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Kreise, Kompetenz, Konsent

Im deutschen Ökodorf-Netzwerk entsteht eine neue Entscheidungskultur.

von Stefanie Raysz , erschienen in 53/2019

Bild

© Foto: Basti Rost / Schloss Tempelhof

Im Mai 2018 fand in der Gemeinschaft Sulzbrunn die jährliche Mitgliederversammlung von GEN Deutschland (der deutschen Sektion des Weltverbands der Ökodörfer) statt. In der Turnhalle hatte sich ein großer Kreis gebildet. Neun Menschen lösten sich aus der Menge und stellten sich in die Mitte. Es kehrte Ruhe ein, die Leute schauten sich an, die Stimmung war feierlich. Dann wurde laut geklatscht, gejubelt und gesungen – es war der Höhe­punkt eines gemeinsamen Prozesses: die Suche nach einem neuen Lenkungsgremium war erfolgreich.
Das Bild zeigt Menschen, die wählen und gewählt werden und die feiern, dass etwas geschafft wurde – eigentlich nichts Neues. Und doch: Wer genauer hinschaut, erkennt Elemente einer neuen Entscheidungskultur. GEN Deutschland wählte seinen neuen Vorstand auf eine ungewohnte Weise. Dies war Teil der Überlegung, dass dieses Gremium künftig nicht mehr allein »alles über alle« entscheiden sollte. Man hatte die Herausforderung erkannt, die Vielfalt des ganzen Netzwerks aus heute 16 Gemeinschaften zu achten und im Vorstand abzubilden. Es war eine Entscheidung gegen eine Wahl im Sinn einer hierarchischen Organisationsform. Die bisherige Hierarchie mit ihrer Bürokratie und den wachsenden Pflichten für die Verantwortlichen ermüdete nicht wenige Mitglieder. So kam die Frage kam auf, ob es nicht möglich wäre, jeden einzelnen Menschen in der Organisation zu hören und möglichst viele in die Arbeit zu integrieren. Daraus entstand allmählich die Bereitschaft, es mit einem »soziokratischen« Prozess zu versuchen.
In den 1940er Jahren in Holland entwickelt, beinhaltet die Soziokratie (siehe Kasten) unter anderem einen sogenannten konsentgesteuerten Wahlvorgang, bei dem gleichberechtigte Mitglieder einer Organisation eine Aufgabe gemeinsam lösen. Die vorgeschlagenen Personen werden per Konsent, also in einer Entscheidung ohne gravierende Bedenken oder Widerstand, für bestimmte Verantwortungsbereiche gewählt. Der zunächst kompliziert anmutende Ablauf soll ohne Abstimmungen auskommen. Es gilt, nach der individuellen Motivation, dem Vertrauen, dem Engagement, der Persönlichkeit und den Fähigkeiten der einzelnen Personen zu entscheiden. Der soziokratische Wahlprozess setzt eine klare Festlegung des Profils der zu wählenden Funktion voraus. Der Kreis – wesentliches Element dieses Versammlungs- und Entscheidungsprozesses – bietet dabei den Raum für die Beteiligung und Verbindung aller Mitentscheidenden.
Für jede der acht Posten im Lenkungskreis von GEN – dem erweiterten Vorstand – wurden in Sulzbrunn aus dem großen Kreis einzelne Personen gewählt, wobei für jede Position/Person zwei Aussprache- und Wahlrunden durchgeführt wurden. Im ersten Durchgang konnten alle anwesenden Gemeinschaften die Menschen, die sie als geeignet für das zu besetzende Amt erachteten, vorschlagen. Dabei stand die jeweils persönliche Wahrnehmung der vorgeschlagenen Personen im Vordergrund und nicht – wie sonst bei Wahlen üblich – die Selbstdarstellung der Kandidaten. Es war wie in einem alten Kreis der Geschichtenerzähler – nur dass hier die Figuren lebendig und anwesend waren und in neuem Licht erschienen. Durch die öffentliche Würdigung der Nominierten und ihrer Qualitäten entstanden eine Atmosphäre der Wertschätzung und ein erweiterter Blick aufeinander.

Alltag nach einer soziokratischen Wahl
Aus dem so geschaffenen »Nominiertenpool« wurden dann in der zweiten Runde die Favoriten der einzelnen Gemeinschaften genannt. In acht Runden konnten auf diese Weise zwei Frauen und zwei Männer für den GEN-Vorstand sowie vier weitere für die anderen Aufgaben gefunden werden.
Die Basisstruktur von GEN besteht aus Arbeitskreisen zu den Themen Ökologie, Soziales und Ökonomie, erweitert um die Dimension Kultur/Weltsicht. Sie orientieren sich im Wesentlichen an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Ebenfalls soziokratisch gewählte Vertreterinnen aus diesen vier Arbeitskreisen erweitern den Vorstand als Lenkungskreis. Sie bilden die Schnittstelle zwischen den Aktionen in den Gemeinschaften, den thematischen Arbeitskreisen und dem Vorstand. Zusammen mit einem Vertreter aus dem Öffentlichkeitskreis sind das neun Menschen, die Leitungsaufgaben für GEN wahrnehmen. Was in anderen Organisationen oft zu einem Machtkampf um Einfluss und Positionen wird, konnte auf diese Weise zu der anfangs beschriebenen Feier werden – eine Feier ganz ohne Sieger und Besiegte.
Seit einem Jahr besteht dieses neue Arbeitsgebilde nun. Ein Zwischenfazit lautet, dass ein erhöhtes Maß an Koordination von Menschen und Themen vonnöten ist – ein Mehraufwand, der zu einem erheblichen Teil vom Lenkungskreis getragen wird. In den ihm zugrundeliegenden Arbeitskreisen wirken Vertreter aus vielen unterschiedlichen Ökodörfern mit. Es gibt aber auch zahlreiche positive Effekte: Der Vorstand ist durch die Vielzahl an Menschen, die die Themen des Netzwerks bewegen, entlastet. Sowohl im Lenkungskreis als auch in den einzelnen Arbeitskreisen wird ein vielschichtiger Austausch möglich, und die in der Organisation engagierten Menschen lernen sich besser kennen. Der Strom an Informationen fließt, das Wissen übereinander wächst und regt das Zusammenspiel der Gemeinschaften sowie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem aktiven Netzwerk an. Zur Zeit entstehen neue Plattformen für einen gemeinsamen politischen Aktions­raum und Projekte mit gezieltem Expertenaustausch zu den Sachgebieten IT, Erneuerbare Energien, Seminarhausführung und Landwirtschaft. Es gründen sich Beratungsteams, und gemeinsame Wissenspools werden etabliert. Menschen aus Ökodörfern und herkömmlichen Dörfern finden sich zu Kooperationen zusammen. Durch diese neuen Initiativen ergeben sich Synergie­effekte; es fühlt sich an wie ein Zusammenschluss vieler zu einer großen Gemeinschaftsfamilie.

 

Stefanie Raysz (45) lebt im Ökodorf Schloss Tempelhof, ist Mitglied im Lenkungskreis von GEN Deutschland und promoviert zu soziotechnischen Innovationen in Ökodörfern.

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