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Gemeinschaffen – ein »ander Seyn«

Fährtenlese zu einem Seinsverständnis, das Freiheit und Verbundenheit nicht gegeneinander ausspielt, sondern zu freiem, verbundenem Sein integriert.

von Matthias Fersterer , erschienen in 55/2019

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In Gesprächen über Commons werden oft reflexartig beschwichtigender Zuspruch oder abwehrender Einwand geäußert: »Ja, ja, Carsharing, Vergemeinschaftung, ökosoziale Marktwirtschaft … das gibt es doch alles schon!« oder »Ja, ja, Kollektivismus, Kommunismus, Tragik der Allmende … das hat doch früher schon nicht funktioniert!« Und schon wird weggehört. Doch wer so leichtfertig urteilt, übersieht etwas Entscheidendes: Hier werden zwei Erzählungen verstrickt, die zusammen nichts Sinnvolles ergeben können. Commons sind nicht einfach Teil des in Gesellschaften westlicher Prägung vorherrschenden Narrativs, sondern erzählen eine ganz eigene Geschichte. Um diese verstehen zu können, gilt es, Commons in ihrer Anders- und Eigenheit wahrzunehmen.
Die gegenwärtig vorherrschende Erzählung kann als »Narrativ der Trennung« bezeichnet werden – es erzählt davon, dass wir Menschen als autonom und rational agierende, auf die Maximierung des eigenen Vorteils bedachte und um knappe Ressourcen konkurrierende Individuen über allen anderen Lebewesen stünden. Aus der Innensicht dieser Erzählung heraus ist es nicht möglich, die damit verbundenen hierarchischen und weltvernutzenden Strukturen in Frage zu stellen, da diese als alternativlos und als Teil der menschlichen Natur deklariert werden. Die verheerenden Auswirkungen lassen sich allenthalben beobachten: verfehlte Klimaziele, dramatisches Artensterben, planetare Übernutzung, Ausbeutung von Mensch und Erde …
Diese Herausforderungen lassen sich nach Albert Einstein nicht durch jene Denkweisen lösen, die zu eben diesen Krisen geführt haben. Also bedarf es einer Kehrtwende. Potenzial für eine Wende nicht nur des Denkens, sondern auch des Tuns birgt »Commoning«, auf deutsch »Gemeinschaffen«. Dabei handelt es sich um weit mehr als eine alternative Form des Wirtschaftens und der institutionellen Organisation: Commoning unterscheidet sich nicht graduell, sondern fundamental vom getrennten Sein und sprengt den Bezugsrahmen der vorherrschenden Erzählung – »jumping out of the picture«, wie die Subsistenzforscherin Veronika Bennholdt-Thomsen dies nennt. Es ist, wie Goethe seine Wahrnehmung eines anderen Lebensgefühls auf einer Italienreise beschrieb, »ein ander Seyn«, eine andere Seinsweise.
Die Lehre vom Seienden wird in der Philosophie als »Onto­logie« (von ón, seiend und lógos, Lehre) bezeichnet. Die jeweils vorherrschende Ontologie prägt wesentlich, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen – wie wir in die Welt gestellt sind. Dabei ist es weder zwingend vorgegeben noch einerlei, welcher Ontologie wir uns zueignen. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob wir die Erde als ein auszubeutendes Ressourcenlager betrachten oder als organisches Wesen, das in einem stofflichen Sinn unser aller Mutter ist. Es macht einen Unterschied aus, ob wir die menschliche Natur als rationalistischen, auf den eigenen Vorteil bedachten Konkurrenzkampf (Homo oeconomicus) oder als gemeinschaffendes künstlerisches Tun (William Blake) deuten, ob wir uns Menschen als »Kinder der Erde« oder als konkurrierende »Wölfe unter Wölfen« (Thomas Hobbes) betrachten. (Nebenbei bemerkt, hinkt das Bild des Renaissancephilosophen Hobbes, denn das kooperative Sozialwesen Wolf taugt nicht als Blaupause für das, was heute als »Raubtierkapitalismus« verschrien ist.)
Dass uns das konsequente Denken und Handeln in Mustern des Gemeinschaffens an eine »ontologische Wende« heranführt und zeigt, warum eine solche gebraucht wird und wie sie sich vollziehen kann, das beschreiben Silke Helfrich und David Bollier in ihrem Buch »Frei, fair und lebendig« (siehe »Die Kraft der ­Vision« auf Seite 64). Eine ontologische Wende ist umfassender als das, was der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn als »Paradigmenwechsel« beschrieb. Sie stellt nicht nur bislang als Gewissheiten angenommene Aspekte unseres Seins in Frage, sondern gesamte Welt- und Selbstbilder auf den Kopf.

Commons sind anders – aber wie?
Wenn Trennung das Problem der vorherrschenden Welt- und Menschenbilder ist, ist dann Verbundenheit die Lösung? Nicht ganz. Echte Verbundenheit ist nicht ohne Freiheit, Freiheit nicht ohne Verbundenheit zu haben. Wenn diese beiden grundlegenden Qualitäten menschlicher Existenz – die einander ebenso bedingen wie die beiden Seiten einer Möbiusschleife oder das Yin und das Yang im Taiji daoistischer Philosophie – isoliert und von ihrem jeweils komplementären Prinzip abgespalten werden, dann verkommt Freiheit ohne Verbundenheit zu »Trennung« und Verbundenheit ohne Freiheit zu »Abhängigkeit«. Beim Commoning hingegen geht es eben gerade darum, nicht Scheinfreiheit (der »freie Markt«) und Scheinverbundenheit (autoritäre Systeme dieser oder jener Couleur) gegeneinander auszuspielen, sondern stattdessen darum, echte Verbundenheit und echte Freiheit zu freiem, bezogenem Sein zu integrieren. Inwiefern also unterscheidet sich gemeinschaffendes von getrenntem Sein?
Commons sind keine Dinge, sondern Beziehungen. Sie fordern uns zu prozesshaftem Denken heraus und lassen sich besser durch Verben als durch Substantive ausdrücken. Als gemeinschaffender Mensch eigne ich mich einem mehr-als-menschlichen Zusammenhang zu – sei es ein Wohnprojekt, ein Unternehmen, Acker- oder Weideland. Erst durch diese gelebte Beziehung entsteht ein Commons – in den Worten des Historikers Peter ­Line­baugh: »Es gibt keine Commons ohne Commoning«. Die je spezifischen Regeln des Pflegnutzens werden von den beteiligten »Commoners« (gemeinschaffende Menschen) auf Augenhöhe ausgehandelt. Eine übernutzte Lebens­quelle ohne klare Regeln mag alles mögliche sein, aber keine Allmende. Selbst Garreth Hardin, Schöpfer des vielzitierten Mythos von der »Tragik der Allmende«, räumte dies in seinem – leider weit weniger bekannten – Nach­folgeessay »The Tragedy of the Unmanaged Commons« ein.
Commons sind polyzentrisch organisiert, stellen dadurch zentralistische Hierarchien in Frage, wirken anti-imperialistisch und spielen sich jenseits von Markt und Staat ab. Das bedeutet nicht, dass Commoning in überwiegend nationalstaatlich und marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften nicht vorkommen kann; es ist jedoch ein Grund dafür, warum gemeinschaffende Praxis innerhalb solcher Zusammenhänge oft leichtfertig marginalisiert wird oder schlichtweg unsichtbar bleibt – zu Unrecht, denn inmitten bröckelnder Weltbilder ist Gemeinschaffen eine Antwort auf die durch den Historiker Philipp Blom aufgeworfene Frage, was auf die gescheiterten Erzählungen der »Festung« (Verbundenheit ohne Freiheit) und des »Markts« (Freiheit ohne Verbundenheit) folgen kann.
Im Gegensatz zu den Menschenbildern des Markt- oder Festungsdenkens sind Menschen, aus der Commoning-Perspektive betrachtet, keine zu erziehenden Mangelwesen, die sich erst verändern müssen, damit gutes Zusammenleben möglich wird. Sie müssen nicht in Workshops oder Seminaren im Gemeinschaffen unterwiesen werden – sie können es bereits! Commoning gründet nicht auf dem Irrglauben, dass Menschen zu etwas gemacht werden müssten, was sie noch nicht sind, sondern ermöglicht uns vielmehr, das zu sein, was wir in der Tiefe unserer Existenz immer schon waren – und gar nicht anders sein können: gemeinschaffende Wesen in einer gemeinschaffenden Welt.
Indem wir als pflegnutzende Commoners in einen kokreativen Prozess mit mehr-als-menschlichen Mitspielern – Landschaften, Bauwerke, Organisationen usw. – treten, stellen wir den in Gesellschaften westlicher Prägung vorherrschenden Mensch-Natur-Dualismus in Frage. Commoning ist keine Beherrschung oder Ausbeutung von zu »Ressourcen« degradierten Lebensquellen, die unter einen fragwürdigen, vom Menschen abgespaltenen »Natur«-Begriff gefasst werden, sondern ist die umfassende, konkret gemachte Gemeinschaft verschiedenartiger, jedoch gleichwürdiger Seinsformen. Gelingendes Commoning ist gelebte Tiefenökologie, die uns Menschen in Zeiten von Erdüberhitzung und Artensterben unseren Platz im großen Gefüge des Lebendigen wiederfinden lässt.
Commons sind eigen, hiesig und gemein. Sie sind eigentümlich und eigenartig, sind gelebter Regional -und Ortsbezug. Gemeinschaffen wirkt einladend und nicht ausgrenzend, ist dabei jedoch klar verfasst und nicht beliebig. Auf eine Weise, die nicht als exotisierend missverstanden werden sollte, ist Commoning gleichbedeutend mit Indigenität, der Qualität, sich einem Ort voll und ganz zuzueignen: »Indigenität ist keineswegs ein exotisches Phänomen weit entfernter Gesellschaften, sondern ein Merkmal der Commons allerorten, das sich in je verschiedenen kulturellen Ausprägungen ausdrückt«, schrieb der Commons-Forscher Massimo de Angelis. Gemeinschaffen heißt, sich im Hier und Jetzt zu beheimaten.

Was also tun?
Wirklich verstanden, gedacht und gelebt werden kann Gemeinschaffen nur als Teil eines umfassend gleichwürdigen, freien und verbundenen Seinsverständnisses. Aus dem vorherrschenden Weltbild der Trennung heraus betrachtet, wird es hingegen leicht als marginales Nischenphänomen missverstanden – so wie Fürsorge und Pflegearbeit der ungesehene, ungleich größere und parasitär vereinnahmte Sockel eines Eisbergs, dessen Spitze »Erwerbsarbeit« genannt wird, bleibt, solange wir die marktwirtschaftliche Brille nicht gegen eine Sichtweise eintauschen, die uns das Ganze des Lebens erkennen lässt.
Ein »anderes« ist nicht notwendigerweise ein »besseres«, »höherstehendes« oder ein »brandneues«, »nie dagewesenes« Sein! Ontologische Wenden sind zunächst wertfrei und sollten nicht als Weiterentwicklung im Sinn des in westlich geprägten Gesellschaften vorherrschenden Fortschrittsdenkens missverstanden werden. Menschheitsgeschichtlich betrachtet, ist das »ander Seyn«, um das es hier geht, keine Innovation, sondern verweist auf lange Traditionslinien, die auch durch den »500-jährigen Krieg gegen die Subsistenz« (Ivan Illich) und Jahrtausende der Patriarchalisierung nicht vollends durchtrennt werden konnten. Gemeinschaffen hat wesentlich mit Rückbindung zu tun. In vielen Kulturen – auch in unserer – gibt es historisch gewachsene Commoning-Traditionen, an die sich hier und heute anknüpfen lässt. Kopiert werden können diese jedoch nicht, denn die Bedingungen gelingenden Gemeinschaffens haben sich geändert.
Aus der Geschichte lässt sich lernen, dass ontologische Wenden nicht »gemacht«, nicht willentlich herbeigeführt werden können. Kulturrevolutionen kommen und gehen mitsamt ihren desaströsen Auswirkungen, ohne wesentlich am Seinsverständnis der Menschen zu rühren. Ontologische Wenden vollziehen sich, wenn die Zeit dafür reif ist und eine kritische Masse an Akteuren die Utopie im Bloch’schen Sinn konkret werden lässt. Solche Prozesse auch nur ansatzweise steuern zu wollen, wäre jedoch nicht nur vergebens, sondern als ein weiteres Großprojekt menschlicher Hybris der Ontologie der Trennung zuzuordnen. Gibt es also nichts zu tun? Keineswegs! – Ein paar Vorschläge:

Anderssein schafft anderes Sein
Unsere Welt- und Selbstwahrnehmung wird wesentlich von der Sprache, die wir sprechen, geprägt – und umgekehrt. Es hilft, sich bewusstzumachen, dass die gegenwärtig vorherrschenden eurozentristischen Sprachmuster nur einige von vielen Möglichkeiten sind, die Welt zu beschreiben. Anders als wir mit indoeuropäischen Sprachen sozialisierte Menschen, teilen etwa die Guugu Yimithirr und die Kuuk Thaayorre, zwei indigene Gesellschaften im Nordwesten Australiens, die sie umgebende Welt nicht in »rechts« und »links« ein, sondern benennen dank ihres für unsereins an Zauberei grenzenden Orientierungssinns stets exakte Himmelsrichtungen. Ihre Sprache ist nicht egozentrisch, sondern geozentrisch – im Mittelpunkt steht dabei nicht das scheinbar autonome menschliche Ego, sondern die lebendige Erde. Auch wenn wir solche sprachlichen Prägungen freilich nicht kopieren können, lohnt es, sich zu fragen: Welcher Sprachgebrauch befördert gemeinschaffende, welcher getrennte Seinsweisen?
In dem Maß, in dem wir der Versuchung widerstehen, unsere Hoffnungen auf einen irgendwann irgendwie eintretenden »planetaren Wandel« zu vergeuden und uns selbst mit scheinbar frei flottierenden Weltbürgern im globalen Raum zu verwechseln, schärft sich unser Blick für konkrete Handlungsspielräume im Hier und Jetzt. Daraus ergeben sich Fragen: Wem (oder was) bin ich zugeeignet – koste es, was es wolle? Welche Pflege muss der Nutzung dieser bestimmten Lebensquelle vorausgehen? Wie ist dieses Stück Land zu bestellen? Wer nährt diese menschliche Gemeinschaft? Wer nährt meine Existenz, mein Sein? Wen nähre ich Tag für Tag? Wie würde ich dieses oder jenes Problem aus der Warte freien, verbundenen Seins wahrnehmen? – Finden Sie weitere Fragen!
Wir finden in ein anderes Seinsverständnis, indem wir anfangen, anders zu sein – diese nur scheinbar banale Aussage birgt die Aufforderung, dort, wo uns das Leben hingestellt hat, bewuss­tes gemeinschaffendes Sein zu kultivieren und sichtbar zu machen, was sich bereits an Commoning-Praxis in unserem weiteren, näheren und intimsten Umfeld abspielt: Dieser Menschenkörper etwa, der ein Bewusstsein hervorbringt, das in der Lage ist, »ich« zu sagen, Brot zu backen, Mirabellenkerne auszuspucken und übers Gemeinschaffen nachzudenken, ist eine komplexe, autopoietische Allmende, die weit mehr nicht-menschliche Mitspielerinnen und Mitspieler umfasst, als es Sterne in der Milchstraße gibt. Ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht: Ich bin ein Commons! Wie beeinflusst diese Erkenntnis mein Sein? Und was folgt daraus?

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