Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Humankind (Buchbesprechung)

von Matthias Fersterer , erschienen in 54/2019

Bild

Der Untertitel dieses Buchs, das ich erst nach Drucklegung der vergangenen Ausgabe entdeckte, hätte auch auf dem Titel von Oya 53 stehen können: »Solidarität mit nicht-menschlichen Leuten«. In seinem Realitäten verrückenden Ritt durch Theorien, Kategorien und Identitäten erkundet der britische, in den USA lebende Philosoph Timothy Morton (»Ökologie ohne Natur«), was es heißt, Mensch (und Nichtmensch) zu sein, und was die verschiedenen Bedeutungen des englischen Worts kind – »freundlich«, »verwandt« und »Spezies« – miteinander zu tun haben.
Wie die Commons-Forscherin Silke Helfrich (siehe Seite 7) arbeitet auch Morton an einer ontologischen Wende, also einem tiefgreifenden Wandel unseres Seinsverständnisses; dieses leitet er von unserer stofflichen Lebensgrundlage ab: Wir leben in einer Biosphäre und sind, mit den Worten der Biologin Lynn Margulis gesprochen, »symbiontische Wesen auf einem symbiontischen Planeten«. Diesen Umstand bezeichnet Morton als das »symbiotisch Reale«, das wieder­um Ausdruck in umfassender »Solidarität« zwischen Menschen und Nichtmenschen (Tiere, Pflanzen, Mikro­ben, sogenannte Dinge usw.) findet, unabhängig davon, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Solche Solidarität wirkt dem entgegen, was Morton als das »Trennende« bezeichnet, jener sich seit dem Neolithikum vertiefenden Kluft zwischen unserer anthro­pozentrischen »Realität« und dem Realen. Diese Trennung hat zu den weltvernutzenden Strukturen, die Morton als »Agrilogistik« bezeichnet, und zu unserem abgetrennten Naturbegriff geführt.
Hier setzt die Kritik des patriarchatskritischen, marxistisch geschulten Denkers Morton am marxistischen Denken an: Sowohl Kapitalismus als auch Marxismus reduzieren »Natur« auf »Externalitäten« oder »Umweltfaktoren« – das Land indigener Gemeinschaften, Frauen, nichtmenschliche Leute usw. werden explizit oder implizit als durch den Menschen – sprich: weiße Männer – auszubeutende Ressourcen betrachtet. Im Gegensatz zum Kapitalismus sei dieser Anthropozentrismus in der marxistischen Philosophie »a bug not a feature« – ein Makel, kein systemstützendes Merkmal. Aus Angst vor Vorwürfen von »Primitivismus« und »kultureller Aneignung« sei linke Theorie traditionell blind für das Nichtmenschliche. Einen Ausweg aus diesen selbstgezimmerten Dilemmata der Linken wie der Menschheit biete eine »objektorientierte Ontologie«.
Dieses hochoriginelle und anregende – bislang nur auf Englisch erschienene – Buch sei all jenen, die an Theoriebildung interessiert sind und keine Scheu vor philosophischen Fachbegriffen haben, wärmstens ans Herz gelegt.

Humankind
Solidarity with Non-human People.
Timothy Morton
Verso Books, 2017
224 Seiten
ISBN 978-1786631329
ca. 10 Euro

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!