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Nur Erde hinterlassen

Warum es keine gute Idee ist, sich ein Denkmal setzen zu wollen – und wie Bäume uns dabei helfen können, von diesem Wahn abzulassen.

von Redaktionskreis , erschienen in 51/2018

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© Foto: Nguyen Thanh Chuong / Private Sammlung, New york City

Warum, so mögen sich manche Leserinnen und Leser fragen, bedarf es in dieser Ausgabe so vieler Buchstaben, um eine ganz einfache Botschaft zu vermitteln? Ließe sie sich nicht auf den Aufruf von Philipp Gerhardt auf Seite 31 reduzieren: »Pflanzt Bäume, Bäume, Bäume!«?
Welche Relevanz hat dieser Appell für Menschen, die in der Stadt leben oder denen kein Land zur Verfügung steht, wo sie eben dies tun können?
In dieser Aufforderung verbirgt sich ein Paradigmenwechsel, den wir in Oya seit Jahren umkreisen. »Nützlich sein, statt übernutzen« war der Titel von Ausgabe 18 im Januar 2013. Sie kam zu der wenig optimistischen Einsicht, dass »gutes Leben für alle« ohne Überschreitung planetarer Grenzen ein unerreichbares
Ziel bleibt, wenn nicht der sogenannte westliche Lebensstil an sich zur Disposition gestellt wird. Auch die späteren Ausgaben 24 (»Zukunftsmaschine«) und 37 (»Die große Illusion«) mündeten in dieser Einsicht. In der vorigen Ausgabe (»Landfürsorge«) mussten wir feststellen, dass selbst der Anbau von Nahrungsmitteln in Bioqualität in der Regel zu Übernutzung führt, solange er von einem kapitalistischen Markt abhängig ist. Jeglicher Diskussion über Nachhaltigkeit fehlt damit die substanzielle Grundlage; sie bleibt ein bloßes Gedankenspiel. Wo sollten wir nach einer Basis suchen? Die Suche führte uns in den vergangenen zwei Monaten weit zurück in die Vergangenheit – und zu den Bäumen.
Pflanzt Bäume, Bäume Bäume! Und zwar auf den Acker – und ernährt euch von ihren Früchten! So schlägt es eine junge Bewegung vor, die gerade das Wissen über Waldgärten und Agroforstsysteme an Mitteleuropa anpasst und hierzulande bekanntmacht. Angesichts der derzeitigen Verhältnisse scheint diese Vision illusorisch zu sein. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass sie historisch im guten Leben wurzelt.
Bäume auf einen Acker zu setzen, ist ein Akt des Widerstands gegenüber einer Welle von Kolonialisierungen, die mindestens so alt sind wie die Erfindung der Schrift. Zu den Kulturen, die über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende hinweg ökologisch wie sozial stabil und friedlich waren – und sind –, gehören diejenigen von jagenden und sammelnden Waldgärtnerinnen und Waldgärtnern. Ihr Ende lag nie darin begründet, dass sie ihrer Lebensweise überdrüssig waren, sondern dass entweder klimatische Bedin- gungen oder herrschaftliche Gewalt sie daraus vertrieben. Das Sammeln kalorienreicher Baumfrüchte, die es auf allen Kontinenten gibt, ist in Verbindung mit weiteren regionalen Subsistenztrategien so wenig arbeitsintensiv, dass mensch ein mußevolles Leben führen kann – wer würde das schon freiwillig aufgeben? Der erbitterte Widerstand der Bäuerinnen und Bauern seit Beginn der Neuzeit gegen die Einhegung der Wälder und Weiden durch den Adel ist das europäische Beispiel dafür. Diese Aufständischen zählten zu den letzten, die in Europa die Kunst des Nützlichseins ohne Übernutzung beherrschten. Ihr Widerstand richtete sich auch gegen die Anhäufung von Getreide in großen Speichern, um auf Preissteigerungen des künstlich verknappten Guts zu spekulieren, während die Leute auf der Straße verhungerten – nicht anders als in unserer Zeit. Können wir heute in die Fußstapfen jener bäuerlichen Vorfahren treten?

Leben lassen, sterben lassen
Lagerfähiges Getreide – und später Geld – wurde gehortet, um Menschen in Abhängigkeit und Unterwerfung zu halten. Diese Akkumulationslogik wurzelt in der ebenso irrigen wie vermessenen Annahme, der Mensch könne Unsterblichkeit erlangen. Leben und Sterben, Werden und Vergehen gehören untrennbar zusammen. Anstatt echte Dauerhaftigkeit in unserem stofflichen Eingebundensein in den Kreislauf des Lebens – in dem Wesen einander beständig nähren, aufzehren und gebären – zu erkennen, haben Menschen in 10 000 Jahren Zivilisationsgeschichte versucht, sich in Unsterblichkeitsmonumenten zu verewigen: Pyramiden, Paläste, Türme, die in den Himmel ragen, stetige Verdoppelung der digitalen Speicherkapazität, Marsmissionen – mit verheerenden Folgen: »Nichts ist unökologischer als Unsterblichkeit«, bringt Andreas Weber die fatale Auswirkung zivilisatorischer Todesverdrängung auf Seite 47 auf den Punkt.
Um die Verfügbarkeit von Ressourcen zur Erlangung vermeintlicher Unsterblichkeit zu gewährleisten, haben wir Menschen erst uns selbst und dann den Rest der Natur domestiziert. Domestizierung ist die Praktik, freie Lebewesen, die bislang selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten, in die Abhängigkeit von künstlicher Ernährung, Befruchtung und Behausung zu führen. »Domestizierung« leitet sich nicht nur von domus (lateinisch: Haus), sondern auch von dominus (Herr) ab und verweist auf patriarchale Unterwerfung: Wer domestiziert, der dominiert und diskriminiert.
Nun aber mal halblang! Wie zahlreiche Landwirtinnen und Gärtner wissen, ist längst nicht jede Form der Landkultivierung ausbeuterisch.
Prozesse des gegenseitigen Zähmens und des gemeinsamen Wachstums verschiedener Lebewesen sind so alt wie die Evolution selbst. Zähmen im Sinn des Fuchses aus Antoine de Saint-Exupérys »Kleinem Prinzen« bedeutet, einander kennenzulernen, sich miteinander vertraut zu machen und sich liebzugewinnen. Das mag auch auf Wildschweine oder Wildkatzen, die aus freien Stücken die Nähe von Menschen suchten, zugetroffen haben. Es dauert nur wenige Generationen, bis Tiere, die nach einer Zähmung in der Obhut von Menschen leben, ihr Gehirn bereitwillig den neuen Lebensumständen anpassen – und die Menschen pas- sen ebenfalls ihr Leben an, indem sie die Sorge für diese Wesen integrieren. Der Grat zwischen Gemeinschaftlichkeit und Ausbeutung ist jedoch äußerst schmal und scheint mit der Rolle sowohl des »domus«, des Hauses, als auch des »dominus«, des Herrn, zu tun zu haben: Ob eine Behausung aus Holz oder Stein gebaut ist, ob sie temporär oder dauerhaft bewohnt wird, spielt offenbar keine so gravierende Rolle wie der Umstand, ob sie mehr sein soll als eine schützende dritte Haut für diejenigen in der Gemein- schaft der Lebewesen, die nackt sind und auf dem Feuer kochen. Schwierig wird es dann, wenn das Haus zur Institution und zum Zentrum der Welt wird – wenn der Vektor nicht hinaus aus der Behausung in das Lebensgewebe im Garten Erde führt, sondern hinein in die eigenen vier Wände. Soll ein Haus seinem Hausherren, seltener: seiner Hausherrin, zu besonderer Bedeutung verhelfen, werden im Lauf der Geschichte monumentale Denkmäler errichtet, die vom Streben nach Unsterblichkeit künden. Soll sich der Garten Erde dann der Logik der Unsterblichkeit unterordnen, fängt es an mit der Arbeit »im Schweiße deines Angesichts«. Für Denkmäler werden Arbeiter gebraucht – und um diese zu versorgen, abhängige Ackerbäuerinnen und Ackerbauern, die Getreiderationen liefern. Die frühesten, bis an den Horizont reichenden Monokulturfelder sind aus dem 7. Jahrtausend v.u.Z. im Umfeld der Tempel von Göbekli Tepe, in der heutigen Türkei gelegen, dokumentiert.
Sesshaftigkeit und Landbau sind nicht gleichbedeutend mit Massenpflanzenhaltung. Florian Hurtig berichtet in dieser Ausgabe (Seite 33) von der egalitären Kultur der Jōmon, die von der Mittelsteinzeit bis zur Zeit Alexanders des Großen die Insel Japan als Teil des Gartens Erde kultivierte – als Waldgarten. Ihre schlichten Häuser – Beispiele hoher Holzbaukunst – sind bis auf gemeinschaftliche Versammlungsorte alle etwa gleich groß. Kein Prunkbau gibt hier einem Einzelnen besondere Bedeutung.
Die Jōmon sind die weltweit früheste sesshafte Kultur. Warum sind sie nicht in die Falle der Domestizierung getappt?

Pflanzt Bäume!
Das Undomestizierte schlechthin ist der Wald – keine Nutzforste, sondern vielfältige, urwüchsige Wälder! Diese sind weltweit bedroht wie nie zuvor: Jahr für Jahr schreitet die Abholzung um 13 Millionen Hektar voran. Dem wirken Bäumepflanzer wie Tony Rinaudo aus Australien oder Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso entgegen. Für ihre Aufforstungsarbeit wurden beide soeben mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet. Rinaudos so schlichte wie einleuchtende Erkenntnis ist: Wenn es Menschen waren, die aus Wäldern Wüsten gemacht haben, dann bedarf es auch der Menschen, um Wüsten wieder in Wälder zu verwandeln. Damit beantwortet er auf seine Weise die Frage, wie wir vom Schädling zum Nützling der Erde werden können.
Bäume können vieles über das Nützlichsein lehren. Sie werden älter und größer als Menschen. Sie tragen über Generationen hinweg Frucht. Es ist nicht nötig, sie mit Stumpf und Stiel auszureißen und laufend wieder anzubauen, um sich von ihnen zu ernähren, wie das mit so viel anderer heute üblicher pflanzlicher Nahrung der Fall ist. Bäume lehren Langsamkeit und Demut – die vielleicht wichtigsten zu kultivierenden Tugenden für den Homo sapiens, der wider besseres Wissen so gerne unsterblich wäre.
»Pflanzt Bäume!« ist also nur vordergründig das Motto dieser Ausgabe. Dahinter verbergen sich die großen, grundsätzlichen Fragen nach Kultur, Natur und dem Menschsein überhaupt. Wir gehen ihnen in historisch, praktisch oder philosophisch ausgerichteten Artikeln nach, wie auch in persönlichen Geschichten, die Menschen für diese Ausgabe aufgeschrieben haben. Das Leitmotiv dieser Erzählungen lautet: Ist es möglich, sich als Mensch schlicht »nur« als eines der unzähligen Lebewesen, die gemeinsam die lebendige Welt bilden, zu erleben?
Wir hoffen, dass es fruchtbar ist, über diese Frage nachzudenken. Die dunkle Zeit, die wir in unseren Breiten in Häusern verbringen, wo wir Nüsse knacken und Weihnachtsplätzchen aus Getreide backen (bitte ohne schlechtes Gewissen!), ist nach wie vor eine Zeit des Besinnens und Geschichtenerzählens. Wir freuen uns, wenn die folgenden Seiten dies bereichern.

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