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Es ist von Gewicht, einen Wirbel zu machen

Wärmstens zur Lektüre empfohlen: Donna Haraways Buch »Unruhig bleiben«.

von Georg Gerwing , erschienen in 53/2019

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Eigentlich wollte ich Donna Haraways Buch gar nicht lesen, sondern es aufgrund einer Kurzrezension in Oya (Ausgabe 49), die mich neugierig gemacht hatte, meiner Tochter, die gerade so »artenübergreifend« drauf ist, schenken. Aber da diese Tochter gerade mal wieder in der Welt unterwegs war – »kinnovating«, wie ich bei späterer Lektüre begriff – fing ich selber an zu lesen. Oder besser: versuchte es. Ich erzählte im Freundeskreis, dass ich noch nie ein Buch zu lesen angefangen hätte, von dem ich so wenig verstand, aber dennoch fast sofort in einem Sog aus Freude und Faszination gefangen war. Was geschah hier?
Das Buch ist voller Fremdwörter und wissenschaftlicher Fachtermini, teils gerade eben erst »erfundenen«, wie das untertitelgebende »Chthuluzän«. Die Anmerkungen sind ausufernd spannend und machen allein ein Drittel des Buchumfangs aus. Fortwährendes Verzetteln ist angesagt. Die Sprache ist wissenschaftlich, poetisch, frech, fordernd, fröhlich, märchenhaft, kindlich, ernst, entschlossen, provozierend, überschäumend – all das, gemischt mit zu vermutenden Übersetzungs-Ungereimtheiten. Kapitel 4, »Sich verwandt machen«, in dieser Ausgabe abgedruckt (Seite 22), bietet einen guten Einblick in Haraways Sprache und Denken. Die acht Kapitel des Buchs sind teils über Jahre verteilt in Fachzeitschriften veröffentlicht worden; so gibt es etliches an Wiederholungen und Überlappungen. Aber welche Geschichten entlang welcher roten Fäden erzählt Donna Haraway nun?
Die Metapher der »Fadenspiele«, die sie immer wieder aufgreift, nutzt sie, um davon zu erzählen, wie und warum sich Brieftauben und ihre Leute als »artenübergreifendes Team« seit langer Zeit gegenseitig zu Erstaunlichem befähigen. Hier wird deutlich, wie ernst die Autorin das Thema des Miteinanders verschiedener Arten nimmt. Sie schaut quasi ein wenig auch durch die Augen der Tauben. Seitdem sehe ich Tauben mit anderen Augen, oder fange erst an, sie wirklich anzuschauen.

Chthuluzän voraus!
Ein anderer Begriffsfaden ist das »Chthu­luzän«, das sie in Abgrenzung zum »Anthropozän« (Zeitalter des Menschen) einführt. Anthropozän möchte sie als möglichst kurze und bald zu beendende Zeit-Schicht, wo der Mensch das Erdantlitz prägt, verstehen. Jetzt greift das Chthu­luzän um sich! »Chthuluzän« fügt sie aus dem Namen der langbeinig tastenden, in Kalifornien heimischen Spinne Pimoa cthulhu und den altgriechischen Begriffen khthōn (»Erde«) und kainos (»neu«, »gegenwärtig«) zusammen. Chthuluzän ist das Zeitalter des Gegenwärtig-Werdens, des tastenden Wiederverbindens mit der lebendigen Erde, der offenen, unbestimmten und polytemporalen Terrapolis, der artenübergreifenden Praxis der Sorge, des Schrotens und Schredderns des Abfalls von Anthropozän und Kapitalozän und dem Neuaufschichten zu Humus und heißem Kompost. »Ich bin eine Kompostistin«, schreibt Donna Haraway.
Über das ganze Buch verteilt, stellt Haraway zahlreiche inspirierende Kol­leginnen und Kollegen vor, darunter Isabelle Stengers, Marilyn Strathern, Anna Tsing (siehe Buchtipp, Seite 60), Thom van Dooren, Ursula K. Le Guin (siehe Artikel, Seite 31), Reverend Billy (siehe Ausgabe 3), Lynn Margulis und Bruno Latour – Danke, Donna Haraway, nun bin ich bis zum Lebensende mit Lesestoff ausgestattet!
An einem Beispiel persönlicher Betroffenheit (es geht um synthetische bzw. aus dem Urin schwangerer Stuten gewonnene Östrogene) veranschaulicht die Autorin auf überzeugende und geradezu liebevolle Weise ihr Konzept von Verantwortungsbewusstsein: Angesichts fürchterlicher Geschichte/n sind wir alle dafür verantwortlich, die Bedingungen für artenübergreifendes Gedeihen zu gestalten.
Auch die Yoruba-Göttin Oya (siehe Seite 18) wird mehrmals erwähnt: Sie ist eines der chthonischen (von khthōn, »Erde«) Wesen mit tausend Namen. Sie ist unter denen, die eine »dauerhafte Zeit namens Chthuluzän hervorbringen«. Oh ja, Oya – wusste ich es doch!
Das Buch endet mit »Camilles Ge­schichten«, einer utopischen Science-­Fiction-Erzählung, die über 5 Generationen hinweg, von 2025 bis 2425, dem Lebensweg von Camille und ihren Nachfahren folgt, den »Kindern der Kompostisten«. Wesentliche Merkmale dieser Utopie sind die Reduzierung der Erdbevölkerung in jenem Zeitraum von rund 8 auf rund 3 Milliarden; erreicht wird dies hauptsächlich durch ein 3-Eltern-auf-1-Kind-Familienmodell. Des Weiteren bekommen in diesem Zeitraum mehr und mehr Menschen Gene von gefährdeten Tierarten transplantiert. Massenhaft »Symbionten« mit Eigenschaften von Mensch und Tier entstehen und bewahren so bedrohte Gene vor dem Aussterben. Auch gehören die klare Unterscheidbarkeit von Mann und Frau einschließlich der dazugehörigen Personalpronomina hier der Vergangenheit an: »Er« und »sie« sind durch »per« ersetzt worden! Ein erster Ausblick auf kommende Zeiten von Genderneutralität? – Die Utopie endet weder im Positiven noch im Negativen, von beidem gibt es reichlich. Sie endet mit: Hoffnung.
Die Darstellung des Buchinhalts bleibt notwendigerweise fragmentarisch. Hier läßt sich nichts in ein paar Sätzen zusammenfassen – vielleicht aber Haraways Vision, das, was sie antreibt? Mir hat sehr geholfen, einige ihrer Vorträge vor großen Auditorien in aller Welt auf Video anzuhören, mehr noch: anzuschauen. Ich habe gesehen: Nicht sie ist es, die zwischen den Konzepten schwankt, nein, ganz und gar nicht – ich schwanke in meinem schlecht genährten Vermögen, vermeintliche, aber nicht wirkliche Widersprüchlichkeiten ihres Chthuluzäns mit meinen Denk­gewohnheiten zu versöhnen. Spekulative Wissenschaft? Wie soll das gehen? Sie bringt Fakten zum Fließen, sie liebäugelt mit ihrer »linguistischen Promiskuität«, sie treibt es mit allen! Wie bitte soll es da nicht schwanken?!
Die Vision Donna Haraways heißt Verbundenheit. Weil uns diese fehlt, schwanken wir. Unsere Familienmitglieder sind über die Welt verstreut, wir kennen unsere Nachbarn nicht. Wir wissen nicht, wer unsere Kleidung und Nahrung produziert hat, woraus diese gemacht sind, noch woher sie kommen. Wir wissen nicht, für wen und was wir arbeiten. Wir praktizieren nicht-gelebtes Leben vor Mattscheiben. Unverbundensein heißt, entfremdet zu sein. Wir sind entfremdet – das Chthu­luzän ist das Zeitalter der Wiederver­bindung.
Donna Haraways Ziel ist es nicht, uns aufzuklären oder zu überzeugen: Vieles ist für sie selbstverständlich und nicht diskutierbar auf dem Weg zu einer Menschheit mit Zukunft: Sie ist anti-rassistisch, dekolonisiert, auf Seite der Indigenen, frauen-kinder-männer-tier-menschen-pflanzen-freundlich. Keine Grenzen – No Borders! Schluss mit dem Wachstums-Paradigma! Das alles ist sozusagen gesetzt.

Zeit der Wiederverbindung
Ihre Vision ist es, Wiederverbindung spürbar zu machen. Das tut sie durch ihre sehr eigene Sprache, genauer gesagt, durch ihre sprachliche Offenheit und eine irritierende, neue Verbindungsmöglichkeiten und Kollaborationen suchende, wie soll ich sagen … Frechheit. Diese hat mich trotz etlicher Verständnisprobleme sofort emotional an Haraways Buch gebunden. Es ist das wohl-austariert Schwankende, das sich weigert, andauernd »So ist es!« zu rufen. Das ist ein roter Faden. Ein weiterer sind ihre string figures (»Finger-Fadenspiele«), die dieses Buch tatsächlich wie Tentakel durchziehen. Diese kürzt sie mit ihrem Lieblingsmantra »SF« ab, das so Unterschiedliches bezeichnet wie »Science Fiction«, »spekulative Fabulation«, »spekulativer Feminismus«, »Science Facts« oder »so far« – so weit (so gut). Es geht um tentakuläres Tasten, um produktive Synthesen, um respektlose Interdisziplinarität. Die erwähnte Offenheit. Das schwankt. »SF ist ein Modus der Aufmerksamkeit«.

Macht euch verwandt!
Nun muss endlich auch ihr aktueller Lieblingsslogan ans Tageslicht: »Make kin not babies!« Macht euch verwandt! Sich verwandt zu machen bedeutet das Gegenteil von Rassismus, Kolonialismus, Patriarchat, Nationen, Grenzen, Exzeptionalismus, Klassen, Geschlechtertrennung, Kleinfamilie … Ein neues (altes?) Verwandtschaftsmodell muss (wieder?) her! Die weltweiten Kleinfamilien-Sackgassen und Zweierbeziehungs-Zwangsverpflichtungen gehören aufgebrochen. Donna Haraway plädiert für die Auflösung der Verbindung von Genealogie und Verwandtschaft: Was hilft die Abstammungslehre, wenn wir mit unserer Sippe unglücklich sind? »Kinnovating«, also: dauerhaft Verwandtschaft erneuernd, machen wir uns auf den Weg: »Verwandtschaft sollte üppig, unerwartet, dauerhaft und kostbar sein«.
»Make kin not babies« sendet eine weitere, klare Botschaft: Wir sind zu viele Menschen auf dieser Planetin – 11 Milliarden (bei vorsichtigen Prognosen) bis 2100. Donna Haraway macht sehr deutlich, dass totalitäre Ein-Kind-Zwangsmaßnahmen für sie undenkbar sind, weil verbunden mit Sanktionen, Kontrolle, Ungerechtigkeiten und Rassismen. »Die Praktiken der Kompostisten, die auf Ansteckung und nicht auf Zwang setzten, waren radikaler als eine Einkindpolitik.« Mitmachen (z. B. beim 3-Eltern-1-Kind-Modell) also aufgrund von Überzeugtsein und nicht aufgrund von Zwang. Dieser ausführlich dargestellte Teil der Camille-Utopie – nämlich mehrere Eltern auf ein Kind in vielen großen Gemeinschaften – gefällt mir ziemlich gut. Wer hat gegenwärtig bessere Ideen, um unsere menschliche Vielzahl zu begrenzen?
Wenig anfangen konnte ich hingegen mit der viel Raum einnehmenden Symbionten-Thematik, der Vermischung von Mensch und Tier, der Mensch-Tier-Züchtung. Die ausführlichen wissenschaftlichen Anmerkungen dazu suggeriert Machbarkeit, die meinen Horizont übersteigt. Könnten meine Ur-Ur-Enkel tatsächlich mit der wunderbar grün-gelblich schillernden Haut von Monarchfaltern umherlaufen wollen/sollen? Welche unbeherrschbaren Entwicklungen werden damit angestoßen? – Und noch etwas hat mir »Camilles Geschichten« als unrund erscheinen lassen: Mit keinem Wort wird erwähnt, was wohl außerhalb der ländlichen Gemeinschaften – nämlich in den vielen Megastädten weltweit – während des erwähnten langen Zeitraums geschehen wird. Die Camille-Utopie ist der Teil von »Unruhig bleiben«, mit dem ich mich am wenigsten verbinden konnte. Zu schmal erscheint mir das Fenster dieser Landkommunen, dem die Autorin sich hier widmet.
Donna Haraway ist eine Prophetin der Auflösung fester Kategorien. Sie lehnt die Einteilung in klar definierbare und fest eingrenzbare Gruppen und Sorten ab. Stattdessen wirbt sie dafür, sich für Neues, Unbekanntes zu öffnen – ebendies bedeutet: unruhig zu bleiben. Angesichts der bedrohlich verfahrenen Situation auf unserer Planetin könnte es für uns als Teilhaberinnen an »Zeiten eines nie dagewesenen Wegschauens«, als lebende Protagonistinnen der Periode des »großen Zauderns« schlichtweg überlebenswichtig sein, dass möglichst viele unruhig werden – und bleiben. »Ich möchte«, bekennt die Autorin, »unruhig und beunruhigt bleiben, und die einzige mir bekannte Art und Weise, das zu tun, ist eine Kombination aus schöpferischer Freude, Schrecken und kollektivem Denken.«


Georg Gerwing (64) lebt als Bauer von Musikinstrumenten, Antiquar für ethnologische Schriften und Oya-Hütender in Bielefeld. www.marimba-musikinstrumente.de


Unruhig bleiben
Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän.
Donna J. Haraway
Campus Verlag, 2018, 350 Seiten
ISBN 978-3593508283
32 Euro

 

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