Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Wir alle leben in Entwicklungsländern

Warum der Begriff »Entwicklung« im Kern mit kolonialistischen Denkmustern verknüpft ist.

von Kristin Langen , erschienen in 54/2019

Bild

Wo sich etwas entwickelt, da passiert etwas, da geht es voran. Es fliegen die Hobelspäne, die Köpfe rauchen, und etwas Neues wächst. Eine Idee wird zu einem Projekt, ein junger Mensch zu einem alten Menschen, eine Fähigkeit wird mit viel Übung bis zur Perfektion weiterentwickelt. Das Gegenteil von Entwicklung scheint der Stillstand oder Rückschritt zu sein.
So positiv sich im ersten Moment der Begriff der Entwicklung darstellt, so nötig ist ein kritisch-differenzierter zweiter Blick. Denn immer dann, wenn etwas entwickelt ist, gibt es dazu auch ein weniger entwickeltes Gegenstück. Wird der Begriff der Entwicklung nicht auf Projekte oder Objekte bezogen, sondern auf soziale Kategorien, wird eine Hierarchie zwischen »entwickelten« Menschen(-Gruppen) und »weniger entwickelten« geschaffen. Mir persönlich ist diese Gefahr besonders bewusst geworden, als ich vor einigen Jahren ein Freiwilliges Soziales Jahr in Ecuador absolvierte. Als weiße Deutsche sollte ich im südlichen Ecuador »Entwicklungshilfe« leisten. Schnell kam für mich die Frage auf, wie ich einem Land und seinen Bewohnern auf Augenhöhe begegnen könne, wenn gleichzeitig davon gesprochen wird, dass es sich angeblich um ein »weniger entwickeltes« Land als mein Herkunftsland handle. Unter Einfluss verschiedener sozialer Bewegungen in Ecuador und insbesondere der indigenen Bevölkerung gab sich dieses Land 2008 eine neue Verfassung. Seitdem ist nicht nur der Mensch ein Rechtssubjekt in der ecuadorianischen Rechtsprechung, sondern auch die Natur. Im Grundsatzpapier heißt es: »So, wie die soziale Gerechtigkeit im 20. Jahrhundert die Achse der sozialen Kämpfe war, so wird dies im 21. Jahrhundert immer mehr die Umweltgerechtigkeit sein, mit der Natur als Rechtssubjekt.« Dass ein Land, das auf solche Weise Ökologie in seine Verfassung einschließt, als weniger entwickelt gilt als Industrieländer, erschien und erscheint mir absurd.
Mit der Zeit und durch die Beschäftigung mit Kolonialgeschichte ist mir deutlich geworden, dass die Erzählung von Entwicklung Machtverhältnisse legitimieren kann. Die Herrschenden legitimieren ihre Macht darüber, dass sie weiter entwickelt seien als die »unterentwickelten« Beherrschten. Dieser Zusammenhang wird besonders deutlich mit Verweis auf den europäischen Kolonialismus. Die koloniale Herrschaft wurde durch die Abwertung kolonialisierter Gesellschaften bei gleichzeitiger Konstruktion der eigenen Höherwertigkeit legitimiert. Diese Konstruktion basierte auf der Vorstellung eines grundlegenden Unterschieds zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten. Es wurden »Rassen« als biologisch verschiedene Kategorien erfunden und verfestigt: Die nicht-europäischen »Anderen« wurden gelb, rot, braun und schwarz – und die Europäer immer weißer. Weißsein galt als naturgegebene Herrschaftskategorie.

Minderwertig und entwicklungsfähig
Zur Legitimation der kolonialen Herrschaft wurden die Kolonialisierten als grundlegend »fremd« und »primitiv« klassifiziert. Die Konstruktion einer Gruppe als »anders« (Othering), beschrieb der US-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem Werk »Orientalismus« (1978). Während der Orient als rückständig, irrational und despotisch charakterisiert wurde, wurde der Okzident als fortschrittlich, rational und liberal klassifiziert. Durch die Konstruktion eines Orients und die Homogenisierung und Stereotypisierung der Region und ihrer Bewohner konnte Europa sich eine eigene Identität schaffen. Diese Form der Darstellung diente nach Said dazu, politische Ausschlüsse zu legitimieren. Der aus Martinique stammende Psychoanalytiker Frantz Fanon beschrieb 1952 in seinem Werk »Schwarze Haut, weiße Masken« die traumatisierende Wirkung dieser Charakterisierung auf die Kolonialisierten. »Der schwarze Mensch erscheint aus der Perspektive des Weißen als minderwertig, aber umgekehrt ist der Weiße mit seinen ›Errungenschaften‹ Zivilisation, Kultur, kurz Intellekt, nachahmenswert«, stellt Fanon fest. Diese Wahrnehmung führt nach Fanon zu einer neurotischen Situation, einer Entfremdung von sich selbst und von der eigenen Gemeinschaft. Die europäische Herrschaft zerstörte so nicht nur die ökonomischen, sondern auch die kulturellen Strukturen der kolonialisierten Regionen. Der Mohawk-Älteste Tom Porter (siehe Seite 38) beschrieb bei seinem Besuch in Deutschland im vergangenen Mai die Kolonialisierung als eine mit Alkoholismus vergleichbare Krankheit: »Die kolonialiserte Person mag sich über ein Jahrzehnt als ›trocken‹ wähnen, und dennoch kann sie mit einem Mal hinterrücks durch tiefsitzende, über Generationen verinnerlichte kulturelle Minderwertigkeitsgefühle überwältigt werden.«
Mit der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien im 20. Jahrhundert wandelte sich das Bild. Die vorher als »fremd« deklarierten kolonialisierten Regionen wurden nun als »entwicklungsfähig« angesehen, und eine »nachholende Entwicklung« nach westlichem Vorbild schien denkbar. Damit kam in den 1950er Jahren die Entwicklungsforschung auf. Kern ihrer Theorie war die Frage, wie sich die ehemaligen Kolonien produktiv verändern könnten. Einflussreiche Wissenschaftler wie der Ökonom Walt Whitman Rostow in den 1960er Jahren postulierten damals einen linearen Entwicklungspfad, dem angeblich alle Länder folgen. An seinem Beginn stehe die traditionelle, von Subsistenzwirtschaft geprägte Gesellschaft, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg zum »Zeitalter des hohen Massenkonsums« transformieren würde. Diese Vorstellung orientierte sich am Aufstieg der USA und Europas zu den wirtschaftlich dominanten Weltregionen. Die Länder des Südens wurden als »Aufholende« oder »Schwellenländer« deklariert, die sich auf geradezu natürliche Weise von ihren »Traditionen« hin zur »Moderne« entwickelten. Der Sozial­wissenschaftlerin Sabine Schröder und ihrem Kollegen Lukas Schmidt zufolge steht im Mittelpunkt dieses Ansatzes eine Vorstellung von Moderne, die sich unter anderem durch Wirtschaftswachstum, Fortschritt, Effizienz und die freie Entfaltung des Individuums, das durch Demokratie und Rechtsprechung abgesichert ist, äußert.
Die Politikwissenschaftlerinnen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan ergänzen: »Quer durch das koloniale Spektrum hindurch wurden europäische Technologien und Wissen als Symbole eines wünschenswerten Fortschritts verstanden. Sichtbar wird hier die komplizenhafte Beziehung zwischen den Diskursen der Moderne sowie der Aufklärung und der kolonialistischen Vereinnahmung. Rationalität, Humanismus und Moral werden bis in die Gegenwart allesamt als erstrebenswerte europäische Tugenden angesehen, die den Kolonien gewissermaßen als ›Geschenk‹ überreicht wurden.«

Kritik und Achtsamkeit
Mit dem Begriff »Entwicklung« werden dem Politikwissenschaftler Aram Ziai zufolge abstrakte, als positiv wahrgenommene Prozesse beschrieben, die in einigen Regionen stattgefunden haben und in anderen nicht. Dieses Denken hält zum Teil bis heute an. Die Prozesse, die in Europa und dem weißen Teil Nordamerikas stattfanden, werden zur historischen Norm erklärt, und ihr Ausbleiben oder ihre Unvollständigkeit werden als erklärungsbedürftig beschrieben. Dabei geschieht eine perfide Umwidmung: Die Ursprünge des Reichtums des ­globalen Nordens werden nicht als Folgen des Kolonialismus erkannt, sondern mit Fortschrittsdenken und Rationalität in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang zwischen »unserer« Entwicklung und »ihrer« Ausbeutung wird vernachlässigt, wie Mariá Varela und Nikita Dhawan ­schreiben.
Trotz allem ist das Konzept der linearen Entwicklungspfade bis heute weit verbreitet; nach wie vor existiert die Kategorie »Entwicklungsland«. So veröffentlichen die Vereinten Nationen beispielsweise jedes Jahr eine Rangliste, in der Staaten gemäß ihrer Entwicklung sortiert sind (Human Development Index). Wie kann also eine postkoloniale Erzählung aussehen, die rassismuskritisch die Veränderung von Gesellschaften beschreibt?
Vor dem Hintergrund der hier referierten Entwicklungskritik formierte sich Ende der 1980er Jahre eine neue wissenschaftliche Strömung: Post-Development. Unter diesem Begriff werden Theorien, Autorinnen und Autoren gefasst, die Entwicklungstheo­rien radikal ablehnen. Sie suchen stattdessen Alternativen im Rückgriff auf lokales, indigenes, präkoloniales Wissen und nichtinstitutionalisierte Graswurzelbewegungen. Dabei denken sie an freie, solidarische, nichtkapitalistische Gesellschaftsentwürfe, Konzepte, Denkanstöße und Utopien.
Von verschiedenen Seiten wird den Post-Development-Ansätzen allerdings vorgeworfen, romantisierend, bevormundend und kulturrelativistisch zu sein. Kulturrelativistische Positionen gehen davon aus, dass Kulturen grundlegend unterschiedlich sind und nicht verglichen werden können. Dies steht im Gegensatz zu universalistischen Positionen, die betonen, dass es gemeinsame Werte gibt, die sich auf alle Menschen beziehen. Aram Ziai bezeichnet Post-Development-Ansätze, die »lediglich auf umgekehrten, antimodernen oder antiwestlichen Werten und Praktiken aufbauen, aber immer noch den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben«, sogar als »autoritär«. Trotz der vielfältigen Kritik haben die Post-Development-Ansätze das Potenzial, den »Entwicklungskonsens« in Frage zu stellen. Mit ihrer Kritik an der Machtposition des globalen Nordens werfen sie wichtige Fragen nach Möglichkeiten und Formen einer solidarischen Zukunft auf.
Ich empfinde es als wichtig, Herrschaftsverhältnisse im Entwicklungsdiskurs zu benennen, ohne indigene Lebensrealitäten zu idealisieren. Als ich vor wenigen Jahren bemerkte, dass ich mir trotz einer intensiven Beschäftigung mit politischen Strukturen nie Gedanken über den deutschen Kolonialismus gemacht hatte und die ehemaligen deutschen Kolonien nicht benennen konnte, wurde mir bewusst, welch untergeordnete Rolle Kolonialgeschichte hierzulande spielt. Dabei sind bis heute die globalen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse maßgeblich durch den europäischen (Neo-)Kolonialismus geprägt. Dass Länder und ihre Bewohner in »entwickelt« und »unterentwickelt« aufgeteilt werden, ist Ergebnis ebendieser Geschichte. Neben der Legitimation von Machtstrukturen wird hierdurch eine Aufteilung der Welt in klar voneinander abgrenzbare Kategorien vorgenommen und ignoriert, dass die Welt ein Ort voller sich überschneidender, hybrider Räume ist, die einander beeinflussen und nicht klar abgrenzbar sind. Die diskriminierenden Strukturen werden insbesondere durch Sprache manifestiert. Erst, wenn Länder nicht mehr als »unterentwickelt« bezeichnet werden, können sie auch als ebenbürtig wahrgenommen werden.
Wo sich etwas entwickelt, da geht etwa voran, etwas Neues erwächst. Es ist Zeit, gemeinsam eine sozial-ökologische, solidarische Zukunft zu entwickeln, die offen gedacht wird, statt weiter kolo­nia­le Denkmuster zu reproduzieren. Wir alle entwickeln uns jeden Tag, wir alle leben in Entwicklungsländern.

 
Kristin Langen (26) hat nach einer Wanderzeit das Studium Individuale mit Schwerpunkt in Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Lüneburg absolviert. Sie produzierte währenddessen den Podcast »GesprächsKultur« und steigt jetzt in den (Radio-)Journalismus ein.
www.mixcloud.com/GespraechsKultur

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!