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Hymne auf ein Zitronenbäumchen

Wie man einer Nutzpflanze im Topf mit permakulturellem Denken gerecht werden kann.

von Kurt Forster , erschienen in 54/2019

Bild

© Foto: Ulrike Meißner

Eine Topfpflanze kann als Symbol für die Änderung unseres verbrauchsorientierten Lebensstils und als Symbol für zukunftsgerichtetes, vernetztes und konstruktives Denken und Handeln dienen. Darf ich vorstellen? Mein Zitronenbäumchen! Zu meinem fünfzigsten Geburtstag hatte ich es von meinen Berufskollegen geschenkt bekommen, 30 Zentimeter war es damals hoch. »Was soll ich damit?«, war mein erster Gedanke. Als Permakulturdesigner wusste ich aber, dass ein Problem stets eine Aufforderung ist, eine kreative, positive Lösung zu finden. Für mich bestand die Herausforderung nun darin, Zitronen nach den Idealen der Permakultur heranzuziehen – ohne den Einsatz von Fremdenergie, Pestiziden und Kunstdünger­.

Optimales Klima?
War es nicht eine verrückte Idee, an meinem Heimatort in Herisau auf 800 Metern Höhe nördlich der Alpen eigene Zitronen haben zu wollen? Aus langjähriger Erfahrung wusste ich: Entweder man baut die Pflanzen an, die für den vorhandenen ­Boden, die Sonnenexposition und das örtliche Klima geeignet sind, oder man muss den gewünschten Pflanzen die Lebensbedingungen bieten, die für ihr Wachstum ideal sind. 
Seit 25 Jahren ernten wir nun das ganze Jahr über Zitronen. Das Bäumchen steht von Mitte Mai bis Ende Oktober, wenn die ersten Fröste kommen, im Freien vor einer südexponierten Mauer. Im Winter wandert es in unser unbeheiztes Gewächshaus. Dank raffinierter Technik  – unter anderem einem 1000-Liter-Wassertank als Wärmespeicher – sinkt dort die Temperatur nie unter den Gefrierpunkt (siehe Oya 13). Im hellen, kühlen Gewächshaus, ähnlich dem Klima im Mittelmeerraum, übersteht das Bäumchen den Winter sehr gut. Vor allem leidet es nicht unter Schädlingen, wie dies oft bei zu warmer, lichtarmer Haltung im Wohnhaus passiert.
Ende Februar, wenn die Sonne ins verschneite Gewächshaus scheint, gibt es eine starke Lichtzunahme und damit verbunden einen herrlich duftenden Blütenschub – Vorboten des Frühlings, für die Seele eine wahre Wohltat. Es ist für mich auch heute noch fast unglaublich, dass unser mittlerweile zwei Meter hohes Zitro­nenbäumchen das ganze Jahr über blüht und gleichzeitig kleine Zitronen – halbreife und erntbare Früchte – trägt. Die ungespritzten, nicht mit Wachs überzogenen Zitronen sind besonders begehrt, da ihre Schalen bedenkenlos in Saucen, ­Kuchen oder andere Gerichte geschabt werden können. Der frische Saft ist herrlich in ­Salatsaucen und Getränken.

Nährstoffversorgung
Am Anfang pflanzte ich das Bäumchen in einen Tontopf von etwa 60 Zentimetern Durchmesser. Ich füllte ihn zu zwei Dritteln mit Erde, ergänzt um etwas Vulkan­gries und ausgereiften Kompost. Das Bäumchen wurde seither nie umgepflanzt, und trotzdem geht es ihm ausgezeichnet. Warum? Ich düngte es stets mit verdünntem Harn und stärkte es mit etwas Kräuterbrühe. Die Zutaten für die Jauche aus Brennnesseln, Beinwell und Schachtelhalm stammen aus den Wildniszonen unseres Gartens. Ich setze die zerkleinerten Kräuter in einem größeren Kübel an und überpudere sie vor dem Gärungsprozess mit verschiedenen Steinmehlen. Als Langzeitdünger bekommt das Zitronenbäumchen zusätzlich noch Hornspäne in Form unserer geschnittenen Zehen- und Fingernägel.  Seit 20 Jahren hat sich dieses Kreislaufverfahren mit Eigenressourcen bewährt, und das Bäumchen wächst ohne Topfwechsel kräftig und gesund heran.

Auf der Terrasse wird gestapelt
Um die knappe, südorientierte Sitzfläche unter dem Balkon optimal mit Nahrungspflanzen zu nutzen, stellen wir unter unser Zitronenbäumchen noch Töpfe mit Peperoncini und Tomaten. Dieses Stapeln, also die Mehrfachnutzung der Bodenfläche, ist ein weiteres Permakulturprinzip. So gelingt es uns, auf nur anderthalb Quadratmetern Tomaten und Peperoni in kleineren Töpfen als Unterpflanzung zu ziehen. Dies mag als ein anregendes Beispiel etwa für kleine Balkone gelten.
Im Winter, wenn die Sonne bei uns oberhalb des Nebelmeers ins Gewächshaus scheint und es aufheizt,  genießen wir unseren Nachmittagstee gerne im grünen Glashaus neben unserem Zitronenbäumchen. Es schenkt uns mit seinem erfrischenden Blütenduft und den gelben Früchten ein tiefes Wohlgefühl und hilft uns, die kalten, oft schneereichen Wintermonate zu überstehen. Wir spüren hier auch im Winter ganz tief das Wunder der Natur und das Einssein mit ihr. Es ist eine kleine romantische Rückzugsecke zum Lesen und zum Philosophieren. In diesen Momenten denke ich in Dankbarkeit an die Kolleginnen und Kollegen, die mir das wundervolle Zitronenbäumchen geschenkt haben.

Gute Ökobilanz
Wie lohnenswert es ist, eigene Zitronen anzubauen, wird mir auch bewusst, wenn ich mich daran erinnere, woher unsere Zitrusfrüchte sonst kommen: aus Südspanien, Israel oder gar aus Südamerika. Auf jeden Fall haben sie einen weiten Weg hinter sich, der viel Erdöl verschlingt und mit den schadstoffreichen Abgasen der Transportschiffe die Luft vergiftet. Durch Eigen­produktion am Wohnort können wir einen kleinen Beitrag leisten, um Ressourcen zu sparen. Beispielsweise werden 70 Prozent unseres Süßwassers in der Landwirtschaft verbraucht. An vielen Anbau­orten, wie etwa in Kalifornien, Südspanien und Nordafrika, vertrocknen weite Gebiete durch die Grundwasserentnahmen für die Bewässerung der riesigen Fruchtplantagen. Mit jeder importierten Zitrone oder Orange rauben wir dem Herkunftsland 80 Liter Wasser; mindestens 1000 Liter Wasser benötigt die Produktion eines einzigen Kilogramms Avocados; eine Studie der Universität Twente kam gar auf 2000 Liter.
Um diesen Wasserklau zu verhindern, ist es wichtig, eigene Früchte anzubauen. In Mitteleuropa besitzen wir heute noch reiche Wasserreserven, aber wie wird es in einigen Jahrzehnten sein, wenn unsere Gletscher weggeschmolzen sind?
Um den Trinkwasserverbrauch zu verringern, uriniere ich in ein Plastikgefäß und fülle es mit gesammeltem Regenwasser im Verhältnis 1 : 5 oder 1 : 10 auf, um die Mischung als Dünger zu verwenden. Damit spare ich die Wasserspülung der Toi­lette. Ein gutes, wegweisendes Beispiel für wassersparendes Verhalten in größerem Maßstab und für die Rückführung von Nährstoffen in den Kreislauf ist übrigens die Olson-Hotelanlage oberhalb der Playa de Santiago auf der Kanareninsel La Gomera. Dort wird das Abwasser für die Bewässerung einer großen Zitrusfruchtplantage verwendet.

Exotische Experimente
Eigene erfolgreiche Versuche wie der Zitronenanbau locken mich immer wieder aufs Neue, außergewöhnliche Anbau­experimente etwa mit Reis, Süßkartoffeln, Zitronengras, Indianerbanane, Oliven und weiteren Nahrungspflanzen zu wagen. Mein Tipp: Ob einheimische Nutzpflanze oder Exot – wer sich neuen Arten widmet, tut gut daran, sich jeweils nur einen Neuling vorzunehmen, seine Lebensbedingungen zu erforschen und sie dann möglichst optimal herzustellen!


Kurt Forster (80) engagierte sich als Lehrer und Politiker für Umwelterziehung und grüne Themen. Seit Jahrzehnten ist er als Kursleiter für Permakultur und Gartengestalter tätig. Von ihm stammt das Buch »Mein Selbstversorger-Garten am Stadtrand«.

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