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Frieden stiften und bewahren

Matthias Fersterer und Lara Mallien reflektieren ein Gespräch zwischen dem Journalisten Claus ­Biegert und dem Mohawk-Ältesten Tom Porter über die Konfliktkultur und Friedens­tradition der ­Irokesen-Konföderation.

von Claus Biegert , Lara Mallien , Matthias Fersterer , Tom Porter , erschienen in 54/2019

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© Foto: public Domain/ www.archive.org

Im vergangenen Herbst schrieb unser Freund Claus Biegert: »Bei meinem letzten Besuch in Onondaga traf ich Tom Porter, einen Sprecher der Mohawk. Im Mai will er nach Europa kommen. Ich habe gedacht, es wäre gut, wenn seine Tour bei euch in Klein Jasedow beginnt.« Der Journalist und Aktivist Claus Biegert (siehe Seite 36) ist seit Jahrzehnten ein Vertrauter und Fürsprecher der Haudenosaunee (Menschen des Langhauses), wie die sechs Nationen der Irokesen-Konföderation – ursprünglich die Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und später die Tuscarora – sich selbst bezeichnen (siehe »Von den weißen Wurzeln des Friedens«, Oya 5). Claus engagiert sich für die Rechte indigener Völker in aller Welt. 1992 war er Mitinitiator des »World Uranium Hearing«, eines gewaltigen, nachhaltig beeindruckenden Tribunals, in dem vom Uranabbau betroffene Indigene aus allen Kontinenten ihr Leid in die Öffentlichkeit tragen konnten. Daraus entstand der »Nuclear Free Future Award«, der seither an Menschen verliehen wird, die für eine Welt ohne Atomwaffen und Atomenergie eintreten (siehe »Atomfreie Regionen«, Oya 50). Wir fühlten uns von Claus’ Anfrage geehrt, sahen uns aber nicht imstande, eine größere Veranstaltung zu organisieren. Stattdessen schlugen wir einen privaten Besuch in unserer Gemeinschaft vor. »Genau daran hatte ich auch gedacht«, antwortete Claus.
Als Tom Porter Anfang Mai in Begleitung seines Sohns Aronienens, genannt Henes, in Klein Jasedow eintraf, stellte sich augenblicklich Vertrautheit ein. Wir waren von Anfang an über alltägliche Dinge im Gespräch: »Haltet ihr Tiere?«, war eine der ersten Fragen von Tom. Also unternahmen wir einen Spaziergang zu unserer Schafweide und freuten uns an den jungen Lämmern. Der Austausch fühlte sich nicht anders an als jener mit unserem vorpommerschen Nachbarn Paul Martschinke, dem irischen Landwirt Jimmy Carr oder Thomas Zschornak, dem Bürgermeister der sorbischen Gemeinde Nebelschütz. Gemeinsam ist diesen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Kontinenten, dass sie mit ihrem jeweiligen Lebensort und ihren lebendigen Traditionen tief verbunden sind und waren.
Am Tag darauf fand ein Gespräch zwischen Tom und Claus im Klein Jasedower Klanghaus statt. Toms Sohn Aronienens er­öffnete den Dialog mit einem Vers aus dem »Freundschaftslied«, den er kraftvoll sang und dazu die Wassertrommel schlug.

Claus Biegert  Ihr seid nicht nur hier, um Freundschaftsbande zu erneuern, sondern kommt zu einer Zeit, in der wir eine starke Partnerschaft mit indigenen Völkern brauchen. Welche Botschaften habt ihr im Gepäck?
Tom Porter  Meine Beobachtung der Welt hat mich gelehrt, dass alle Menschen »indigen« sind: Ganz gleich, ob irisch, polnisch, deutsch, ob jemand ein Mohawk, Seneca oder Lakota ist – alle Menschen kommen ursprünglich aus einer indigenen Tradition. Als die Welt neu war, erhielten alle Menschen dieselben Lehren darüber, wie wir auf dieser heiligen Erde leben sollen, und manche leben noch heute nach diesen universellen Wahrheiten.

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© Foto: Manoel Eisenbacher

Indigenität
Zu Toms Verständnis von Indigenität spürten wir unmittelbare Resonanz. Wenn wir in Oya den Begriff »indigen« verwenden, dann tun wir dies ausdrücklich nicht im romantisierenden Sinn des »edlen Wilden«, sondern in einem stofflichen Sinn, der ethische Konsequenzen hat: Alle Menschen sind Eingeborene der Erde, und sind in ein vielfältiges Netz aus gegenseitiger Bezogenheit eingebettet. Daraus erwächst Verantwortung für das große Ganze. Dem neuseeländischen Psychologen Mason Durie zufolge bedeutet Indigenität eine »auf Dauerhaftigkeit angelegte Beziehung zwischen menschlichen Bewohnern und ihrem spezifischen natürlichen Lebensraum«. So betrachtet, können auch eine alpine Bergbäuerin oder ein Musiker, der traditionelle Volksweisen spielt, als der Erde eingeboren bezeichnet werden. Wie wir schon oft erfahren durften, hat diese tiefe Bezogenheit auf einen konkreten Ort oder (halb-)nomadisch bewohnten Landschaftsraum nichts mit Abschottung und Separation zu tun, sondern geht mit grundsätzlicher Weltoffenheit und Gastlichkeit einher – wer sich selbst ganz zugeeignet ist, kann sich auch offen und selbstbewusst dem Anderen, dem Fremden zuneigen.


TP  Was meine ich mit »universellen Wahrheiten«? Zum Beispiel die Sonne: Würde sie zu scheinen aufhören, könnten die Menschen nicht leben und die Bäume nicht wachsen – das ist eine universelle Wahrheit. Der Wind, der aus den vier Himmelsrichtungen weht, der im Sommer die kühle Brise und den Regen bringt und allem, was wächst, Wasser spendet – das ist eine weitere universelle Wahrheit. Großmutter Mondin, die Monat für Monat dafür sorgt, dass die Frauen gebären können – das ist eine weitere universelle Wahrheit. Und natürlich die Erde, die Mutter aller Wesen: Wenn sie nichts wachsen lässt, haben wir nichts zu essen – das ist eine weitere universelle Wahrheit. Und das Wasser: Es wurde von der Schöpfung angewiesen, ins Tal zu fließen, wo es unseren Durst stillt. Ohne Wasser gibt es kein Leben – das ist eine weitere universelle Wahrheit. Die Sterne am Himmel weisen uns den Weg, wenn wir uns nachts verlaufen haben; und sie machen das Universum schön – das ist eine weitere universelle Wahrheit. Eben davon handeln all unsere Zeremonien: von den universellen Wahrheiten, auf denen unser Leben gründet. Wenn nur eine davon ausbleibt, gerät die Welt aus dem Gleichgewicht.

Dankbarkeit
Am Abend luden wir Freundinnen und Freunde aus der Nachbarschaft in unsere Gemeinschaftshalle ein, um sie an den Erzählungen unserer Besucher teilhaben zu lassen. Tom begann den Kreis mit einem Ritual, in dem er Runde um Runde seinen Dank für unser aller Lebensgrundlagen ausdrückte: Erde, Wasser, Pflanzen, Tiere und so fort – so lange, bis sich »unser Dank zur Zimmerdecke auftürmt«. Nach einer Stunde endete Tom und erklärte, dies sei die Kurzfassung jenes Dankesrituals gewesen, das vor jeder Beratung der Haudenosaunee vollzogen werde; es könne auch ganze vier Stunden dauern. Erst dann komme das, was die Teilnehmenden an Wichtigem zu sagen hätten, auf den Tisch. – Wie tiefgreifend würden sich wohl unsere Parlamentsdebatten, Quartalsberichte und diplomatischen Verhandlungen verändern, wenn zuvor alle Beteiligten ihre tief empfundene Dankbarkeit für das, was ist und uns alle trägt und nährt, aussprechen würden!
Tom betonte immer wieder, dass, wenn er vom »Schöpfer« (the Creator) spreche, dies nicht mit einer personifizierten Gottes­vorstellung nach christlichem Vorbild verwechselt werden dürfe. Obwohl der »Creator« in den Erzählungen der Haudenosaunee durchaus auch mal menschliche Gestalt annehmen könne, sei »der Schöpfer« oder »die Schöpfung« lediglich eine verkürzte Übersetzung des Mohawk-Begriffs Shonkwaia’tison, »die Kraft, die hinter allen Lebensformen steht«.

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© Foto: Manoel Eisenbacher

CB  Wie kam es, dass die Industriegesellschaften die universellen Wahrheiten vergessen haben?
TP  Einst hatten auch die Irokesen diese Wahrheiten vergessen. Bei den Mohawk und Seneca griffen Mord, Krieg und Kannibalismus um sich. Dem Schöpfer gefiel das nicht, deshalb schickte er den Friedensstifter, um kriegerische Kannibalen dazu zu bewegen, ihre Waffen niederzulegen und den Pfad des Friedens ­einzuschlagen. Er führte unsere Zeremonien und unser Clansystem wieder ein, und er gab uns das »Große Gesetz des Friedens«, die Verfassung der Irokesen-Konföderation.
CB  Diese macht euch zu Experten in Krieg und Frieden.
TP  Wir haben Krieg und Kannibalismus erlebt und wissen, dass daraus nur Leid und Traurigkeit entstehen – insbesondere für die Frauen und Mütter. Wenn das Leben der Kinder geopfert wird, tragen die Frauen Trauer, weil sie diejenigen sind, die gebären. Die Kriegergesellschaft war von Männern gegründet worden, und die Männer hatten uns auf Abwege von dem, was der Schöpfer und Mutter Erde uns vorgeben hatten, geführt; deshalb wandte sich der Friedensstifter an die Frauen und verankerte in unserer Verfassung ein matrilineares System. Die großen Entscheidungen übertrug er den Frauen. Fortan ernannten sie die politischen und spirituellen Anführer. Wenn diese ihre Aufgaben nicht angemessen erfüllen, können die Frauen sie absetzen und durch Anführer ersetzen, die der Gemeinschaft und dem Frieden dienen.

Matrilineares Clansystem
Die Erkenntnisse der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass es durchaus typisch für matrilineare Clangesellschaften in aller Welt ist, dass die Clanmütter männ­liche Mitglieder zu Repräsentanten ernennen. Diese sind keine »Herrscher«, sondern vielmehr Abgesandte, Delegierte, Sprecher. Anders als in unserer repräsentativen Demokratie sind sie weder Parteiinteressen noch allein ihrem Gewissen verpflichtet, sondern ihrem Clan. Durch Rathalten in den jeweiligen Clanhäusern, an dem jede und jeder sich beteiligen kann, findet der Clan einen Konsens, der dann durch die Delegierten in ein größeres Plenum getragen wird, um mit den Delegierten der jeweils anderen Clans einen Konsens zu erlangen: »Matriarchale Politik ist immer Konsenspolitik«, schreibt Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch »Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft«.

CB  Wird das auch heute noch von den Frauen entschieden?
TP  Noch heute obliegt es den Frauen, dafür zu sorgen, dass die Anführer aus fähigen Männern, die sich angemessen verhalten, gewählt werden.
CB  Wie genau läuft dieser Prozess?
TP  Wenn ein Anführer alt ist, kommt der gesamte Clan zusammen, um zu beraten, wer die nächsten politischen oder spirituellen Leiter sein sollen. Die Clanmutter entscheidet, ob sich Frauen und Männer gemeinsam oder getrennt treffen. Alle Mitglieder des Clans können Vorschläge machen, und die Clanmutter nominiert dann eine Reihe von Männern, die sie schon seit Jahren auf einer Liste führt; eine Entscheidung fällt erst, wenn alle Clanmitglieder – mehrere Tausend Menschen – sich geeinigt haben. Zuerst die Frauen; dann die Männer. Wenn ein Konsens erlangt wurde – was mehrere Tage dauern kann –, ist die Entscheidung wirklich gemeinstimmig. Es gibt dann keinen Dissens, keine Gegenmeinung mehr. Alle sind bereit, sich, wenn nötig, mehrere Tage Zeit zu nehmen, damit der Clanfrieden auf viele Jahre gesichert ist.
Gemeinstimmigkeit
Toms Ausdruck to come of one mind, haben wir mit »gemeinstimmig« übersetzt, weil dies am treffendsten eine Einigkeit jenseits von Mehrheiten sowie von Gewinnern und Verlierern ausdrückt. Wie Commonsforscherin Silke Helfrich in ihrem Buch »Frei, fair und lebendig« schreibt (siehe Seite 7), ist eine Möglichkeit, Gemeinstimmigkeit herbeizuführen, »Traditionen zu etablieren und zu pflegen. An Gebräuchen und Traditionen teilzunehmen, […] kommt einer Art ›umfassender Zustimmung‹ gleich.«

CB  Wer gelangt auf die heimliche Liste der Clanmütter?
TP  Wenn in einer Gruppe von Krabbelkindern eines durch Freigebigkeit, Friedfertigkeit und Gemeinschaftssinn hervorsticht, dann ist es mit Führungsqualitäten zur Welt gekommen, und die Clanmütter beobachten es. Spielt es friedlich? Streitet es? Wenn ja, warum? Wenn ein Kind Streit unter Gleichaltrigen schlichtet, dann verhält es sich bereits wie ein Anführer. Hilft das Kind später im Haushalt mit? Hilft es den Alten ungefragt beim Holzmachen und Wasserholen? Das sind Führungsqualitäten. Begegnet er als Teenager und später als Erwachsener Frauen mit Respekt? Als verheirateter Mann soll er seiner Frau treu bleiben, seine Kinder gut behandeln, die Familie materiell gut versorgen und sich für das Dorf einsetzen. Das sind Führungsqualitäten. Wer sich anders verhält, kommt als Anführer nicht in Frage. Es ist nicht schwer, einen Konsens zu finden, da jeder weiß: Dieser Mann ist gut. Anführer werden royaner [loya:né] genannt, wörtlich: »Er ist gut«. Die englische Bezeichnung chief (Häuptling) verwenden wir kaum, sie gilt sogar als leicht herabwürdigend und bezeichnet lediglich ein Amt. Die Clanmutter heißt oyaner [iakoiá:né], »Sie ist gut«. Das Große Gesetz, auf dem unsere Verfassung beruht, heißt kaianerkó:wa, »das große Gute« oder »gute Lebensführung«.

Führungsqualitäten
Welche Qualitäten kultivieren Menschen, um in westlich geprägten Gesellschaften in Führungspositionen zu gelangen? Diese sind grundverschieden von den Eigenschaften, die Tom benennt: Hilfsbereitschaft, Sanftmut, Respekt, Güte. Welche Charakterzüge prädestinieren Menschen, um in die Führungsriege eines beliebigen DAX-Unternehmens, einer beliebigen Volkspartei, eines Spitzensportverbands oder einer anderen hierarchisch organisierten, patriarchal geprägten Organisation aufzusteigen?

CB  Das höchste Amt in der Konföderation heißt »Tadodaho«. Dass ihr den Namen des Tadodaho lebendig haltet, bewegt mich im­mer wieder sehr. Erzählst du bitte seine Geschichte?
TP  Der Tadodaho wollte immer das letzte Wort haben. Seine Haut war schuppig wie die eines Fischs, seine Arme und Beine waren gekrümmt, sein Körper siebenfach gewunden. Weil es niemand mit ihm aushielt, lebte er allein in den Sümpfen. In seinem wirren Haar nisteten Klapperschlangen, die nach allen züngelten, die sich ihm näherten. Wölfe und Krähen waren seine Späher. Seine übersinnlichen Kräfte setzte er ein, um Wirbelstürme und Orkane heraufzubeschwören.
Als der Friedensstifter kam, ging er zuerst zu den Mohawk, die ihn schweren Prüfungen unterzogen – er bestand sie, und sie glaubten ihm. Dem Lauf der Sonne folgend, gingen sie mit dem Friedensstifter zu den Oneida, die sich leichter überzeugen ließen. Die Onondaga ließen sie aus, denn dort lebte der Tadodaho. Stattdessen gingen sie zu den Cayuga, die sich ihnen ebenfalls anschlossen. Da die Seneca nicht bereit waren, ihre Waffen niederzulegen, wurde ein Kompromiss gefunden: Bis heute haben sie zwei Anführer mit Kriegstitel. Wer immer aus der Irokesen-Liga als letzten Ausweg den Weg des Kriegs beschreiten möchte, muss zuvor diese beiden konsultieren – bis heute können nur diese das Tor zum Krieg öffnen, nachdem alle anderen Mittel ausgeschöpft worden sind. Auch die Seneca schlossen sich an. Gemeinsam waren sie nun bereit, dem Tadodaho gegenüberzutreten.
Als der Friedensstifter und die Delegierten sich seinem Sumpf näherten, ließ er einen Wirbelsturm und hohe Wellen aufziehen. Der Friedensstifter beruhigte die Wellen, und es gab ein Kräftemessen zwischen ihm und dem Tadodaho. Am Sumpf angekommen, sagte der Friedensstifter: »Ihr müsst das ›Friedenslied‹ singen, ohne zu zweifeln und zu zögern. Wenn ihr standhaft weitersingt, dann hat der Tadodaho keine Macht über uns.« Singend schritten sie auf Tadodaho zu. Die Schlangen zischten und wanden sich, konnten ihnen aber nichts anhaben, weil sie fest zusammenstanden. Mit vereinten Kräften entfernte die Gruppe die Schuppen von der Haut des Tadodaho und heilte seine siebenfachen Windungen. Dann stimmten sie erneut das Friedenslied an. Die Schlangen fielen aus Tadodahos Haupt – und sie kämmten sein Haar. Nun sah er wieder menschlich aus, war jedoch noch immer ein Quertreiber. Da wendete der Friedensstifter einen psychologischen Trick an: Zahlenmäßig sind die Onondaga die kleinste Nation, dennoch versprach er ihnen die meisten Delegierten in der Konföderation. Zahlen sind jedoch bedeutungslos, wenn es um Gemeinstimmigkeit geht. Und weil der Tadodaho so daran gewöhnt war, immer den Ton anzugeben, ernannte der Friedensstifter ihn zum großen Feuerhüter, zum Tadodaho aller – zum damaligen Zeitpunkt: fünf – Nationen der Konföderation. Die Verfassung legt fest, dass alle Anführer gleich viel Macht haben, doch der Tadodaho ist ihr Oberhaupt – so ähnlich wie die Queen von England (und Kanada): Sie ist das Staatsoberhaupt, hat aber keine politische Macht. So ist es auch bis heute mit dem Tadodaho, und dem hatte er damals zugestimmt.
CB  Die Kinder wachsen noch heute mit Tadodahos Namen auf und halten seine Geschichte lebendig.
TP  Er war ein wirklich niederträchtiger Mann, aber gemeinsam war es gelungen, seine Niedertracht zu etwas Gutem zu wandeln, ebenso wie bei den anderen Anführern, die den Weg von Niedertracht und Destruktivität verlassen hatten und gute Anführer wurden. Jeder Mensch hat die Chance, sich von destruktiven Handlungen abzuwenden und sich dem Guten zuzuwenden. Menschen wie Muammar al-Gaddafi oder Donald Trump halten sich wirklich für etwas Besonderes – wie heißt doch noch der psychologische Fachbegriff dafür? – Narzissmus! – Das ist eine Krankheit, also ist sie auch heilbar.

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© Foto: Manoel Eisenbacher

Integration statt Abspaltung
Wie sehr sich dieser Umgang mit »Systemsprengern« doch von der Praxis industriemoderner Gesellschaften unterscheidet! Anstelle von – subtil oder offen praktizierter – Ausgrenzung, Abspaltung, Bestrafung und letztlich Verdrängung gilt es in der Tradition der Haudenosaunee als oberstes Ziel, Grenzgänger und Grenzüberschreiter in die Gemeinschaft zu integrieren und ihnen zum Wohl des Gemeinwesens einen stimmigen Platz darin zuzuweisen. Welcher umfassenden Einbettung bedarf es, um auf diese Weise mit spaltenden Kräften umzugehen? Gibt es hiesige Traditionen, an die wir heute in diesem Sinn anknüpfen können?

CB  Ihr seid Experten im Friedenstiften. Wurden die Haudenosaunee jemals in Krisenzeiten zu Rate gezogen?
TP  Während des Arabischen Frühlings gab es in Kairo große Demonstrationen, um Präsident Mubarak zu stürzen. Damals erhielt ich einen Anruf aus Ägypten von jemandem, der mich zu unserem Großen Gesetz befragen wollte. Ich sprach mit einigen unserer Anführer darüber, aber zum damaligen Zeitpunkt überforderte sie diese Anfrage. Die Konföderation ist noch nicht so weit – wir befinden uns noch in einem Heilungsprozess.
CB  Heilung wovon?
TP  Fünf Generationen lang haben die Kolonialisierung und die Zwangsinternierung unserer Kinder in Umerziehungsinternaten unsere Traditionen, Werte und Lehren so tief untergraben! Obwohl das meiste fragmentarisch erhalten ist, wurde das Ganze zerschlagen. Wir sind noch heute damit beschäftigt, verstreute Fragmente einzusammeln und zusammenzusetzen. Wir sind noch dabei, uns von der Kolonialisierung zu erholen – einer der tödlichsten, nachhaltig prägendsten und lähmendsten Erfahrungen, die ein Volk machen kann. Man denkt, man sei darüber hinweggekommen, doch jederzeit kann ein Rückfall kommen!

Auswirkungen der Kolonialisierung
In abendlichen Erzählungen berichtete Tom nicht nur von den traditionellen Werten der Mohawk, sondern auch von der harten Lebenswirklichkeit in Akwesasne (wörtlich: Land, wo das Rebhuhn trommelt), einem durch kolonialistische Praktik von einer nationalstaatlichen – USA und Kanada – und zwei bundesstaatlichen Grenzen – New York, Ontario und Québec – sowie zwei Amtssprachen – Englisch und Französisch – durchtrennten Siedlungsgebiet der Mohawk. Er erzählte von Waffengewalt bei Auseinandersetzungen mit der Bundespolizei anlässlich der 1980 im benachbarten Lake Placid ausgetragenen Olympischen Winterspiele. Die Realität in den »Reservaten« genannten Territorien der First Nations lädt kaum zu romantischer Idea­lisierung ein: Den »Mohawk Media Creations« – einem Kollektiv jugendlicher Filmemacher – zufolge waren sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt bei den Haudenosaunee vor der Kolonialisierung praktisch unbekannt; heute erfährt jede dritte Erstbewohnerin der USA im Lauf ihres Lebens sexuelle Übergriffe. Im Abspann des Spielfilms »Wind River« (2017) von Taylor Sheridan über einen Missbrauchsfall in einem Prärie-Reservat ist zu lesen: »Im Gegensatz zu jeder anderen demografischen Gruppe der USA existiert derzeit keine Vermisstenstatistik für weibliche Native Americans.« Obwohl es unter nordamerikanischen Erstbewohnern einen hohen Anteil an Abstinenzlern gibt, ist auch Alkoholismus weit verbreitet.

CB  Hast du auch Hoffnung?
TP  Ja, ich setze meine Hoffnung auf die jungen Leute.
CB  Mir scheint, dass in der Umweltbewegung in Deutschland oft vor allem der Mensch im Zentrum steht – die Umwelt gilt als etwas, das da ist, um durch uns genutzt zu werden.
TP  Vor langer Zeit, als die Religionen erfunden wurden, stellten diese den Menschen ins Zentrum, anstatt ihn als Teil der Welt zu ­sehen; so konnten die Menschen die heiligen Dinge ausbeuten und vernutzen, um ihre Gier zu befriedigen und andere zu mani­pulieren – darauf basiert das System, das heute die Welt ­beherrscht. Verglichen mit dem Wasser oder der Sonne stehen wir jedoch nicht einmal ansatzweise im Mittelpunkt, sondern sind die wahrscheinlich unwichtigste aller Lebensformen. Die Bäume, Büffel und Frösche können auch ohne uns weiterleben – wir hingegen sind abhängig von allen anderen! Wenn die Menschen das nicht anerkennen, präsentiert uns das Universum die Rechnung.
CB  Es geht also um Demut.
TP  Wir, die Irokesen und die indigenen Völker Nordamerikas, haben dieses Wissen noch in unserer DNA – erst vor wenigen Jahrhunderten kam es zu einer heftigen Irritation durch die Kolonialisierung; in europäischen Kulturen hat diese Abtrennung ein paar Jahrtausende zuvor stattgefunden. Ihr müsst tiefer in eurer DNA graben. Für uns ist es nicht ganz so schwer, weil das Wissen noch relativ dicht unter der Oberfläche liegt. Vielleicht liegt darin aber auch eine Chance: Jahrtausende der Abtrennung erzeugen eine ungleich stärkere Sehnsucht nach der Wahrheit. Wenn die Zeit gekommen ist, bin ich bereit, zuzuhören und zu unterstützen.
CB  Denkst du dabei an eine Allianz für Mutter Erde?
TP  Ja, und daran, Freundschaftsbande zu knüpfen: Freundschaft schafft Vertrauen – ohne Vertrauen schaffen wir gar nichts.

Zum Abschluss sang Tom Porters Sohn Aronienens einen weiteren Vers des Freundschaftslieds. Dieser, so erläutert Tom, werde zur Begrüßung von Besuch gesungen, auf dass Fremde zu Freunden werden und sich Freundschaftsbande knüpfen und erneuern.

Vollständiges Transkript des Gesprächs in deutscher Übersetzung.

transkript_tom-claus_final.doc (101 KB)

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