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Bäume ernst nehmen

Ein ganzheitlicher Blick auf den Obstbaumschnitt.

von Franziska Schmidt , erschienen in 55/2019

Bild

© Foto: Jakob Schuckall

Ich werde oft gefragt, wie ich denn dazu gekommen sei: zum Obstbaumschneiden. So genau weiß ich das gar nicht – es war keine bewusste Entscheidung. Wie bei den meisten Dingen, die man liebt, war es auch hier: Es hat sich einfach in mein Leben geschlichen und dort seinen Platz beansprucht.
Obstbäume zu schneiden ist gleichzeitig sehr einfach und sehr komplex. Es gibt ein paar grundlegende Regeln, die man verstehen muss, aber ansonsten ist jeder Baum anders. Sein Standort, die Behandlung, die er in seiner Jugend und im Lauf seines Lebens erfahren hat, sein Genmaterial – das alles macht ihn zu einem Individuum. Er hat seine Macken und seine Geschichte. Man kann ihn verändern, aber nicht in jede beliebige Form zwängen. Erbgut, Umgebung und Vergangenheit bilden den Rahmen seiner zukünftigen Möglichkeiten.
Bevor ich einem Baum etwas wegnehme, lerne ich ihn erst einmal kennen: Was für einer ist das? Was sind seine Qualitäten, seine guten Eigenschaften? Was für Probleme hat er, und warum? Kann ich ihm helfen? Was ist sein Potenzial, wo will er hin, und wie kann ich das unterstützen?
Trotzdem braucht man keine übertriebene Angst vor Fehlern zu haben – Obstbäume können die meisten Körperteile nachwachsen lassen und verzeihen auch Fehler. Oft haben sie eine erstaunliche Kraft zur Regeneration, einen rührenden Über­lebenswillen. Sie sind ziemlich zäh und sehr treu: Wenn man sich um sie kümmert, dann belohnen sie das.

Kulturgut Obstbaum
Ein Bekannter von mir behauptet, Obstbäume müsse man nicht schneiden; Wildobst werde schließlich auch nicht geschnitten. Man mache die Bäume nur süchtig nach immer mehr Pflege und sich selbst eine Menge unnötiger Arbeit. Ich finde, dass der Vergleich hinkt. Obstbäume sind die botanische Entsprechung von Hausrindern. Niemand würde behaupten, dass man sich um Kühe nicht zu kümmern brauche, weil Wisente schließlich auch ohne uns klarkämen! Ohne Menschen gäbe es weder Hausrinder noch Obstbäume. Daraus ergibt sich eine Verantwortung, und zugleich symbolisiert dies eine der schönsten Möglichkeiten unserer Beziehung zur Natur: als ein Verhältnis von wechselseitigem Aufeinander-Angewiesensein, ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten.
Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche – sie alle wurden durch unsere Vorfahren über viele Jahrtausende hinweg bewusst erschaffen und gepflegt, verbessert und durch immer neue Züchtungen diversifiziert. Die allermeisten Obstbäume sind dabei Zwitterwesen mit wildem Wurzelstock und kultivierter Krone, deren Früchte nur noch entfernt an die ihrer Vorfahren erinnern. Trotzdem sind viele Sorten sehr alt; sie verkörpern die Arbeit von Generationen. Unsere Kirchen und Innenstädte erhalten wir ganz selbstverständlich als wichtige Kulturleistungen – warum nicht auch unsere Pflanzenzüchtungen? In ihnen steckt mindestens genauso viel Hingabe, Kreativität und Fachwissen wie in einem Bauwerk – es sind gewissermaßen »Baumwerke«.

Bäume verstehen
Oft rede ich von Bäumen, als wären sie Personen. Aber ihre Besitzer tun das auch: »Letztes Jahr hat er …«; »Ihm machen ja immer die Läuse so zu schaffen«; »Erholt er sich wieder?«. Manchmal sprechen sie über ihre Bäume auch wie über ungezogene Kinder, in genervtem, verzweifeltem Tonfall: »Der macht immer nur …«; »Der will ja nicht …«; »Ich weiß auch nicht, warum der …«.
Ein Teil meiner Arbeit besteht in Übersetzungsleistungen und Vermittlungsarbeit zwischen Baum und Mensch. Manchmal reicht ein kleiner Exkurs ins Baumverhalten, um für mehr Akzeptanz zu sorgen. Menschen, die verstehen, warum ihre Bäume tun, was sie tun, entwickeln meist ein entspannteres Verhältnis zu ihnen. Wir alle möchten gerne wissen, wie wir die Lebewesen in unserer Umgebung gut behandeln können. Bäume sind durchaus mitteilsam, wenn man lernt, ihre Signale zu verstehen. »Er braucht …«; »Wenn du … machst, dann wird er …«; »Eigentlich will er nur …«.
Selbst der rebellischste Baum hat Gründe für sein Verhalten, und folgt den Gesetzen der Biologie. Übrigens gibt es natürlich auch »sie«: die Pflaume, die Birne, die Kirsche. Aber meistens sind es eben doch Äpfel. Am liebsten steige ich mitten in die Krone, betrachte den Baum von innen und oben. Wenn er Augen hätte, dann würde er sich wahrscheinlich selber auch so sehen. Im Gewirr der Äste finde ich allmählich Muster, Ordnung, junge Knospen an scheinbar totem Holz.
Dass alles mit allem zusammenhängt, macht das Obstbaumschneiden so interessant. Man muss sich aufs Detail konzentrieren und gleichzeitig das Ganze im Blick haben. Ein Leitast umspannt mehrere Jahrzehnte, denn anders als wir Menschen zelebrieren Bäume die Gleichzeitigkeit von gestern und heute, ein Nebeneinander der Lebenszeitalter.
Ich betrachte den Baum also eine Weile und beginne, ihn von innen heraus zu verstehen. Ich folge dem Einfallswinkel des Sonnenlichts und der jeder Verästelung innewohnenden Logik. Dann ist es irgendwann so, als würde der Baum tatsächlich beginnen zu sprechen; die ganze Geschichte seiner Bemühungen gibt er dann unter Umständen preis – und er verrät auch, wohin er gerne möchte, was noch in ihm steckt.
Wenn Obstbäume lange nicht gepflegt oder zu radikal geschnitten wurden, dann brauchen sie Hilfe, um wieder einen Zustand der Ausgeglichenheit zu erreichen. Das kann dauern; Bäume verzeihen, aber sie brauchen Zeit.
Als ich mit dem Obstbaumschnitt anfing, war mein eigenes Gleichgewicht auch gerade gestört. Den Bäumen bei der Regeneration zu helfen, hatte etwas Tröstliches. »Kriegen wir wieder hin«, habe ich oft und gerne gesagt. Obstbäume sind, wie schon erwähnt, zäh und haben oft erstaunliche Kapazitäten, um zu überleben und sich zu erholen. Ich selbst habe mich zu jenem Zeitpunkt gefühlt, als würde aus mir überhaupt nie wieder Grün sprießen. Also habe ich das den Bäumen überlassen. Gerade im Vorfrühling, wenn ihre Knospen noch unscheinbar sind, geht eine schlummernde Energie, ein Versprechen von ihnen aus.

Sinnbild für Krisenbewältigung

Während ich die Verwirrungen von falscher Pflege bereinigte, lichtete sich nach und nach auch das Dickicht in mir selbst. Ich habe verstanden, dass wir alle unseren inneren Regeln folgen und entsprechend unserer Natur behandelt werden müssen. Man kann von einem Obstbaum nicht verlangen, dass er regelmäßig und gut trägt, wenn man ihn nicht düngt oder falsch schneidet. Versucht man, ihn gewaltsam in eine Form zu zwingen, die ihm nicht entspricht, wird er erst schwierig, dann nicht mehr handhabbar. So viele Bäume habe ich getroffen, die ihr Potenzial nicht entfalten konnten, weil ihre Besitzer etwas von ihnen erwarteten, das außerhalb ihrer Möglichkeiten lag! Vermutlich tun wir das nicht nur unseren Bäumen an, sondern auch uns selbst.
Ordnen, aussortieren, sich auf die besten Möglichkeiten fokussieren: Obstbaumschnitt und Krisenbewältigung haben viel gemeinsam. In beiden Fällen ist es wichtig, dass man sich Zeit lässt, genau hinschaut und dem Ganzen im Zweifel noch eine Chance gibt. Im besten Fall macht man ein paar Fehler der Vergangenheit wieder gut und befreit den Baum – oder sich selbst – aus aufgezwungenen Formen.
Manchmal ist die Situation nicht eindeutig. Man kann nicht immer abschätzen, wie ein Trieb sich entwickeln, was der nächste Sommer bringen wird. Also lässt man dem Baum ein paar Alternativen. Ein guter Schnitt setzt die latente Energie des Baums frei, regt seine Selbstheilungskräfte an. Danach muss man der natürlichen Dynamik Zeit und Raum geben. Mit dem Schnitt legt man Grundsteine, entfernt unnötigen Ballast und Verworrenheit.Gelingt das, dann folgt der Baum im Lauf des Frühjahrs den Pfaden, die man ihm freigeschnitten hat. Im besten Fall steht er sich jetzt selbst weniger im Weg, bekommt mehr Sonnenlicht und verschwendet weniger Energie an unfruchtbares Holz und Konkurrenztriebe.
Beim Obstbaumschnitt orientiert man sich nicht an den Defi­ziten, sondern an den Möglichkeiten. Letztlich sind nicht die Wassertriebe oder die toten Äste interessant, sondern der Neutrieb. Obstbäume sind Zellulose gewordene Vergangenheit, aber ihre Triebspitzen zeigen immer in Richtung Zukunft. Natürlich hat man beim Schneiden auch immer den nächsten Sommer, die nächste Ernte im Blick! Es ist eine zukunftsgerichtete Tätigkeit. Wer Obstbäume schneidet, glaubt an eine potenziell fruchtbare Zukunft. Die eigenen Handlungen Früchte tragen zu sehen, ist eine wunderschöne Erfahrung.
Obstbäume zu schneiden macht erlebbar, wie unser Verhältnis zur Natur sein könnte: ein achtsames Sich-Kümmern, das beiden nützt und das Wohlbefinden beider Seiten im Blick hat. Wir sind inzwischen Gärtner und Gärtnerinnen auf dieser Erde und sollten uns unserer Verantwortung bewusst sein, wenn wir etwas manipulieren. Indem wir für ein Lebewesen sorgen, auf das wir angewiesen sind, übernehmen wir nicht nur Verantwortung für ein kleines Stückchen Welt, sondern auch für uns selbst.

Franziska Schmidt (33) hat Umweltsoziologie im schottischen Edinburgh studiert. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Obstbaumschneiderin und bloggt auf francescaschmidt.wordpress.com.

Literatur zum Obstbaumschnitt
Walter Riess: Obstbaumschnitt in Bildern.
Ein erster Überblick für Einsteiger, noch dazu handlich für unterwegs.
Rolf Heinzelmann und Manfred Huber: 1 x 1 des Obstbaumschnitts: Bild für Bild. Ein ausführliches Buch für Einsteiger, inklusive Übersicht über typische Fehler und ihre Behebung.
Andreas Spornberger: Der professionelle Obstbaumschnitt – Inklusive Vermehrung & Veredelung. Ein tolles Buch für alle, die tiefer in die Materie einsteigen wollen.
Robert Silbereisen et al.: Obstsorten-Atlas: Kernobst, Steinobst, Beerenobst, Schalenobst. Ein inspirierender Einblick in die Sortenvielfalt.

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