es uns, dass wir nach kurzer Zeit mit den uns bekannten Satzfragmenten nur noch über Organisatorisches sprechen. Vor kurzem erlebte ich ein Treffen aber völlig anders. Wir saßen in der kleinen Gruppe zusammen, die unter dem Motto »Inseln mit Hafen« in einem Wohnprojekt zusammenleben und dabei eine auch für andere nutzbare Commons-Rechtsform entwickeln will. Ich begab mich in die Rolle einer Interviewerin und fragte: »Was motiviert dich, an unserem Projekt mitzuwirken?«, »Hat die Entwicklung in dir etwas verändert?« Schnell waren wir dabei, unsere Wahrnehmungen und Bedürfnisse auszudrücken – ganz lebendig, jenseits jeglicher Formelhaftigkeit.
Eine von uns ist Katharina. Sie ist Töpferin und erzählte an diesem Abend, dass sie durch die Gespräche in unserer Gruppe einen Widerwillen gegen alles entwickelt, worin sie im Alltag die Folgen des sogenannten Mehrwerts, im Sinne des Geldvermehrens, entdeckt. »Ich möchte nicht mehr mitmachen müssen an Ausbeutung von Menschen und Natur. Da sitze ich an meiner Töpferscheibe in meinen wenigen kinderfreien Stunden und versuche, so viel wie möglich in so wenig Zeit wie nötig zu produzieren, um es dann so teuer wie möglich und so günstig wie nötig zu verkaufen.« Begonnen hatte sie ursprünglich mit der Idee, Keramik herzustellen, die sich alle leisten können.
Gottfried, ein anderes Mitglied unserer Entwicklungsgruppe, sagte: »Ich spüre im Alltag mein Getrenntsein von Anderen immer deutlicher – und zwar durch Geld, das jede und jeder für sich selbst verdienen muss. Es verleitet dazu, dass wir uns individuell für Geld statt zusammen für unsere Bedürfnisse einsetzen.« In unserer Runde stellte er auch fest: »Das gemeinsame Ausrichten tut gut.« Es war ein berührender Abend im Spätsommer.
Hinter der »Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft Inseln mit Hafen« stehen sechs Erwachsene, zwei Jugendliche und fünf Kinder mit vielfältigen, auch schmerzhaften Erfahrungen aus Gemeinschaftsprojekten. Seit gut einem Jahr treffen wir uns. Es geht uns nicht nur um eine passende Wohnsituation für uns selbst, sondern wir wollen auch eine für viele Menschen nutzbare Rechtsform entwickeln, die es erlaubt, Grundstücke und Gebäude langfristig fürs Gemeinschaffen zur Verfügung zu stellen. Bisher steckt das Projekt im Visionieren und in der Planung. Wir wünschen uns unter unserem Dach weitere räumlich nahe, neu entstehende Wohn- und Arbeitsprojekte. So können Menschen im Sinn einer gelebten Utopie von geldfreierem Leben ohne Diskriminierung in Einklang mit unserer Mitwelt, von Beitragen statt äquivalentem Tauschen und Herrschaftsfreiheit zusammenfinden.
Ein Herzstück unserer Pläne ist der »Hafen« – gemeint ist ein Ort in jedem Projekt, der nicht nur von den dort lebenden Menschen genutzt, sondern mit anderen geteilt wird. Das können Menschen aus der Nachbarschaft sein oder Beteiligte, die nicht am Ort wohnen, aber auch »Dahergelaufene«. Wir wollen keinen Zaun um unser Haben. Eine utopische Gesellschaft kann in unserer Vorstellung vom guten Leben entstehen, wenn wir auch mit Menschen in Beziehung treten, die wir (noch) nicht kennen. Dieses gemeinsame Ausrichten planen wir unter gesellschaft­lichen Rahmenbedingungen, in denen das nicht üblich ist.

Eine naheliegende Rechtsform finden
Am Anfang unserer Suche steht, eine Rechtsform zu finden, die in die Gegenwart passt und zugleich unsere Utopie in sich trägt. Dann erst können wir Gebäude und Grundstücke kaufen oder geschenkt bekommen und damit das Nutzungsrecht für diese Lebensräume wahrnehmen. Eine Rechtsform, die dem gemeinschaftlichen Besitzen, den Beziehungen zwischen den Menschen und dem von ihnen genutzten Raum und seiner Geschichte dient, gibt es in Deutschland aber nicht.
Die Berliner »AG Beratung«, an die sich selbstorganisierte Projekte oft mit Fragen zur Organisationsstruktur wenden, sagte uns: »Dem, was ihr vorhabt, wird keine Rechtsform gerecht. Lasst uns herausfinden, welche am wenigsten unpassend für euch ist.« Unser europäisches Rechtssystem beruht auf der Vorstellung des getrennten Individuums. Es versucht, Interaktionen zwischen unabhängigen Subjekten und ihren Objekten zu regeln. Die grundsätzlichen Verbindung zwischen uns Menschen und unserer Mitwelt kommen dabei nicht vor. Commoning wird somit nicht nahegelegt, sondern erschwert.
Bisher haben wir uns zur Genossenschaft als Rechtsform durchgerungen. »Für unser Vorhaben ermöglicht sie es am ehesten, keine Gewinne aneinander zu machen«, sagt Gottfried. »Bei uns spielt es keine Rolle, ob und wie viel Geld jede einzelne Person einbringt. Wichtig ist nur, dass wir gemeinsam genug haben.« Die Genossenschaft zu gründen ist nicht unser Ziel, sondern pragmatisch notwendig. Sie ist nur Ermöglicherin und manchmal leider auch Verunmöglicherin.

Lebensräume gemeinsam nutzen
Wir möchten einen eigenen Wirtschaftskreislauf formen. Häuser und Grund­stücke sollen nicht über Kredite finanziert werden, damit wir nicht über Zinsen in die klassische Umverteilungsspirale von Kreditnehmenden an Geldgebende geraten. Stattdessen kaufen wir Immobilien ausschließlich mit Genossenschaftsanteilen, für die keine finanzielle Rendite und kein Inflationsausgleich erwartet werden. Ab dem Moment, ab dem die Häuser und Grundstücke der Genossenschaft gehören, sollen alle, die dort den Raum hüten und halten, ihn nach gemeinschaftlich festgelegten Regeln nutzen können – und das über Generationen hinweg.
Die Grundstücke selbst möchten wir nicht »abbezahlen«. Schließlich verfallen sie nicht und verbrauchen sich auch nicht. Zu Beginn werden sie mit Genossenschaftsanteilen erworben, und nur diejenigen, die irgend­wann gekündigt werden, sollen durch Anteile neuer Mitglieder rechtzeitig ersetzt werden. In der Praxis übernehmen Menschen gemeinsam dafür Verantwortung, wieder neue Mitglieder zu finden, so dass diese Grundstücke langfristig Commons sind und bleiben, ohne dass sie jemals Profit erwirtschaften müssen.
Bei Gebäuden ist die Lage komplizierter. Selbst bei guter Pflege sind sie irgendwann verbraucht. Doch auch hier können wir weiter aus der Wachstumslogik aussteigen, und zwar indem wir die »Abzahlungsdauer« an die »Verbrauchsdauer« angleichen. Normalerweise zwingen Kreditlaufzeiten zu einer möglichst zeitnahen Rückzahlung des Kaufwerts weit vor dem Zeitpunkt, an dem das Haus so abgenutzt ist, dass es abgerissen werden muss. Bei uns müssen die Nutzenden nur die Kosten für den realen, langsamen »Verbrauch« eines Gebäudes sowie für dessen Pflege aufbringen. Diesen Betrag bezeichnen wir als »Nutzungsgebühr« und nicht als Miete. Er stellt letztlich sicher, dass die Genossenschaftsanteile, die für die Anschaffung der Gebäude eingesetzt wurden, immer einen gleichbleibenden, reellen Gegenwert haben und bei Bedarf in gleicher Höhe wieder ausbezahlt werden können. Selbstverständlich fänden wir es auch schön, wenn Anteile, Grundstücke, Gebäude für immer eingebracht würden – aber das entscheiden die Beteiligten selbst.
Diese drei Grundsätze – keine Kredite, kein Abbezahlen des Grundstücks und eine langfristige Nutzungsgebühr statt einer Miete – beruhen auf dem Gedanken, dass wir keinen monetären Mehrwert an- und füreinander erwirtschaften wollen – auch nicht intergenerationell. Teilweise finden sich Ansätze dafür schon in anderen Wohnprojekten. Wir versuchen nun mit der klaren Ausrichtung, die Finan­zierung und die Nutzung von Räumen als Commons zu organisieren, an dieser Stelle einen Schritt weiterzukommen. In unserem Modell fällt ein Großteil der Kosten weg, die sonst durch das »aneinander Verdienen« für Nutzerinnen und Nutzer der Gebäude entstehen. Im Raum Tübingen würde das bedeuten, dass unsere Nutzungsgebühr nur ein Viertel bis ein Drittel der ortsüblichen Miete beträgt. Diesen spürbaren finanziellen Freiraum wollen wir nutzen, um Commoning stärker in die Gesellschaft zu tragen.

Freiräume schützen und öffnen
Das bisher Beschriebene klingt funktional, doch in der »Mustersprache des Commonings« findet sich dafür das anschauliche Bild einer »halbdurchlässigen Membran«: Mit ihr umgeben wir mitten im vorherrschenden Wirtschaftssystem ein Commons und sorgen so für seinen Schutz und zugleich für sein Funktionieren im Hier und Jetzt. Der Schutzraum ermöglicht Verbindungen zwischen Menschen, denn Commoning funktioniert nur, wenn die Beteiligten nicht von vornherein durch feste Rollen voneinander getrennt sind – beispielsweise dadurch, dass einige einen Kredit geben und andere ihn nehmen. Menschen, die gemeinsam mit ihren Genossenschaftsanteilen das Projekt »Inseln mit Hafen« verwirklichen, werden alle gleichermaßen Teil des Ganzen sein. Es können Beziehungen, Verbundenheit von Menschen und Orten sowie eine gemeinsame Ausrichtung in Vielfalt entstehen. Manche Genossenschaftsmitglieder werden auf einer der »Inseln« wohnen und tätig sein oder nur dort arbeiten, und andere wollen das vielleicht gar nicht.
Julian, beruflich selbständiger Unter­nehmer, war am Anfang skeptisch und fragte, warum es Menschen geben sollte, die sich unter diesen Voraussetzungen am Projekt beteiligen, ohne selbst darin zu leben. Ein Kollege gab ihm eine gute Antwort. Er erzählte Julian, dass er sein Geld nicht in den gewohnten Wirtschaftskreislauf stecken will, der nur durch Wachstum aufrechterhalten werden kann. Stattdessen möchte er an einem System des Mit­einanders teilhaben.
Oft wird betont, dass Commons-Projekte keine Inseln sein sollten. Wir finden Inseln notwendig. Sie erlauben uns, Beziehungen zueinander und zur Mitwelt zu vertiefen, uns in einem Freiraum mehr sinnhaftem Tun und weniger Verwertungszwang zuzuwenden. Wir sehnen uns danach, freigiebig beizutragen, ohne über eine Gegenleistung nachdenken zu müssen. Also her mit der Insel, und »Ahoi Commoning!« Genauso wichtig sind uns Häfen, die Menschen von überall her willkommen heißen. »Lebensbereiche sollen bewusst und nach außen offen geteilt werden«, sagt Julian. AnnMa, die ebenfalls Teil der Entwicklungsgruppe ist, meint: »Ich würde gerne so etwas wie einen Umsonstladen in unserem Hafen anbieten und mich mit einem Foodsharingverteiler in die Nachbarschaft einbringen.« Katharina sagt: »Ich möchte Töpferkurse anbieten und mein Wissen und Können teilen, ohne dass ich dafür Geld nehmen oder etwas tauschen muss. Im Moment geht das nicht. Wenn ich heute töpfere, hütet mein Mann die Kinder. Wenn weder er noch ich in dieser Zeit Geld verdienen, haben wir ein Zeit- und Geldproblem. Durch den Freiraum auf den Inseln wird das leichter lösbar werden.« Solche Beitragsbeziehungen haben die Tendenz, sich in alle Lebens­bereiche auszubreiten.
Silke Helfrich und David Bollier ­schreiben in ihrem Buch »Frei, Fair und Lebendig«: »Die Beziehungshaftigkeit des Habens zu verankern, bedeutet, Nutzungsregeln systematisch so zu gestalten, dass unsere Beziehungen zueinander, zur nicht-menschlichen Welt und zu anderen Generationen intakt bleiben: Sie müssen so angelegt sein, dass sie Verantwortung für all diese Beziehungen – und damit für das Gemeinwohl – nahelegen.« Darauf halten wir Kurs. Wenn es uns gelingt, unser Zusammensein jenseits von trennenden Qualitäten des Bezahlens und gleichwertigen Tauschens zu gestalten, können Beziehungen zwischen uns und unserer Mitwelt anfangen, sich auf eine gemeinschaffende Art und Weise zu entwickeln. Die Nutzerinnen und Nutzer werden für den Erhalt von Gebäuden und Geländen selbst verantwortlich sein. Dabei können sie die gemeinsam zusammengetragenen »Nutzungsgebühren« einsetzen. Jede Insel soll einen Hafen haben und so zum Gemeinwohl beitragen. Ein solcher Commoning-Erfahrungsraum ist das, wonach wir uns sehnen und was wir gesellschaftlich beitragen können und wollen.
Und ich selbst? Ich habe immer wieder Angst, dass uns das alles nicht ­gelingt – dass ich meine Utopie zwar ernsthaft zu verwirklichen versuche, aber daran scheitere und dann vielleicht allen Mut verliere. Solange ich mich auf dem Weg befinde, kann ich immerhin mit der Hoffnung leben. Auf jeden Fall hissen wir jetzt die Segel. Unterwegs treffe ich immer wieder auf Menschen, die sagen: »Das klappt nie.« Andere finden unsere Überlegungen überzeugend und bieten uns freigiebig Ressourcen an, damit wir Fahrt aufnehmen können. Dieses Wechselbad der Gefühle und gleichzeitig immer dranzubleiben – das ist es, was mich momentan am meisten verändert.

Sigrun Preissing (43) ist Commonerin, Bildungsreferentin und Autorin. In ihrer Ethnografie »Beitragen und äquivalentes Tauschen« berichtet sie von Menschen, die gemeinsam wirtschaften, ohne miteinander abzurechnen.

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