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Das muss mein Nervensystem spüren

Oya-Redakteurin Maria König sprach mit Ilan Stephani über ihre Arbeit als Traumatherapeutin und die Dynamik zwischen Ängsten und Geborgenheit in einer Gruppe.

von Ilan Stephani , Maria König , erschienen in 54/2019

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© Foto: Jens Braune

Maria König: Es gibt zahlreiche Gemeinschaften und Projekte, die einen nährenden Wandlungsimpuls in die Gesellschaft ­tragen wollen. Wie können wir wacher werden für Kipppunkte, an denen ein solches Projekt entweder ideologisiert oder für egoistische Zwecke funktionalisiert wird?  
Ilan Stephani: Jede Form von Wissen ist ja ein temporäres und relatives Wissen. Der Raum des Nicht-Wissens ist der Ozean, in dem diese Wissens­inseln schwimmen. Auf der Suche nach der richtigen Richtung für eine Gemeinschaft klammern wir uns oft an einer kleinen Insel von Wissen fest, ohne uns immer wieder in diesen Ozean fallen zu lassen. Anders ausgedrückt: Wenn das Nicht-Wissen nicht verehrt wird, dann wird Wissen übergriffig, oder es wird von Menschen überbewertet. Dann entsteht eine Starre an einer Stelle, an der das Leben weitergehen soll, und an solchen Stellen fangen Menschen in Gemeinschaften zum Beispiel an, jemanden zum Guru zu erheben und Schattenseiten auszuleben. Ich glaube, das ist ein wichtiger Kipppunkt.

Wie kann sich ein Mensch in einer leitenden Rolle also sinnvoll verhalten?
Jeder Mensch, der als Vorbild oder Leitungsfigur agiert, muss regelmäßig – bildlich gesprochen – nackt vor der Gruppe stehen und sagen: »Ich habe keine Ahnung!« Ohne dieses Todesritual, alte Wissensstrukturen bewusst sterben und in den Ozean von Nicht-Wissen zurückfließen zu lassen, sehe ich keine Möglichkeit, wie auch der beste Gemeinschaftsansatz auf Dauer wirklich mehr Leben generiert, statt sich nach und nach durch seine eigenen Traumata aufzufressen. Es geht darum, immer wieder das eigene Überfordertsein vom Abenteuer des Lebens zu zeigen und zu verkörpern.

Es gibt Gruppen, die sich bewusst hierarchiefrei organisieren, in denen es keine identifizierbare Führungspersönlichkeit gibt oder geben soll. Was können dort Momente sein, in denen das Projekt aus der Balance gerät?
Ich finde Führung nicht per se problematisch. Wenn wir zum Beispiel auf der Suche nach einem Wolfsrudel sind und du diejenige bist, die am besten Spuren lesen kann, dann folge ich dir. Sobald wir aber dort sind und das verletzte Wolfsbaby gefunden haben und es in Sicherheit bringen, kann ich als die Kräftigere von uns beiden das Tier besser tragen – dann folgst du mir. Das bedeutet, situationsabhängig entlang den Stärken und Fähigkeiten in der Gruppe temporär Führung zu etablieren – für fünf Minuten, für fünf Tage, für eine Wanderung durch die Wüste.
Wenn ich es aber – fixiert auf die absolute Gleichheit ­aller – ablehne, auch mal zu folgen und mich selbst eines Besseren belehren zu lassen, oder wenn ich es ablehne, als einzige in der Gruppe zu sagen, dass ich weiß, wo es langgeht, dann entsteht eine Atmosphäre, in der alle Angst voreinander bekommen, dann entsteht Angst, etwas falsch zu machen oder zu viel Raum einzunehmen. Im panischen Wegrennen vor dem Phänomen »Macht« werden alle immer stiller und vorsichtiger anstatt mutiger und experimentierfreudiger. Es wäre ja auch möglich, ruhig zu beobachten, wer in welchem Bereich gerade auf gute Weise machtvoll handeln kann.
Für mich ist es zeitgemäß, wichtig und heilsam, dass wir weniger langfristig auf ihre Rollen festgelegte Führungspersonen einsetzen. Ich bin überhaupt nicht dafür, dass jemand eine Gemeinschaft gründet und dann bis ans Ende aller Tage das Sagen hat. Aber das kollektive Machttrauma dieser Welt krampfhaft zu vermeiden, kann auf einer bestimmten Ebene nicht funktionieren, denn wir müssen auch in die Schattenbereiche hinein, um von innen heraus heilsame Erfahrungen damit zu machen.
Führungsqualitäten in eine Gruppe einzubringen, hat auch etwas Schönes, und ich bin dafür, dass wir diesen Bereich von Macht, von Führung, von Folgen ganz geschmeidig jeden Tag durch alle Situationen tanzen lassen – und dies ein bisschen mehr mit Unschuld, mit Spiel, mit Ausprobieren und mit vor­übergehenden Phasen.

Wie ließe sich dieses Pendeln zwischen Führen und Folgen auf eine lebendige und angemessene Weise kultivieren?
Neben dem Respekt vor dem Nicht-Wissen sehe ich eine Atmosphäre von Geborgenheit als wichtige Basis. Das kann in einer Gemeinschaft bedeuten, dass jeder Mensch täglich den Raum und die Selbstverständlichkeit von genug Berührungen ohne Hintergedanken, ohne Absicht und ohne Richtung bekommt, wenn er oder sie das möchte. Je mehr wir die Berührungssicherheit der Herde als eine tägliche Realität erleben, desto mehr schmilzt die Angst, aus der Herde ausgestoßen zu werden, wenn wir neue Seiten in uns entfalten. Wichtig ist die Sicherheit, dass jede und jeder so sein darf, wie sie oder er ist, auch im eigenen Seltsamsein.
Ebenso wesentlich für eine Gemeinschaft finde ich einen guten und körperlichen Umgang mit Angst. Eine Möglichkeit dafür ist zum Beispiel, sich jeden Morgen eine Viertelstunde lang zu Musik gemeinsam zu schütteln. Dabei lassen sich ganz bewusst die Fragen einladen: Was kann heute schiefgehen? Welches Gespräch, welche Beziehung, welche Entwicklung meines Kindes macht mir Sorgen? Im Schütteln können wir diese Angst spüren –spüren, wie wir nicht wollen, dass sich das Leben verändert – und dann loslassen.

Gerade mit dem Fokus auf Traumaheilung und Körperkontakt entstehen aber auch Gemeinschaften, die eine fragwürdige Dynamik entwickeln.
Ja, die Komplexität und die Klugheit von Traumata werden unterschätzt. Es wird oft nicht gesehen, wie sehr dies eine Gemeinschaftsgründung diktiert oder sogar anführt. Allein die gute Absicht von zwanzig Leuten reicht nicht aus, um einander Sicherheit und Liebe schenken zu können. Für eine Gemeinschaft, die Traumata kollektiv und individuell heilen will, ist die beste Absicherung, wenn es nicht die eine Lehrerin, nicht den einen Gründer und nicht die eine Methode gibt, sondern Offenheit für das Thema Traumaforschung und -heilung insgesamt. Sobald es aber heißt »dieses ist traumageheilt und jenes ist traumakrank«, entsteht eine übergriffige Struktur.

Wenn du Gruppen leitest, übernimmst du temporär Führung. Wie gehst du mit Projektionen und Machtdynamiken um?
Wir projizieren in jeder Situation unendlich viel auf andere und umgekehrt, selbst wenn wir das nicht wollen – auch ich. Vielleicht habe ich eines Tages das Glück, in meine massiven Projektionen mehr Einblick zu haben, aber die Demut vor dem Nicht-Wissen ist meine Absicherung. Indem ich Projektionen nicht zum Tabu mache, entsteht in meinen Gruppen eine Art Furchtlosigkeit im Ansprechen. Letztens haben mich zwei Assistentinnen darauf hingewiesen, dass ich manchmal sehr absolut in meinen Aussagen wirke. Ich war sehr dankbar dafür. Schließlich bin ich nicht weiter als andere, sondern nutze jeden Tag mein eigenes Leiden und Nicht-Zurechtkommen als Material. Ich sage deutlich, dass die Methoden, die ich weitergebe, für mich funktionieren, und lade dazu ein, sie auszuprobieren, sie zu prüfen – und wenn sie nichts bewirken, etwas anderes zu machen.

Wie gelingt dir die Orientierung am Nicht-Wissen, wenn sich dein Wissen über Traumata mit den Jahren ständig erweitert und verfestigt?
Mein Wissen ist nur ein rückwärtsgewandtes in Bezug auf alte Paradigmen und kollektive Glaubenssätze, die definitiv falsch sind. Ich weiß an den Stellen, an denen ich selbst eine Milliarde Mal in Sackgassen gerannt bin, wo sich welche befinden. Es ist Wissen über Unlebendigkeit. Mein Nicht-Wissen lässt dagegen die Frage, wie das Leben wirklich ist oder sein soll, immer bedeutungsloser werden. Ich betrachte das Leben mehr und mehr als kosmischen Tanz, den wir nicht verstehen, in den wir uns aber verlieben können und der Spaß machen kann. Aus dieser Perspektive kann ich Menschen Orientierung in Nebelfeldern geben. Meine These ist: Wenn wir Kultur verlernen, wissen wir alles, was wir brauchen. Bei meiner Arbeit geht es nur ums Loslassen von Konditionierung und überhaupt nicht darum, sich an ein neues Modell oder Konzept zu halten.

Was wäre ein Beispiel für eine solche Sackgasse?
Wenn ich als Seminarleiterin meine, mit Traumatisierungen umgehen zu können, indem ich Teilnehmende dazu einlade, »Stopp« zu sagen, wenn sich etwas nicht sicher oder gut in der Gruppe anfühlt. Menschen sind in der Lage, das zu signalisieren und eine Situa­tion zu verändern, bis sie sich wieder sicher fühlen – es sei denn, sie sind traumatisiert. Traumaheilung geschieht auf der Ebene von Nervensystemen, von tiefen Instinkten und von Gehirnbereichen, die unterhalb dessen liegen, was du als Maria König und ich als Ilan Stephani bezeichne. Es bringt also nichts, dem Verstand irgendwelche Spielregeln zu erklären. Entscheidend ist, dass ich ein Umfeld gestalte, das körperlich spürbar Geborgenheit spendet – mit einer liebevollen, geduldigen Atmosphäre, wo die Richtung, in die es gehen soll, nicht vorgegeben ist. In so einem Raum ist kein Stoppsignal nötig; es ist möglich, frei heraus zum Beispiel zu sagen: »Ich merke gerade, dass ich irgendwie nervös bin. Ich glaube, ich setze mich mal hin. Ah, jetzt ist es besser.« Wenn das Nervensystem einen sicheren Raum bekommt, hat es die Chance, sich selbst zu reparieren.

Wäre es demnach für eine Gruppe von Menschen sinnvoller, statt Spielregeln auszudiskutieren, langsamer zu werden und mehr zu lauschen?
Ja, und wir können auch körpertherapeutische Tricks anwenden, um dieses Langsamer-Werden, Lauschen und Nicht-Wissen einzuladen. Alle Anwesenden könnten zum Beispiel gemeinsam zwischen zwei Redebeiträgen siebenmal ganz tief durch den Mund einatmen und beim Ausatmen brummen. Das Brummen aktiviert mehr Nervenzellen im Bauchgehirn, dadurch entstehen Beruhigung und Erdung. Nehmen wir an, jemand erzählt, dass die Zimmernachbarin schnarcht und sie oder er ein anderes Zimmer braucht. Die Person hat Angst, von den anderen für anspruchsvoll gehalten zu werden. Dann wird durch das gemeinsame Brummen physiologisch erlebbar: »Ah, die scheinen gerade nicht drauf und dran zu sein, mich auszustoßen, interessant.« Das muss mein Nervensystem spüren. Wenn aber alle darüber reden, wer denn dann neben dieser Schnarcherin schlafen soll, kommt es zu einer Art von Überaktivierung. Alle Beteiligten glauben dabei, es gehe um etwas Inhaltliches – aber es geht nie um den Inhalt, sondern um die Energie im Nervensystem, für die das, worüber wir sprechen, nur eine Verpackung ist.

Entstehen solche Dynamiken auch in Gruppen, die sich beispielsweise pragmatisch für die Senkung von Mieten engagieren oder eine Food-Coop gründen? Oder für Menschen, die vereinzelt in einer Stadt leben und sich zu einer Herde zugehörig fühlen wollen, ohne sich einer festen Gemeinschaft oder einem festen Projekt zuzuordnen?
Das Motiv »Lasst uns gemeinsam eine kraftvolle, sichere Erfahrung machen, die unser Glücklichsein und unsere Lebendigkeit fördert!« ist für alle gleich; ebenso die kollektive Wunde – dass wir meinen, uns zwischen Zugehörigkeit zur Herde und Anpassung auf der einen und Autonomie und dem Gefühl, ganz ich selbst sein zu können, auf der anderen Seite entscheiden zu müssen. In jeder Situation, auch wenn ich nur im Supermarkt einkaufen gehe, ist dieses Trauma spürbar, aber nicht unbedingt aktiviert. Je nach Intensität des Gruppenprozesses ergibt sich ein gradueller Unterschied im Maß dieser Aktivierung. Es ist etwas anderes, ob ich nach einem Streit nach Hause gehen und die Tür schließen kann, oder ob ich mein Revier auf einem Gemeinschaftsgelände mit anderen teile und es herausfordernd ist, mich gut abzugrenzen.

Inwiefern sind intakte Grenzen Voraussetzung, um mit anderen gut in Verbindung kommen zu können?
Das ist bei Wildtieren ziemlich gut erforscht. Treffen sich beispielsweise ein Tiger und eine Tigerin, überprüft sie als erstes: »Wird dieses Tier stoppen, wenn ich ein Stoppsignal gebe?« Wenn er ihre Grenzen nicht respektiert, hat sie per se kein Interesse an einer weiteren Art von Kontakt – und andersherum dasselbe. Tiere überpüfen als ersten Punkt: Bin ich sicher mit dir? Wirst du mein Nein akzeptieren? Als Menschen haben wir deshalb einen hohen Aufwand mit dem Herstellen von Gemeinschaft, weil wir die Grundlagen von Nicht-Gemeinschaft und Abgrenzung nicht herstellen können. Der Instinkt für Liebe, Kontakt, für friedliche, glückliche, heilsame Gemeinschaften, ist in dir. Um den musst du dich gar nicht kümmern. Worum du dich aber wirklich kümmern musst, ist der Umgang mit deinen Grenzen und deinem Nein-Sagen. Wenn ich keine intakten Grenzen habe, kann ich mich nicht sicher fühlen. Daraus folgt die Überlebensstrategie, sich zu isolieren – und diese Isolation haben sich in dieser Gesellschaft 99 Prozent aller Menschen antrainiert. Unsere Norm aus Leistungsgesellschaft, in Kleinfamilie, in einer Wohnung – das ist meiner Meinung nach hochpathologisch, ein flächendeckendes Traumasymptom. Wir wären viel verbundener in Gemeinschaft und mit allem anderen, wenn wir nicht in Bezug auf Abgrenzung und das Gefühl innerer Sicherheit ein solches Problem kreiert hätten.

Das heißt, mit der Isolation ist das Trauma erst einmal still­gelegt, bis wir beginnen, uns in Gruppen und Projekten zu engagieren. Dann werden die Traumastrukturen aktiviert, und wir müssen durch diese Wellen von Abgrenzung und Annährung gehen.
Richtig. Eine Gemeinschaft, die sich wünscht, dass Menschen organisch zusammenwachsen, muss viel mehr Achtsamkeit auf den Punkt legen: Trauen sich die Menschen, sich voneinander zu unterscheiden, abzugrenzen, Nein zu sagen? Wenn die Angst, aus der Herde ausgestoßen zu werden, dazu führt, dass ich mich in meiner Abgrenzung zurückhalte, habe ich das Problem, dass ich das Vertrauen und die Sicherheit in die Gemeinschaft verliere. Um Liebe zu fördern, müssen wir die Wege des Nicht-Liebens aus dem Schatten holen, erlauben und erforschen. Um eine Gemeinschaft zum Blühen zu bringen, sollten wir die Wege der Nicht-Gemeinschaft lieben. Wir müssen es heiligsprechen, dass sich jemand abgrenzt. Je mehr eine Gemeinschaft unterstützt, dass Menschen sich als Individuen voneinander unterscheiden, desto mehr Raum bekommt der Instinkt »diese Gemeinschaft ist das Heilsamste der Welt, ich liebe sie, ich bin ein großzügiges soziales Gemeinschaftswesen«.

Das ist ein gutes Schlusswort. Ich danke dir herzlich für das ­intensive Gespräch!

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