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Drei Jahre, drei Freilerner

Ein Wiedersehen.

von Alex Capistran , erschienen in 51/2018

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© Foto: Gunnar Wadowski

Manche Menschen treffen sich nach 20 Jahren auf einem Klassentreffen wieder und haben sich gar nicht verändert. Andere geraten – womöglich ausgelöst durch eine Krise – auf den Selbsterfahrungstrip und sind nach einem halben Jahr in Indien nicht wiederzuerkennen. Viele verändern sich wohl in einem Tempo irgendwo dazwischen – aber entscheidend ist: Menschen wandeln sich, und es steht nie fest, wohin ihr Weg führen wird.
Vor drei Jahren traf ich auf dem Schulfrei-Festival 2015 drei junge Erwachsenene, die allesamt in ihrem Leben eine längere Zeit nicht zur Schule gegangen waren. Genau genommen, war Julian Mohsennia noch 17 Jahre alt und sogar noch im schulpflichtigen Alter, Tabea Kratzenstein war 21 Jahre alt und in einer Orientierungsphase, und Chalina Rempf stand mit 22 Jahren am Anfang ihrer Ausbildung zur Maßschneiderin. Nicht nur die drei sind inzwischen älter geworden, auch das Schulfrei-Festival, auf dem wir uns 2018 im Land Brandenburg wiedertrafen, hat sich gewandelt. Mittlerweile kommen deutlich mehr Menschen als noch vor drei Jahren, und ein neues, geräumigeres Gelände lädt dazu ein, sich über Freilernen, Homeschooling und viele andere Bildungsalternativen auszutauschen. Mich interessiert, wo die drei jetzt stehen und was sie erlebt haben: Julian ist als einziger von ihnen nicht auf dem Festival.

 

Chalina
Sie ist wieder im Orga-Team des Festivals, wirkt aber nicht angestrengt, als ich mit ihr durch die Abenddämmerung schlendere. Zur Freilernerin ist Chalina erst spät geworden. Die sozialen Konflikte unter den Schülerinnen und Schülern, die vielen Vorgaben und der Lärmpegel machten ihr irgendwann so zu schaffen, dass sie mit 13 Jahren die Schule verließ. Nach einigen Jahren in Schweden zog die Familie wieder nach Deutschland zurück. Mit einem Abgangszeugnis der Clonlara School wurde Chalina an der Berufsschule angenommen und hatte bei unserem Treffen gerade ihr erstes Ausbildungsjahr zur Maßschneiderin absolviert. Wie ging es damit weiter?
»Leider habe ich gemerkt, dass ich bei meiner Meisterin am falschen Platz war: Wir waren nur zu zweit in der Werkstatt, sie hatte sehr konservative Ansichten und betrachtete es als ihre Aufgabe, mich als Lehrling zu formen. Das ließ sich nicht mit meiner Freiheitsliebe vereinbaren, so dass ich die Ausbildung im Juni 2016 abbrach. Ich habe danach etwas Zeit gebraucht, um das Selbstvertrauen wiederzubekommen, das ich eigentlich immer hatte. Der Ausbildungsabbruch war der erste Schritt aus dem staatlichen ­System, den ich aus eigener Kraft gegangen bin; meinen Schulabbruch hat ja damals meine Mutter organisiert. Ich war eine kurze Zeit arbeitslos und bekam Hartz IV, dann konnte ich in einer Biobäckerei in Hannover anfangen. Leider ging sie nach einem Dreivierteljahr in Konkurs.
Für meinen Freund Aaron und mich war schnell klar, dass wir weg wollten: Seine Eltern haben einen Hof an der Ostsee, wo wir vor einem Jahr hingezogen sind. Dort habe ich gerade den Sommer über im Hotel und Gastgewerbe gearbeitet und merke, dass ich inzwischen keine Lust mehr auf solche Angestelltenverhältnisse habe. Unabhängigkeit ist mein höchstes Gut. Meine Übergangsidee war immer, dass ich Halbzeit arbeite und den Rest der Zeit reise oder auch Musik mache und nähe, ohne damit Geld verdienen zu müssen, bis ich eines von beidem so weit vertieft habe, dass ich damit auch meinen Lebensunterhalt erwirtschaften kann. Irgendwann wurde mir klar, wie schwierig es sein würde, mit Musik oder Schneiderei auf eigene Faust finanziell auf der sicheren Seite zu sein. Aaron und ich haben inzwischen die Idee entwickelt, uns gemeinsam mit Baumpflege selbständig zu machen. Da in der gewerblichen Baumpflege immer zwei Kletterer gebraucht werden, sind wir jetzt dabei, alle nötigen Scheine zu machen, um so hoffentlich doch finanzielle Sicherheit und kreative Freiräume unter einen Hut zu bringen. Baumpflege ist wohl der sinnvollste Beruf, den ich je in Erwägung gezogen habe. Sich um Bäume zu kümmern, ist so etwas Elementares.«
Auf die Frage, was für eine Bildungserfahrung Chalina in den letzten drei Jahren am bezeichnendsten fand, sagte sie: »Für mich am Bedeutungsvollsten ist es, aus eigener Kraft mein Leben nach und nach so zu gestalten, dass ich damit wirklich glücklich bin und nicht das Gefühl habe, unnötige Kompromisse zu machen. Durch das Freilernen konnte ich mich schon mit 13 Jahren fragen, was ich wirklich lernen möchte, und habe so vielleicht Prozesse abgekürzt, die andere Menschen erst nach der Schule oder nie durchleben.«

 

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© Foto: Daniel Müller

 Tabea
Tabea sitzt mit mir auf Paletten, die für das Schulfrei-Festival zu Bänken umfunktioniert wurden, und erzählt, wie es ihr in der letzten Zeit ergangen ist. Bei unserem Treffen vor drei Jahren war sie gerade auf Orientierungssuche und brannte für das Thema Kochen.
Die ersten sechs Jahre ihres schulpflichtigen Alters verbrachte Tabea als Freilernerin. Allerdings wurde sie von einer Verwandten, der das nicht passte, an ihrem dreizehnten Geburtstag angezeigt. So ist sie dann doch noch in die Schule gegangen, hat dort ihren Realschulabschluss und schließlich sogar ihr Abitur gemacht. Nach einer Orientierungszeit mit Wanderungen und viel Beschäftigung mit Kochtöpfen plante sie damals, mit dem Studium zu beginnen. Und heute?
»Jetzt studiere ich Soziologie und ­Geschichte in Mainz und wohne dort seit zwei Jahren. Das kam so, weil mein Freund in Mainz lebte. Ich bin zu ihm gezogen, habe mich zum Sommersemester 2016 beworben, aber beim Anmeldeprozess eine Frist verpasst, weil ich mit dem Formularsystem überfordert war. So war es nur noch möglich, statt Soziologie einen zulassungsfreien Studiengang zu wählen. Es hat einige Zeit gedauert, aber schließlich durfte ich doch wechseln und konnte meine Wunschkombination studieren.
Der Einsteig ins Studium gelang mir recht gut, denn es war schön, mal wieder etwas Geregeltes zu machen. Das Fach Geschichte fasziniert mich, seit ich einen ganz tollen Geschichtslehrer in der elften Klasse hatte.«
Ich frage Tabea, was sie zu dem klassischen Weg, regulär zu studieren, bewegt habe: »Meine beiden Eltern haben auch studiert, und so war es sicherlich auch ein Stück Prägung. Nach dem Abi war ich mir gar nicht so sicher; ich hatte gar keine Lust mehr aufs Lernen und feste Pläne. Aber dann hat doch die Vorstellung überwogen, zum Studium in eine andere Stadt zu ziehen, aus dem Elternhaus rauszugehen und in eine Selbständigkeit hinein, die ich als Gefühl bis dahin nicht kannte.
Mit dem Lesen von viel kompliziertem Text und der Stoffmenge für Klausuren habe ich mich anfangs durchaus schwergetan. Besonders im Geschichtsstudium ist die Menge an Auswendiglernen noch um einiges größer als in der Schule. Im Studium hat sich für mich aber ein wich­tiger Wunsch realisiert, den ich schon in der Oberstufe entwickelt hatte: dass die Leute mit mir dort freiwillig sitzen und nicht, weil sie müssen.«
Und was ist aus dem Kochen geworden, frage ich Tabea, die vor drei Jahren erzählte, dass sie schon Essen auf den Tisch gezaubert habe, bevor sie lesen und schreiben konnte. »Ich koche immer noch gerne, aber es hat nicht mehr den Stellenwert, den es vor einigen Jahren hatte. Das hatte sich auch schon länger angedeutet: Mit Siebzehn war ich 2013 die Jüngste im Team des ersten Schulfrei-Festivals und wurde gefragt, ob ich die Küche übernehmen wolle – das habe ich auch gerne zugesagt. Irgendwann haben wir uns aber entschlossen, dass nicht mehr Leute vom Orga-Team auf den Festivals kochen sollten, weil es sich nicht rechnete. Da ich auch viele andere organisatorische Dinge rund um das Festival zu tun hatte, war das für mich problemlos zu verschmerzen.«

 

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© Foto: Magalie Schülpke

 Julian
Mit Julian spreche ich einige Wochen nach dem Schulfrei-Festival. So wie es Tabea mit dem Kochen erging, hat sich für ­Julian der Stellenwert des Programmierens in seinem Leben gewandelt.
Julian lernte erst als staatlich unterstützter Freilerner in Kanada, bevor die Familie nach Deutschland zurückkehrte. Hier ging er einige Zeit auf eine Freie Schule, bis seine Mutter ihn eines Morgens fragte, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte: »Nicht mehr zur Schule gehen zu müssen«, war seine Antwort. Seitdem blieb er zu Hause. Es dauerte fast zwei Jahre, bis er wieder Lust hatte, von sich selbst aus Dinge zu unternehmen, aber dann engagierte er sich im Vorstand des Freilerner-Vereins »Septré« und programmierte begeistert ­Internetseiten.
Wie ich über die sozialen Medien nebenbei mitbekam, arbeitete sich Julian in den letzten Jahren unermüdlich in viele verschiedene Bereiche ein:
»Ich bin mittlerweile in meinem letzten Jahr bei der Clonlara-Schule, wo ich im Fernstudium meinen Highschool-Abschluss ablege. Ich wollte gerne das Fachwissen erwerben, das andere in meinem Alter auch haben, vor allem in Mathe. Meine Mutter meinte dann: ›Wenn du das sowieso lernen willst, kannst du gleich den Abschluss machen.‹ Außerdem kann ich so ohne größere Probleme eine Ausbildung anfangen.
Ein größeres Projekt, das mich im letzten Jahr beschäftigt hat, war der Ausbau eines Wohnmobils und eine längere Reise. Letztes Jahr habe ich mir einen Kastenwagen gekauft und umgebaut. Dabei habe ich mir das nötige Handwerkszeug selbst beigebracht. Bei etwas heikleren Techniken – zum Beispiel beim Verlegen einer Gasleitung – haben mir erfahrene Leute geholfen. Nach einem halben Jahr war ich fertig und ging mehrere Monate auf Reise: nach Spanien und wieder zurück.
Am Anfang der Reise hatte ich das Gefühl, dass ich womöglich jahrelang unterwegs sein würde, aber nach ein paar Monaten wollte ich wieder nach Hause. In Spanien blieb ich am liebsten länger an einem Ort und fuhr gar nicht groß umher. Das war ein untrügliches Signal: Ich wollte wieder sesshaft werden!
Jetzt wohne ich in Remscheid, wo auch meine Freundin lebt, und möchte gerne eine Ausbildung zum Rettungssanitäter beginnen. Gerade habe ich schon eine Ausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr abgeschlossen. Dabei kam mir meine Freilernerzeit zugute, denn ich hatte kein Problem, vor dem ganzen Lehrgang zu sprechen oder Kritik zu äußern. Seit zwei Wochen bin ich im aktiven Dienst und war neulich bei einem Waldbrand im ersten Fahrzeug vor Ort. Ich war beeindruckt: In so einer Situation schaltest du das Nachdenken ab, alle Handgriffe, die du in der Ausbildung verinnerlicht hast, übernehmen wie von selbst die Regie.«
Es ist also schließlich eine sehr konventionelle Ausbildung, die Julian begeistert. Darin steckt auch eine Weisheit: Freilernen muss nicht ein Leben lang das einzig Richtige sein: »Es gibt den Weg des Freilernens, und es gibt andere Wege – ich glaube nicht, dass es den einen besten Bildungsweg gibt«, ist Julian überzeugt.



Als mir die drei ihre Geschichten der letzten drei Jahre erzählten, war ich vor allem über die Wendungen, die ihre Leben genommen hatten, erstaunt. Bei allen sind die vordergründigen Tätigkeiten, denen sie nachgegangen waren, in den Hintergrund gerückt: Bei Julian hat die Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr das  Programmieren abgelöst, bei Tabea ihr Studium das Kochen und bei Chalina die Baumpflege das Nähen. Ist diese Wandlungsfähigkeit vielleicht eine Besonderheit von Freilernern, die ja von Kindheit an vielen verschiedenen Tätigkeiten im eigenen Rhythmus nachgehen konnten? Erstaunt hat mich, dass sie ihre Freilernzeit inzwischen nicht mehr als von so zentraler Bedeutung für ihr heutiges Leben einschätzen. Bei Julian klangen sogar Töne an, dass er Freilernen nicht mehr als die beste Bildungsform betrachtet, was für ihn vor einigen Jahren nach Eigenaussage noch undenkbar gewesen wäre. Ich bin gespannt, wo diese drei jungen Menschen in drei und erst in dreißig Jahren sein werden, und bin dankbar für die Möglichkeit, Biografien bei ihrem Wandel beobachten zu dürfen – schließlich erscheint mir so auch mein eigener Lebensweg in neuem Licht.

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