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Frei von Diskriminierung?

Ein Austausch des Redaktionskreises zu ­ rasissmuskritischer Sprache.

von Andrea Vetter , Jochen Schilk , Kristin Langen , Matthias Fersterer , erschienen in 54/2019

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In der letzten Ausgabe sind mir in einem Beitrag die Begriffe »­indianisch« und »Häuptling« aufgefallen. Beide sind meines Erachtens zu Recht umstritten, weil sie rassistischen, kolonialistischen Kontexten entstammen. Könnten wir sie nicht durch andere ersetzen? Ich weiß von Menschen, die Oya nicht lesen wollen, weil solche Wörter bei uns vorkommen. Ich würde gerne einen Austausch zu den exakten Wörtern, mit denen wir »indigene« Lebensweisen beschreiben wollen, führen.  Andrea Vetter


Ich habe mir gerade das von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard herausgegebene Buch »Wie Rassismus aus Wörtern spricht« gekauft und möchte mit euch teilen, was Susan Arndt darin zum Begriff »Häuptling« schreibt: »Die Unterwerfung des Kolonialismus und das Ausüben politischer Herrschaft in kolonialen Kontexten erfolgten unter anderem durch das bewusste Ignorieren politischer Strukturen kolonialisierter Gebiete. Damit ist ein wesentlicher Entstehungskontext für das deutsche Wort ›Häuptling‹ umrissen, denn es bezeichnet in der Regel ganz pauschal diverse Machthaber_innen und Politiker_innen kolonialisierter Gesellschaften in den Amerikas, in Afrika und im pazifischen Raum, findet sich jedoch auch in Konstruktionen des Antiziganismus. Der Begriff [...] fungiert als Markierung eines Herrschers, der (und hier spricht allein die weiße westliche Sicht) nicht ernst zu nehmen, weniger bedeutsam und keineswegs gleichberechtigt oder ebenbürtig mit Machthaber_innen in Europa ist.«
Zu »Indianer« schreibt Noah Sow in demselben Band: »›Indianer‹ nimmt eine vollkommen uniforme und deshalb vollkommen willkürliche Zusammenfassung verschiedenster geografisch und kulturell diverser Gesellschaften in Amerika vor, um diese gewaltsam im künstlich geschaffenen Kontext eines rassistischen Großkonstrukts zu verorten.« Weiter wird dort auf die Verortung von »als ›Indianer‹ bezeichneten Menschen oder Kollektiven als ›naturverbunden-an-sich‹« sowie auf »esoterische Mystifizierungen als ›edle Wilde‹ oder ›spirituelle Expertinnen‹« hingewiesen.
Zum Begriff »indigen« schreibt Susan Arndt weiter: »Im herrschenden Sprachgebrauch ersetzen die Begriffe ›indigen‹ oder ›Indigene_r‹ lediglich die kolonialistischen Termini ›eingeboren‹ oder ›Eingeborene_r‹. Als semantische Entsprechung ist ›indigen‹ kein vermeintlich ›neutralerer‹ Begriff, da er, ebenso wie sein älteres Pendant, ausschließlich diverse außereuropäische Menschen und Gesellschaften bezeichnet und diesen, nunmehr implizit, ›Rückständigkeit‹ und ›Primitivität‹ unterstellt.«
Wäre es möglich, in der nächsten Oya Begriffe wie »indianisch« oder »Häuptling« nochmal einzuordnen? In meinem Text »Wir alle leben in Entwicklungsländern« (siehe Seite 46) verwende ich den von Susan Arndt ebenfalls kritisierten Begriff »indigen«, weil mir bislang keine Alternative eingefallen ist. Damit wir nicht Gefahr laufen, koloniale Denkmuster zu reproduzieren, freue ich mich über weiteren Austausch.  Kristin Langen


Ich finde diese Überlegungen wichtig – eine (selbst-)kritische Haltung zu Sprache und einen bewussten sprachlichen Umgang zu kultivieren, ist ein wichtiger Wesenszug von Oya.
So sehr ich es begrüße, Begriffe wie »Häuptling« oder »India­ner« kritisch zu hinterfragen und, soweit möglich, aus unserem Sprachgebrauch zu streichen, so unangemessen finde ich es, den Begriff »indigen« pauschalisierend als Marker exotisierender Andersheit abzuurteilen. »Indigenität« ist für mich ein zentraler Oya-Begriff. Dabei geht es nicht um eine romantisierende Stigmatisierung bestimmter ethnischer Gruppen als »edle Wilde oder spirituelle Experten« (Noah Sow), sondern um eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Natursein des Menschen und mit dem Umstand, dass Menschen vor allem anderen, als das sie sich selbst auch noch wähnen mögen – Kulturwesen, Krone der Schöpfung, Parasit der Erde, Wolf unter Wölfen etc. – auch und vor allem natürliche Wesen in einer natürlichen Welt sind: »Wir sind Natur – was sonst?!« habe ich das einmal in der Kürze einer Artikelüberschrift zu fassen versucht (siehe Oya 43).
In Oya haben wir uns seit jeher mit »Indigenität« auseinandergesetzt und dabei deutlich gemacht, dass wir diesen Begriff nicht als verklärende Zuschreibung für außereuropäische ethnische Gruppen verwenden, sondern als anthropologische Konstante: Ob wir es wollen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht – wir sind in einem ganz stofflichen Sinn indigen, sind der einen Erde eingeboren (siehe »Indigenität« auf Seite 38). In der ersten Ausgabe von Oya hat Johannes Heimrath folgende »unbeantwortete Frage« gestellt: »Wenn wir Kinder der Erde sind, wie kommt es dann, dass wir glauben, die Erde gehöre uns, und nicht erkennen, dass wir der Erde gehören?« – Das daraus sprechende Verständnis von Indigenität kann ich bis heute als ein zentrales Anliegen von Oya unterschreiben. (Ich würde lediglich das Verb »gehören« durch »zueignen« ersetzen: So wie Kinder nicht ihren Eltern gehören, gehören auch wir nicht der Erde, sondern gehören zu ihr, sind ihr zugeeignet.)
Nun können wir jedoch nicht im landläufigen Sinn Weltbürger sein, sondern können unsere Zugehörigkeit zur Erde – selbst dann, wenn wir uns ein »planetares Bewusstsein« der einen oder anderen Couleur zulegen – nur an einem konkreten Ort erfahren. Dieser Umstand ist nicht an sesshafte Lebensweisen gebunden, denn auch nomadisch lebende Menschen eignen sich konkreten Landschaftsräumen zu und sind auf einer tiefen Ebene durch diese geprägt. Damit sage ich nicht, »Territorien ließen sich über Sprache sowie mittels homogenisierender Vorstellungen von Kultur, Religion oder gar Mentalität definieren« (Susan Arndt), sondern möchte vielmehr dazu einladen, das Augenmerk auf den Umstand zu richten, dass Menschen nicht als frei flottierende, autonom handelnde und grundsätzlich unterschiedslose Individuen existieren, sondern auf komplexe, vielschichtige und wechselseitige Weise in eine »mehr-als-menschliche Welt« (David Abram) eingebunden – und hineingeboren – sind und durch diese in all ihrer Vielfalt geprägt werden. »Indigenität« als bloße kolonialistische Konstruktion darzustellen, wird diesem Umstand  nicht gerecht.
Neben der wichtigen Frage, welche Begriffe wir verwenden, gilt es auch zu prüfen, wie – also, aus welcher Haltung – wir diese gebrauchen. Ich finde es interessant, dass der Mohawk-Älteste Tom Porter selbst Begriffe wie »Irokese« ­(iroquois), »Indianer« (Indian), »Stamm« (tribe) und eingeschränkt auch »Häuptling« (chief) verwendete. Auf eine entsprechende Nachfrage antwortete er: »Nennt mich, wie ihr wollt. Ich wurde schon alles mögliche genannt, und ich weiß genau, wer ich bin«. Das nur nebenbei – ich möchte damit nichts relativieren und bin mir dessen bewusst, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Selbstbezeichnung und Fremdbezeichnung gibt.  Matthias Fersterer


Die Gefahr, dass wir als Redaktion in koloniale Denkmuster verfallen, sehe ich nicht. In unseren Zusammenhängen dürfte es, wenn überhaupt, eher eine Tendenz dazu geben, indigene Gesellschaften zu idealisieren, was zu fragwürdigen Formen kultureller Aneignung führen kann – doch in diesem Bereich scheint mir in den vergangenen Jahren viel Bewusstseinsbildung stattgefunden zu haben. Ich möchte noch meine Gedanken zu einigen der angesprochenen Begriffe mit euch teilen.
»Edle Wilde«: Ich kenne die Diskussion um die damit verbundene Sichtweise seit meinem kurzen akademischen Ausflug in die Ethnologie (1995–97), bin mir also durchaus der Gefahren bewusst, bestimmte Ethnien zu idealisieren. Dennoch glaube ich, im Lauf der Zeit eine differenzierte Sicht gefunden zu haben. Heute würde ich sagen, dass es durchaus Völker gibt, deren Lebensweise in sozialer und ökologischer Hinsicht als ideal beschrieben werden kann. Als ein guter Gradmesser erscheint mir hier die Zuordnung in das Schema von »(eher) matriarchal« bis »(eher) patriarchal«.
»Häuptling«: Es ist sicherlich gut, Begriffe wie »Häuptling« nicht gedankenlos zu verwenden, weil damit viele historische Missverständnisse verbunden sind, nicht wenige davon absichtliche Missverständnisse. Aber auch wenn alternativ etwa von »Führer« oder »Anführerin« (leader) die Rede ist, muss gefragt werden: Ist das eine Führungsperson im matriarchalen oder im patriarchalen Sinn? (Siehe »Matrilineares Clansystem« auf Seite 40.)
Grundsätzlich sehe ich bei all den alten und ebenso bei den neuen Begriffen, die mit dem Fremden/Anderen zu tun haben, immer die Gefahr, dass »wir« sie unbewusst mit unseren Ängsten oder Sehnsüchten überfrachten. Die bloße Verwendung anderer Begriffe, ohne sich genau kundig zu machen, worüber mensch da eigentlich spricht, und ohne den eigenen Hang zur Projektion zu kennen (!), wird also nicht zu gerechter und sensibler diskriminierungsfreier Sprache, sondern nur zu weiteren Unschärfen und Missverständnissen führen.  Jochen Schilk


Welche Sprache wir verwenden, folgt nicht nur aus der Frage, wie wir als Redaktion Wörter einschätzen, sondern auch aus der Frage, wen wir als unsere Leserschaft begreifen. Ich finde es wichtig, dass auch Menschen, die selbst Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Herkunft gemacht haben, Oya ohne unangenehme Lektüreerfahrungen lesen können. Außerdem würde ich mich freuen, wenn insgesamt Menschen, denen diskriminierungssensible Sprache wichtig ist, Oya für sich entdecken könnten. Das betrifft meiner Einschätzung nach sehr viele Menschen aus einem linkspolitischen Spektrum und generell viele studierte Leute unter 30 Jahren.
Ich möchte zur Frage der Selbstbezeichnung noch etwas hinzufügen. Ich denke nicht, dass es möglich ist, von einem Menschen auf andere zu schließen. Natürlich gibt es auch Frauen, die über sexistische Herrenwitze lachen. Das macht den Witz nicht besser. Ich habe den Eindruck, dass Sprachwahrnehmung auch viel mit Generationen zu tun hat, die diese Fragen teils ganz unterschiedlich betrachten. Dass Tom Porter gesagt hat, ihm sei es egal, wie man ihn nenne, ist die Sichtweise eines älteren Mannes. So wie ich die Diskussion wahrnehme, formulieren jüngere Menschen mit solchen Erfahrungen das ganz anders. Ich glaube, da hat sich in den vergangenen zehn Jahren diskursiv sehr viel bewegt.
Wir sind ein ausschließlich weißer Redaktionskreis mit entsprechend eingeschränktem Blickwinkel. Aufgrund unserer Privilegien profitieren wir massiv von rassistischen Strukturen – und das seit vielen Generationen. Unsere Lebensweise beruht auf der Ausbeutung von Menschen, die zu »Anderen« gemacht wurden. Ich möchte diese Diskussion daher mit Demut und Respekt für Menschen, die rassistische Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, führen.  Andrea Vetter


Demut ist bei diesem Thema essenziell. Als Erbinnen und Vertreter kolonialistischer bzw. neo-kolonialistischer Gesellschaften spüre ich da auch eine besondere Verantwortung für uns. Vor eben diesem Hintergrund sehe ich aber noch eine weitere Verantwortung und einen weiteren Grund zur Demut: Kolonialistisches Denken beruht nicht nur auf offenkundiger Unterwerfung und Ausbeutung, sondern auch auf dem pädagogisierenden Impetus, die jeweils »Anderen« mit den Vorzügen des jeweils Eigenen zwangsbeglücken zu wollen. Dieses Motiv zieht sich als roter Faden durch Missionsarbeit, Entwicklungszusammenarbeit und staatliches Schulwesen. Eine solche Haltung möchte ich niemandem aus unserem Kreis unterstellen, und ich sage damit auch keineswegs, dass es gleichgültig sei, welche Begriffe wir verwenden. Vielmehr möchte ich dazu einladen, die je eigene Haltung zu hinterfragen und Begriffe weder ­unreflektiert zu gebrauchen noch unreflektiert zu tabui­sieren.  Matthias Fersterer


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