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Quereinstieg in bunte Vielfalt

Zwei Medienmenschen übernahmen einen
Bauernhof – und was dann geschah.

von Ulrike Meißner , erschienen in 51/2018

Bild

© Foto: Christina Förster

Hört oder liest man vom Schellehof, entstehen im Kopf Bilder von ländlicher Idylle: Mutterkuhhaltung auf grüner Wiese, Gemüse- und Ackerbau für eine soli­darische Landwirtschaft, die Semmeln (aus Hochdeutsch: Brötchen) noch vom ört­lichen Bäcker gebacken …
Besucht man Elke Ehrhardt und ­André Türk auf ihrem Hof im sächsischen Struppen bei Pirna, bekommt das Bild einen dicken Kratzer: Das Paar, beide Mitte dreißig, bewohnt mit seinen drei Kindern – zwischen drei und acht Jahren alt – ein schmuckloses, vor Jahrzehnten aus einer Scheune umgebautes Wohnhaus. Grauer Putz, die Fläche davor aus Beton, gegenüber eine riesige, ebenfalls graue Lagerhalle, vormals genutzt von der örtlichen LPG, heute Agrargenossenschaft. Dahinter das verfallene alte Gutshaus, rechts und links daneben zwei ehemalige Ställe; einer davon gehört, so wie das Wohnhaus der Familie, heute zum Schellehof.
Viel Beton, viel Grau – viel Entwicklungspotenzial für Farbe und Grün, wenn dann mal Zeit dafür ist – denn die eigentliche Idylle des Schellehofs gibt es eben doch. Ich entdecke sie beim Hofbesuch auf den Flächen hinter dem Grau und im nahen Umfeld; diese Idylle sieht nach viel Arbeit aus: Nahe am Haus stehen drei Folientunnel mit insgesamt 800 Quadratmetern Fläche voll mit Tomaten, Gurken, Paprika und Kräutern. Eine hundertköpfige Gänseherde beschnattert daneben die Besucher. In Sichtweite sitzen zweihundert Masthähnchen in und um ihre mobilen Ställe. Die Bruderhähne zu den in diesem Jahr zum Hoforganismus hinzugekommenen Legehennen krähen um die Wette und sind bald schlachtreif. Drei Schweine genießen das Graben in der Erde, zwanzig Schafe grasen friedlich und begrü­ßen uns blökend. Die Mutterkuhherde mit Kälbern und einem Stier – insgesamt 35 Tiere – steht nahe den Feldern; wir besuchen sie später bei einer Hofrunde.
Viele Tiere, 40 Hektar Grünland und 30 Hektar Ackerbau, davon 2 Hektar Gemü­sefläche – all das bedeutet viel Arbeit. Getan wird diese hauptsächlich vom Bewirtschafterkreis, der aus André, Elke und der Gärtnerin Christina besteht. Dazu gehören auch Amélie und Joram, ein Paar Mitte Zwanzig, das mit seinem kleinen Sohn seit diesem Jahr mit am Hof wohnt. Hinzu kommen noch drei Angestellte und zwei FÖJ-Stellen. Für die SoLaWi-Mitglieder gibt es zwei fixe Mitmachsonntage pro Monat; wer will, kann freilich auch öfter kommen.
Kennengelernt habe ich André bei einem Treffen von Oya-Leserinnen und -Lesern in Dresden; etwas später gab ich dann auf dem Hof einen Permakulturkurs für Fortgeschrittene. Die bei dem Workshop entstandenen Pläne zieren noch heute die Bürowände, die Detailplanung für eine Obstwiese wurde kürzlich in die Praxis umgesetzt. Auf diese Weise blieb der Kontakt über mehrere Jahre erhalten, und ich konnte so manche Entwicklung aus der Entfernung mitverfolgen. Die Geschichte des Schellehofs ist zum einen die Geschichte eines Paars, das als Quereinsteiger einen Hof übernimmt, zum anderen ist sie das Beispiel einer gelungenen Hofübergabe, die das gemeinsame Tun von Jung und Alt ermöglicht.

Hofgeschichte
Elke ist als eine von drei Töchtern auf dem Schellehof – einem kleinen Dreiseitenhof – aufgewachsen. Obwohl die Mädchen selbstverständlich auf dem Hof mitarbeiteten, wurden sie vom Vater nie als Nachfolgerinnen in Betracht ­gezogen. Lange galt Elkes Schwager, der selbst in der Landwirtschaft gelernt hatte, als der ersehnte Nachfolger, doch lehnte er letztlich ab. ­André und Elke beschäftigten sich daraufhin mehrere Jahre mit dem Gedanken, den Hof zu übernehmen. 2008 halfen sie das erste Mal bei der Heuernte. Gemeinsam betrieben sie damals seit sieben Jahren eine Dresdener Agentur für Mediengestaltung und -programmierung. Nun sollte der Schritt zurück aufs Land kommen, denn sie wollten eine ökologische Bewirtschaftung der Flächen sicherstellen, und es gab sonst niemanden, der das tun wollte. Die Hofübernahme folgte 2009. Dabei fielen die Wohngebäude des Hofs Elkes großer Schwester zu; das Land und die Wirtschaftsgebäude gehörten nun Elke selbst.
Der Vater hatte den Hof mit den Schwerpunkten extensive Grünlandnutzung, Heuverkauf, Lohnarbeit und einem Restbestand von Rindern eher für den Eigen­bedarf bewirtschaftet. Die Fruchtfolge auf dem Acker bestand aus Raps, Weizen und Gerste. Zum Lernen und um Erfahrungen zu sammeln, wirtschafteten Alt und Jung gemeinsam noch zwei Jahre so weiter. Das junge Paar, bald mit dem ersten Nachwuchs, lebte in einer winzigen Wohnung auf dem Hof, bis sich die Möglichkeit ergab, das eingangs beschriebene Wohngebäude samt Stall und etwas Land hinzuzuerwerben. Somit wurde der zweite Betriebsteil, heute Sternenhof genannt, geschaffen.

Gelungene Übergabe
Mit Elkes Vater haben die beiden, wie sie sagen, einen »Vorbildübergeber«. Der hat zwar durchaus zuweilen Schwierigkeiten mit dem Tun der Jungen, denn bei den ­alten Dorfbewohnern muss Landwirtschaft ordentlich aussehen. Da mag er sich angesichts von Disteln im Feld doch öfter fragen, was denn seine ehemaligen Kollegen von der LPG denken mögen; und auch die Funktionsweise der SoLaWi will nicht so recht in seinen Kopf.
Dennoch ist der Altbauer da, lässt die Jungen machen, steht mit Rat und Tat zur Seite, hilft, wo es nötig ist, macht Heu – und ab und an gibt es auch mal ein verstecktes Lob.

Erfahrungen sammeln
Neben einigen der Bio-Umstellung geschuldeten Auseinandersetzungen mit Behörden sammelte das Paar natürlich vor allem im Landbau Erfahrungen. Die Fruchtfolge hat sich weiterentwickelt und besteht heute aus Weizen, Dinkel, Roggen, Nackthafer oder Nacktgerste, Ackerbohnen (für Futter und Mehl), Lupine (testweise für Kaffee und Futter), Kartoffeln und Kleegras.
Ich frage mich, was die Realität wohl aus den Idealen der Anfangszeit gemacht hat. Nun, diese sind immer noch da – nur die praktische Umsetzung ist manchmal nicht so einfach oder ­findet sich in anderen Lösungen als anfangs gedacht. Die Gemüse­flächen etwa sehen heute ganz anders aus als bei meinem ­ersten Besuch. Damals, 2013 und 2014, war der erste Gemüseanbau in Heumulch und mittels Handarbeit erfolgt. Heute werden die Flächen mit maschineller Vorbereitung und ohne Mulch bewirtschaftet. Ausschlaggebend für diese Veränderung der Anbauweise war zum einen das Vorkommen von Quecke auf den Gemüse­flächen; das Ausläufer bildende Gras wird durch Heumulch eher gefördert als unterdrückt. Zum anderen war der Anbau im Mulch mit viel Handarbeit verbunden, die durch die vorhandene Belegschaft auf dem Hof auf Dauer nicht zu leisten war. Mehr menschliche Arbeit wäre nötig, doch nicht alle SoLaWi-Mitglieder sind bereit, dafür mehr zu zahlen oder regelmäßig selbst mit anzu­packen.
Nach diversen Wechseln scheint sich nun endlich eine stabile Mitarbeiterbesetzung gefunden zu haben. Aber in Zeiten von akutem Gärtnermangel wurde eben doch noch ein Gerät zur Boden­bearbeitung für den ja sowieso vorhandenen Schlepper angeschafft. »Wenn Leute fehlen, wird eben in Technik investiert«, stellen Elke und André mit Bedauern fest.

Angepasste Lösung: Dammkultur
Die Gemüsepflanzen wachsen heute auf kleinen, etwa fünfundzwanzig Zentimeter hohen Dämmen. Die Inspiration hierfür kam bei Besuchen auf anderen Höfen und in Form eines Buchs von Julian Turiel. Für die Dämme kann die Häufeltechnik angewandt werden, die auch beim Kartoffelanbau eingesetzt wird. Ihr Vorteil besteht darin, dass bei Starkniederschlägen das Wasser in den Tälern zurückgehalten wird und langsam versickert. Denoch stehen die Pflanzen nicht die ganze Zeit im Wasser. Dies lässt die Kulturen offensichtlich auch bei einem trockenen Sommer wie diesem auf dem schweren Lehmboden gedeihen. Die Pflanzen ­sehen erstaunlich gut aus. Eine Bewässerung gibt es nur im Notfall per Traktor.
André, der sich eigentlich nur das Beste für das Bodenleben wünscht, ist sich bewusst, dass diese Lösung, die für die Produktion von Gemüse gut funktioniert, aus Sicht des Bodens vermutlich eher ungünstig ist. Viel zu lange sei dieser nicht bedeckt – so im Frühling und auch nach der Ernte bei den späten Kulturen, wie Kohl, wenn eine Gründüngung kaum noch keimt.
Lösungsansätze für dieses Dilemma sieht André, der umfangreiche Literatur­recherchen betrieben und Seminare besucht hat, viele. Allein – es dauert, die alternativen Ansätze im eigenen Betrieb auszutesten. Nicht wenige liegen außerhalb der gegenwärtigen Möglichkeiten. Mehr Handarbeit würde mehr Mischkulturen erlauben, doch es fehlen eben die Arbeitskräfte. Mehr Frischmulch würde dem Bodenleben helfen, erfordert aber betriebswirtschaftlich nicht zu stemmende Anschaffungen von Technik sowie eine allmähliche Umstrukturierung des Betriebs, denn der Mulch müsste von den Weiden der Tiere kommen. Auch ein stärkerer Einsatz guter Komposte und das Spritzen von Komposttee würde das Bodenleben nach der »Störung« durch den Gemüsebau in Schwung bringen und Humusaufbau fördern. Beispiele guter, schneller Kompostproduktion gibt es etwa aus der Ökoregion Kaindorf in Österreich. Leider ist auch hier wieder die Anschaffung von entsprechender Technik die Voraussetzung.
Doch es gibt durchaus auch kleine Lösungen, die umgesetzt werden, und André nimmt an, dass in der Gesamtsumme des Hofs die Humusbilanz wie auch die Entwicklung des Bodenlebens positiv sind. So werden zwischen den Gemüsekulturen Blühstreifen eingesät, die in der Saison eine Dauerkultur bilden, von wo aus sich das Bodenleben wieder ausbreiten kann. Außerdem ist der Gemüsebau in die weite Fruchtfolge der Ackerkulturen mit nur flacher Bodenbearbeitung eingebunden. Nach dem tendenziell zehrenden Gemüse lassen Gründüngung und anschließend eine flächige Mischkultur aus Kleegras über zwei Jahre das Bodenleben wieder gedeihen. Hier tragen dann auch die Rinder, die bei trockenem Wetter das Kleegras beweiden dürfen, durch ihren Dung zu einer günstigen Bodenbiologie bei.
Im Rahmen der Fruchtfolge wird auch der Stallmist von den Rindern auf die Flächen gebracht, wo er den Humusaufbau unterstützt. Bisher wurde er in gut einen Meter hohen Mieten auf dem Feld aufgeschichtet, mit Kompostvlies abgedeckt und erst nach anderthalb Jahren ausgebracht. Die Lagerung von Mist auf den Flächen im Rahmen der Flachkompostierung wird für so lange Zeit allerdings von der neuen Düngemittelverordnung nicht mehr erlaubt. Nun muss Mist auf Beton gelagert und relativ frisch im Herbst ausgebracht werden. Dies soll auf Flächen mit Gründüngung passieren. André hofft, dass sich das Bodenleben durch die Ruhezeit unter der ungestörten grünen Decke genügend entwickeln konnte, um den frischen Mist gut umsetzen und die Nährstoffe binden zu können; er zitiert dazu die Ergebnisse der Praxisforschung aus der Ökoregion Kaindorf. Ihm ist es ein Anliegen, die Kompostwirtschaft des Hofs weiterzuentwickeln und alles im Kreislauf zu halten: Der Kompost vom Gemüsebau geht auf die Wiesen – und kommt von den Wiesen über den Rindermist wieder auf den Acker.

Lebensveränderung per Bauernhof
Elke und André haben sich viel Zeit für mich genommen, so dass nach einem gemeinsamen Abendessen noch Gelegenheit ist, nach den Auswirkungen der Hofübernahme auf ihr Leben zu fragen. Anfangs hatten sie nämlich geplant, ihre Medienagentur weiterzuführen und die Landwirtschaft nur im Nebenerwerb zu betreiben. Die Realität sieht nach fast zehn Jahren Hofleben anders aus: »Ich habe täglich 15 Stunden am Computer gegen 15 Stunden Draußen-Sein getauscht – für ein Drittel des Geldes«, resümiert André ohne Reue. Er habe Medieninformatik studiert, um Entwickler zu sein. Eben das könne er hier im Landwirtschaftsbetrieb dauerhaft tun: Es müsse immer wieder die Frage »Was ist mit unserem Boden los?« gestellt werden. Für ein gutes Bodenleben müssen ständig Strategien und Anpassungen gefunden werden. Diese Arbeit bereichere ihn inhaltlich mehr als die Agentur. André sagt heute von sich: »Ich bin Bauer – und ich glaube, auch Naturschützer.« Den Begriff Landwirt verwendet er lieber nicht, da das eine ausbildungsbezogene Berufsbezeichung ist. Im Moment macht André eine Weiterbildung, um selbst fachgerecht am Hof schlachten zu dürfen.
Das Paar stellt fest, dass sich die Ausrichtung ihres gesamten Lebens verändert hat. Sie hätten ein »ganzes Stück Traum wahr werden lassen«, so Elke, befänden sich aber dennoch »­gefühlt immer noch im Aufbau« des Hofs. Freilich spielen auch die drei Kinder ein Rolle bei der Lebensveränderung. Die wachsen ohne Kindergarten auf, bekommen die Hofabläufe in Gänze mit und sind oft mit Papa unterwegs. Elke bemerkt, dass sie durch die ­Kinder aktuell viel weniger Zeit draußen verbringt als in den ­ersten Jahren. Sie kümmert sich unter anderem um die Vermarktung von Hoferzeugnissen, die aufgrund ihrer Menge nicht über die SoLaWi abgegeben werden können.
Elke ist froh darüber, selbst in der Hand zu haben, was mit dem Land geschieht. Sie ist stolz darauf, sagen zu können: »Guck mal: Was wir hier auf dem Teller haben, ist alles von uns!«


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SoLaWi-Mitglied werden, FÖJ machen oder Wwoofen?
Das Boden-leben auf dem Hof wissenschaftlich untersuchen?
www.schellehof.de

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