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Der Gemeinschaftsfinder

Eine Erinnerung an den Oya-Redakteur Wolfram Nolte.

von Dieter Halbach , erschienen in 55/2019

Bild

© Foto: Julia Kommerell

Nach fünfjähriger Krebserkrankung und einigen Wiederauferstehungen ist mein Freund Wolfram Nolte im Juli von uns gegangen. Dreißig Jahre lang haben wir gemeinsam versucht, den Gemeinschaftsgedanken in die Gesellschaft zu bringen, zuletzt mit der von uns betreuten Rubrik in Oya.
Wolframs Verdienst ist es, schon früh den Boden für die heutige Gemeinschaftsbewegung bereitet zu haben; seine Fähigkeit war es, die Bedeutung ihrer Projekte vor einem größeren gesellschaftlichen und geschichtlichen Horizont zu sehen. Für ihn waren sie »horizontale« Nichtregierungsorganisationen, die – im Unterschied zu den großen »vertikalen« NGOs mit ihren Einzelthemen – für alle gesellschaftlichen Bereiche andere Lebens­weisen alltäglich erprobten.
In unserem gemeinsamen programmatischen Text »Die Regenbogenkraft von Gemeinschaft« schrieben wir 2007 für das Eurotopia-Verzeichnis: »Der Regen­bogen symbolisiert den neuen Geist selbstorganisierter und integraler Gemeinschaftsformen  – die ›Einheit in der Vielfalt‹. Waren geschichtlich Freiheit und Verbundenheit, Individuum und Kollektiv oft Gegensätze, so finden sie in heutigen Gemeinschaften zunehmend zusammen. Diese Regenbogenkraft ist eine Tendenz, die in den heutigen Gemeinschaftsexperimenten in der Praxis wirksam ist, nahezu unabhängig von ihren unterschiedlichen inhaltlichen Ausgangspunkten. Es ist ein tiefer menschlicher und geschichtlicher Heilungsprozess, der mit Öffnung und Vertrauen zu tun hat.«
Vor mir liegen Wolframs letzte handschriftliche Aufzeichnungen; daraus springt er mir förmlich entgegen: Neben Sätzen aus seinem »Credo«, wie »1. Ich glaube an die Evolution; 2. Entstehung eines neuen Menschen, Homo amans; 3. Liebesfähigkeit kann in einem gemeinschaftlichen Feld entwickelt werden«, lese ich auf der nächsten Seite: »Vanille-Erdbeer-Creme: Sahne schlagen und unterrühren«. Das ist Wolfram, wie ich ihn kannte und liebte: ein großer Denker, ein Genießer und ein ewig Liebessehnender.
Vor meinem inneren Auge sehe ich einen Revolutionär der guten, alten Schule, einen Bohémien, umfassend gebildet, das Schöne verehrend, eher ein Philosoph als ein Tatmensch. Er könnte sich in einem Caféhaus des letzten Jahrhunderts zu den großen Namen setzen und bei einem guten Wein über Gott und die Welt und die beste Schokoladentorte reden. Selbstverständlich war Wolfram auch, wie viele von diesen Kollegen, ein romantischer Liebhaber der Frauen, mit all dem Drama, das meistens dazugehört. Die Revolution war in seinen Worten »weiblich, sinnlich und schön«. Er war sowohl ein Gemeinschaftssuchender als auch ein Individualist, oft zurückgezogen, beinahe schüchtern, was seine Gefühle betraf, und doch mit einem überlaufenden Herzen. Bis zum Schluss hat ihn diese Sehnsucht nach Gemeinschaft angetrieben – und am Ende hat sie ihn wohl auch gut in die andere Welt getragen.

Lebenswege und Lebensthemen
Wie kommt ein Mensch dazu, sein Leben dem Thema Gemeinschaft zu widmen? Oft sind es ja gerade die Verletzungen und Traumata, die solch ein Potenzial hervorbringen; es sind die Risse in unserem Leben, durch die das Licht eindringen kann. Wolfram schreibt im Vorwort zu seinen unvollendeten Erinnerungen: »Ich will in mein Leben eintauchen, weil ich das Gefühl habe, dass ich wie ein Schlafwandler durch meine Jahre gestolpert bin. […] Ich ahne das Schöne, auch wenn ich mein Leben oberflächlich als Versagen, als Nicht-Werden zu dem Gemeinten sehen könnte. Ich spiele damit, mir das einzugestehen, und fühle mich doch eher als Lebenskünstler, der aus Intuition immer wieder dem Schönen begegnet ist – in sich und der Welt. Oder als Revolutionär, der erkennen muss, dass seine Revolutionen wie Wellen im Sand verlaufen sind – und doch Wegbereiter bleiben für die Wellen danach.«
Wolfram hat in seinen Erinnerungsnotizen seine Familie als »zu enge und dumpfe Familiengruft« beschrieben. Es war die Geschichte einer tragischen Liebe: Sein Vater verehrte Wolframs Mutter abgöttisch, doch diese verachtete ihn. Wolfram schreibt, dass er so zum »heimlichen Geliebten seiner Mutter und zum Verächter seines Vaters wurde«. Sein Vater war ein engagierter und sehr gebildeter Arzt. Als der jugendliche Wolfram ihm eines Tages etwas Selbstgeschaffenes zeigte – ich glaube, es war ein Gedicht oder ein Bild –, verspottete ihn der Vater. In diesem Moment schwor sich der Sohn: »Ich werde meine Gefühle nicht mehr zeigen. Ich werde ein großer Wissenschaftler, der mit der Autorität der akzeptierten Argumente Recht behält!« So ging Wolfram, wie er selbst schrieb, »in die innere Emigration«.
Leistungs- und Verwirklichungsangst begleiteten ihn – wie so viele Achtundsechziger – wohl sein Leben lang. Er bedauerte mir gegenüber oft, kein Künstler geworden zu sein, und schrieb: »Ich bin immer der Kunst ausgewichen, habe nie gewagt, mich als Künstler zu ­fühlen. Irgend­wann verbrannte ich meine ­Gedichte und wurde politisch.«
Nach dem Scheitern der Studenten­revolte beschloss Wolfram, zum Zweck der Agitation als Stahlarbeiter bei den Mannesmann-Hüttenwerken anzuheuern. Er glaubte an die Utopie des Kommunismus, wurde Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei – bis er erleben musste, wie ein Genosse, dem es seelisch schlecht ging, von den anderen fallengelassen wurde. Das brachte ihn zum Parteiaustritt.
Nach dem Abschluss seines Studiums und Jahren in der gesicherten Existenz als Erwachsenenbildner bedeutete ein Besuch der schottischen Findhorn-Gemeinschaft zu Beginn der 1980er Jahre für Wolfram eine radikale Lebenswende. Statt politischer Utopie erlebte er nun ­reale Gemein­schaftserfahrung: »Dort habe ich eine ›Experience week‹ mitgemacht und war im siebten Himmel! So etwas hatte ich noch nie erlebt: 30 Menschen aus zehn Nationen zwischen 17 und 82 Jahren wuchsen im Lauf dieser Woche zu einer Gemeinschaft zusammen. Dort gab es auch Regale voll mit Zeitschriften, die ausführlich über das internationale Kommuneleben berichteten. Ich war erstaunt, dann wütend, dass mir dieses Wissen bislang vorenthalten gewesen war. Ich schwor mir, dafür zu sorgen, es zu verbreiten!«
Zurück in Deutschland, besuchte Wolfram verschiedene Gemeinschaften, bis er im Sommer 1987 im Wassermannzentrum in Gschwend bei Stuttgart hängenblieb. Er verliebte sich sowohl in die Gründerin des Zentrums, die grüne Bundestagsabgeordnete Karin Zeitler, als auch in die Idee eines »Zentrums für Politik und Liebe«. Diese Einrichtung sollte insbesondere für grüne Politiker ein Ort des spirituellen Wachstums werden. Damals gab es bei den Grünen eine »Bundesarbeitsgemeinschaft Kommunebewegung«, und einige Abgeordnete schafften es auch tatsächlich, das Zentrum zu besuchen. Die Idee scheiterte aber letztlich ebenso wie Wolframs und Karins Partnerschaft. Zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Julia im Jahr 1988 zog Wolfram zehn Kilometer weiter in die fünfköpfige Hasenhof-Kommune. In dieser Zeit besann er sich auf seinen Schwur und gründete mit zwei weiteren Redakteuren »eurotopia – ­Zeitung für ein Leben in Gemeinschaft«, die er dann von 1992 bis 1997 verantwortete. Auch das erste eurotopia-Projektebuch »Verzeichnis der europäischen Gemeinschaften« erschien in dieser Zeit.

Beginn unserer Freundschaft
Zur Zeit der Wende kam ich nach zehn Jahren Selbstversorgerleben aus Italien (siehe Oya-Ausgabe 6 »Selbermachen«)
zurück, um an einem kommunitären Weg in der Politik mitzuwirken. Die PDS als Rechtsnachfolgerin der SED wollte zum Beispiel einer Ökodorf-Ini­tiative, an der ich beteiligt war, ihr gesamtes Schulgut in Liebenberg bei Berlin mit vielen tausend Hektar samt Mitarbeitern, einem Schloss, einem ganzen Dorf, Reiterhöfen und Seen als »neu-sozialistisches« Modellprojekt übergeben. In dieser Situation traf ich Wolfram zum ersten Mal, und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Wir teilten eine Vision, wie eine Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aussehen und welche Rolle real gelebte Gemeinschaften darin spielen könnten. Zusammen verwirklichten wir viele Projekte, zum Beispiel den Beirat der eurotopia-Zeitung mit Vertreterinnen und Vertretern aus so unterschiedlichen Gemeinschaften wie dem ZEGG und der Kommune Niederkaufungen; oder gemeinsam mit Theo Krönert die »Nördlichen Entwicklungsprojekte Anders Leben« (NEPAL), die im »Forum für Umwelt und Entwicklung« der deutschen NGOs als Beispiele einer anderen Lebensweise wirksam werden sollten. Auch das alle Ideologien überspannende erste »Come Together«-Netzwerk der deutschen Gemeinschaften entstand 1995 aus diesem Geist.
Nach verschiedenen Stationen, wie der Gemeinschaft rund um die Redaktion der Zeitschrift »Connection« in Bayern und dem ZEGG in Bad Belzig, zog Wolfram im Jahr 2000 ins drei Jahre zuvor von mir mitgegründete Ökodorf Sieben Linden. Es folgten für uns neun Jahre des Zusammenlebens mit Höhen und Tiefen. Unsere wohl glücklichste Zeit war, als wir einen Freundeskreis ins Leben riefen, den wir »sangha viva« (lebendige Gemeinschaft des Wegs) nannten. Darin versammelten wir Menschen, die nicht so sehr ideologisch, aber freundschaftlich verbunden waren. Uns einte der Wunsch, in Verschiedenheit die großen politischen, gemeinschaftlichen und persönlichen Themen in radikalen, intimen und dennoch gemütlichen Dialogabenden zu erforschen.
Im Ökodorf traf Wolfram dann mit Julia Kommerell seine große Liebe. Mit ihr und anderen Suchenden unternahmen wir im August 2005 eine Forschungsreise zu so unterschiedlichen italienischen Gemeinschaften wie Damanhur, der Commune di Bagnaia und meinem alten Selbstversorgerhof Il Capanno. Wir nannten sie »La dolce vita oder eine italienische Reise nach Utopia«. In diesen Momenten schafften wir es wohl, von der Muse einer anderen Welt geküsst zu werden.
Wieder zu Hause im Ökodorf, trat nach sieben Jahren Zusammenleben aber der Blues der Desillusionierung ein. Wir sahen uns nur noch selten, und auch von der Gemeinschaft hatte Wolfram sich zurückgezogen. In einem Interview mit dem Ökodorf-Rundbrief erzählte er: »Das veränderte sich durch Enttäuschungen, vor allem aber wohl durch meine Liebe zu Julia. Die Fäden zu meinem Freundeskreis und zur Gemeinschaft wurden immer dünner. Ich habe es nicht verstanden, diese intensive Liebe mit dem Gemeinschaftsleben zusammenzubringen.« Er hatte sich eine Auszeit von der Gemeinschaft genommen: »Das ist eine neue Erfahrung: allein in Gemeinschaft zu sein, wie ein Eremit. Ich trete manchmal aus dem Bauwagen, und alles ist total nah und lebendig. Wenn ich in der Natur bin, dann geht es mir gut. Bevor ich diese Erde verlasse, möchte ich sie noch richtig fühlen.«
Nach der schmerzhaften Trennung von Julia folgte ein kompletter Rückzug. Die Natur wurde zu Wolframs Sehnsuchtsort. Er besuchte die »Konferenz des Lebens« der Tiefenökologin Joanna Macy. Von ihrer Arbeit war er tief berührt und schrieb: »Ich war von tiefem Frieden erfüllt, und durch Tränen hindurch sah ich die Augen gegenüber. Ich hatte das Gefühl, dass das Leben sich selbst in einer unendlichen Spiegelung in die Augen schaut. Ja, es gibt nichts als dieses Leben. Es ist unzerstörbar und voller Wunder.«
Mit seinem Freund Werner Ratering und seiner langjährigen Freundin, der Tiefenökologin Gabriele Kaupp, zog Wolfram 2009 an den Bodensee nach Tüfingen, wo die drei das »Transition-Netzwerk Bodensee« gründeten und zwei innige und kreative Jahre verbrachten.
Auf seiner Spur der Naturverbindung führte Wolfram 2010 ein Oya-Interview mit der bekannten Wildnispädagogin und Autorin Susanne Fischer-Rizzi. Susanne schrieb mir über diese Begegnung: »Zwischen den Zeilen hatten wir uns ineinander verliebt.« Ende 2011 zog Wolfram auf den kleinen Allgäuer Bauernhof von Susanne. Gemeinsam unternahmen sie Reisen nach Findhorn, in die Maremma, nach Polen und nach Hawaii. Immer ging es dabei um ein erweitertes Wildniswissen und -bewusstsein. Zu Hause zeigte sich jedoch, dass Wolfram kein Praktiker war, die Arbeit und die Verantwortung auf dem Hof erdrückten ihn zunehmend. Er fühlte sich – zumal gegenüber seiner erfolgreichen Partnerin – wertlos und rang mit seinen Visionen und Ansprüchen.
2014 kam dann die Diagnose: Zungenkrebs; die Krankheit griff ihn in seinem Ausdruck an, an seinem Wort. Weil der Krebs sich bereits bis in die Luftröhre ausgebreitet hatte, gingen die Ärzte von maximal einem weiteren Jahr Lebenszeit aus.

Verdrängte Sehnsucht
Als ich Wolfram nach der niederschmetternden Diagnose auf dem Haberreuthe-Hof besuchte, gestand er mir, dass er die Krankheit manchmal auch benutzte, um sich von allen Ansprüchen zurückzuziehen. Er hatte genaue Vorstellungen von seinem Abschiedsfest und was ich etwa seiner Tochter von ihm erzählen solle; er wünschte sich, dass ich seine Büchersammlung erbe und sein Buch zu Ende schreibe. Als mich später die Nachricht erreichte, dass er auf dem Weg zu einer Nordseeinsel sei, um sich dort dem Meer zu übergeben, überraschte mich das nicht. Nur seine Freundin Gabriele und ich hatten damals noch Kontakt zu ihm. Wir sagten ihm, dass er es nicht tun solle, dass noch Leben auf ihn warte. Er schrieb später über diesen Wendepunkt: »Das Meer zog mich mit magischer Kraft an: Wie wäre es, in der Abenddämmerung hinauszuschwimmen, solange die Kräfte reichen, und dann einfach loszulassen? Doch auf einmal fühlte ich mich schrecklich einsam. ›Ich will nicht ohne meine ­Liebsten sterben – ohne menschliche Liebe zu spüren. Ich will überhaupt noch nicht sterben!‹ Mir wurde klar, dass ich einen anderen Weg gehen will.« Wolfram beschloss: »Ich will dem Krebs mit meiner Lebensfreude ›davonleben‹«.
Tatsächlich erfüllte ihm das Leben vorläufig diesen Wunsch. Er flog zum Heiler João de Deus nach Brasilien, machte weitere große Reisen und konnte zu Hause die Natur und die Tiere genießen. Der Krebs stagnierte in dieser Zeit, doch im Frühjahr 2016 brach er erneut aus. Im »Hospiz am Engelberg« in Wangen fand Wolfram Ende 2016 seine Zuflucht. Er schrieb: »In diesen Wochen konnte ich erleben, was die Leiterin Annegret Kneer so einladend formuliert hat: ›Man kann hier im Hospiz ein Stückchen vom Paradies leben, das heißt menschliche Wärme, menschliche Begegnung und ein Stückchen Glückseligkeit.‹ Ich habe das Hospiz vor ein paar Wochen bis auf weiteres als ›geheilt‹ verlassen.« (aus: »Wieder hinaus ins Leben«, Oya 39) Die gemeinschaftliche Geborgenheit im Haus war für ihn offenbar ein maßgeblicher Heilungsfaktor.
Wieder zu Hause, ging seine Beziehung mit Susanne zu Ende; Silvester 2016 trennte sich das Paar. In dieser Umbruchszeit erreichte Wolfram das Angebot einer Gemeinschaft, wo er leben und sterben könne. Am 1. April 2017 zog er auf den Haslachhof. Dieser Heilungsort hat den Umgang mit den Lebenszyklen der Natur und mit dem eigenen Werden und Sterben in sein Zentrum gestellt (siehe Artikel: »Alles ist austragen – und dann gebären« in Oya 48). Dort habe ich Wolfram ein letztes Mal besucht und habe ihn glücklich an einem bunten, wildwüchsigen Gemeinschaftsort zwischen Schafen, Pferden, Hunden, Hühnern, Eseln, Kindern und zumeist jungen, liebevollen Menschen vorgefunden. Er lebte kostengünstig in einem Luxusbauwagen, bekam ein Elektromobil geschenkt und war beinahe der Hans im Glück. Seinen körperlichen Verfall erlebte er als schmerzhaft, die damit einhergehende Reduktion aber gleichzeitig auch als Geschenk: Er konnte jetzt nach innen gehen – und er konnte eine neue Rolle in der Gemeinschaft einnehmen: »Ich als Ältester und kein bisschen weise.« Er wollte ein tanzender Stern, ein göttlicher Narr sein, der mit Gelassenheit, Humor und einer Prise Provokation und Verrücktheit seinen Teil zum Ganzen beiträgt. »Wolfram hat uns wesentliche Fragen gestellt und uns mehr zu uns selbst gebracht angesichts des Todes«, schrieb mir Katharina vom Haslachhof.
In der letzten Phase seines Lebens drehte sich Wolframs Denken immer mehr um ein Zentrum: die Liebe. Ich finde in seinen Notizen Buchtitel für sein geplantes Lebenswerk wie: »Eine liebevollere Welt – sie ist möglich!«. Daneben die Notiz: »Schon lange wollte ich meiner Tochter einen Rückblick hinterlassen und mir selbst über meine Entscheidungen und Gefühle klarer werden.« Er kreiste in seinen Notizen um die auf Hawaii kennengelernte »Aloha«-Philosophie, er las wieder den lateinamerikanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal, der sagte: »Kommunismus ist Liebe.« Und er wollte unbedingt die Ethnologin Christina Kessler besuchen, in deren Motto »Amo ergo sum« (ich liebe, also bin ich) er sich ebenso verliebte wie in ihre ferne Schönheit. Diese Liebe blieb jedoch imaginär. An seinem 72. Geburtstag im Januar 2019 stellte er die Danksagung an alle seine Geliebten in den Mittelpunkt.

Ein ungeklärtes Missverständnis
Für die Oya-Jubiläumsausgabe »Herzensanliegen« im Juli 2018 bat ich ihn um einen Artikel. Der Text mit dem Titel »Manifest für eine liebevolle Welt« war in seinen Augen ein Vermächtnis. Er führte darin einen Gedanken aus, der ihn schon lange begleitet hatte: die Evolution der Menschheit von lokalen Gemeinschaften zur Weltgemeinschaft. Er schrieb: »Mein Traum ist, dass immer mehr Menschen miteinander ›von Herz zu Herz‹ kommunizieren und kooperieren und dass daraus eine ›Bewegung für eine liebevolle Welt‹ entsteht, die zu einem guten Leben für alle Erdbewohner führen will.« Mehr als eine neue Organisation sei jedoch eine geistige Verbindung nötig. Die Zuversicht für diese Vision nahm Wolfram aus der menschlichen Evolution: Indem die Menschheit äußerlich zusammenwachse, erhalte sie auch die Chance, zu einem gemeinsamen Bewusstsein der Verbundenheit zu kommen. Dies beschrieb er so: »Der Priester und Evolutionsforscher Pierre Teilhard de Chardin hat den Prozess, in den die Menschheit seit einiger Zeit eingetreten ist, als ›Planetisation‹ bezeichnet. Was ist darunter zu verstehen? Zunächst einmal sieht er die Entwicklung der Menschheit wesentlich als einen Prozess zunehmender Gemeinschaftsbildung. Die Menschheit hat jetzt die Chance und die Aufgabe, ein höheres Bewusstsein von ihrer Verbundenheit zu entwickeln und zum Auge und Steuerungsorgan der Schöpfung zu werden.«
Dieser Text wurde von Lara Mallien unter der Überschrift »Höher, weiter, besser?« kommentiert. Sie schrieb: »Von einem ›höheren‹ Bewusstsein zu sprechen, impliziert auch, dass es ein ›niederes‹ gebe. Das halte ich für brandgefährlich – hier die ›Niederen‹, Individualistischen, Egoistischen, dort die ›Höheren‹, die schon das Gemeinschaftliche verwirklicht haben. Wie schnell sich aus solchen Wertungen Grausamkeiten entwickeln, zeigen Vergangenheit und Gegenwart überdeutlich.«
Wolfram fühlte sich von diesem Kommentar zutiefst missverstanden. In jedem unserer Telefongespräche hat er das thematisiert und sich immer wieder vorgenommen, eine Antwort zu formulieren. Er hatte nicht mehr die Kraft dazu, ist dem wohl auch ausgewichen. Klar ist: Ein Denken in Hierarchien war ihm fremd, es ging ihm um eine Utopie der bedingungslosen Liebe. Nun wurde ihm genau das, was er in seinem Leben gefürchtet und abgelehnt hatte, nämlich das »Höher, schneller, weiter«, selbst vorgeworfen. An diesem Beispiel wird für mich ein grundlegendes Dilemma unseres Schreibens und Redens erkennbar: Die sachliche Argumentation kann das innere Thema – insbesondere, wenn verschiedene begriffliche Systeme aufeinandertreffen – auch verdecken. Wie können wir damit umgehen, auch als Zeitschrift?
Schon länger spürte ich bei Wolfram eine wachsende Resignation. Im Vorwort zu seinem Buchmanuskript hat er geschrieben: »Ich habe das Gefühl, alles nur halb gemacht zu haben, ich bin aus Angst und Bequemlichkeit nicht weit und tief genug gegangen. Der Krebs zwingt mich, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Ich möchte Frieden schließen mit meinem Gefühl der Unzulänglichkeit, um meinem ›zweiten zeitlos breiten Leben‹ (Rilke) freudig entgegengehen zu können.« Seinen Wunsch nach einer Herzensgemeinschaft, seine Utopie einer bedingungslosen Liebe, konnte er letztlich im Sterbeprozess erfahren.

Ankommen und Erlösung
Jedesmal, wenn ich Wolfram in den letzten Monaten anrief, hatte ich Angst davor, er könne nicht mehr leben, oder ich würde ihn nicht mehr verstehen. Manchmal war seine Stimme gebrochen und weit weg; dann wieder war er ganz da. So oft hatten wir uns in den Jahren schon endgültig voneinander verabschiedet, so oft hatte ich ihn schon losgelassen, dass mir sein Tod zuletzt beinahe unmöglich schien.
Jetzt also ist er doch gegangen, und es bleibt so vieles ungesagt, was er noch sagen wollte. Er wünschte sich oft von mir, es für ihn in die Welt zu bringen. Ich weiß nicht, wie weit mir das gelingen wird. Doch mit seinem so besonderen »Wolframsein« hat er eine bessere Welt immer wieder in den schönsten Farben entworfen. Noch etwas anderes ist ihm gelungen: Er hat erfahren, dass der äußere Prozess letztendlich im eigenen Inneren stattfindet. Wolfram ist in seinem Traum angekommen: Er durfte im Schoß einer Gemeinschaft sterben, die ihm sehr nah war, und mit der er den Sterbeprozess erforschen und zelebrieren durfte – ­lachend, weinend und feiernd. Am frühen Morgen des 12. Juli 2019 ist Wolfram unter den Gesängen und zärtlichen Berührungen seiner Gemeinschaft friedlich in die andere Welt gegangen.


Wolfram Noltes Internetseite
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www.wolfram-nolte.de

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