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Gesundheit ist ansteckend

Ein Einblick in die Netzwerke von Ärzten und Gesundheitsanbietern,
die im Sinn der Salutogenese nach neuen Wegen suchen.

von Sonja Blank , erschienen in 07/2011

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Im »Zentrum für Salutogenese« trifft sich bereits seit Jahren ein Fachpublikum zur Weiterentwicklung einer lebensfördernden Gesundheitskultur. Inzwischen gibt es auch einen Dachverband für Salutogenese.

Ressourcenorientierte Kommunikation in der Arztpraxis, Freude und Lachen in Pflegeheimen, Zugehörigkeitsgefühl als anerkanntes Heilungsmittel – Zukunftsmusik? Im »Zentrum für Salutogenese« werden solche Themen mit einem interessierten Fachpublikum regelmäßig diskutiert. Seit Jahren kommen Menschen aus Wissenschaft und Praxis zum Dialog hierher.
Um mehr zu erfahren, fuhr ich nach Bad Gandersheim ins ehemalige »Zonenrandgebiet«, zwischen Leine- und Weserbergland am Fuß des Harzes. Einst begrüßte man in diesem reichsfreien Ort deutsche Könige und Kaiser, und die erste deutsche Dichterin, Roswitha von Gandersheim, machte hier als selbstbewusste »deutsche Sappho« von sich reden. In dem heutigen Kur- und Badeort muss man schon genau hinsehen, um die Spuren des einstigen Glanzes zu erkennen.
Ein geschichtsträchtiger Ort also, an dem der Arzt Theo Petzold sein Zentrum betreibt. Nachdem er in den 80er Jahren in Hannover ein Gesundheitshaus ins Leben gerufen hatte, war er aufs Land gezogen, in das inzwischen von gemeinschaftlichen Strukturen geprägte Dorf Heckenbeck bei Bad Gandersheim. Im Jahr 2004 gründete er dort zusammen mit anderen Gesundheitsaktiven in der »Alten Mühle« bei Ackenhausen das »Zentrum für Salutogenese«.
Über das Konzept der Salutogenese haben wir in Oya bereits mehrmals berichtet. Es geht auf den amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zurück. Er forschte über die Auswirkungen von extremem Stress auf Menschen und stellte nicht die sonst übliche Frage: »Warum macht Stress krank?«, sondern »Wie schaffen es Menschen, trotz ständigem Stress gesund zu bleiben?« Das bezeichnete er als die »salutogenetische Frage«, die Frage nach der Entstehung (griechisch ­genesis) von Gesundheit (lateinisch salus). Zentrales Ergebnis seiner Forschung war sein »Kohärenzkonzept«. Das Kohärenz­gefühl ist so etwas wie ein Urvertrauen, ein Gefühl von stimmiger Verbundenheit. Dieses ist nach Antonovsky die entscheidende Ressource für eine gesunde Entwicklung. In der Salutogenese liegt das Hauptaugenmerk auf dem »Gesundungsweg« und auf den Ressourcen, die wir brauchen, um diesen Weg gehen zu können. Krankheitssymptome geben Hinweise auf diesem Weg.

Vernetzung von Gesundheits-Akteuren
Antonovskys Salutogenese-Modell förderte einen grundlegenden Perspektivwandel in der Betrachtung von Gesundheit. Es gab wichtige Impulse für die Forschung, aber auch für die Entwicklung neuer Gesundheitstheorien und -praktiken. In der Bundesrepublik entstanden in den 80er Jahren Gesundheitshäuser, in denen man versuchte, ganz ähnliche ganzheitliche Theorien in der Praxis umzusetzen und ein gemeinsames Feld zu schaffen, in dem Methodenvielfalt und Wahlfreiheit im Prozess des Gesundwerdens im Vordergrund stehen.
Die Heckenbecker Akteure starteten mit einer Vernetzung von Gesundheits­anbietern vor Ort schon Jahre vor dem Projekt »Gesundheits- und Seminarhaus Alte Mühle«. Von dem »Qualitätszirkel«, der in diesem Rahmen entstand, und seiner interdisziplinären Zusammenarbeit berichten mir Theo Petzold und seine Kooperationspartnerin Nadja Lehmann mit leuchtenden Augen.
Es war klar, dass in dem beschränkten Rahmen von Gandersheim die Resonanz auf Fragen der Salutogenese sehr begrenzt sein würde, auch wenn das gemeinschaftliche »Lebensnetzwerk« im Dorf Heckenbeck für das Team um Theo Petzold und Nadja Lehmann eine wichtige Kraft- und Ideenquelle war. Hier konnten sie verschiedenste Impulse aufgreifen und Neues in einem geschützten Rahmen ausprobieren.
Der breitere Diskurs fand aber in einem interdisziplinären überregionalen Netzwerk statt, das sie in den letzten fünfzehn Jahren aufgebaut haben. Die jährlichen Symposien fokussieren Themen der salutogenetischen Forschung und Praxis. Damit wird der Dia­log angeregt, und die Teilnehmenden tragen ihre Erfahrungen und Impulse in ihr Wirkungsfeld zurück. Themen, die in dem Netzwerk diskutiert wurden, wie etwa »Lust und Leistung« oder »Zugehörigkeitsgefühl«, tauchen dann unversehens in Veröffentlichungen oder an Unis wieder auf und werden dadurch mit der Zeit salonfähig. Diejenigen, die an neuen wissenschaftlichen und praktischen Wegen interessiert sind, werden durch den Austausch im »Zentrum für Salutogenese« bestärkt und nehmen die neuen Inhalte in ihren Forschungs- bzw. Praxis­alltag mit.
Den Beteiligten in diesem Netzwerk geht es auch darum, einen neuen wissenschaftlichen Ansatz zu schaffen, der der ­Dynamik von Gesundungsprozessen gerecht wird. Doppelblindstudien, wie sie für die Erforschung pharmakologischer Wirkungen angewendet werden, taugen da kaum. Gefragt sind ganz neue Studien­designs, wie etwa die Forschung zu den Gesundheits- und Krankheitsfaktoren und das Autonomietraining von Dr. Ronald ­Grossarth-Maticek.
Auch die Forschungen zu »gesundheitsfördernden Praxen« von Ottomar Bahrs und Peter F. Matthiessen uund anderen sowie die Meta-Analyse von Wirksamkeitsstudien der Psychotherapie, die Klaus Grawe erstmals 1994 veröffentlichte, sind Schritte in eine gute Richtung. Grawe setzte sich zum Ziel, den Streit zwischen verschiedenen Schulen im Bereich der Psychotherapie zu überwinden und die Grundlagen einer »Allgemeinen Psychotherapie« zu entwickeln.
Wichtige Impulse für das neue Denken kommen auch aus der Chaos- und Hirnforschung, der Quantenphysik und Systemtheorie sowie aus der humanistischen Psychologie.

Symposien, Ausbildungen und ein neuer Dachverband
»Oft nutzen Experten die Bad Gandersheimer Symposien, um ihre Hypothesen zu hinterfragen und zur Diskussion zu stellen. Manche besprechen auch die Struktur ihrer Examensarbeit mit uns, wie etwa ein Manager und Student aus Salzburg, der eine Masterarbeit über salutogenetische Orientierung für Mitarbeitergespräche in Firmen schreibt. Salutogenese greift also auch in nicht-medizinische ­Bereiche über«, erklärt Theo Petzold.
Inzwischen bietet das Zentrum auch Ausbildungen in »salutogener Kommunikation« an. Demnächst ist ein gemeinsames Forschungsprojekt mit der Universität Göttingen geplant, um die Wirksamkeit dieser Methoden bei Menschen mit chronischen Erkrankungen zu erforschen.
Ob es denn gelingen könne, auch gesundheitsfördernde und therapeutische Methoden, in denen man derzeit keinen Hochschulabschluss machen kann, wie etwa Feldenkrais, Atemtherapie, Yoga oder Shiatsu, in der Fachwelt und Gesellschaft zu mehr Anerkennung zu verhelfen, und welche wissenschaftlichen Nachweise hier sinnvoll seien, wollte ich von den beiden Salutogenese-Experten wissen. Theo Petzold schlägt vor: »Es ist an der Zeit, eine gemeinsame, umfassende Theorie von gesunder Entwicklung, von Salutogenese wie auch vom Heilen zu entwickeln, eine Theorie, die auf Kenntnissen der Selbstheilungsvorgänge und ihrer Anregung beruht. Dafür braucht es ganz andere Forschungen als die üblichen. Alle Gesundheitsarbeiter können hier unabhängig von einem Hochschulabschluss mitmachen, denn jede solche Forschung beginnt mit Fallstudien und – das halte ich für besonders wichtig – dem kollegialen interdisziplinären Austausch dar­über.« Der Fokus liege dabei wiederum in der Beobachtung, wie Menschen gesund werden. Die Phasen und dynamischen Prozesse können anhand von Einzelfällen beschrieben werden. Auf dieser qualitativen Grundlage ließe sich dann eine quantitative, statistische Forschung aufbauen. Das Wichtige ist, dass wir mit einer anderen Fragestellung an die Beobachtung herangehen und dies dokumentierten. Eine Frage ist beispielsweise, wie heilsame Systeme funktionieren, also nicht, wie das einzelne Arzneimittel oder ein Massagegriff wirken, sondern wie das Zusammenspiel vieler Faktoren eine Heilungsdynamik ­beeinflusst.
Auf die Frage nach ihren Perspektiven wünschen sich Theo Petzold und Nadja Lehmann ein Umdenken der Menschen im Gesundheitswesen in Richtung gesunder Entwicklung. Für die geplanten Forschungen und den wachsenden interdisziplinären Diskurs ist viel Einsatz gefordert. Ein Schritt in diese Richtung war die Gründung eines Dachverbands für Salutogenese, die im Oktober 2010 in Göttingen stattfand. Der Dachverband fängt nicht bei Null an, sondern kann auf die Erfahrungen der Akademie für patientenzentrierte Medizin (APAM), einem Zusammenschluss von Ärzten, zurückgreifen. Jetzt finden sich unter dem Dach auch salutogenetisch orientierte Organisationen und Einzelpersonen aus unterschiedlichen Berufsfeldern zusammen. Auf die nächsten Schritte können wir gespannt sein. 


Mehr zur Gesundung des Gesundheitsbegriffs:
Internet
www.salutogenese-zentrum.de, www.gesunde-entwicklung.de
Literatur
Marco Bischof: Salutogenese. Unterwegs zur Gesundheit, Drachen Verlag 2010 • Theodor Dierk Petzold: Praxisbuch Salutogenese. Warum Gesundheit ansteckend ist, Südwest, 2010 • Nadja Lehmann, Theo Petzold u. a. (Hrsg.): Verbunden gesunden. Zugehörigkeitsgefühl und Salutogenese, Verlag Gesunde Entwicklung, 2007

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