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Nicht für mich geschrieben

Die Journalistin Leonie Sontheimer sprach mit ihrer Kollegin Thembi Wolf.

von Leonie Sontheimer , Thembi Wolf , erschienen in 52/2019

Bild

© Foto: Leonie Sontheimer

Thembi und ich kennen uns durch unser gemeinsames journalistisches Kollektiv ­»Collectext«. Wir haben schon viel über ­unsere Arbeit gesprochen, über unser Selbstverständnis als Journalistinnen und unsere Visionen als Menschen – aber noch nie ausführlich über Oya und Oya-Themen.
Es ist Montagabend, ich besuche Thembi in ihrer Wohnung in Neukölln. Wir essen mit ihrem Sohn Abendbrot. Auch er hat eine Vorstellung vom »guten Leben«. Er wünscht sich eine Welt ohne Kohlrabi.


Leonie Sontheimer  Wie sieht ein Tag aus, nach dem du total zufrieden bist?
Thembi Wolf  Eigentlich banal: Es ist Frühsommer, nachdem ich ausgeschlafen habe, trinke ich einen Kaffee auf dem Balkon – mit Blick über Berlin, über die Bäume. Dann schreibe ich etwas, das Gedanken anstößt, Leute aus ihrem Trott holt. Um 17 Uhr mache ich ­rechtzeitig Feier­abend, so dass ich Zeit habe, zu ­kochen, ein Spiel zu spielen und noch ­etwas zu lesen. Manchmal will ich auch woanders aufwachen, etwas Neues sehen.

Welche Rolle spielt für dich die Um­gebung, in der du lebst?
Mir ist es schon wichtig, eine gewisse Sicherheit zu haben, zum Beispiel, dass mein Sohn alleine zur Schule gehen kann. Ich habe auf dem morgendlichen Schulweg mit ihm schon Menschen gesehen, die sich eine Spritze gesetzt haben. Da kam ich mir vor wie in einem dystopischen Science-Fiction-Film. Aber ehrlich gesagt, wenn alles friedlich wäre – ich weiß gar nicht, ob ich dann noch schreiben würde.

Worüber schreibst du denn?
Mein Thema ist soziale Ungleichheit. Letztens hatte ich eine hitzige Diskussion mit meinem Freund. Er war der Meinung, dass der Klimawandel das wichtigere Thema sei. Für mich ist es Chancengleichheit. Wenn ich die Wahl hätte, worauf ich 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ansetze, auf den Klimawandel oder auf eine gerechte Gesellschaft, wäre es letzteres. Das merke ich auch an meinem Verhalten im Supermarkt. Wenn ich mich zwischen einem Bio- und einem Fairtrade-Siegel entscheiden muss, nehme ich immer das Produkt mit dem Fairtrade-Siegel.

Wobei doch beides sehr eng miteinander zusammenhängt …
Klar, keine Frage. Gerade in Hinblick auf die Situation von Indigenen. Sie sind die ersten, die betroffen sind, wenn der Meeresspiegel steigt. Ich habe letztes Jahr Indigene auf einer Recherchereise in ­Washington State besucht. Es gibt dort ­jeden Spätsommer Unwetter, die vieles zerstören. Wer es sich dann leisten kann, das eigene Haus wieder aufzubauen – das ist wiederum eine soziale Frage.

Ich schreibe viel über die Klimakrise. Mich treibt dabei auch Angst an – Angst vor zerstörenden Unwettern, vor dem steigenden Meeresspiegel, vor dem Aussterben vieler Arten. Du schreibst über soziale Ungerechtigkeit. Ist Angst bei dir auch eine Triebfeder?
Ja, schon. Im Bereich Rassismus gibt es große Unsicherheiten. Ich fühle eine zunehmende Feindseligkeit in der Gesellschaft. Heute habe ich mit einem schwarzen Schauspieler gesprochen, der in Berlin lebt, für Netflix arbeitet und gut verdient. Er hat mir erzählt, wie ätzend er es findet, jeden Tag das Haus verlassen zu müssen, weil überall Rassismus lauert. Es ist dieses Gefühl, dass es auch keinen Ort mehr gibt, an den du ausweichen könntest, wo es besser ist. Ich habe auf jeden Fall Angst vor dem, was da noch mit der AfD kommt. Aber wahrscheinlich brauche ich diese Angst, um leidenschaftlich dagegen anschreiben zu können.

Könntest du dir vorstellen, für Oya zu schreiben?
Grundsätzlich ja. Ich habe schon öfter für kleine Medien geschrieben. Aber was ich wirklich seltsam finde, ist der Name. Oya. Ich habe das gegoogelt – das ist Yoruba, oder? Für einen Gott oder eine Göttin. Auf Deutsch heißt es nichts. Ich finde, das ist kulturelle Aneignung. Habt ihr schon einmal darüber geredet?

Was meinst du damit genau?
Ich bin keine Yoruba, ich weiß nicht, wie eine Yoruba sich fühlen würde, wenn sie den Namen einer Göttin so aus dem Zusammenhang genommen sähe. Das ist ja schon eine Art von Blasphemie, die mit Figuren aus anderen Religionen wohl nicht passieren würde. Ich weiß aber nicht, ob ich, wenn ich bei Oya dabei wäre, dafür plädieren würde, sie umzubenennen. Das wäre vielleicht ein bisschen krass.

Die Aneignung und das Zueigenmachen von Begriffen ist immer wieder Thema bei uns. Ich erinnere unsere Disskussion über den Begriff »Heimat«. Uns ist bewusst, dass er von Rechten instrumentalisiert wird, aber wir wollten ihn nicht aufgeben. Am Ende haben wir entschieden, den Begriff zu verwenden und klarzumachen, was er für uns bedeutet: Verbundenheit mit einem Ort – einem Ort, an dem jeder Mensch willkommen ist.
Ja, du kannst den Begriff nicht nur gruselig, sondern auch positiv nutzen. Aber wenn ich eine Oya sehen würde, auf deren Titel »Heimat« stünde, würde ich trotzdem Gänsehaut bekommen, selbst wenn es ganz anders gemeint wäre. Ich wäre dann sicher, dass die Ausgabe nicht für mich geschrieben wurde. Ich hätte dann das Gefühl, dass da jemand nicht nachgedacht hat, was der Begriff für mich bedeutet. Für mich ist er definitiv mit AfD, mit Rechten konnotiert. Am liebsten wäre mir, das Wort würde verschwinden.

Aber kannst du das Gefühl nachempfinden, sich mit einem Ort verbunden zu fühlen? Nicht zwingend dort, wo du geboren wurdest, sondern dort, wo du entscheidest, zu leben.
Ich bin eher ein Stadtmensch. Aber ich könnte mir schon vorstellen, ein kleines Haus in Rixdorf zu kaufen mit einem kleinen Garten und dort mein ganzes Leben zu bleiben und den Apfelbaum zu pflegen. Das wäre mir nicht fremd.


Nach dem Gespräch bin ich glücklich – glücklich darüber, dass Thembi und ich uns die Zeit genommen haben, über tiefe Themen miteinander zu sprechen. Wir hatten Zeit, Begriffe aus unseren jeweiligen thematischen Blasen füreinander zu übersetzen. Auch wenn wir mit dem Begriff »Heimat« unterschiedlich umgehen, existiert doch ein respektvolles Verständnis für den jeweils anderen Umgang. Mir gefällt das Bild zweier Seifenblasen, die in der Luft schweben und sich in der Berührung gegenseitig austauschen und tragen, ohne zu verschmelzen.


Thembi Wolf (28) ist Journalistin, vor allem für Genderthemen und Subsahara-Afrika. Sie spielt gerne Scrabble mit ihrem Sohn, kocht opulent und wacht am liebsten in den Bergen auf, vor allem in denen am südafrikanischen Ostkap.

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