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Erziehung prägt Gesinnung (Buchbesprechung)

von Jochen Schilk , erschienen in 54/2019

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Wie ticken Nazis? Oder etwas präziser formuliert: Warum ticken rechtsautoritär geneigte Mitmenschen so, wie sie ticken? Schon als Jugendlicher hat mich die Frage bewegt: Warum etwa unterstützte die schwarze Identifikationsfigur, der »Godfather of Soul«, James Brown ausgerechnet Präsident Nixon? Wie konnte es angehen, dass jemand wie der Linksextremist Horst Mahler zum Nazi wurde? Und wie sollte mensch verstehen, dass der Punkrock(!)-Gitarrist Johnny Ramone von den »Ramones« ein beinharter Konservativer und Mitglied im Verband der US-Waffennarren (NRA) war? Heute freilich treibt einen eher das Befremden darüber um, dass weltweit massenhaft Menschen ihr Heil bei Trump, AfD, FPÖ, LePen usw. suchen. Was treibt diese Leute bloß an?
Im ersten Teil seines neuen Buchs »Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können« weist der schreibende Kinderarzt Herbert Renz-Polster nach, dass die gängigen Erklärungen für die rechtspopulistischen Wahlerfolge sämtlich zu kurz greifen. Selbstverständlich gebe es für das Phänomen verschiedene äußere – etwa sozioökonomische – Gründe, doch reichten diese als alleinige Erklärung nicht aus. Der Autor präsentiert stattdessen zahlreiche Studien, die auf eine gemeinsame innere, psychische Disposition rechts orientierter Menschen hinweisen. Viel von diesem Material stammt aus jüngerer und jüngster Zeit, doch hat es mich überrascht, zu erfahren, dass es so etwas wie die Autoritarismus­forschung bereits seit den 1940er Jahren gibt. Obwohl sie in der öffentlichen Diskussion erstaunlicherweise nicht vorkommt, zeigt diese wissenschaftliche Arbeit offenbar immer wieder eines: Eine autoritäre, gewaltsame Erziehung bringt emotional und körperlich verhärtete, sich nach autoritären, starren Ordnungssystemen sehnende Menschen hervor. Die Sache ist im Grund also ziemlich simpel! (Ich musste schmunzeln, als ich eben auf Wikipedia von Johnny Ramones autoritärem Vater las.)
Herbert Renz-Polster ist für seine Bücher, in denen er das Modell »Beziehung statt Erziehung« vertritt, bekannt, und so fällt es ihm leicht, die psychologischen Zusammenhänge einleuchtend zu erklären. Doch analysiert er auch äußerst kenntnisreich die jeweiligen Zusammenhänge zwischen den Erziehungspraktiken eines Landes und den jüngeren Erfolgen der jeweils spezifischen autoritären Bewegungen, zu denen auch linke oder religionsfundamentalistische Gruppen zählen. Das Buch endet mit dem eindringlichen Appell, endlich die Familienpolitik und die pädagogischen Einrichtungen so umzubauen, dass Kinder ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechend aufwachsen können.
Auf Details aus dieser überaus erhellenden Analyse will ich hier verzichten, denn Sie werden sich das so wichtige Buch ohnehin zu Gemüte führen – kraft meiner Autorität erkläre ich »Erziehung prägt Gesinnung« nämlich zur Pflichtlektüre für alle, die auch nur den leisesten Wunsch nach einer freien Gesellschaft verspüren. Wer es nicht bis ­Silvester auswendig aufsagen kann, muss barfuß ins Bett, basta!
Da wir dies nun geklärt haben, noch ein Wort zu den Begrifflichkeiten: In Oya 45 sind Franz Rupperts Perspektiven auf eine von »Traumatisierung« geprägte Gesellschaft nachgedruckt. Herbert Renz-Polster scheint den Begriff zu vermeiden. Ich konnte ihn im ganzen Buch nur einmal ausmachen, und zwar im Zusammenhang mit den traurigen Kindheiten von Hitler, Stalin und Mao (siehe dazu unbedingt auch die Bücher von Sigrid Chamberlain und Alice Miller). Dabei wäre  »Entwicklungstrauma« wohl die korrekte Bezeichnung für den Schaden, den eine strenge Erziehung, die dem Kind das so essenzielle Gefühl von emotionaler Sicherheit verweigert, anrichtet! Der Grund dafür, dass Renz-Polster auf den Begriff verzichtet, könnte diplomatischer Natur sein: Er möchte die heikle Pathologisierung des politischen Gegners vermeiden.
Übrigens erwähnt der Autor ganz richtig, dass auch Menschen mit sehr schwierigen Kindheiten zu angenehmen, weltoffenen Persönlichkeiten reifen können. Dem füge ich hinzu, dass dazu vermutlich die bewusste Reflexion der eigenen Geschichte sowie eigener politischer Neigungen gehört; darüber hinaus gibt es diverse Methoden, um Verletzungen der Kinderseele im Nachhinein wenigstens ein Stück weit zu heilen. Vielleicht mag Renz-Polster in einer nächsten Auflage ein Kapitel hinzufügen, in dem untersucht wird, wie die Ausnahmen von der Regel zustandekommen.

Erziehung prägt Gesinnung
Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können.
Herbert Renz-Polster 
Kösel, 2019, 320 Seiten
ISBN 978-3466311163
20,00 Euro

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