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Betonfelsen

von Andrea Vetter , erschienen in 53/2019

Bild

Es ist euer Bahnhof. Ich stehe unten am Gleis und warte wie immer auf den Zug. Ein scharfer Wind pfeift entlang der Gleise durch das halboffene Gebäude. Wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege, sehe ich euer Reich. Zwischen den Metallstreben, den Lüftungen, auf den Querstangen, da habt ihr euch eingerichtet. Wo ihr am liebsten seid, das sehe ich, wenn ich meinen Kopf ganz nach unten senke. Eure Hinterlassenschaften zieren den Boden. Gärtnerinnen lieben die Fruchtbarkeit eurer Kloake, aber hier fällt sie auf unfruchtbaren Boden. Betonwüste. Doch es scheint euch nicht zu kümmern, ob ihr in den Bergen wohnt oder hier, ob eure Füße sich an Felswänden festkrallen oder an Stahlbetonstelen, ob das Rauschen des Meeres euer Gutenachtlied ist oder das An- und Abfahren des ICE 907, es scheint euch egal zu sein, ob euer Nachbar das laute Gekrächze der Krähen ist oder die schnarrende Computerstimme, die die menschlichen Neuankömmlinge am Bahnsteig auf die nächsten Züge hinweist. Und vielleicht ist es euch auch nicht egal, vielleicht träumt ihr nachts von rauen Steilküsten, vom Wind, der über die Berge streift, von frischer Luft, die nicht durch die nahe Autobahn kontaminiert ist. Ich weiß es nicht. Ihr seid eben hier, das liebevoll gebaute Nest eurer Eltern befand sich im Deckengitter über Gleis 3, so war es, und so seid ihr Stadtbewohner geworden – so wie sich meine Wohnung eingezwängt in Stein über der Wohnung von vier anderen Menschen weit oben befindet. Auch ich träume manchmal nachts von den Orten meiner Vorfahren, von den Steppen, den Bäumen und der frischen Luft, die seit Jahrmillionen meine unzähligen Ur-Ur-Urgroßmütter genährt haben. Und vielleicht war es eine ebendieser Urgroßmütter, die eine eurer Urgoßmütter, Columba livia, gezähmt hat, sich mit dieser vertraut gemacht hat, vor langer, langer Zeit, als es hier noch keine Stadt gab. Wir haben einander gezähmt, wir haben euch Futter gebracht, ihr dientet uns als Gefähr­tinnen, als Zeitvertreiber, als Nahrung. Und dann, irgendwann nach dem letzten großen Menschenkrieg in dieser Stadt, als hier kein Stein auf dem anderen blieb, da wurden meine Vorfahren eurer Vorfahren überdrüssig, entließen sie in die zerbombten Steinruinen und die neu entstehenden Betonwüsten. Doch ihr seid nicht wieder weggeflogen an die Steilküsten, ihr lebt hier, wie ich. Wir leben zusammen, aus gezähmter Gewohnheit, in dieser vielartigen Zusammenkunft. Ihr, ich, wir leben, wir lieben, wir leiden gemeinsam in, an dieser großen Stadt, wir sind viele Millionen, die hier gehen, fliegen, sind und sich dabei manchmal begegnen, wie mir manchmal in der U-Bahn das Vorbeihuschen eurer Verwandten, meiner Verwandten mit den großen Kulleraugen und dem langen Schwänzchen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Mittlerweile gelingt euch das auch, aber dafür musste ich erst lernen, euch zu sehen, wirklich anzusehen, ohne Vorurteile. Denn vielen Menschen, jenen, die über dieses Bahnhofsgebäude entscheiden, ist es nicht egal, ob ihr hier seid. Sie haben die Streben mit Stacheln versehen, damit ihr dort nicht sitzen könnt, sie haben die Ecken mit Stahl verschweißt, damit ihr dort nicht nisten könnt. Aber die Menschen, die das geplant haben, sitzen weit weg in ihrem Menschennest aus Stein oder Beton, und ihr habt alle Zeit der Welt, hier über Gleis 3 jenen Menschen zum Trotz eure Nester zu bauen, dem Stahlbeton eure nimmermüde Liebe und Zärtlichkeit für eure Partner, eure Kinder aufzudrücken. Manchen Menschenpassanten geht euer Gurren – »Ruh-Ruh« oder »Gang-Ruh-Guruh« – tierisch auf die Nerven, meinen Vorfahrinnen muss es wie Engelsgesang erschienen sein, sonst würden sie das Stimmorgan, mit dem ihr euer »Ruckedigu« in die Welt haucht, nicht nach der liebreizenden Nymphe aus der griechischen Mythologie »Syrinx« genannt haben – oder war es umgekehrt? Ich lächle, wenn ich euer Gurren höre, wenn ich sehe, wie ihr euren halbwüchsigen Kindern ein Stück Brot vom Boden bringt, obwohl sie vielleicht schon selbst Futter suchen könnten, aber das tue ich ja auch, ich Menschenmutter mit meinem Menschenkind, ich helfe bei eigentlich unnötigen Dingen, wenn das Menschenkind mich ruft, einfach, um meine Liebe zu zeigen, nach der es in diesem ­Moment verlangt.
Ich freue mich an eurer Vielgestaltigkeit, die die vielfältigen Gestalten unten am Gleis widerspiegelt: große, kleine, ­dicke, dünne, gerupfte, hinkende, weißköpfige, langschnabelige, kurznasige – jede eine ganz einzigartige Verkörperung des Lebens selbst. Ich sehe das Leben, das sich feiert. »Einfahrt ICE 907, bitte einsteigen, und Vorsicht an der Bahnsteigkante!«, schnarrt der Krähenschwarm, und ich lasse mich verschlucken von diesem menschengemachten Ungetüm aus Stahl und Polstersitzen und freue mich schon darauf, euch nächste Woche wiederzusehen, zu schauen, wie groß die Kleinen über Abschnitt E geworden sind. Euch ist es wahrscheinlich egal, ob ich oder irgendein anderes, kaum unterscheidbares, mittelaltes Menschenweibchen da steht und den Kopf in den Nacken legt – aber vielleicht auch nicht.  Andrea Vetter

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