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Sommernachtstraum

von Helen Britt , erschienen in 53/2019

Bild

Ich liege auf der Erde. Auf dieser großen, dunkelbraunen, weichen Fläche, die mich trägt in dieser Sommernacht. Über mir rauscht sanft ein hohes Blätterdach, das sich links und rechts von mir zur Erde senkt und sich in starke, tragende Stämme verwandelt. Ich fühle mich geborgen, zu Hause, umrauscht vom frischen Wind, der mich nach der langen Wanderung kühlt. In dem Blätterdach dort oben ist ein kleines Loch, das mir den Blick zu den Sternen gewährt. Direkt über mir funkelt einer von ihnen besonders hell, lockt meine Gedanken hoch in die Weite der Nacht. Von dort oben kann ich alles überblicken. Ich sehe die weiche Erde, die rauschenden Bäume, die Pflanzen und Tiere, die in der Nacht ruhen. Wir gehören alle zusammen, sind alle Teil eines großen Ganzen, das spüre ich genau. Dieses Gefühl der Verbundenheit füllt mein Herz mit großem Vertrauen. Es ist schön, hier zu liegen und das alles wahrzunehmen.
Meine Gedanken fliegen weiter, doch auf einmal sind sie nicht mehr so frei wie noch vor wenigen Sekunden. Ein dunkles, eintöniges Brummen ertönt. Mir scheint, als wäre ich in einem Traumzustand gewesen, als würde ich jetzt erst meine Augen für die Realität öffnen. Über dem Blätterdach erkenne ich jetzt auch die roten Lichter eines Flugzeugs neben den funkelnden Sternen. Weiter hinten am Horizont verbreiten sich plötzlich dunkelrote Funken und blinken monoton in die Nacht hinein. Es sind Windräder, die dort gebaut wurden – anscheinend für Wesen wie mich, doch ich wurde nicht gefragt. Sie wurden dort einfach gepflanzt, obwohl sie nicht wachsen, riesenhaft und fremd in der Landschaft, die hier schon seit Ewigkeiten blüht.
Meine Gedanken fliegen schnell weiter. Doch es scheint, als gäbe es nun kein Entkommen mehr vor dieser Realität. Mir wird bewusst, warum ich gerade hier liege: weil ich den ganzen Tag gewandert bin, um zu einer Grube zu gelangen, die sich ohne Unterlass weiter ausbreitet, alles Lebendige verschlingt und damit die Herzen profitsüchtiger Menschen nährt, die dort Kohle abbauen lassen. Die Braunkohle hatte einst tief unter der Erde geschlafen, bis sie und ihre Kraft entdeckt wurden. Seit Jahrzehnten wird sie dort aus dieser riesigen, grauen Grube gehoben. Und da sie den Süchtigen nie reicht, muss die Grube wachsen und die Dörfer ringsum und die Lebendigkeit verschlingen, damit die großen, toten Maschinen weiter nach Kohle graben können. Anscheinend passiert auch das für Wesen wie mich. Doch ich möchte das nicht. Ich will mein Zuhause nicht verlieren. Der Boden unter meinen Füßen soll nicht einer großen, schwarzen Kohlegrube weichen!
Meine Gedanken kommen wieder zu mir. Sie haben genug gesehen. Und nun meldet sich mein Herz. Es weint. Mein ganzer Körper zittert. Und da ich mich noch immer so verbunden fühle, mit allem, was um mich herum von der Erde getragen wird, fühlt es sich so an, als seien die Bagger, die Windräder und Flugzeuge dabei, meinen Körper auszuhöhlen, ihm die Kraft zu entziehen, ihn zu vergiften. Ich habe Angst. Wie kann ich all diese Maschinen nur aufhalten? Ich will nicht, dass die Schönheit und Lebendigkeit der Profitgier weichen müssen! Ich will über mich, den großen Körper der Erde selbst bestimmen dürfen! Wieso hört ihr meine Schreie nicht?!
Langsam komme ich zur Ruhe. Ich bin groß, ich habe Kraft, und das spüre ich. Ich lasse mich noch tiefer in die dunkle Erde sinken. Gemeinsam schöpfen wir Kraft für den neuen Tag, an dem ich noch weiter, bis an den Rand der dunklen Grube wandern werde, um dort meinem Wunsch nach Selbstbestimmung und Leben Gehör zu verschaffen.


Helen Britt (21) beschäftigt sich mit verbundenem Aktivismus, freier Bildung und damit, wie die verschiedenen Generationen einander wieder besser verstehen können. freiebildungsalternativen.de

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