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Wir sterben immer

Ein herbstliches Gespräch über die Sterbeprozesse unserer Zeit mit der Hospizleiterin Babette Hünig und der Autorin Christiane Kliemann, begleitet von Andrea Vetter und Matthias Fellner aus dem Redaktionskreis.

von Andrea Vetter , Babette Hünig , Christiane Kliemann , Matthias Fellner , erschienen in 51/2018

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© Foto: istockphoto / 525232576

Andrea Vetter  In unserer Gesellschaft wird oft gefragt: Wie können wir neue Wege finden? In dieser Ausgabe geht es unter anderem um die Wiederentdeckung des Waldgärtnerns als Gegenentwurf zum Anbau von Getreide in Reinkultur, wie auf unseren Äckern üblich. Aber solcher Ackerbau ist seit Jahrtausenden Teil unserer Zivilisation! Könnten wir unser Dasein als ackernde Kulturwesen tatsächlich gehen lassen? Wir sprechen nicht oft darüber, wie wir das Alte loslassen können. Was muss sterben, um Veränderung zu ermöglichen? Finden wir dafür einen guten Weg? Dass wir uns dieser Frage selten widmen, scheint mir typisch für die Richtung, in die unsere Gesellschaft schaut, und auch, wohin wir lieber nicht blicken.
Babette Hünig  Das ist ein Thema der Sterbe- und Trauerbegleitung: Verabschieden, damit sich Neues entwickeln kann. Ich habe gerade meine 98 Jahre alte Schwiegermutter im Sterben begleitet. Sie hatte einen langen Weg aus dem Leben hinaus. Vor Jahren hat sie schon gesagt: Abschiede zu leben, Abschiede zuzulassen, ist die Aufgabe des Alters. Vielleicht ist es überhaupt eine Aufgabe für unsere Generation, unsere Zeit, Abschiede zuzulassen.
Christiane Kliemann  Ich hatte als Journalistin und Aktivistin für gesellschaftliche Transformation lange so einen praktischen Zweckoptimismus nach dem Motto: Wenn jetzt genügend Leute für ­einen Wandel einstehen, können wir eine dauerhaft enkeltaugliche Gesellschaft erschaffen. Aber kürzlich habe ich einen Text gelesen, in dem die Situation der Welt mit einem persönlichen Sterbeprozess gleichgesetzt wurde. Die These war: Wäre unsere gesamte menschliche Gesellschaft im Ökosystem Erde heute ein Mensch, müssten wir uns eingestehen, dass dieser Mensch bald sterben wird. Ich war sehr berührt und dachte: Ja, es könnte wirklich sein, dass wir es als Menschheit nicht schaffen, noch in weiteren Generationen zu überleben. Es könnte sein, dass meine Kinder keine Zukunft haben – dass es zu spät ist. Das war ein harter emotionaler Moment. Interessant fand ich, dass der Schluss aus diesem Gedanken der gleiche ist wie der aus der Hoffnung, nämlich: Alles, was wir tun können, ist, uns liebevoll und empathisch zu begleiten.
BH  Aber wir sterben ja immer. Von der Empfängnis an sterben wir. Wenn unser Zellwachstum so weitergehen würde wie im Mutterleib, könnten wir nicht leben. Das Sterben von Zellen bedingt unsere Entwicklung als Mensch. Wir wissen alle, dass im Leben nichts so sicher ist wie die Tatsache, dass wir sterben. Nur tun wir immer wieder so, als wäre das anders. Wir könnten unser Leben auch bewusst auf diese Tatsache ausrichten, um den letzten Schritt dann gehen zu können.
AV  Vielleicht steckt in diesen beiden Gedanken auch die Möglichkeit, den überzogenen Zukunftshorizont sterben zu lassen, den das westliche Denken seit der christlichen Apokalyptik mit sich herumschleppt: Wir bewegen uns vorwärts in einer linearen Zeit, hinterm Horizont liegt die verheißene Zukunft. Wie wäre es, diesen Zukunftshorizont wegzulassen und uns einzugestehen, dass unsere Kinder, weil sie Lebewesen sind, sowieso irgendwann sterben, ebenso wie ihre Kinder? Wie können wir in der Zeitspanne, die uns gegeben ist, gut leben? Denn was wir wegnehmen – auch mit dem Text, den du erwähnt hast, Christiane – ist ja nur der lange Zeithorizont, nicht das Leben im Hier und Jetzt.
CK  Ich verstehe, was du meinst, aber ich glaube, hier haben wir es mit einem Paradox zu tun. Es ist sicherlich richtig, dass wir uns einerseits nicht mit dem eingefahrenen Fortschrittsdenken auf Zukunft beziehen sollten, sondern schauen, was im Augenblick ist. Aber andererseits ist der Blick auf die Zukunft wichtig: Was bedeutet meine jetzige Handlung für die kommenden sieben Generationen? Unsere Lebensweise hat extreme Auswirkungen auf die Zukunft – nimm das Beispiel Atommüll. Zugleich reicht der Horizont oft gerade noch bis zum nächsten Quartalsabschluss. Wenn es dieses indigene Denken in anderen Zeiträumen noch gäbe, wäre auch Politik viel langfristiger ausgerichtet.
Matthias Fellner  Das ist auch ein Paradox der gärtnerischen Arbeit in essbaren Landschaften, über die wir in dieser Ausgabe schreiben: mit Hingabe im Augenblick den Garten zu bestellen und dabei gleichzeitig den weiten Bogen im Blick zu haben, wie es sein wird, wenn die Bäume groß geworden sind.
Traumata ans Licht bringen
CK  Ich finde es spannend, zu fragen: Was muss unsere Gesellschaft jetzt loslassen? Bei uns geht es ja immer um das Tun, aber letztlich sind die Schäden nicht durch zu wenig Tun, sondern durch zu viel Tun hervorgerufen worden. Was würde passieren, wenn sich die Gesellschaft entschiede, sich zu verlangsamen oder schädliches Tun zu unterlassen – weil es schlicht nottut? Ich denke, wenn der Hamster nicht mehr rennt, sondern stehenbleibt, kommt viel Verdrängtes hoch. Da ist auch diese Angst, wie Menschen auf Wandlungsprozesse – ob aus Einsicht oder durch Katastrophen herbeigeführt – reagieren? Schaffen sie es miteinander oder stellen sie sich gegeneinander? In solchen Situationen spielen vedrängte Gefühle eine große Rolle, sie werden nach außen projiziert.
BH  Das lässt sich zumindest bei individuellen Sterbeprozessen beobachten. Gerade bei der Kriegsgeneration treten die großen, in der Zeitgeschichte begründeten Themen am Lebensende hervor. Die vielen Umbrüche, die nicht verarbeiteten Abschiede zeigen sich, wenn ein Mensch nicht mehr in der Lage ist, alles unter Kontrolle zu haben. In Sterbeprozessen wie in Trauerprozessen mit alten Menschen, wenn zum Beispiel der Partner stirbt, kommt oft Trauer aus Kriegszeiten um verlorene Eltern oder Geschwister noch einmal hoch – Verzweiflung und Wut über das viele sinnlose Sterben durfte man ja in der Kriegszeit nicht zeigen – und in der Nachkriegszeit wurden sie verdrängt.
MF  Ich spüre das auch so. Wenn wir einen Schritt zurücktreten und eine gewisse Leere zulassen könnten, würden die Traumata erst einmal hochkommen. Was sich gerade im Populismus bemerkbar macht, ist ja der letzte Versuch, die »richtigen Schuldigen« zu finden, um sich diesem Prozess noch einmal zu entziehen. Vielleicht wäre es wichtig, sich als Gesellschaft zu fragen, wie wir gute Umgangsweisen finden können, wenn sich solche alten Verletzungen bemerkbar machen. Sich darauf einzulassen, Traumata zu begleiten – das ist eine schöne Art, mit schwierigen Situationen umzugehen.
CK  Da setzt ja die Tiefenökologie an – es geht genau darum, verdrängte Gefühle um den Zustand der Welt zuzulassen und ihnen Raum zu geben. Da sind Schmerz, Trauer, Wut, Verzweiflung um die Welt, aber im Alltag wird das üblicherweise nicht gerne gesehen und hat keinen Platz. Dabei ist es wichtig, diese Gefühle zuzulassen, um vom Wissen zum Handeln zu kommen, denn die Verbindung vom Kopf zur Hand verläuft eben über das Herz. Es ist wichtig, schrittweise Räume und Orte zu schaffen, wo diese verdrängten Gefühle behutsam wahrgenommen werden können. Die Erfahrung mit dieser Arbeit zeigt, dass sie auch eine Kraftquelle sein können. Es kostet unglaublich viel Energie, Gefühle verdrängt zu halten.
Sterbeprozesse gut unterstützen
AV  Wie können wir das Sterben dieser monokulturellen Form von Gesellschaft unterstützen?
BH  Sterben ist ja ein Prozess. Die punktuelle Definition des Tods kommt aus der Organtransplantation, weil ein Zeitpunkt gesucht wurde, von dem an man die Organe entnehmen kann. Bei der Begleitung von Sterbenden sieht das sehr unterschiedlich aus. Menschen mit langwierigen Erkrankungen oder einer Demenz sterben über Jahre hinweg. Auch wenn wir das Sterben biologisch betrachten, ist das ein Prozess: Erst sterben die Gehirnzellen, dann die Herzzellen, dann die Niere und zuletzt die Darm- und Verdauungszellen – die arbeiten noch bis zu 24 Stunden nach dem festgestellten Tod. Auch nachdem ein Mensch gestorben ist, ist er zunächst – genau genommen – keine Leiche, sondern ein Verstorbener. Manchmal fragt man sich während der ersten Zeit nach dem Tod: »War da noch ein Atemzug?«. Denn das »Leben« ist noch so nah. Erst nach etwa drei bis vier Tagen erlebe ich, dass diese Hülle abgelegt ist. Wie bestatten wir sie gut und geben dem, was die Hülle verlassen hat, unser Geleit?
MF  Für mich ist der Blick auf diese individuellen Prozesse sehr hilfreich. Wenn ich das Individuum anschaue, entwickle ich auch Empathie für die Lebensform der Karriereorientierung, der Wachstumsfixie­rung, die wir loslassen müssen. Könnte es unsere Aufgabe sein, Räume dafür zu schaffen, wo dieses Gesellschaftssystem und die Menschen, die es geschaffen haben, noch einmal liebevoll angeschaut werden können, in all ihren Phasen und Zyklen? Wo das Schwierige nicht so sehr angeprangert, sondern empathisch begleitet wird? Darin bin ich nicht besonders gut, ehrlich gesagt …
BH  Nicht zu bewerten, ist in der Trauerbegleitung ganz wichtig. Es geht darum, die Dinge, so wie sie sind, genau anzuschauen und zu überlegen, was jetzt nach Veränderung verlangt. Ich frage manchmal: »Sie haben dies so und so empfunden. Was hat das mit Ihnen gemacht? Was wünschen Sie sich jetzt? Was hat sich für Sie daraus ergeben?« Aus dem genauen Anschauen ohne Bewertung können Flügel wachsen. 
Wir sind in der Erntezeit
AV  Ich versuche seit einiger Zeit, dieses Denken in Gegensätzen und damit auch diese Frage zu verabschieden: Fährt ökologisch und gesellschaftlich alles gegen die Wand, und gibt es einen großen Kollaps, oder können wir das Ruder herumreißen, und die Gesellschaft wird immer schöner und befrei­ter? Stattdessen frage ich mich, wie eine redliche Position aussehen kann, die den Zustand der Welt anerkennt, ohne in Fatalismus zu verfallen. Der Blick auf Sterbeprozesse erscheint mir dabei hilfreich, denn zu einem Menschen, der bald sterben wird, sagen wir ja auch nicht: »Tschüß, das war’s jetzt, wir kümmern uns nicht mehr um dich.« Sondern wir fragen uns, wie wir zu einer guten letzten Lebensphase beitragen können.
BH  Die letzte Phase ist auch eine Ernte- und Erkenntniszeit. Oft sagen uns Menschen: »Diese letzten Wochen, die ich habe, sind unheimlich schwer für mich, aber die wichtigste Zeit meines Lebens.« Kaum ein Mensch, der an sein Lebensende kommt, denkt: »Ich habe alles geschafft.« Die meisten Menschen haben noch etwas offen. Manche sagen zwar »Ich bin lebenssatt« oder »Ich kann nicht mehr«, aber dass Menschen mit ihrer eigenen Entwicklung ganz zufrieden sind, das gibt es eigentlich nicht. Es geht am Ende darum, trotzdem Wertschätzung für alle meine Handlungen zu entwickeln: Das habe ich getan, das ist daraus entstanden – und so ist es jetzt.
CK  Eine große Herausforderung bei Sterbe- oder Wandlungsprozessen ist, dass das Alte nicht sofort ins Neue übergeht. Zunächst ist da ein Raum des Nicht-Wissens, der Orientierungslosigkeit. Sich darauf einzulassen, dass das Alte geht, aber noch nichts nachgewachsen ist, woran ich mich festhalten kann – das ist herausfordend. Aber wir können ins Ungewisse gehen und sagen: Ich nehme das an.
BH  Niemand kann ins Nichts gehen, das merken wir immer wieder in der Begleitung. Wichtig ist eine Vision, wie es weitergehen kann. Dabei unterstützen wir die Menschen.
AV  Das ist ein wichtiges Bild für mich: Niemand kann ins Nichts gehen. Das bestärkt mich in der Arbeit an Oya. Darin skizzieren wir Ideen, wie es gesellschaftlich weitergehen kann: Wir zeichnen Bilder von Waldgärten, von commonischem Wirtschaften, von einer viel tieferen Art der Verbundenheit mit menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, damit wir nicht ins Nichts gehen, weil wir uns nicht vorstellen können, was nach dieser kapitalistischen Zivilisation kommen könnte. Das Loslassen und zugleich das Zulassen neuer Bilder geben Raum, sich als Gesellschaft zu fragen, wie wir eine gute Kultur schaffen können, um mit Lebensübergängen wie dem Sterben umzugehen.


Babette Hünig (63) koordiniert seit 2011 als Sterbe- und Trauerbegleiterin den anthroposophisch orientierten Ambulanten Hospizdienst Odilie und seit 2013 die Trauerbegleitung im Ökumenischen Hospizdienst Königswinter. www.hospizdienst-odilie.de

Christiane Kliemann (51) ist Journalistin und arbeitete lange für das Klimasekretariat der UN. Sie hat eine Ausbildung in Tiefenökologie abgeschlossen, beteiligt sich beim Portal degrowth.info und schreibt für die Zeitung »OXI – Wirtschaft anders denken«.

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