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Literatur rückt näher an den Menschen

Ein Verlag, ein Café, wo Menschen tagsüber lesen oder arbeiten, und abendliche Veranstaltungen ­mischen sich bei »Periplaneta«.

von Maria König , erschienen in 56/2019

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© Foto: www.periplaneta.com

»Nacht der Drachenfliege«, »Vision und Wahn« oder »Lesen für Bier« – so heißen einige der fantastischen, skurrilen oder lustigen Lesebühnenveranstaltungen, die regelmäßig ins Skandinavische Viertel in Berlin locken. Das Literaturcafé mit etwa 35 Sitzplätzen ist Teil des 2007 von Marry A. Müller und ihrem Partner Tom Manegold gegründeten Verlags »Periplaneta« – was auf Deutsch in etwa »um den Planeten« bedeutet, aber auch die Gattung der flugfähigen und sozusagen unkaputtbaren Großschaben bezeichnet. Tagsüber arbeiten dort vier freie Lektorinnen sowie eine Volontärin an den Neuerscheinungen des Verlags; Besucherinnen und Besucher des integrierten Literaturcafés können ihnen über die Schulter schauen. Abends betreten leseerfahrene Autorinnen sowie Autoren, die sich mit ihren Texten erstmals vor ein Publikum wagen, die Bühne, in die sich das Literaturcafé schnell verwandeln lässt. Tom führt als Conférencier durch die Veranstaltungen.
»Als wir das Büro 2009 bezogen, wollten wir auch einen Raum für gemeinschaft­liche Akti­vitäten schaffen, eine Spielwiese für Menschen, die hier kreativ arbeiten wollen«, erzählt Marry. »Wir werden oft gefragt, wie ein Verlag funktioniert. Hier können alle sehen, wie wir arbeiten, wie wir abends agieren, so dass die Literatur näher an den Menschen rückt.«
Periplaneta-Bücher geben Denkanstöße. »Wir wollen keine Selbstbestätigungsgeschichten und oberflächliche Action, also achten wir darauf, dass unsere Geschichten nicht nur unterhalten, sondern Menschen weiterbringen«, erzählt Tom. »Viele Bücher setzen sich konsequent zwischen alle Stühle. Sie sind ein bisschen Fantasy, aber nicht richtig, oder eine Mischung aus Krimi und Social Fiction – auf jeden Fall unkonventionell und außerhalb eingefahrener Denkmuster.«

Wenn eins plus eins plötzlich drei ergibt
Vor zehn Jahren, als der Verlag die neuen Räume bezog, scheiterte ein Versuch, Periplaneta als Kollektiv zu gestalten. Damals konnte oder wollte neben Marry niemand in die finanzielle Mitverantwortung gehen. Ein Kollektiv, in dem alle mitentscheiden, aber am Ende doch nur eine die Rechnungen zahlen sollte, konnte nicht funktionieren. »Der Kompromiss, den wir jetzt haben, ist eine flache Hierarchie«, erzählt Marry. Alle Beteiligten schlagen Manuskripte vor, und sie entscheidet letztlich, welche angenommen werden. Daraufhin wählen sich die Lektorinnen ihre Lieblingsprojekte und begleiten sie von Anfang bis Ende, kümmern sich um das Lektorat, aber auch um die Öffentlichkeitsarbeit und die Autorin oder den Autor. »Häufig geben Verlage die Kreativ-Arbeiten, wie das Titeldesign, an Agenturen oder Freiberufler ab«, erklärt Tom. »Sich selbst in die Gestaltung einzubringen, ist aber viel erfüllender.« Marry ergänzt: »Dabei spielen Vertrauen in die Menschen, die mitarbeiten, und die Fähigkeit, Verantwortung abgeben zu können, eine große Rolle. Wenn wir es schaffen, den Lektorinnen nicht viel dreinzureden, wird aus eins plus eins dann plötzlich drei, weil alle Beteiligten noch Aspekte ­einfließen lassen – dann macht die Zusammenarbeit richtig Spaß!« In so einer Atmosphäre ist es dann auch selbstverständlich, vom Schreibtisch aufzustehen und einem Gast Kaffee einzuschenken. »Es ist nicht ausdrücklich die Aufgabe der Lektorinnen, Kaffee zu kochen«, betont Marry. »Sich auch darum zu kümmern, passiert aber von allein, weil sich jede und jeder hier umeinander sorgt und sich alle wünschen, dass Periplaneta floriert.«
Für die studierte Filmrestauratorin Marry und den ehemaligen Musik­journalisten und DJ Tom ist die Verlagsarbeit zu einer Lebensaufgabe geworden, bei der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. In welche Kategorie fallen die Abendveranstaltungen, wenn dabei auch Freunde zu Besuch kommen? Wenn sie sich mittags zwei Stunden zum Essen zusammensetzen und über Lite­ratur austauschen – ist das Arbeitszeit? Lange hatten beide eine 80-Stunden-Woche. Seit der Geburt ihres Sohns vor eineinhalb Jahren haben sich Marrys und Toms Prioritäten verschoben; sie mussten mehr Arbeit abgeben und den Verlag umstrukturieren. Inzwischen haben sie sowohl mit ihrem Kind als auch mit Periplaneta diese kritische Phase überstanden. Tom meint: »Die Zukunft wird spannend. Solange das Skandinavische Viertel uns hier haben will, werden wir da sein.«

www.periplaneta.com

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