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Der Löwenmensch

Ein Mischwesen aus der fernen
Vergangenheit lädt dazu ein, auf
uns selbst zu blicken.

von Andrea Vetter , erschienen in 53/2019

Bild

© Foto: Dagmar Hollmann / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-4.0

Die Fußsohlen sind angekippt, wie auf Zehenspitzen. Die Beine gespreizt. Die Schulterblätter sind nach vorne gezogen, die Arme mit den Löwenpranken daran leicht angewinkelt. Die Schnauze ist geschlossen. Die Augen blicken nach vorne. Das linke Ohr ist genau nach vorne orientiert, das rechte Ohr um knapp 30 Grad nach rechts gedreht, die Ohrkanäle sind im Ohr deutlich zu sehen. Der Löwenmensch hört lächelnd auf ein Geräusch, das von rechts kommt. Die Figur ist etwa unterarmlang und unvorstellbar alt: Vor rund 35 000 Jahren wurde sie geschnitzt, gefunden 1939 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb, über Jahrzehnte nach und nach aus Bruchstücken zusammengesetzt.
Heute ist die Figur im Museum in Ulm zu sehen – ein Tiermensch, geschnitzt von einem Menschen aus dem Zahn eines Mammuts. Ein Menschentier, ein Mischwesen, in seiner Symbolik ebenso wie in seiner Materialität. Es lädt ein, den Blick wegzubewegen vom modernen Gegensatzpaar Mensch – Tier. Bei genauerer Betrachtung ist es eine Vermischung dreier Wesen: des Mammuts, aus dessen Zahn die Figur geschnitzt wurde, des Löwen, dessen Kopf und Pranken dargestellt sind, und eines Menschen, der aufrecht auf Zehenspitzen steht.
Über die Person, die diese Figur geschnitzt hat, ist nichts bekannt. War es eine Frau, ein Mann, etwas dazwischen, war es ein Jugendlicher oder eine alte Meisterin? In der Stadel-Höhle wurden keine sterblichen Überreste von Menschen gefunden, keine Zähne, nichts, das direkten Aufschluss über die Körperlichkeit der Zeitgenossen des Löwenmenschen geben würde – wie sie sich ernährten, wie alt sie wurden oder ähnliche anthropologische Details. Doch durch die von der Hand jener Menschen gefertigten Kunstwerke werfen wir heute einen Blick in ihre Bedeutungswelt. Ihre Werke können uns dazu inspirieren, heutige Selbstverständlichkeiten, wie die absolute Trennung zwischen Mensch und Tier, als die Absonderlichkeiten zu sehen, die sie sind.
Die Figur wurde aus einem einzelnen Stoßzahn geschnitzt, der offenbar bewusst wegen seiner Form ausgewählt wurde. Die gespreizte Beinstellung des Löwenmenschen ist die freigelegte Zahnmarkhöhle des Stoßzahns.
Bernhard Röck ist Kunsthandwerker, Elfenbeinschnitzer, aus Erbach im Odenwald. Er arbeitet mit Mammutelfenbein, das jedes Jahr während der zweimonaten Tauperio­de tonnenweise aus dem sibirischen Permafrostboden geborgen wird. Vorbilder für seine Schnitzereien sind Figuren wie der Löwenmensch aus der Zeit des Aurignaciens, wie sie archäologisch genannt wird. »Die Arbeiten aus dem Aurignacien – da ist nicht das kleinste My zu ändern; die sind so perfekt in ihrer Proportionierung, dass man nur staunen kann«, sagt Röck. Elfenbein fasziniert ihn: »Es ist der Werkstoff mit der angenehmsten Haptik. Es gibt keinen Stoff, der sich auch nur annährend so angenehm anfühlt – nicht einmal die teuersten Metalle, Edelsteine oder Hölzer. Es ist ein außerordentlich dicht gewachsener Werkstoff; auch das spürt man, wenn man ihn anfasst.«
Der Fundort des Löwenmenschen war eine Art Kammer, etwa 30 Meter hinter dem Eingang der Stadel-Höhle im Flusstal der Lone bei Ulm. »Im Sommer hatte es damals durchaus 10 bis 12 Grad in diesen Tälern, an einzelnen Tagen vielleicht 20«, erklärt Kurt Wehrberger, der am ­Ulmer Museum seit Jahrzehnten über den Löwen­menschen arbeitet. Insgesamt war das Klima kälter als heute, Mammute durchstreiften die Landschaften, Rentiere – und eben Höhlenlöwen. Lange danach, vor etwa 20 000 Jahren, als die Eisezeit in Europa ihren Höhepunkt erreicht hatte, lagen die Höhlen auf der Alb unter Gletschern, und Menschen und Tiere zogen sich nach Südeuropa zurück. Jene europäischen Löwen, die wie die Mammute am Ende der Eiszeit ausstarben, waren etwa ein Drittel größer als heutige afrikanische Löwen, auch trugen die männlichen Löwen keine Mähne. Zusammen mit dem durch die Zeit in Stücke zerfallenen Löwenmenschen wurden in dieser rückwärtigen Kammer der Höhle noch weitere Dinge gefunden: Anhänger und Perlen aus Elfenbein, durchlochte Tierzähne, viele vom Eisfuchs. Mehrere knöcherne Werkzeuge, die vielleicht der Fellbearbeitung dienten, und zahlreiche Abwurfstangen von weiblichen Rentieren.
Kurt Wehrberger erzählt, dass ein kurzer ethnologischer Film, den eine ukrainische Forscherin bei einer Tagung zeigte, für ihn ein Schlüsselerlebnis hinsichtlich der Bedeutung des Löwenmenschen war. In einer Sequenz war ein sibirisches schamanisches Ritual aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehen, bei dem Rentiergeweihe mit Schmuck an Holzkonstruktionen gehängt wurden – und am Fuß des Aufbaus standen die tierischen Schutzgötter in geschnitzter Form. »Ich dachte: Jetzt sehe ich, wofür der Löwenmensch da gewesen war! Alles passte ganz genau, die Rentierabwurfstangen, der Schmuck, die tierischen Schutzgeister.«
Ist es denkbar, dass hier eine Tradition über mehrere Hundert Generatio­nen weitergetragen wurde? Gibt die Körperhaltung des Löwenmenschen möglicherweise Auskunft über das, was die Ethnologin ­Felicitas Goodman als »ekstatische Trance« beschrieb? Oder liegt es schlichtweg sehr nahe, aufgrund unserer körperlichen und geistigen Ausstattung als Menschen uns auf diese Weise mit der Mitwelt zu ver­binden?
Bemerkenswert ist, dass der Löwenmensch keine furchterregende Chimäre ist, sondern eher freundlich wirkt. Bedeutet dies, dass der Löwe nicht in seiner Eigenschaft als starkes und für Menschen durchaus todbringendes Tier porträtiert wurde, sondern aus anderen Gründen? Einige Jahr­zehntausende nach dem Aurignacien tritt Sachmet, die ägyptische Göttin des Todes und des Kriegs, mit einem Löwenkopf auf. Auch sie schaut mit geschlossenem Mund, unbewegt, nicht unfreundlich. Sie ist mächtig und unheilbringend, doch ihre Priester können mit magischen Formeln auch Heilung für Kranke erwirken. Menschliche Symbolik ist oft ambivalent.
Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass der Löwenmensch in Gebrauch war. »Oberfläche abgegriffen« steht dazu in der Museumsbeschreibung, vielleicht über Generationen hinweg zur Hand genommen. Heute dürfen wir ihn aus konservatorischen Gründen nicht mehr anfassen, auch wenn das Elfenbein beim Betrachten nach Tuchfühlung mit dem Zahn des Mammuts ruft, das vor so langer Zeit gelebt hat.
Wenn ich den Löwenmenschen sehe, dann fühle ich mich verbunden – mit denen, die vor unvorstellbar langer Zeit vor mir da waren: den Höhlenlöwen, den Mammuten, den Menschen. Und mit denen, die da vielleicht noch kommen werden. Werden sie auch so staunen, wenn sie in 35 000 Jahren ein Playmobil-Männchen betrachten?

Mehr vom Löwenmenschen
loewenmensch.de
mammut-poa.de

https://felicitas-goodman-institut.de/wp-content/uploads/2016/10/Arbeit-Löwenmensch-mit-Bilder.pdf

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