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Lernorte verbinden

Wie aus großen Vernetzungsplänen im Lauf der Jahre geerdete Knotenpunkte in ­verteilten Strukturen werden.

von Lara Mallien , erschienen in 55/2019

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© Foto: www.unavision.eu

»Wir brauchen eine Internet-Datenbank von Lernorten, damit junge Leute möglichst einfach herausfinden können, wo sie inspirierende Ansätze für ein enkeltaugliches Leben finden.« Im Jahr 2013 meinten einige Aktive aus Organisationen wie der Sinn-Stiftung, dem Youth Future Project sowie der Oya-Redaktion, so ein Projekt sei das Gebot der Stunde. Wir hatten ein Konzept in der Tasche, einen Namen gefunden – »LifeLearners« sollte es heißen –, aber verwirklicht haben wir das Ganze nie. Es fehlten Zeit und Geld – und letztlich das Gefühl der absoluten Dringlichkeit.
Dennoch entwickelte sich aus diesen Überlegungen etwas Konkretes: ein dreijähriges EU-Projekt aus dem Programm »Erasmus+« mit dem Titel »Learning Communities in Rural Europe« – »Gemeinschaftliche Lernorte im ländlichen Europa«, getragen von der Europäischen Akademie der Heilenden Künste in Klein Jasedow. Die Beteiligten waren sich sicher, dass in diesem Rahmen auch Mittel und Wege für die Lernorte-Datenbank entstehen würden. Sie reisten nach Rumänien, England, Österreich und Tschechien, an Lernorte ganz verschiedener Art: vom traditionellen, dörflichen Zusammenhang über ein einsames Tal voller Gärten und Jurten für Natur- und Selbsterfahrung bis hin zum Mehrgenerationen-Siedlungsprojekt und einem Umweltbildungszentrum in einem Landschaftskunst-Park. Die fünf teilnehmenden Organisationen trugen in einem Handbuch alles, was sie teils über Jahrzehnte über den Aufbau und den Erhalt von ländlichen Lernorten gelernt hatten, zusammen. Wir veröffentlichten das Material im Internet – und unternahmen seither in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nicht allzuviel. Dabei hatten wir große Pläne gehabt, zum Beispiel das Handbuch in eine Datenbank zu überführen, wo noch mehr Organisationen ihre Erfahrungen teilen. Nach dem rauschenden Abschlussfest im August 2017 waren wir unsicher: Sollten wir das Handbuch drucken? Wer würde es wirklich lesen wollen? Das abgeschlossene Projekt wäre das perfekte Sprungbrett für eine europaweite Dokumentation über Lernorte und deren Vernetzung, aber niemand ergriff dafür die Initiative.
Ich überlegte ernsthaft, ob mir diese Aufgabe so wichtig sei, dass ich sie übernehmen sollte. Letztlich hielt mich mein Alltag davon ab: Die wachsende Gemeinschaft in meinem Heimatdorf Klein Jasedow, Urgroßmütter, Kinder, Obst- und ­Gemüsegärten – all das verlangte neben der Oya-Redaktionsarbeit intensive Zuwendung. Die Kommunikation mit befreundeten Projekten in anderen Ländern köchelte auf Sparflamme. Stattdessen bekamen wir in den letzten beiden Jahren so viel Besuch von Menschen auf Lernwanderungen oder von solchen, die dabei waren, Lernorte zu gründen, wie nie zuvor. Wir erzählten einander. Vielleicht, dachte ich, besteht unsere Aufgabe vor allem darin, mündliche Kommunikation zu pflegen. Wenn ich an unsere LifeLearners-Planungsphase zurückdachte, erinnerte ich mich an ein merkwürdiges Gefühl, das unterschwellig mitschwang: dass wir und die anderen daran Beteiligten gerne »wichtig« sein, eine zentrale Schaltstelle in einer zukunftsweisenden Bewegung bilden wollten. In Wirklichkeit zeigten sich ganz andere Dinge als wichtig.

Nach langen Reisen sesshaft werden
Franz Nahrada, mit dem wir nach einigen Jahren, in denen der Kontakt geruht hatte, für die aktuelle Oya im Gespräch waren, erzählte mir im Juli, er sei 2017 mehrere Monate mit Johannes Pfister unterwegs gewesen, um ein weltweites Netzwerk von Lernorten unter der Überschrift »UnaVision« aufzubauen. Das habe sich als sehr herausfordernd gestaltet und schließlich dazu geführt, dass Johannes derzeit vor allem mit der Renovierung eines Gutshofs im Oderbruch beschäftigt sei. Ein Konzept für internationale Vernetzung in der Tasche zu haben, um dann vor allem in basale Aufbauarbeit vor Ort eingebunden zu sein – das kam mir bekannt vor.
Johannes erzählte mir, welch lange Geschichte bereits hinter seinem Projekt steht: Nach zehn Jahren intensiven Engagements bei der Global Marshall Plan Initiative – einem 2003 gegründeten, dezentralen Netzwerk für eine »gerechte Globalisierung« – hatte er sich im Jahr 2013 mit einer Gruppe engagierter Menschen auf eine Lernreise vom Schwarzwald aus die Donau entlang durch 18 Länder begeben, um ökosoziale Projekte zu besuchen. Im Gepäck hatten sie die Frage: »Was willst du in deinem Leben wirklich, wirklich tun – für dich und für die Gesellschaft?« Die Antwort lautete oft: »Ich weiß es nicht, aber ich suche einen Freiraum, in dem ›gutes Leben‹ erfahrbar wird.« So entstand die Idee, in Dörfern und Regionen Orte zu schaffen, die sich dem »transformativen Lernen« auf der Suche nach dem guten Leben widmen.
Ein Gelände für ein Pilotprojekt fand sich 2014 im Kosovo, doch nach anderthalb Jahren Aufbauarbeit meldete der Besitzer des Grundstücks überraschend Eigenbedarf an. Johannes hatte inzwischen mit anderen seine Gedanken zu weltweit vernetzten Dörfern transformativen Lernens unter dem Motto UnaVision formuliert. So beschloss er, erneut auf Reise zu gehen: Mazedonien, Kosovo, Georgien, Ägypten, Äthiopien, Griechenland – überall erforschte er mit kleinen Gruppen ländliche Regionen und fand Menschen, die sich für die Idee, »UnaVillages« aufzubauen, begeisterten. Die beteiligten Projekte sollten eigenständige Organisationen, aber in einem nach dem Modell der Soziokratie inspirierten Rat verbunden sein – ein Gremium, dessen Mitglieder sich regelmäßig austauschen und im Konsens Grundsatz­entscheidungen für die gemeinsame Ausrichtung der UnaVillages treffen. Bisher hat sich so ein Zusammenschluss aber noch nicht etabliert. Vieles ist noch in der Planungsphase, jedes Land hat seine eigene Kultur, so dass erst Basisarbeit für gegenseitiges Verständnis geleistet werden muss, bevor es an gemeinsames Entscheiden gehen kann. Jedes Projekt steht vor enormen lokalen Herausforderungen, so dass wenig Energie für das Pflegen einer übergeordneten Ebene zur Verfügung steht.

Loslassen und wachsen lassen
Vom Ehrgeiz, Una­Vision solle schnell wachsen, hat sich Johannes inzwischen befreit. Er freut sich auf emergentes Wachstum, so, wie es gerade kommen will. Eine von ihm mitgegründete Genossenschaft erwarb vor einem Jahr einen alten Gutshof mit landwirtschaftlicher Fläche, den »Herzershof« im Küstriner Vorland im Oderbruch. »In ein paar Wochen besucht uns zum ersten Mal eine Gruppe von Menschen aus einem EU-Projekt zum Thema ›Soziales Unternehmertum‹«, erzählt er. »Gerade haben wir Mühe damit, bis dahin genügend Toiletten aufgebaut zu bekommen.« Ein Team von sechs am Ort ansässigen Menschen ist täglich mit Aufbauarbeit und Renovierung beschäftigt. Alle vier Wochen trifft sich die Gruppe zum »Learning Review«, um sich zu fragen, wie solche Aufbauarbeit mit den großen Herausforderungen der Welt und dem eigenen, persönlichen Weg in Resonanz stehen.
Wie es auf internationaler Ebene weitergeht, lässt Johannes einstweilen offen: »Heute bilden sich neue Strukturen – wie in der Chaostheorie. Wir lassen uns ein auf das Chaos und können nicht vorhersagen, wo wir ankommen werden. Aber es geht kontinuierlich weiter.«
Ich denke: So gesunden unsere ambitionierten Weltrettungspläne! Wir »kümmern uns zu Hause um die Bienen« (siehe Oya-Ausgabe 40), wir pflegen Gastfreundschaft und vertrauen darauf, dass zwischen Gruppen, die über weite Distanzen hinweg tatsächlich miteinander Austausch pflegen wollen, beizeiten die genau richtigen »verteilten Strukturen« entstehen werden. Anstelle eines Plans von zen­tralen Koordinationsstellen tritt die Vielfalt des Lebens selbst.

Mit Herz und Verstand anpacken: Der Herzershof freut sich über Menschen, die über mehrere ­Wochen beim Aufbau des Projekts gegen Kost und Logis mithelfen. Kontakt: johannes.pfister_ÄT_thinkcamp.eu
Das Material zum EU-Projekt »Learning Communities in Rural ­Europe« findet sich auf www.learning-communities.eu


Muster:
Auf verteilte Strukturen setzen

Commons drücken sich in den verschiedensten Formen aus – auch in Gestalt von Organisationen, die sich jeweils auf verschiedene Länder verteilen. Vor Ort sind sie eigenständig, doch haben sie überdies zu Strukturen gefunden, wie sie Austausch pflegen oder Aufgaben verteilen. Der Gegenentwurf zu so einer verteilten Struktur ist der zentralistisch organisierte Konzern. Es gibt zahlreiche internationale Zusammenhänge, die aus autonomen Zellen bestehen, zum Beispiel die Transition-Town-Bewegung, die sich zu Treffen immer wieder über Ländergrenzen hinweg koordiniert, ansonsten aber vor allem regional tätig ist. Um in ihrem Rahmen etwas zu unternehmen, ist es nicht notwendig, einer Organisation beizutreten.
Eine verteilte Struktur ist nicht das Gleiche wie eine dezen­trale Organisation, bei der letztlich immer noch die Orientierung auf eine übergeordnete Schaltstelle existiert. Entscheidend ist hier die Gleichrangigkeit der beteiligten Gruppen. Ohne eine Zentrale zu benötigen, stellen sie auf die für sie jeweils passende Weise selbstbestimmt untereinander Verbindungen her. Das schließt nicht aus, auch Organisationen zu schaffen, die sich um internationale Kommunikation kümmern. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ihre Selbstbestimmung behalten und die Konzentration von Macht an einer Stelle im Netzwerk verhindert wird. Dafür sind Strukturen nötig, die die Mitgestaltung aller sowie gemeinschaftliche Entscheidungsfindung ermöglichen. Wie sich diese Strukturen ausprägen, kann wiederum ganz unterschiedlich sein.

 

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