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Nicht unter einem Dach, aber mit gemeinsamem Fundament

Ein Erfahrungsbericht aus einer
überregionalen Gemeinschaft.

von Dietrich Stempel , erschienen in 52/2019

Bild

© Foto: Dietrich Stempel

Wir leben seit 20 Jahren in einer über­regionalen Gemeinschaft. Der Begriff meint eine Gruppe von Menschen, die nicht in einem gemeinsamen Objekt wohnen und doch immer wieder miteinander Gemeinschaft erfahren. In unserem Fall sind es rund 40 Erwachsene sowie 20 Kinder und Jugendliche aus einer weit-gefassten Region; darunter Paare, Singles, ehemalige Paare und Patchwork-Familien. Politisch und religiös sind wir ungebunden; vom Alter her liegen wir zwischen 5 und 70 Jahren – allerdings gibt es eine Lücke zwischen Anfang 20 und Anfang 40. Wir leben verteilt zwischen Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit drei Schwerpunkten: in der Lüneburger Heide, rund um Hannover und Braunschweig.
Angefangen hat alles mit vier Menschen aus der Lüneburger Heide, die Ende der 1990er Jahre das Format »Jahres­gruppe« mit vier festen Treffen im Jahr kennen- und schätzenlernten. ­Gemeinsam arbeiteten sie an der Verwirklichung ihres Wunsches, Freunde und deren Freunde aus der Region zusammenzubringen – Menschen, die an gemeinschaftlichem Leben und persönlicher Entwicklung interessiert waren, aber nicht gleich in ein Lebensprojekt ziehen wollten. Eine überregionale Jahresgruppe – so die damalige Hoffnung der Gründer – beinhaltet die Chance, dass die Teilnehmenden in einen gemeinsamen Entwicklungsprozess geraten, der über einen einmaligen Workshop weit hinausgeht.
Schnell war klar, dass die Struktur einer Jahresgruppe eine Mindestzahl von 15 Menschen mit klarer Verbindlichkeit voraussetzt. Auch waren ein gewisser Organisationsaufwand und natürlich ein geeigneter Platz für die Treffen nötig. Aufgrund von bestehenden Erfahrungen wurde zudem von Beginn an eine professionelle externe Begleitung mit viel Gemeinschaftserfahrung engagiert.

Ganz Mensch unter Menschen sein
So kamen im Jahr 2000 dreizehn Frauen, sieben Männer und acht Kinder zu einem ersten Treffen in der Lüneburger Heide zusammen. Eine intensive Dynamik zog daraufhin schnell weitere Menschen an. Von Anfang an hatten wir viele Kinder dabei; noch heute halten wir es so, dass jeder Erwachsene einen leicht erhöhten Beitrag zahlt, so dass die Kinder und Jugendlichen kostenfrei teilnehmen können. Eltern und Nicht-Eltern spielen, lernen und wachsen zusammen mit den Kindern. Nachdem wir die erste Generation »unserer« Kinder erfolgreich in ihre Zukunft entlassen haben, ist inzwischen schon die zweite Generation zu einer tollen Gruppe von 15 Jugendlichen herangewachsen, die viel Spaß und Entwicklung miteinander teilen.
Uns alle verbindet die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem Zuhause unter Menschen. Wir wollen unsere Begeisterung am Leben, unsere Vielfalt, unsere Gaben teilen – wir wollen feiern! Wir teilen unsere Fragen zu Elternschaft, Gemeinschaft, Arbeit, Liebe, Lust und Partnerschaft miteinander, unsere Suche nach Sinn, unsere Ängste und Sorgen. Mit allem, was uns ausmacht, wollen wir miteinander sein, ganz Mensch unter Menschen, wollen beieinander ankommen. Das gelingt vor allem deswegen, weil wir von Beginn an erfahrene Begleiterinnen und Begleiter als Gruppencoaches einluden, die mit uns einen besonderen, geschützten und intensiven Raum eröffneten. In ihn konnten wir uns hineinentwickeln, ohne gleich alles selbst machen zu müssen. So sammelten wir in den Anfangsjahren wichtige Erfahrungen, um uns später selbst zu leiten.
Unsere Treffen finden immer einmal zu jeder Jahreszeit für vier bis acht Tage in angemieteten Tagungshäusern oder Sommercamps statt. Dabei organisieren wir die Versorgung und den gesamten Ablauf der Tage selbst. Es gibt Zeit für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche und mit allen gemeinsam; Zeit für Stille, Zeit für »auf den Tag schauen«, Zeit für »Dinge entstehen lassen«; für Spiele, Feiern und vieles mehr.
Unsere ursprüngliche Hoffnung hat sich erfüllt: Jede und jeder entwickelt sich in ihrem und seinem persönlichen Tempo, nimmt auf je eigene Art teil. Gleichzeitig gibt es gemeinsame Gruppen- und Entwicklungsprozesse, die von allen miterlebt und beeinflusst werden. Wir wenden gemeinschaftliche Methoden wie »Forum«, thematische Kleingruppen, Redestab­runden und Treffen in Frauen- und Männerrunden an.
Im Lauf der Jahre haben wir unsere eigenen Entscheidungsstrukturen aus einer gemeinschaftsfördernden Haltung entwickelt: Wenn wir uns beraten, welche Vorhaben wir durchführen, schauen wir zunächst oft mit Hilfe einer Aufstellung – z. B. einem Stimmungsbarometer von Ja bis Nein – ob es Zustimmung oder Bedenken gibt. Nachdem wir uns anschließend darüber ausgetauscht haben, erstellen wir in einem nächsten Schritt ein Meinungsbild. Gibt es nun eine große Mehrheit für das Projekt mit nur wenigen Nein-Stimmen oder Enthaltungen, ist eine qualitative Mehrheit vorhanden. Gibt es aber mehr als ein Drittel Nein-Stimmen oder Enthaltungen, werten wir das Ergeb­nis so, dass nicht ausreichend Energie dafür vorhanden ist. Seltene Vetos halten die Entscheidungsfindung an und drücken aus, dass jemand sein Verbleiben in der Gemeinschaft bedroht sieht. Eine schrift­liche Begründung bis zum nächsten Treffen ist dann verpflichtend. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema kann die Gemeinschaft das Veto dann annehmen oder aber ablehnen – in dem Bewusstsein, womöglich einen Menschen aus ihren Reihen zu verlieren. Letzteres ist jedoch bislang nicht geschehen. Wichtig für uns ist der Prozess, der ein tieferes Verständnis für die unterschiedlichen Aspekte zu einem Thema fördert.
Seit einigen Jahren leiten wir unsere Treffen selbst mit zwei wechselnden »Energiehaltern«. Diese übernehmen jeweils für ein bis zwei Tage die Modera-tion, wobei sie von der ganzen Gruppe unterstützt werden. Außerdem gibt es bei und zwischen den Treffen verschiedene Aufgaben; einige sind z. B. verantwortlich für die Küchenorganisation, für den Kontakt zu passenden Seminarhäusern, für die Koordination der Kinder- und Jugendbetreuung oder für die Finanzen. Zusätzlich zu den vier Jahresgruppentreffen gibt es weitere Begegnungsräume: vier Vorbereitungstreffen, zwei einzelne Tagestreffen (für Entscheidungen, Visionsarbeit oder anstehende Prozesse aller Art), eine regelmäßige Frauengruppe in der Lüneburger Heide, eine monatliche Forum-Gruppe, Sauna- und Tanzabende, eine überregio­nale Männergruppe, persönliche Feste, gemeinsame Jugendfahrten – und nicht zuletzt gegenseitige Hilfen bei Umzügen, Krankheiten, Kinderbetreuung, Beziehungskonflikten und Todesfällen. Dies ­alles ergibt ein engmaschiges und fühl­bares menschliches Netzwerk. Kontakt halten wir über einen E-Mail-Verteiler.

Reifeprozesse
Von Anfang an galt die Regel, dass neue Menschen im ersten Jahr an allen Jahresgruppentreffen verbindlich teilnehmen müssen, um uns ausreichend kennenzulernen. Ab dem zweiten Jahr greift für alle die Vereinbarung, bei mindestens zwei Treffen pro Jahr anwesend zu sein. Wir sind grundsätzlich offen für neue Menschen, können aber nicht alle Anfragen berücksichtigen, da wir unsere sozialen Kapazitäten für den intensiven gemeinsamen Prozess behalten möchten.
Insgesamt haben bislang fast 80 Menschen aktiv teilgenommen und sind dann andere, manchmal sogar gemeinschaft­liche Wege gegangen. Auch zu diesen ehemaligen Mitgliedern halten wir Kontakt (wenn sie möchten) und laden sie hin und wieder zu speziellen Treffen ein.
Über die Jahre sind wir so von einem Freundeskreis zu einer Gemeinschaft gereift. Wir stehen gemeinsam für unsere persönliche Entwicklung ein und unterstützen uns gegenseitig in allen Lebens- und Beziehungsthemen. Wir entwickelten ein spürbares und tragfähiges Netz von innerer Unterstützung und Anteilnahme, von Freundschaft, Zugehörigkeit und gelebter Spiritualität. So ist Vertrauen in uns gewachsen. Wir können uns ausprobieren, schwach sein und Fehler machen – und auch unsere Fähigkeiten erweitern. Die Verbindung von Herz, Geist und Körper ist uns dabei wichtig. Wir können unsere innersten Ängste behutsam miteinander teilen, uns gegenseitig erkennen – sowie mutig sein, für unsere Wünsche einstehen und es wagen, sie zu leben.
Bei uns herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Zu tun hatten wir in den Jahren unter anderem mit Suchtproblematiken, familiärer Gewalt, dem Wegbleiben von Mitgliedern ohne eine gemeinsame Aufarbeitung, Beziehungskonflikten, Differenzen über die (Nicht-)Aufnahme von Menschen, Umgang mit Störungen der gemeinsamen Rituale, ­Sektenvorwürfen sowie mit zwei Versuchen, eine ortsfeste Gemeinschaft zu gründen. Wir haben diese Konflikte ausgetragen oder ausgehalten, sind bei manchem Schmerz dennoch verbunden geblieben – und erfahren immer wieder das Geschenk der Heilung. Wir dürfen Entspannung und den Zauber von Gemeinschaft erleben, der durch all dies als ein gelebter Weg entsteht.
Als überregionale Gemeinschaft mit regionalen Elementen verbringen wir so 20 intensive Tage im Jahr, an denen wir uns begegnen können, ohne uns um Arbeit oder Unterhalt von Gebäuden kümmern zu müssen. Unsere Treffen erreichen häufig eine Tiefe in der Begegnung, die uns sonst nur aus Intensivzeiten von bestehenden Gemeinschaften oder intensiven Workshops bekannt ist.
Diese Form von Gemeinschaft hat den Vorteil, dass alle ihr Alltagsleben mit Beruf und Familie weiterführen können, ohne auf Austausch und Entwicklung durch den regelmäßigen gemeinschaftlichen Kontakt verzichten zu müssen. Natürlich wollen viele Dinge organisiert werden, und es bedarf auch kontinuierlichen Engagements. Jeder und jede trägt nur das dazu bei, was er oder sie leisten möchte.
Somit könnte jeder Mensch eine regio­nale bzw. überregionale Gemeinschaft aufbauen – oder zumindest eine solche bereichern –, ohne dafür sein bisheriges Leben komplett zu verändern. Auch die verbreitete Angst, viel zu nah alles mit allen teilen zu müssen, entfällt bei dieser Variante von Gemeinschaft weitestgehend.
Nachteilig ist allerdings der Aufwand, mit dem wir die Menschen für die Treffen in Tagungshäusern zusammenbringen müssen. Auch das Material will herangeschafft und wieder aufgeräumt werden. Eine Herausforderung stellen auch die Übergänge zwischen den Zeiten des Zusammenseins und dem individuellen Alltagsleben dar; sie erweisen sich oft als schwierige Energiewechsel.
All diese Erfahrungen fließen in das Team der »Gemeinschaftsbegleiter« ein, das sich vor vier Jahren aus unserer Gruppe heraus gebildet hat und zu dem auch ich zähle. Wir bieten Workshops und Beratung an und begleiten Initiativen im Aufbau von ortsfesten und überregionalen Gemeinschaften.
Nicht wenige Mitglieder bezeichnen unsere Gemeinschaft als ihre Wahlfamilie – und nicht wenige beschäftigen sich inzwischen wieder mit der Frage, ob nicht ein Projekt mit gemeinsamem Alltag sinnvoll ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder für einige das Erwerbsleben endet. Beides drückt viel von dem aus, was der gemeinsame Raum, in den wir uns immer wieder begeben, für uns bedeutet.


Dietrich Stempel (59) zählt zu den Mitbegründern der Gemeinschaft. Der Teilzeitvater von Tochter und Sohn hat eine Ausbildung zum Forumsleiter absolviert und arbeitet als Verkehrsplaner. 
www.gemeinschaftsbegleiter.de

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