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Gemeinschaft und Hierarchie

Wie kann eine bewusste Führungskultur entstehen?

von Dieter Halbach , Francois Michael Wiesmann , erschienen in 51/2018

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© Foto: Ingo Sparr / ZEGG

Im Februar 2018 trafen sich unter dem ­Titel »Gemeinschaft X.0« ein halbes Hundert Menschen aus 16 Gemeinschaften. Es ging um die Bewusstwerdung der ­eigenen gemeinschaftlichen Strukturen und dabei auch um die Möglichkeit einer positiven Hierarchiebildung. Initiator der mittlerweile zweiten Begegnung (siehe Oya Ausgabe »Nachbarschaft« aus dem Jahr 2016) war François Michael Wiesmann, mit dem Oya-Redakteur Dieter Halbach über die grundlegenden Gedanken sprach.

Dieter Halbach  Auf dem Treffen der ­Gemeinschaften ging es um »den nächsten möglichen Schritt in unserem Gemein­schaftsbewusstsein«. Aus welchem Impuls hast du dich damit beschäftigt?
François Michael Wiesmann Als ich selbst im ZEGG in Gemeinschaft gelebt habe, hatte ich das Gefühl, mich an bestimmten Stellen nicht ­weiterentwickeln zu können. Mir scheint, es kommt in Gemein­schaften oft vor, dass sich zu viele Menschen zu lange mit Nebensächlichkeiten beschäftigen oder sich gegenseitig blockieren. Das hat mit einer verbreiteten »Konsenskultur« zu tun. Damit meine ich nicht nur die Art, Entscheidungen zu treffen – ich meine das gleichmachende Prinzip. Aus meiner Sicht kann ein Gleichheitsanspruch auch ein Schutz gegen eine bestimmte Angst sein – zum Beispiel eine Angst vor Hierarchie.
DH  Das ist ja auch nur ein Symptom, vielleicht eine Angst davor, ein Gegenüber zu haben, das mir etwas voraus hat. Dann halten sich Menschen gegenseitig klein, weil sie glauben, sich dann nicht klein fühlen zu müssen. Wir kennen zwar alle das Konzept von Vielfalt und Gleichwertigkeit, aber das will ja auch im wirklichen Leben umgesetzt werden.
FMW So ist es. Wenn ich einer »stärkeren« Person begegne, gleich, auf welchem Feld, konfrontiert mich das mit den Bereichen in mir, in denen ich mich nicht kompetent fühle. Kann ich dann diese Schwäche zugeben? Oder muss ich sagen: Wir sind beide auf Augenhöhe, und du hast mir nichts zu sagen?
DH  Das finde ich einen wichtigen Punkt, denn in der Hierarchiediskussion kommt man schnell auf eine politische Ebene. Wer will schon, dass Menschen ungleich sind? Dennoch sind sie es selbstverständlich. Was kann da eine Lösung bieten?
FMW Das Erste ist Vertrauen. Die meisten von uns haben negative Erfahrung mit Führung gemacht. Wenn wir das aber nicht anschauen und bearbeiten, werden wir immer Angst vor solchen Unterschieden haben, denn uns fehlt die Erfahrung, dass diese zum Wohl des Ganzen genutzt werden können. Führen heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, um andere Menschen zu unterstützen.
DH  Es gibt auch die Verantwortung des »Höheren«, die eigenen Schwachstellen und Schattenseiten transparent zu machen.
FMW Als Führungsperson habe ich dafür zu sorgen, dass ich ein hochkarätiges Feedback bekomme. Das ist meiner Meinung nach ein Muss bei Führung, alles andere finde ich unlauter. Ich selbst musste lernen, es meinen Lehrern zu geben, wie auch in meiner eigenen Führungsrolle ­solches entgegenzunehmen. Es erscheint mir wichtig, gemeinsam Kriterien für Führungs­qualitäten zu definieren. Welches Bewusstsein ist dafür nötig?
DH  Was für Kriterien können das sein?
FMW Ein Kriterium im Zusammenleben ist zum Beispiel die Fähigkeit, in vielen Situationen präsent zu bleiben und es zu bemerken, wenn ich in unbewusste Muster hineingezogen werde. Weitere Kriterien wären: Wie gut kann eine Person Prozesse halten, also Vertrauensräume für andere herstellen? Die Frage, wie gut ein Mensch sich selbst kennt, wäre ein Kriterium, ebenso wie Selbstverantwortlichkeit. Kann jemand die Verantwortung für seine Gefühle übernehmen, oder muss er sie gegen andere ausleben?
DH  Diese Kriterien finde ich nachvollziehbar; die Wahrnehmung der jeweiligen Situationen wird aber vermutlich unter ­allen Beteiligten unterschiedlich ausfallen. Mir fallen noch zwei heikle Punkte dazu ein: Bereitschaft zum Machtverlust – was geschieht, wenn die Gemeinschaft die Führungsrolle einer Person abwählt? Und die große Frage: Wer gibt mir diesen Posten? Wer entscheidet darüber, ob ich zur Leitung qualifiziert bin?
FMW Ich spreche weniger von Posten, sondern von »natürlicher Hierarchie«.
DH  Ja, »Posten« war auch ironisch gemeint. Aber wer entscheidet über die »­natürliche« Hierarchie? Auch die natür­liche Autorität – sobald sie strukturell wird – verlangt nach demokratischer Kontrolle. Bisher habe ich mir darunter immer eine gewählte Kompetenzhierarchie vorgestellt. Die Leitungsfunktion, die ich darin einnehme, heißt dann nicht, dass ich der »Guru für alle« bin. Was aber passiert, wenn die Existenz einer Bewusstseins­hierarchie angenommen wird und es dann »höher entwickelte« Menschen gibt, die umfassend führen sollen? Wie soll das in einem demokratischen gemeinschaft­lichen System funktionieren?
FMW Hier würde ich unterscheiden, und zwar zwischen den politischen Entwicklungen, die anstehen – da geht es um das Einführen von wirklicher partizipativer Demokratie –, und gemeinschaftlichen Experi­menten. Gemeinschaften können da mutig weitergehen und eine experimentelle Ausrichtung probieren, die auch spirituelle Führung umfasst. Um Missbrauch zu vermeiden, ist meiner Erfahrung zufolge vor allem ein ausgereiftes Feedback-System wichtig. Es gibt keine Person ohne Schatten, das betrifft auch sogenannte erleuchtete Lehrende, auch alle Menschen guten Willens. Ein Feedback von außen halte ich für unerlässlich, denn nach innen hat so ein System immer blinde Flecken.
DH  Da sind wir uns einig! Ich teile aber nicht die Ansicht, dass die blinden ­Flecken nichts mit der Art des Systems zu tun haben. Ein System der Trennung von »Kirche« und »Staat« ist mir wichtig: Die Gemeinschaft selbst, also der demokratische Staat, muss frei sein. Der Dalai Lama als Gottkönig der Tibeter hat beispielsweise die traditionelle doppelte Macht zurückgegeben und sein Volk im Exil damit zur Demokratie gezwungen. Er will nur ein einfacher Mensch sein. Selbstverständlich hat sein Wort weiterhin Gewicht – und das ist auch gut so. Ich glaube, wenn wir die geistig-spirituelle von der weltlich-politischen Führung trennen, sind Systeme nicht mehr so anfällig für blinde Flecken auf beiden Seiten. Es würde in die Feedback-Kultur mehr Entspannung und Wahrheit bringen, denn die Menschen würden sich nicht überdominiert fühlen von an sich schon »dominanten« Führungspersonen. Natürliche Autorität wird nicht noch systemisch verdoppelt. Die »evolutionäre Spannung« gegenüber einem Menschen, der als natürliche Autorität wahrgenommen wird, bleibt zwar bestehen, aber ich bin grundsätzlich frei in meinen Entscheidungen. Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer, dessen Meisterschaft ich anerkenne, keinen machtvollen Einfluss auf mich hat, kann ich mich allerdings auch leichter selbst beschummeln und mich durchs Leben lavieren. Aber diese menschliche Schwäche will ich auch gar nicht missen.
FMW Diesen Raum des Schummelns, den lässt sowieso kein System verschwinden.
DH  Das stimmt! Aber ein totalitäres System kann Widerstand unterdrücken. Der Vorteil von temporären Gemeinschaften, die sich um eine Lehrerin oder einen Lehrer herum bilden, liegt ja darin, dass die Menschen nach der gemeinsamen Zeit wieder nach Hause gehen und nur mitnehmen, was sie gebrauchen können. Unsere langfristigen, intentionalen Gemeinschaften können aber leicht von ganzheitlich zu totalitär kippen, wenn eine Führung das Leben zu vereinnahmen beginnt. Ich glaube, dass Gemeinschaften mit Bewusstseinshierarchien diesen Unterschied zwischen Kirche und Staat nicht reflektieren. Wir sprechen hier über Errungenschaften, die erkämpft wurden und historisch gewachsen sind und die heute politisch und kulturell wieder bedroht sind. Wir sollten hinter diese gesellschaftlichen Lösungen nicht zurückfallen! Die Menschenrechte sind jedem von Geburt an gegeben, jedes Wesen ist gleichwertig. Jeder Person ist unabhängig von ihren Taten und ihrem Denken zuzusprechen, dass sie »göttlich« ist. Das ist für mich die höchste spirituelle und politische Aussage, die wir treffen können – das ist das hohe Ethos der Demokratie und des Rechtsstaats.
FMW Das bemerken wir erst, wenn wir in einem Land sind, wo es das nicht gibt!
DH  Und du bemerkst es in Gemeinschaften, die aus gutem Glauben heraus zu Despotien geworden sind. Deswegen – und durch die politische Situation weltweit und in Europa – bin ich da so vorsichtig.
FMW Die Idee ist also, dass diejenigen, die in einer Bewusstseinshierarchie als »­höher« anerkannt sind, keine exekutiven und operativen Funktionen haben. Sie treffen also die Entscheidungen nicht, sondern haben nur eine beratende und betreuende Funktion. Das finde ich eine sehr gute Idee. Durchdacht habe ich das so noch nicht – aber ansatzweise gibt es so etwas ja schon, zum Beispiel im ZEGG mit dem Visionsrat, der übrigens gewählt ist.
DH  Ich war lange Jahre im Rat der Weisen im Ökodorf Sieben Linden. Dort haben wir beispielsweise das gesamte Entscheidungsmodell, unser Rätesystem, entwickelt, aber es war eben nur ein Vorschlag. Auch bitten Gemeinschaften ja vielfach externe Berater und spirituelle Lehrerinnen um eine kurzzeitige Beratung, ohne in Jüngerschaft zu verfallen. So frei sollten sie auch mit »internen« Gurus umgehen.
FMW Sie müssten also nicht unbedingt gewählt sein.
DH  Wenn sie keine Macht haben, dann nicht. Mich treibt noch eine Frage um: Wir beide denken ja, dass unsere Gemeinschaften sich durchaus mehr ausdifferen-zieren dürfen, denn die Lebensphasen, Interessen, Fähigkeiten ihrer Mitglieder sind verschieden. Wenn die äußere Form sich differenziert, verlangt das meiner Meinung nach umso mehr gemeinsame Erfahrungen, in denen alle Gleiche sind.
FMW Dafür sind innere Begegnungsräume und ein wachsendes Zeugen­bewusstsein wichtig. Damit meine ich die Fähigkeit, sich nicht voll mit dem, was wir zu sein meinen, was wir gerade denken oder tun, zu identifizieren. So können mehr Flexibilität und Großzügigkeit entstehen, und das kann alle Prozesse und Entscheidungsfindungen positiv beeinflussen. Das gilt für alle gleich. Wir alle können uns auf einen gemeinsamen, geteilten Innenraum beziehen. Wenn er uns in jeder Situation bewusst ist, dann entsteht eine tiefere Dimension im Zusammenleben.
DH  So wächst Substanz, die vielleicht auch eine äußere Hierarchie tragen kann, weil alle fühlen können, dass sie Teil des Ganzen sind.
FMW Je größer der Herzraum, desto mehr Vielfalt hat darin Platz.
DH  Ich glaube sogar, dass eine gut getragene Hierarchie eine Gemeinschaft zusammenhalten kann. Wenn eine Gemeinschaft die Aufgaben, die sie sich stellt, umsetzt und Menschen kraftvoll dafür stehen, dann entspannt das. Es müssen nicht mehr alle alles tun. Das kann den spezifischen Gemeinschaftsstress, die Überforderung und Erschöpfung, die ich immer wieder beobachte, entlasten. All diese Elemente – der geteilte Innenraum, der größere Außenraum und die positive Hierarchie – führen zur Entlastung.
FMW Das habe ich selbst schon so erfahren. Wenn es mir gelingt, eine Führung anzuerkennen, kann ich mich besser auf das einlassen, was ich gut kann und gerne tue. Dadurch wachse ich und verschwende meine Energie nicht mit Kontrolle und Misstrauen.
DH  Es ist entspannend, aber auch wie ein Entzug – ein Entzug von der Droge Machtausübung, von dem Versuch, dadurch Bedeutung zu bekommen, dass ich überall mitmischen kann.
FMW Das Interessante ist dabei – egal, welches System du installierst, auch in der Basisdemokratie –, dass immer irgendwo Entscheidungen getroffen werden, über die du nie nachgedacht hast. Das passiert ständig. Zum Beispiel: Die Gärtnerinnen haben etwas entschieden – das ist in Ordnung, es ist sinnvoll, das zu akzeptieren. Wie solltest du auch alles bedenken? Wenn du aber solche Entscheidungswege auf einer systemischen Ebene thematisierst, wird allen bewusst, dass hier etwas »Unkontrolliertes« geschah, und dann kann diese Angst hochkommen. Wie auch immer das System aufgesetzt wird, es bleibt ein Rest, den man nicht damit abdecken kann. Ich glaube, dieser Pro­ble­matik lässt sich nur durch die eigene Entwicklung begegnen, durch persönliche und kollektive Bewusstwerdung.
Ich glaube, wir sind in einer Übergangsphase. Die eine Erfahrung ist die, dass Gemeinschaften mit wenig Hierarchie leicht in die »Konsensfalle« laufen und wenig Energie und Ausrichtung entsteht. Dann sehe ich die Systeme, die von vorneherein eine Führung haben; oft sind es die Gründungspersönlichkeiten, wie in Tamera oder jetzt bei »Go & Change«. Die haben es mit der Ausrichtung leichter, aber sie haben tendenziell ein Problem damit, der Führungsebene ein angemessenes Feedback zu geben.
DH  Unter dem Strich verstehe ich es so, dass es nicht um Macht über andere, sondern für andere geht. Dieser Ort in einem offenen System, an dem ich Verantwortung übernehme, ist kein bequemer Sessel, sondern ein Feuersitz. Ich werde gefordert, ich muss Probleme lösen, die Menschen kommen zu mir mit ihren Interessen und mit ihrer Kritik. Es bedeutet, dass ich mich noch mehr den Menschen und der Wirklichkeit aussetze. 
FMW Damit das wechselseitig funktioniert, ist an dieser Stelle geistige und emotionale Erkenntnisarbeit notwendig, individuell wie kulturell. Das schafft auch mehr Vertrauen und eine andere Kultur von Hierarchie. Dafür sind ein faires Gespräch in der Öffentlichkeit und ein Erfahrungsaustausch auch zwischen den Gemeinschaften notwendig – nicht vorwurfsvoll und verurteilend, sondern als gemeinsame geistige Arbeit an diesen Fragen. 
DH  Ich hoffe, unser Gespräch kann ein Beginn und Beitrag dafür sein! Danke für die offene Auseinandersetzung.
 

Das Thema »Hierarchie in Gemeinschaften« möchten wir in den nächsten Ausgaben vertiefen, indem wir Beispiele für den Umgang mit Macht und Entscheidungsfindung vorstellen.


François Michael Wiesmann (59) ist Trainer für Prozesse kollektiver Intelligenz und Coach für Gemeinschaftsprojekte. Er hat über 20 Jahre selbst in Gemeinschaften gelebt, davon 12 Jahre im ZEGG. Die von ihm mitbegründete Initiative »Gemeinschaft X.0« setzt sich für Bewusstseinsentwicklung in Gemeinschaften ein.
www.michaelwiesmann.com

 

Die genannten Gemeinschaften
www.siebenlinden.de
www.zegg.de
www.tamera.org
www.goandchange.de

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