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Wann kippt eine Gemeinschaft?

Fünf Menschen berichten von verfahrenen Situationen in und mit intentionalen Gemeinschaften.

von Andrea Vetter , Lara Mallien , Maria König , erschienen in 54/2019

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Der Begriff »Gemeinschaft« kommt in Oya meist im Kontext positiver Beispiele vor: Wir berichten über Lebensgemeinschaften, Ökodörfer, Kommunen, Wohngruppen, Hausprojekte  und weitere gemeinschaftliche Zusammenhänge in einer eigenen Rubrik ebenso wie in Artikeln des jeweiligen Schwerpunktthemas. Von uns vorgestellte Gruppen müssen sich unter anderem daran messen lassen, welchen Rang die Gleichwürdigkeit und die Selbstbestimmung aller Beteiligten in der Praxis einnimmt – autoritären Gemeinschaften bieten wir keine Bühne. Die Gewährleistung demokratischer Strukturen gehört auch zu den Kriterien für die Aufnahme einer Gemeinschaft in das »Global Ecovillage Network«, das internationale Gemeinschafts-Netzwerk, das in Oya immer wieder zu Wort kommt.
In der Gesellschaft ist das Thema Gemeinschaft häufig mit der Angst vor einer Beschneidung der persönlichen Freiheit behaftet – und das bedauerlicherweise nicht ganz ohne Grund: Immer wieder entwickeln Gemeinschaftsprojekte totalitäre Züge oder geraten aus anderen Gründen in eine verfahrene Situa­tion, sei es durch persönlichen Zwist oder eine Blockierung von Konsensprozessen. Die Berichterstattung der Mainstream-Medien über besonders krasse Einzelfälle prägt dann die öffentliche Wahrnehmung.
Die folgenden Erfahrungsberichte nehmen solche Schwierigkeiten in den Blick. Zeuginnen und Zeugen erzählen von schleichenden destruktiven Entwicklungen und von Konflikten, für die es nicht immer eine Lösung gibt. Sie werfen die Frage auf, wie solche Entwicklungen frühzeitig erkannt und zum Positiven gewendet werden können. Eine Gruppe oder eine Gemeinschaft gleicht einem Biotop, das »umkippen« kann, wenn es durch einzelne Faktoren, z. B. steigende Temperatur, aus dem Gleichgewicht gerät. Bis zu welchem Punkt lässt sich so eine Entwicklung noch umkehren? Gibt es überhaupt »Kipppunkte«, die Gesundheit von Krankheit unterscheiden? Gibt es Sätze, die auf Gefahren hindeuten, wie: »Du wirst hier nie ein Zuhause finden, wenn du kein Vertrauen hast« oder »Du hast das eben noch nicht erkannt, dein Bewusstsein steht noch auf Stufe eins«? Statt Antworten zu geben, laden wir auf diesen Seiten ein, die Erfahrungsberichte wirken zu lassen und den eigenen Empfindungen nachzuspüren.

 

Leila (59) ist seit 40 Jahren in Gemeinschaften aktiv und reflektiert ihre Erfahrungen aus den 1980er und
90er Jahren.

Kipppunkte in Gemeinschaften habe ich schon sehr oft ­erlebt, so oft, dass ich mich wundere, dass ich immer wieder aufs Neue mein Glück in und mit Gemeinschaft versucht habe – aber schließlich lerne ich auch dazu. Die erste Gemeinschaft, die zerbrach, war der Bund der Freundinnen, als wir etwa acht, neun Jahre alt waren. Alles war bestens, bis wir auf die Idee kamen, unter uns eine Anführerin zu wählen. Ich war tief verletzt, dass meine beste Freundin eine andere und nicht mich wählte – so verletzt, dass ich danach alles boykottierte und der Bund zerbrach. Erster und häufigster Kipppunkt einer Gemeinschaft, so wie ich es erlebt habe, ist also: starke persönliche Befindlichkeit und Beleidigtsein.
Später im Leben gründeten wir eine Gemeinschaft. Wir waren dreizehn Menschen zwischen 25 und 30 Jahren, zu allem entschlossen, verließen Studium und Beruf, mieteten ein Haus auf dem Land, warfen alles Geld zusammen, wollten aus dem vorgezeichneten Leben ausbrechen und etwas völlig anderes machen. Das Interessante war: Wir waren richtig verliebt ineinander. Es war unglaublich. Wir waren tatsächlich alle verliebt in dieses Wir, dieses Uns. Die Tage füllten sich mit genialen Einfällen. Wir waren kreativ, beschenkten uns und die Umwelt mit Kunst, Theater, Musik, Handwerk. Wir teilten, was wir hatten, auch die Liebespartner. Es ging so leicht. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir schon in einem vorigen Leben zusammengewesen waren und nichts uns trennen würde.
Aber dann geschah es doch, und es lag an der Liebe. Einige verliebten sich eben noch tiefer ineinander. Es kam zu misstrauischen Nachfragen, Eifersucht, Neid, Vorwürfen – und unerwartet schnell war der Kitt unter uns aufgelöst, gebrochen. Wir schoben die Schuld einander zu und gingen mit gebrochenen Herzen auseinander. Einige sind als Paar bis heute zusammen, den Gedanken an Gemeinschaft aber haben sie aufgegeben. Trotzdem blieben für viele von uns diese eineinhalb Jahre die wichtigsten und lebendigsten ihres Lebens. Das ist der zweite häufige Kipppunkt einer Gemeinschaft, wie ich es erlebt habe: wenn intime Liebe nicht mit dem Wunsch nach Gemeinschaft vereinbart werden kann. Wie ich inzwischen weiß, ist dafür ein Wissen notwendig, das wir damals noch nicht hatten.
Einige Jahre später habe ich erlebt, dass eine Gemeinschaft im Spannungsfeld von Sachzwang und Vision ins Kippen kam. Zwischen der Notwendigkeit, Geld zu verdienen, der Verlockung, sich trotz aller Abkehr vom Mainstream doch irgendwie Anerkennung zu erarbeiten, und auf der anderen Seite der Vision, eine ganz andere Gesellschaft aufzubauen und sich eben nicht mehr anzupassen, entstand ein schwer erträgliches Spannungsfeld. In Konsensprozessen entstanden Machtstrukturen durch Dauer­blockierer, und irgendwann war die Freude aneinander verschwunden. Ich habe diese Gemeinschaft frustriert verlassen. Sie ist aber nicht zerbrochen, sondern hat inzwischen ihren Weg gefunden, wofür ich alle Verantwortlichen sehr bewundere.

 

Achim (60) über das Nein-Sagen vor einigen Jahren in der Gemeinschaft, in der er immer noch lebt.

Vor einer ganzen Weile hatte unsere Gemeinschaft ein Mitglied mit einem aufbrausenden Gemüt. Die Person hat Regeln, die wir uns gesetzt hatten, nicht beachtet und brachte dadurch andere zu Reaktionen, die die Situation immer wieder eskalieren ließen. Wir haben lange versucht, Konflikte mit ihr zu vermeiden, ich war schon immer auf der Hut, wenn ich mich an Orten aufhielt, wo es wahrscheinlich war, die Person zu treffen. Die Regelübertretungen waren zum Teil hochriskant, die Person zündete zum Beispiel bei höchster Waldbrandstufe in der Nacht große Fackeln an. Wenn andere sie löschten, weil die Person fortging und sie unbeobachtet brennen ließ, gab es so großen Protest, dass andere lieber Feuerwache hielten, als noch einmal zu löschen.
Wir haben verschiedene Menschen von außerhalb zur Media­tion eingeladen. Das war zwar jeweils lehrreich, veränderte aber nichts an der Problematik. Als die Person weiterhin regelmäßig provozierte, sagten immer mehr Leute aus der Gemeinschaft, dass sie nicht mehr mit ihr leben wollten. Andere meinten, es sei unmöglich, jemanden auszuschließen, Gemeinschaft bedeute zusammenzubleiben. Können wir jemandem sagen: »Du bist hier nicht mehr richtig, verlasse uns?« Wie würden wir das umsetzen? Die Polizei holen, wenn die Person gewalttätig würde? An diesen Fragen ist die Gemeinschaft fast zerbrochen. Diejenigen, die wiederholt Ziel der Aggressionen wurden, wären als einzelne fast daran zerbrochen, für andere war klar, dass sie selbst die Gemeinschaft auch verlassen würden, wenn ein Mitglied ausgeschlossen würde. Schließlich verfassten 20 besonders Betroffene einen Brief an die jähzornige Person mit der Überschrift: »Wir wollen nicht mehr mit dir leben«. Viele wollten nicht, dass dieser Brief übergeben wird, es gab Tausende Gespräche. Letztlich hatten 63 Menschen den Brief unterschrieben. Als er überbracht wurde, zerriss ihn die schwierige Person sofort und attackierte den Überbringer. Nach zwei Wochen ist die Person dann plötzlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgezogen.
Wir haben dabei gelernt, wie wichtig es ist, Nein zu sagen. Wenn wir nur Ja sagen zu neuen Mitgliedern und es kein Nein geben kann, ist auch das Ja nichts wert. Wo ziehen wir als Gemeinschaft eine Grenze? Das ist für viele Gruppen, die ich berate, eine wichtige Frage. Viele tun sich sehr schwer, zu sagen: Jetzt ist Schluss! – weil sie alle und alles gleichwertig nebeneinander stehenlassen wollen, sich nicht entscheiden, eines wichtiger zu nehmen als etwas anderes. Wir haben inzwischen eine klarere Ausrichtung als früher, sprechen bewusster über die Werte, die unsere Gemeinschaft ausmachen. Wir machen deutlich: Wer bei uns lebt, muss damit zurechtkommen, dass andere ihr oder ihm spiegeln, was das eigene Tun bei ihnen auslöst. Dies ist kein Ort für Menschen, die nicht bereit sind, sich selbst zu hinterfragen.
Oft wird gesagt, der Jähzorn einer einzelnen Person sei nur Ausdruck einer Qualität der gesamten Gruppe, immer würde eine Person die Rolle des Jähzornigen übernehmen. Das halte ich für eine Falle. Bei uns ist dieser Effekt nicht eingetreten, das Problem war offenbar nicht die ganze Gemeinschaft, sondern diese eine Person. Dass wir kein weiteres jähzorniges Mitglied bekommen haben, liegt wohl auch daran, dass wir inzwischen solchen Menschen keine Möglichkeiten mehr bieten, bei uns »einzuhaken« – wir bieten ihnen keine Nahrung. Das haben wir ganz wesentlich durch den Schritt des Neinsagens gelernt. Gleichzeitig sagten wir damit Ja zu unseren Werten.

 

Maria (33) hat sich kürzlich in einer Gemeinschafts­initiative engagiert, die zerbrochen ist.

Drei Jahre war ich in einer Gemeinschaftsinitiative von 13 Erwachsenen und 15 Kindern aktiv, die der großstädtischen Isolation ein verbundeneres Alltagsleben, gemeinsame Fürsorge für die Kinder und die Aufarbeitung frühkindlicher Traumata in ­Redekreisen und Gruppenprozessen entgegensetzte. War es anfangs heilsam, sich an eigene Verletzungen heranzutasten, damit für andere sichtbar zu werden und Unterstützung in der Gruppe zu erfahren, entwickelte sich mit den Monaten eine ungute Dynamik. Manchmal war es sehr anstrengend, wenn ein Einzelprozess viel Aufmerksamkeit erforderte oder jemand immer wieder in ähnliche Problemschleifen geriet, obwohl für alle anderen vermeintlich erkennbar war, wo das Problem des Betreffenden lag und was er oder sie nun zu tun hätte. Dann entstanden Ungeduld, Unverständnis, Urteile über diesen Menschen und klare Erwartungen an sein Verhalten in nächster Zeit. Ebenso schwierig war es, wenn sich Erkenntnisse und Wissen aus den therapeutischen Prozessen mit der Organisation alltäglicher Aufgaben mischten. War beispielsweise jemand bei einer Absprache unzuverlässig, war es leicht, eine Bestätigung für dessen noch immer ungelösten Traumaprozess zu finden. Oder eingebrachte Kritik an weniger sinnvollen Gemeinschaftsprozessen wurde nicht ernstgenommen, weil sie ebenso lediglich als Ausdruck des psychischen Pro­blems des Kritikers gesehen wurde. Auch die Rolle des Gemeinschaftsgründers war in diesem Zusammenhang schwierig. Als Therapeut bot er vielen Halt und Neuorientierung. Allerdings war er bei der Organisation alltäglicher Aufgaben nicht gut als gleichrangiges Gemeinschaftsmitglied ansprechbar. Kamen in Gesprächen seine eigenen Schwächen und Überforderungen zur Sprache, antwortete er oft mit diffusen Betrachtungen zu Heilung, zur Bedeutung von Begriffen wie »Hoffnung« oder »Liebe« oder mit Weisheiten aus dem tantrischen Buddhismus. Lange war es für mich schwer zu unterscheiden, ob ich gerade lernen muss, mein eigenes Misstrauen gegenüber anderen Menschen abzulegen und einfach zu vertrauen, oder ob ich meinem eigenen Bauchgefühl trauen darf. Die diffuse Schräglage unserer Gruppe wurde endgültig offensichtlich, als wir versuchten, konkrete Schritte in Richtung eines gemeinsamen Wohn- und Arbeitsprojekts auf dem Land zu gehen. Die Gruppe teilte sich in die Anhängerinnen und Anhänger des Gründers, die endlich zur Tat schreiten wollten, und diejenigen, die Kritik übten – beispielsweise sahen letztere ein Problem darin, dass der Gründer nicht zwischen seinem und dem Geld der Gemeinschaft unterschied und seine Vorstellungen von Gemeinschaft als den einzig sinnvollen Weg verstanden wissen wollte. Bis heute begleiten mich Trauer und Enttäuschung darüber, dass Dinge, die ich schätze, wie Sich-in-den-Arm-Nehmen, ein verbundener Alltag mit verschiedenen Menschen und sich von Träumen und Ängsten zu erzählen, so leicht missbraucht werden können.

 

Laura (29) hat bis vor kurzem ein Jahr lang in einer ­neugegründeten Gemeinschaft gelebt.

Als ich die ersten Male in dieser Gruppe war, hat mich das feinfühlige Miteinander richtig umgehauen. Es wurde über sonst unsichtbare Dinge geredet, zum Beispiel eine Anspannung in der Gruppe thematisiert, bis sie gelöst war. Das lockere Miteinander hat sich dann Stück für Stück verdichtet, einige lebten bereits zusammen, es wurden immer mehr Menschen. Nach längerer Suche wurde schließlich eine Immobilie für die Gemeinschaft gefunden. Wer das finanziert hat, weiß ich gar nicht. Es hieß immer, wir sind ja eine Gruppe, dann ist es ja egal, wem das gehört – gemeinsam beraten wurde über die Eigentumsfrage nicht. Wir sind mit knapp 20 Menschen dorthin gezogen. Am Anfang war alles noch recht frei, tagsüber taten alle, was anfiel, abends saßen wir zusammen oder haben getanzt. Ich war viel alleine spazieren, wir haben im Garten herumgelegen. Später wurde es strukturierter: Wir haben Zeitbereiche festgelegt, in denen wir geputzt, gekocht, gearbeitet oder gegessen haben; es gab auch halbe Tage Freizeit. In einem über Monate schleichenden Prozess entwickelte sich die Regel, dass in dieser Freizeit nicht jeder sein Ego ausleben sollte – es sollten zumindest kleine Grüppchen sein. Und irgendwann hieß es: Keiner verlässt mehr allein und unabgesprochen das Gelände. Eine einzelne Person konnte dann nicht mehr schwimmen gehen, auch ein Waldspaziergang musste gemeinsam beschlossen werden. Irgendwann musste es die ganze Gruppe sein, und auch wirklich alle im gleichen Raum. Diese Gruppenzeit – das war recht militärisch.
Einer der Gründer hatte die meisten Ideen zu solchen Strukturen, die dann vom Leitungsteam in die Gruppe getragen wurden. Abstimmungsrunden gab es nicht. Das hat niemand hinterfragt, und wenn, dann stand eine einzelne Person ganz schön am Pranger: »Du projizierst auf die Leitung!« Die Rechte von Gemeinschaftsmitgliedern, auch in finanzieller Hinsicht, waren nie Thema. Ich musste meine Kontoauszüge abgeben, und dann wurde gesagt, ich solle soundsoviel Geld monatlich bezahlen. Das war mir unangenehm, aber ich hatte keine Lust auf eine Ausein­andersetzung, denn dann hätte ich sofort gehört: »Das ist dein Ego, das ist dein Schatten.« Gemeinsam über Geld gesprochen haben wir nie. Es kamen immer wieder Rechnungen für Lebensmittel, zum Teil in Höhe von tausend Euro, die ich auf Anweisung überwiesen habe. Dabei habe ich viel zu sehr die Verantwortung abgegeben – das muss ich im Nachhinein sagen. Mit der Zeit habe ich große Angst davor entwickelt, am Pranger zu stehen, wenn ich in der Gruppe sagte, wie es mir ginge.
Häufig ging es auch um Mann-Frau-Dynamiken. Wenn Paare zu uns kamen, geschah es mehrmals, dass negative Paardynamiken identifiziert wurden mit der Folge, dass die Frau ihre unterdrückte Zuneigung zum Gründer entdeckte und der Mann seine unterdrückte Homosexualität. Das Resultat war, dass die Frau sich von ihrem Mann trennte und dann mit dem Gründer sexuell aktiv war. Objektiv gesehen, wurde ich sexuell zu nichts gezwungen, aber es zerrt selbstverständlich unglaublich am Ego, wenn du hörst, dass derjenige, der viel Macht in der Gruppe hat, Lust auf einen sexuellen Kontakt mit dir hätte.
Als ich der Gruppe mein Gefühl mitteilte, dass die Gemeinschaft kein guter Ort mehr für mich sei, wurde ich von der Leitung aggressiv unter Druck gesetzt, ich würde mich damit für das Böse »da draußen« in der Welt entscheiden und nie heilen können. In diesem Moment verstand ich noch nicht richtig, wie falsch es war, was da gesagt wurde, aber ich habe gespürt, dass es richtig ist, jetzt zu gehen. Am nächsten Tag habe ich meine Sachen gepackt und war weg.
Im Nachhinein muss ich sagen: Das war einmal durch die Hölle und zurück. Aber die Zeit ist selbstverständlich auch ein Geschenk für mich – ich habe dadurch viele innere Themen bearbeiten und lösen können, und ich weiß nicht, ob ich auf einem »normalen« Lebensweg so tief an diese Dinge herangekommen wäre. Vor allem habe ich inzwischen gelernt, meine Grenzen zu wahren und zu verteidigen.

 

Suzana (62) berichtet über ihre Erfahrungen zu Beginn dieses Jahrzehnts mit einem inzwischen aufgelösten Gemeinschaftsprojekt.

In einer Gemeinschaft, in der ich fünf Jahre lang gelebt habe, konnte ich intensiv beobachten, wie patriarchale Muster wirken. Sie sitzen uns allen tief in den Zellen, selbst wenn Gemeinschaften sie bewusst überwinden wollen, gelingt es oft nicht. Gerade bei uns Deutschen ist die Figur des Vaters enorm belastet: In zwei Weltkriegen ist in diesem Land alles passiert, was Krieg an schrecklichen Ausprägungen haben kann, uns prägen kollektiv Erfahrungen als Täter wie als Opfer. So viele Männer sind gefallen oder kamen so gebrochen aus dem Krieg zurück, dass sie ihren Kindern keine Vorbilder sein konnten. Viele sehnen sich nach einer positiven Vaterfigur, mit der sie sich identifizieren können, von der sie bedingungslos geliebt werden.
Einer der wichtigsten Akteure in der Gemeinschaft war eine charismatische, männliche Person – einer dieser Männer, die die Sehnsucht nach einem positiven Vaterbild voll bedienen. Fasziniert von seinem Auftreten sind immer wieder Menschen mit großem Elan Mitglied der Gemeinschaft geworden. Damit haben sie sich auch bewusst darauf eingelassen, dass es dort eine Hierarchie gab: Diejenigen, die finanzielle Verantwortung übernommen hatten, entschieden in geschäftlichen Dingen allein. Mit der Zeit lernten sie die Schattenseiten der Vaterfigur kennen, waren enttäuscht, wollten mehr mit entscheiden, es kam zu übler Nachrede, so dass sich ein unentwirrbares Knäuel aus Konflikten ergab und die Menschen die Gemeinschaft wieder verließen. In der Gründungsphase hatte es noch zwei Persönlichkeiten gegeben, die ein Gegengewicht zu dieser dominanten Person hätten bilden können. Leider sind beide kurz hintereinander verstorben. Ich blieb, denn ich hatte die Verantwortung für den Gästebetrieb übernommen und investierte dort all meine Kraft. Ich glaubte an unser Projekt und versuchte lange Zeit zu retten, was ich retten konnte. Letztlich war es unmöglich. Wir haben menschlich keine gemeinsame Basis gefunden. Viele waren nicht bereit, sich zu zeigen, Persönliches miteinander zu teilen und einander Vertrauen zu schenken. Außerdem entwickelten Liebesthemen ihre Sprengkraft – wir hatten damals nicht genügend Werkzeuge, um konstruktiv mit ihnen umzugehen. Dies in Verbindung mit den Konflikten rund um die männliche Führungsperson und Intransparenz im Bereich der Finanzen führte schließlich zum Ende des Projekts – in einem finanziellen Desaster. Viele haben hier geliehenes Geld verloren.
Diese und andere Erfahrungen haben mich sehr für patriarchale Strukturen und deren Wirkung sensibilisiert. Sie sind unter anderem auch ein Grund, warum ich eine andere Gemeinschaft wieder verließ. Obwohl ich sehr vieles an ihr schätze, einige Bereiche weit entwickelt sind, ist dennoch ein meines Erachtens notwendiger Generationswechsel noch nicht gelungen. Mit zunehmendem Alter stelle ich zudem fest, dass ich eine andere Nähe bzw. Distanz zur Gemeinschaft brauche, und habe mich daher in unmittelbarer Umgebung angesiedelt, was sich richtiger anfühlt. Nun kann ich die Verbindung zur Gemeinschaft so gestalten, wie sie mir wichtig ist und meinen Bedürfnissen entspricht.
 

Wachsam sein
Die Gespräche, die wir für diesen Artikel geführt haben, erinnerten uns daran, dass die Aufarbeitung der Schattenseiten der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen, die nach der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre entstanden sind, viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt – auch in Oya. Eines der bestürzendsten Beispiele aus jener Zeit ist die Kommune um Otto Muehl, der 1972 seine »Aktionsanalytische Organisation« (AAO) auf den Friedrichshof südlich von Wien verlagert hatte. Dort wurden in nächtlichen Runden Gemeinschaftsmitglieder im Namen der Befreiung von negativen gesellschaftlichen Prägungen kollektiv »therapiert«, was sich zu psychischem und physischem Terror auswuchs. Der Dokumentarfilm des auf dem Friedrichshof in den 1980er Jahren aufgewachsenen Paul-Julien Robert – »Meine keine Familie«– gibt einen bewegenden Einblick in die Mechanismen, welche Menschen, die ein gutes Leben in einer schönen Landkommune suchten, in Abgründe führten.
Unter dem Anspruch, die patriarchale Gesellschaft zu überwinden, reklamierte die Führungsfigur der Kommune für sich, den Weg zur Befreiung zu kennen. Dieses destruk­tive Muster ist beileibe nicht ausgestorben. Auch in Oya kritisieren wir die ­patriarchale Gesellschaft und sprechen davon, wie wichtig der persönliche Weg der Selbstermächtigung sei. Wie aber können wir es vermeiden, im Namen von »Heilung« oder »Befreiung von alten Strukturen« Mechanismen von Bevormundung, Manipulation oder Schlimmerem zu bedienen?
Wir denken, dass es auch zu den Aufgaben von Oya gehört, Erfahrungsberichte und historisches Wissen über destruktive Muster in Gemeinschaften zugänglich zu machen. Es verwundert nicht, dass Machtmissbrauch in solchen Zusammenhängen oft nicht erkannt wurde und wird. Wer sich auf die Suche nach Verbundenheit und Vertrauen begibt und sein bisheriges Leben hinter sich lassen will, ist oft bereit, sich weit auf Ungewohntes einzulassen, so dass es schwieriger erkennbar ist, wenn etwas ins Negative kippt.
Die auf diesen Seiten geschilderten Dynamiken von Unterdrückung durch Leitungsfiguren, Mann-Frau-Dynamiken, patriarchalen Verletzungen und vom Setzen von Grenzen sind allerdings nicht auf gemeinschaftliche Beziehungsnetze beschränkt. Es spiegeln sich darin Themen wider, die sich auch in klassischen Familien in allen Schattierungen finden lassen. In Gemeinschaften kann das Gewand der Muster ganz anders erscheinen, darunter sind aber mitunter dieselben patriarchalen Strukturen und deren Traumata am Werk.
Je vereinzelter sich die Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft fühlen, desto stärker wächst ihre Sehnsucht nach Verbundenheit und umso größer sind die Erwartungen an diejenigen, mit denen endlich Gemeinschaft gelebt werden soll. Viele erleben von klein auf, dass sie von ihren mit Sorge- und ­Erwerbsarbeit überforderten Eltern nicht wirklich wahrgenommen werden, und fühlen sich einsam. Welche Warnsignale gilt es in kleineren und größeren Zusammenhängen zu beachten, um destruktive Prozesse zu verhindern?

Über diese Fragen möchten wir uns gerne mit Leserinnen und Lesern austauschen. Wir freuen uns über Zuschriften an ­mitdenken@oya-online.de.

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