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Ich bringe mich mit allem ein

Die Doula Willow Proctor erzählte Maria König von ­ihrem Weg zur Begleitung von sanften Geburten.

von Maria König , Willow Proctor , erschienen in 52/2019

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© Foto: Jessi Karpyk

Beim Nachdenken darüber, mit wem ich für diese Ausgabe ins Gespräch kommen will, fällt mir Willow Proctor ein. Ich kenne sie als Gastgeberin von Redekreisen und Schwitzhüttenritualen einer von indigenem Wissen inspirierten Versammlungs- und Heilkultur. Ihr Engagement für einen bewussten, achtsamen Umgang mit unserer Planetin verbindet sie mit Elementen, die ich dem spirituellen Bereich zuordne. Diesen behandeln wir in Oya zurückhaltend, denn die hier verwendete Sprache wirkt oft ausschließend gegenüber anderen. Bei Willow erlebe ich das Singen, Trommeln und Tanzen sowie Gespräche über Liebe und Frieden eingebunden in eine bodenständige, lebensnahe Haltung. Wir treffen uns bei ihr zu Hause, einem kleinen Grundstück am Waldrand nahe Berlin, das sie mit ihren Töchtern Gaia und Shanti bewohnt. Ich bitte die gebürtige ­Kanadierin, mir von ihrem Leben zu erzählen.


Maria König  Wo und wie bist du auf­gewachsen, Willow?
Willow Proctor  In British Columbia in einem sehr kleinen Dorf, wo jede jeden kannte, umgeben von überwältigend schönen Wäldern und Bergseen. Ich hatte ähnliche Herausforderungen zu meistern wie viele Leute meiner Generation. Meine Eltern trennten sich recht früh, und meine Mutter fand fürchterlich anstrengende neue Partner. Aber in der Dorfgemeinschaft und umgeben von so viel Wildnis fühlte ich mich geborgen und behütet. Ich hatte viele Freiheiten und viel Zeit zum Spielen und »einfach sein«. Es war großartig! Mit 14 Jahren zog ich zu meinem Vater in die Stadt. Das war die erste Zeit in meinem Leben, wo ich mich mit mir selbst und der Welt unverbunden fühlte.

Dauerte dieses Gefühl noch länger an?
Als ich während meines Studiums zur naturheilkundlichen Ärztin vier Monate durch Südostasien reiste, ist etwas ganz Wesentliches mit mir passiert. Etwas, das lange Zeit verschlossen war, öffnete sich in mir. Ich meine, es war die Fähigkeit und Neugierde zu lernen – eine Art des Lernens, wie wir sie als kleine Kinder haben, wo unser Gehirn wie ein Schwamm ist und du einfach nur lernen, lernen, lernen, jeden Tag lernen willst. Mir wurde klar, dass meine Schulbildung – 16 Jahre in einem traditionellen westlichen Schulsystem – diese pure Freude am Lernen erstickt hatte, obwohl ich das Gefühl hatte, eine gute Schulzeit gehabt zu haben. In diesen vier Reisemonaten mit dem Rucksack auf dem Rücken fand ich sie ­jedenfalls wieder. Ich begegnete vielen unterschiedlichen Menschen aus allen möglichen Kulturen. Stundenlang saß ich in kleinen Hostels und Pensionen und lauschte ihren Geschichten. Eine Umgebung, in der es leicht ist, mit Fremden in Kontakt zu treten und die einfache, ungezwungene soziale Interaktionen ermöglicht, war völlig neu für mich. Ich fühlte mich lebendig und genährt.
Als ich von dieser Reise nach Kanada zurückkam, erlebte ich einen Kulturschock. Damals erkannte ich das erste Mal, dass ich bis dahin in einer Blase gelebt hatte und etwas wirklich falsch läuft in unserer westlichen Kultur.

Du hast mir erzählt, dass du nach Abschluss deines Studiums mit dem Vater deiner Kinder nach Deutschland gezogen bist. Dort hast du mit ihm fünf Jahre ein alternativmedizinisches Institut geleitet und danach einige Jahre mit 44 anderen Menschen in einem Ashram in Gemeinschaft gelebt. Wie haben die Erfahrungen der letzten Jahre deine Wahrnehmung, für das, was falsch läuft, und deinen Umgang damit verändert?
Ich hatte dieses Gefühl schon, als ich in meinen frühen Zwanzigern war, aber damals war ich zunächst damit beschäftigt, irgendwie in dieser Gesellschaft zu überleben – einen Job zu finden und Geld zu verdienen. Ich habe nicht wirklich die Welt und das große Ganze, was auf unserer Planetin vorgeht, im Blick gehabt. Ich lebte in einer Blase – auch als ich nach Deutschland zog. Dort war es die Blase des Instituts, für das ich arbeitete. Mit der Gemeinschaft erweiterte ich meine Weltsicht immerhin auf die 45 Blasen der Mitglieder im Ashram. Alles nur Denkbare haben wir dort durchlebt: Geburten, Todesfälle, Ehen, Trennungen, Konflikte, Freundschaften – wir praktizierten nicht so viel Yoga, wie es von außen vielleicht den Eindruck erweckte. Bei Licht betrachtet, diente dieser Ort vor allem dazu, zu lernen, wie Menschen in einer Gruppe von 45 Personen zusammenleben können. Dieses Experiment war für mich auf vielfältige Weise sehr lehrreich – auch, um zu erkennen, was einem Zusammenleben als Gruppe nicht zuträglich ist. Insgesamt fühlte ich mich in gelebter Gemeinschaft sehr wohl, aber ich erkannte, dass ich meinen Blick noch weiter ausdehnen wollte. Ich war geradezu hungrig danach.

In welche Richtung führte dich denn ­dieser Wunsch?
Mit der Erfahrung von zwei sehr schönen und friedlichen Hausgeburten habe ich im Ashram begonnen, Frauen als Doula vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder zu begleiten. Eine Weiterbildung bei Elena Vladimirova in ihrem Konzept »Birth into being« hat mir geholfen, meine Arbeit in eine umfassendere Perspektive zu setzen. Dabei geht es sowohl um die friedvolle Begleitung von Geburten als auch um die Begleitung Erwachsener bei der Aufarbeitung eigener Traumata, um selbst achtsame Eltern werden zu können. Ich habe nie etwas Kraftvolleres erlebt, als meine Kinder selbstbestimmt zu Hause zu gebären. Für mich ist Birth into being der beste und effektivste Weg, um Veränderungen in der Welt auf eine sehr tiefe Weise herbeizuführen, denn mit dieser Arbeit beeinflusse ich unmittelbar das Leben kommender Generationen. Sie sind die Samen unserer Zukunft – und es ist eine große Leistung, junge Menschen emotio­nal intakt von der Empfängnis über die Geburt und die gesamte Zeit bis zum Alter von sieben Jahren zu begleiten. Ich glaube, dass viele Menschen unterschätzen, wie machtvoll prägend es ist, auf welche Weise wir Kinder in die Welt bringen und sie nähren. Meine Lehrerin Elena ist ziemlich berühmt für ihre Überzeugung, dass wir, wenn wir unsere Energie auf die bewusste Unterstützung der jungen Individuen unserer Spezies richten würden, diese Welt in ein oder zwei Generationen von Grund auf verändern könnten.

Du machst auf mich den Eindruck, dass dein Handeln mehr von Hoffnung als von Angst bestimmt ist. Was gibt dir Mut und Kraft im Leben?
Angst ist ein gutes Stichwort, weil jede und jeder durch das Feuer der eigenen Angst gehen muss, um sich wirklich selbst zu ermächtigen. Ich bin meinen Eltern dankbar dafür, dass ich selbst zu Hause in Frieden geboren worden bin. Bis heute fühle ich, wie mir das Kraft gibt. Daher widme ich mit dem einen Strang von Birth into being meine Energie denjenigen, die nicht in Frieden auf die Welt kommen durften, damit sie ihre Kraft, die sie durch diese Erfahrung verloren haben, wiederfinden. Es hat mir auch sehr geholfen, Verletzungen aus meiner frühen Kindheit aufzuarbeiten. Bezogen auf Angst hat auch Elena mir geholfen, meinen Blick zu erweitern. Bei einem Seminar sprach sie davon, dass wir seit Tausenden von Jahren gesellschaftlich ein Denken kultiviert haben, in dem wir akzeptieren, dass Menschen Soldaten und Mörder sind. Ich dachte zunächst, dass sie von früher spricht, also vom Zeitalter der Römer – bis ich realisierte: Nein, sie spricht auch von unserer heutigen Zeit!
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich begann, mich mit Mechanismen wie Massenhypnose und Propaganda zu beschäftigen. Es war, wie Hausaufgaben zu diesen Themen zu machen, etwa vier bis fünf Jahre des Selbststudiums. Ich wollte wissen, was wir Menschen uns wirklich angetan haben, wie wir uns manipulieren, indoktrinieren. Ich stellte in Frage, was ich bisher über mich und die Welt geglaubt hatte – da waren brennende Fragen in meinem Herzen, und ich wollte nicht aufhören, bis ich sie vollständig beantwortet hatte. Also habe ich mir alles angeschaut, jede dunkle Ecke unserer Gesellschaft. Das war harte Arbeit, und es gab Bereiche, vor denen habe ich mich als Mutter von zwei jungen Mädchen lange gescheut.

Haben sich dadurch deine eigenen Ängste aufgelöst?
Ich hatte Angst davor, mit diesem Wissen sichtbar zu werden und zu sagen: »So sehe ich die Welt und die Probleme, die wir haben.« Ich hatte Angst davor, was andere von mir denken, in welche Schubladen sie mich stecken oder welche Sanktionen ich befürchten müsste, wenn ich meine Stimme erhebe. Wirklich aufzutauchen, war meine größte Angst. Aber ich habe mich schließlich entschieden, mich in dieser Welt nicht mehr zurückzuhalten. Seitdem stelle ich mich dieser Angst. Das war extrem befreiend für mich, aber es erfordert auch viel Courage.

Wie entwickeln Menschen Courage?
Das ist eine große Frage. Ich denke, dass viele Menschen die Herausforderungen unserer Zeit und einige mögliche Lösungen inzwischen kennen. Aber Mut, um wirklich aktiv zu werden, scheint wie ein »missing link«, zu sein, ein fehlendes Bindeglied. Ich selbst habe irgendwann gesagt: Genug ist genug, ab jetzt bringe ich mich mit allem ein, was ich habe, mit meinem Geist, meinem Körper, meinem Verstand und meinen Emotionen, 100 Prozent. Und ich werde alles tun, was ich kann, während ich hier bin, um positive und hilfreiche Unterstützung zu leisten!

Am Ende unseres Gesprächs bin ich berührt von der Klarheit und Entschlossenheit, die Willow zum Ausdruck bringt. Ich bedauere ein wenig, dass der geschriebene Text nicht vermittelt, wie schön es ist, ihr zuzuhören, weil sie mit so viel Begeisterung und Humor spricht. Ich frage sie nach letzten Worten.

Dafür wähle ich den Satz meines Großvaters, den er sagte, als er starb: »Es gibt Hoffnung!«

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