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Von Anfang an selbstgemacht

Lara Mallien besuchte die Altenpflegerin
Gudrun Gransow.

erschienen in 52/2019

Bild

© Foto: Klara Gransow

Seit bald 22 Jahren wohne ich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Städtchen Lassan, aber ich war dort noch nie bei jemandem zu Hause zu Besuch – das geht mir durch den Kopf, als ich mich zu Gudrun Gransow auf den Weg mache. Sie lebt seit 1999 in dem kleinen vorpommerschen Städtchen. Ich kenne sie nur flüchtig. Vor ein paar Jahren hat sie als Altenpflegerin bei meiner über 90-jährigen, inzwischen verstorbenen Oma Else gelegentlich für die Morgentoilette gesorgt. »Ich freue mich immer besonders, wenn Schwester Gudrun kommt«, hörte ich Else öfter sagen. Sie fühlte sich von der erfahrenen, immer sehr energiegeladen wirkenden Pflegerin bestens versorgt. Seitdem wollte ich sie gerne näher kennenlernen, habe aber nicht aktiv nach einer Gelegenheit gesucht.
Gudruns Mann Fred, Malermeister mit eigenem Betrieb, ist schon seit zwei Wahlperioden Bürgermeister von Lassan (CDU). Mein Partner Johannes Heimrath, Stadtrat in Lassan, gestaltet mit Fred ein paarmal im Jahr das Informationsblatt »Lassaner Rundschau«. Vergangenen Herbst schenkte Johannes Gudrun das Buch »Permakultur« von David Holmgren, nachdem er von ihrer Begeisterung fürs Gärtnern erfahren hatte. Gudrun war davon beeindruckt. Johannes drückte ihr daraufhin auch ein paar Oya-Ausgaben in die Hand. Als ich sie beim Neujahrsempfang der Stadt Lassan fragte, ob ich sie für ein Interview besuchen dürfe, meinte sie zwar, sie habe nichts Interessantes zu erzählen, aber sie lud mich ein. So sitze ich Mitte Januar an ihrem Küchentisch, knabbere ihre selbstgebackenen Vollkorn­dinkeljoghurt-Waffeln und bekomme Tee eingeschenkt.


Lara Mallien  Der Tee ist sehr lecker!
Gudrun Gransow  Das ist Ingwer-Zitronengras. In der kalten Zeit koche ich uns am Abend oft einen Tee. Tagsüber ist ja niemand zu Hause.

Gehen deine Kinder noch zur Schule?
Jakob lernt, er macht eine Ausbildung in Freds Malerbetrieb. Klara macht dieses Jahr Abitur. Letzte Woche war ich mit ihr bei einem Vorstellungsgespräch im Amt am Peenestrom; sie will eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten anfangen.

Warum will sie nicht studieren?
Sie möchte selbständig sein, vor allem hat sie von dem vielen Lernen und Belehrtwerden die Nase voll. Sie fühlt sich in der Schule oft ungerecht behandelt. Das tut mir dann sehr leid, gleichzeitig weiß ich, dass sie im Leben immer wieder Ungerechtigkeiten erfahren wird – damit muss sie umgehen lernen.
Ich habe mich in der Schule immer sehr zurückgehalten. Uns wurde ja in der DDR vorgeschrieben, was wir zu denken hatten. Alles war vorgezeichnet, der Weg über Kindgarten, Schule und Ausbildung, und wenn du dir Mühe gegeben und gleich ein Kind gekriegt hast, bekamst du auch eine Wohnung. Ich habe damals gesagt: Nein, da mache ich nicht mit. In diese Welt setze ich keine Kinder! Davon war ich fest überzeugt, bis kurz vor 30, selbst noch nach der Wende. Aber um die 30 tickt die biologische Uhr und legt solche auf Vernunft begründeten Gedanken lahm.

Was fandest du damals am Schrecklichsten?
Ich hatte zu DDR-Zeiten ganz große Angst vor einem Krieg. Im Zivilverteidigungsunterricht in der Schule wurden wir für den »Ernstfall« trainiert. Auch später, in meiner Ausbildung zur Krankenschwester, mussten wir üben, in kürzester Zeit Behelfskrankenhäuser aufzubauen, große Zelte. Jeder bekam eine Nummer, die bestimmte, was zu tun war, zum Beispiel einen Balken einbauen, eine Schnur spannen. Wir sind mit Gasmasken über eine Wiese gerobbt, um zu lernen, was beim Gasangriff zu beachten ist. Das fand ich immer ganz furchtbar; alles, was mir über den Kalten Krieg gesagt wurde, ging mir unter die Haut.

Und wie siehst du die heutige Gesellschaft?
Es gibt mehr Freiheit, aber ich finde es fürchterlich, dass das Leben auf Konsum reduziert wird. Wenn ich Werbung im Fernsehen sehe, könnte ich Schreikrämpfe kriegen. Einerseits wird groß getönt: »Wir wollen keine Massentierhaltung!«, aber dann schimpfen alle doch: »Das Fleisch ist zu teuer!«.
Um diese Zeit, Anfang des Jahres, geht es ja immer los: mit Frühbucherrabatt einen günstigen Cluburlaub sichern. Diejenigen, die sich das nicht leisten können, fühlen sich betrogen. Ich frage mich: Was hätte ich denn von so einem Urlaub? Ich kann mich auch hier an einen Pool legen und Cocktails schlürfen. Kann Werbung den Menschen tatsächlich das Denken abgewöhnen? Mir ist das unheimlich.

In Oya fragen wir uns oft: Was wird unsere Urenkelgeneration sagen, wenn sie auf den Beginn des 21. Jahrhunderts zurückschaut? Für all das, was ich tue – obwohl ich mich um Sparsamkeit bemühe – verbrauche ich so viele Ressourcen, dass es, verhielten sich alle so wie ich, mehr als zwei Erden geben müsste. Ich bin mit dem Auto zu dir gefahren, lebe in einem nicht optimal gedämmten Altbau, nutze einen Computer und andere industriell hergestellte Gegenstände … Es gibt aber nur eine Erde. Das ist so offensichtlich, trotzdem machen alle weiter, ich ebenfalls.
Andersherum – wir bräuchten ja nur bei der Ernährung anfangen. Da lässt sich ganz viel ändern. Die heute verbreitete Ernährungsweise ist krank und macht krank. Seit ich Krankenschwester bin, sehe ich dieses Elend jeden Tag. Sechzehn Jahre lang habe ich in einer Klinik in der Abteilung »Innere Medizin« gearbeitet, erst zu DDR-Zeiten, aber auch nach der Wende. Mit der Zeit habe ich mich immer mehr für die Zusammenhänge zwischen Bewegung, Ernährung und Gesundheit interessiert und dazu auch viel Fachliteratur gelesen.
Mich hat auch immer die Frage beschäftigt, ob der Mensch noch mehr ist als ein Körper. Ich bin getauft und konfirmiert. In meiner Kindheit habe ich viel mit den Söhnen vom Pastor gespielt, wir wohnten direkt neben dem Pfarrhaus. Einmal habe ich meinen Freund gefragt: »Dein Vater – glaubt er wirklich, was er predigt?« »Der lebt seinen Glauben«, hat er mir geantwortet, das hat mich beeindruckt. Seele, Philosophie, Phänomene, die wir nicht erklären können, wie ein Déjà-vu, haben mich immer interessiert. Ich lese gerne Bücher von Philosophen – nicht immer bin ich ihrer Meinung, aber es interessiert mich. Wenn wir uns nur dafür abmühen, einen funktionierenden Körper zu haben, um irgendwann zu sterben, wäre das ja traurig. Ich will eine Perspektive sehen, einen Sinn …

Was gibt dir denn das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat?
Meine Kinder, meine Familie – und meine Arbeit. Ich freue mich zum Beispiel, wenn es mir auffällt, dass sich bei einer der von uns betreuten alten Menschen ein gesundheitliches Problem anbahnt und ich den Ärzten einen Hinweis geben kann, mal genauer nachzuschauen. Dann denke ich, dass es sich gelohnt hat, Krankenschwester zu werden. Anatomie, Physiologie – das haben wir alles gelernt; in der Klinik wurde von uns erwartet, Krankheitsbilder schnell zu erkennen. Ich habe in der Ausbildung immer versucht, die entscheidenden Sachen mitzukriegen. Man muss schnell erfassen, was wirklich wichtig ist. Wobei – was für wen wichtig ist, das ist für alle unterschiedlich. Auch beim Fernsehschauen filtere ich nur das heraus, was mich interessiert, ansonsten mache ich nebenbei Handarbeiten.

Strickst du deine Familie ein?
Nein, die sagen, sie wollen meine Schafe nicht! Ich stricke für mich selbst. Vor ein paar Jahren habe ich bei der ­Handweberei Iris Schöne in Pulow das Spinnen gelernt. Mein Erstgesponnenes – darauf war ich so stolz! Dabei war der Faden viel zu dick. Bei den nächsten Versuchen war die Wolle schon etwas dünner, ich habe mir Pullover und Jacken daraus gestrickt. Aber sie waren doch noch recht fest, deshalb trenne ich sie jetzt alle wieder auf und stricke aus der Reufelwolle Socken. Inzwischen habe ich mit dem Weben angefangen. Zuerst habe ich es wie in der Steinzeit probiert und die Fäden zwischen zwei Stöcke gespannt. Das Ergebnis siehst du hier auf dem Tisch liegen, und daran erkennst du auch das Problem: Die Ränder werden mit dieser einfachen Technik nie gerade. Eine Bekannte hat mir dann ihren Webrahmen überlassen. Seitdem lässt mich diese Technik nicht mehr los. Mein großes Projekt ist gerade ein blau-weiß-gestreifter Vorhang. Als nächstes muss ich wieder Wolle färben. Ich nehme gekaufte Farbe, aber irgendwann möchte ich mir Naturfarbe machen. Dafür habe ich im Garten eine Indigolupine gepflanzt, eine Baptisia australis, sie kann blau färben. Ein Pfahlwurzler, mehrjährig – aber sie ist noch ganz klein, mal sehen, ob daraus etwas wird.

Was treibt dich um, dass es dir nicht ausreicht, gekaufte Farbe zu verwenden? Warum möchtest du Färberpflanzen anbauen?
Das kann ich gar nicht sagen. Vielleicht ist es der Reiz, alles von Anfang an alleine zu machen. Ich würde so gerne auch Flachs spinnen! Diese Idee habe ich erst seit ein paar Wochen. Es ist gar kein Drama, Lein anzubauen, aber dann wird es kompliziert: Nach der Ernte müssen die Stengel ein paar Wochen »rösten« – dafür könnte ich sie auf eine nasse Wiese legen. Aber dann kommen noch verschiedene weitere Schritte, um das Holzige aus den Stengeln zu lösen. Lein wird feucht versponnen, er soll scharf an den Fingern sein. Dieses Jahr werde ich in einer Ecke vom Garten auf jeden Fall Lein aussäen.

Das habe ich auch schon gemacht, weil mich die Pflanze ­fasziniert und ich die blauen Blüten so schön finde.
Im Garten selbst etwas anzubauen, ist sowieso das Schönste. Ich brauche viel Bewegung, aber ich würde nie joggen, das ist mir zu unproduktiv. Also arbeite ich im Garten. Ein bisschen Selbstversorgerin sein, das finde ich gut. Mein Mann hält auf seinem Betriebsgelände auch Hühner. Hühnerhaltung hat so viel Sinn! Das sind Allesfresser, es gibt im Haushalt keine Essensreste, die in den Abfall gehen, alles wird verwertet. Wir sind schon sehr verwöhnt – wenn jemand krank wird, gibt es Suppe von eigenen Tieren. Nur zur Not kaufe ich welche im Geschäft. Dann sage ich zu meiner Familie: »Heute gibt es Antibiotikabrühe!« Du siehst und schmeckst den Unterschied sofort.

Wenn ich mit Menschen aus Lassan spreche, merke ich immer wieder, wie selbstverständlich für sie das Gärtnern oder die Tierhaltung dazugehören. Ich finde das schön, das vermittelt so eine Verbindung zum Leben.
Ja, wir sind hier sehr bodenverbunden. Seit fünf Jahren gehe ich einmal in der Woche zum Reiten. Das ist Erholung pur: Die Ponys fertig machen, rauf aufs Pferd und dann raus in die Natur – selbst bei strömendem Regen oder Schneesturm. Meine Tochter und zwei ihrer Freundinnen kommen meistens mit, außerdem Silvia Studier, die Besitzerin des Ponyhofs in Wehrland. Wir ­erzählen uns über Gott und die Welt, lachen, gackern herum, manchmal sind wir auch nur ganz still.
Ich bin sehr froh, dass Silvia ihre Ponys nicht aufgibt. Natürlich rechnet sich so ein kleiner Hof nicht. Manchmal sage ich zu ihr: »Du weißt gar nicht, was du mir persönlich damit gibst, dass du den Ponyhof weiterführst, obwohl du damit vor allem Arbeit hast. Das lässt sich gar nicht in Geld bemessen.«


Menschen wie Gudrun Gransow, denke ich an dieser Stelle, wissen alles Wesentliche, worüber wir in Oya schreiben. Ihnen ist klar, dass die wichtigsten Dinge im Leben unbezahlbar sind.
In diesem Moment setzten sich Gudruns Mann Fred und ihre Tochter Klara mit an den Küchentisch. Wir sprechen über Klaras Aussichten auf die Azubi-Stelle im Amt. Als ich Klara frage, warum sie in der Gegend bleiben will, antwortet sie gemeinsam mit ihrer Mutter: »Wir können doch nicht weg von den Pferden!«
»Manchmal sitzen die Reiterinnen hier alle in der Küche, das ist ein schöner Freundeskreis geworden«, erzählt Fred. »Ich darf auch dabeisitzen, werde geduldet.«
Bevor ich wieder nach Hause fahre, zeigt mir Gudrun ihren Schuppen, in dem sie spinnt, die Beete, Obstbäume, Beerenbüsche, Rosen, Steinmauern, Weidenzäune, Kaninchenställe und den Komposthaufen in ihrem Garten. Lassan ist eine Ackerbürgerstadt. Zu jedem historischen Stadthaus gehört ein langer Gartenstreifen. Gudrun schlägt vor, dass sie mich nächsten Sommer besucht und ich ihr den Gemüsegarten meiner Gemeinschaft zeige. Als ich schon an der Tür bin, winkt sie mich noch ins Wohnzimmer und deutet auf ein Gemälde an der Wand: »Ich male übrigens«, sagt sie schüchtern. Das Bild – Spinnweben an herbstlichen Rosenblüten – beeindruckt mich ebenso sehr wie alles andere, das ich in der vergangenen Stunde gehört habe. Ich werde dieses Jahr auch Lein aussäen. Und vielleicht meinen Vorsatz, spinnen zu lernen, endlich in die Tat umsetzen.

 

Gudrun Gransow (55) ist Krankenschwester und heute tätig als Altenpflegerin für die Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes in Lassan. In ihrer Freizeit reitet, gärtnert, spinnt und webt sie. Um diese Jahreszeit hält sie der lokale Karnevalsverein auf Trab.

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