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Eine bunte und breite Palette

Im Bündnis »#unteilbar« arbeiten Menschen mit vielen verschiedenen Erfahrungen daran, Vielfalt sichtbar zu machen.

von Andrea Vetter , erschienen in 55/2019

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© Foto: www.unteilbar.org

Das deutschlandweite Bündnis »#unteilbar« hat sich 2018 mit dem Ziel gegründet, eine Demonstration für eine offene und solidarische Gesellschaft im Oktober 2018 in Berlin zu organisieren. Bei #unteilbar sind zahlreiche Gruppen und Hunderte Einzelpersonen aktiv, Menschen aus dem Kulturbereich und der Jugendarbeit, aus selbstorganisierten migrantischen Gruppen oder auch großen Gewerkschaften – es sind nicht nur bestimmte Szenen, sondern fast alle gesellschaftlichen Bereiche vertreten. Bei der ersten Demonstration kamen 250 000 Menschen in der Berliner Innenstadt zusammen. Rudaba Badakh-shi hat nach einem offenen Aktiventreffen im Februar in Leipzig die Organisation der Folgeveranstaltung übernommen. Die Leipzigerin ist ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende von ZEOK, dem »Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur« – einem Verein, der sich bundesweit für transkulturelle Verständigung einsetzt. Sie ist nun eine der fünf Sprechenden von #unteilbar für das Bundesland Sachsen.
Über Aktiventreffen und Veranstaltungsankündigungen, Netzwerke, private und politische Kontakte oder auch Engagement in Vereinen und Verbänden finden Menschen zu #unteilbar. Nach der Auftaktdemo wurde absehbar, dass #unteilbar eine soziale Bewegung werden könnte. Die nächsten Arbeitsschritte ergaben sich aus den bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Im »Sommer der Solidarität« 2019 organisierten zahlreiche lokale Akteure die »#wannwennnichtjetzt-Tour«, die für eine offene Gesellschaft Veranstaltungen auf Marktplätzen in größeren und kleineren Städten veranstaltete, um die Zivilgesellschaft sichtbar zu machen und lokale ebenso wie regionale Themen zur Sprache zu bringen.

Dafür sein statt nur dagegen
Es gibt einen Arbeits- und Koordinierungskreis aus Personen aus dem gesamten Bundesgebiet, bei Bedarf treffen sie sich auch persönlich. Mindestens alle zwei Wochen halten sie eine Telefonkonferenz ab. Dazu kommen Arbeitsgruppen für Finanzen, inhalt­liche Planung, Öffentlichkeitsarbeit, Mobilisierung und was sonst noch anfällt. In Sachsen gibt es dazu alle zwei Wochen Aktiventreffen in größeren Städten, wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz. Unterstützt werden die ehrenamtlich Tätigen von Kolleginnen, die beim Bündnis befristet angestellt sind. Gegenwärtig denkt Rudaba mit ihrem Team darüber nach, wie der Koordinierungskreis in Sachsen sich breiter und nachhaltiger entwickeln kann und in welcher Form er mit dem bundesweiten Kreis weiter zusammenarbeiten sollte.
»Durch die Größe der Bewegung weiß selbstverständlich niemand alles«, erklärt Rudaba. »Wichtig ist, darauf zu vertrauen, dass die anderen Arbeitsgruppen gut arbeiten. Das ist einer der Gründe, weshalb ich immer noch dabei bin. Ich sehe, wie professionell einzelne Menschen sich ehrenamtlich einbringen; das gibt mir Kraft. Wenn so viele Menschen so viel tun – warum sollte ich dann die Beine hochlegen?« #unteilbar ist keine Eintagsfliege. An der Organisation der Aktionen in Sachsen waren in diesem Frühling und Sommer viele Hundert Menschen beteiligt.
»Unsere Stärke ist es, wieder ein ›Dafür‹ zu formulieren, nicht nur ein ›Dagegen‹: Wir wollen eine offene Gesellschaft sein, in der Minderheiten sich nicht allein fühlen, sondern eine breite Solidarität erleben!« Das betrifft alle auf ihre eigene Weise. Was bedeutet eine solidarische Gesellschaft für Kulturschaffende, für Menschen in der Pflege oder für Arbeitssuchende?
Freilich sind bei ­#unteilbar unterschiedliche Ansichten vertreten, zum Beispiel über die Frage, was unter »Gesellschaft« eigentlich verstanden wird. Rubada freut sich, dass darüber überhaupt ein Dialog geführt wird: »Mir persönlich hat es sehr viel Kraft gegeben, zu sehen, dass ich nicht alleine bin mit meinen Kämpfen. Selbstverständlich gibt es auch Differenzen zwischen uns. Über diese Verschiedenartigkeiten zu sprechen, berührte auch politische Unterschiede. Aber wichtiger war eben die gemeinsame Arbeit.«
Bei der #unteilbar-Demo im August, bei der in Dresden gut 40 000 Menschen zusammenkamen, wurde diese Vielfalt der Bewegung auch öffentlich sichtbar. Kleine und große Vereine, Verbände, Gewerkschaften, Jugendclubs und private Initiativen aus ganz Sachsen gestalteten die Reden vor Ort. Rudaba erinnert sich: »Mir sind besonders Kolleginnen aus Bautzen im Gedächtnis geblieben, die bei der Demo öffentlich sagten: ›Leute, das gab es noch nie. Hier ist ein angstfreier Raum für uns – und wir sind die wirkliche Alternative für Deutschland: die postmigrantische Perspektive!‹ Das war ein sehr starker Moment.« Es war tatsächlich gelungen, für einen Tag mit denjenigen Akteurinnen und Akteuren, die sich in Sachsen oft alleine fühlen und deren Finanzen teilweise wackelig und von der Politik abhängig sind, einen gemeinsamen öffentlichen Raum zu schaffen – einen Raum, der trägt und Mut für den Alltag gibt.

www.unteilbar.org


Muster:
Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten

Dieses Muster hat zwei Teile: die Vielfalt einerseits und das gemeinsame Ausrichten andererseits. Das erinnert an einen Spruch, der Oya jahrelang als Motto diente: »Interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft von Ungleichgesinnten.« Die Ungleichgesinnten sprechen aus verschiedenen Perspektiven und bringen unterschied­liche Lebenserfahrungen mit; schon ihre Vorfahren durften – oder mussten – ganz verschiedene Erfahrungen machen und waren je eigentümlich in die Welt gestellt. Den Schablonen unserer Gesellschaft entsprechend, wird je nach Eigentümlichkeit auch verschieden reagiert: Wer nicht als »weiß« gesehen wird, einen nicht deutsch klingenden Namen trägt, wessen Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen ist, wer jenseits der Norm liebt, wer dick ist oder bewegungseingeschränkt, zu jung oder zu alt oder in der DDR aufgewachsen, hat wahrscheinlich Erfahrungen damit gesammelt, von anderen diskriminiert oder nicht für voll genommen zu werden. Menschen werden von all diesen Schablonen geformt und tragen diese in sich. Daraus erwächst eine Aufgabe, die auch das Permakulturprinzip »Nutze und schätze die Vielfalt!« ausdrückt. Was für den Anbau in Mischkulturen gilt, kann für menschliche Bezie­hungen nicht ganz falsch sein.
Hier wird der zweite Teil des Musters relevant: Arbeite daran, dass sich die Menschen, die ihr gemeinsames Wirken angehen, in all dieser geschätzten Vielfalt gemeinsam ausrichten! So bilden sie keinen wirren Haufen, sondern ein ­Gebilde, das in eine Richtung streben kann. Womöglich bildet sich die gemeinsame Ausrichtung erst im Prozess. Gemein­schaffen bedeutet nicht notwendigerweise, dass sich Menschen von vorneherein auf Werte geinigt haben. Vielmehr wollen sie für einen bestimmten Zweck tätig werden, und dabei schälen sich nach und nach gemeinsame Ziele und Werte heraus, werden verändert, verworfen und wieder neu ausgerichtet. Vielleicht bleiben zentrale Widersprüche auf der Ebene von Werten auch bestehen, dennoch können die Beteiligten für die Sache, um die es geht – eine Software schreiben, ein Stück Land bestellen, eine Werkstatt organisieren – in eine Richtung zielende Schritte gehen.
Wird das Muster in Beziehung zu anderen Mustern gesetzt, zum Beispiel »Die eigene Governance reflektieren«, ergeben sich daraus wiederum Fragen: Sind wir innerhalb dieses Commons vielfältig genug? Oder auch: Geben wir ­vorhandener Vielfalt genug Raum, um deutlich zu werden? Können wir Widersprüche aushalten? Und im zweiten Schritt: Treiben uns unsere Perspektiven auseinander? Wie finden wir immer wieder neu eine Ausrichtung, die uns in dieselbe Richtung blicken lässt?

 

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