Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Animistische Anklänge

Land ist nicht Ware, sondern Heiligtum. Notizen zur Re-Sakralisierung Europas.

von John Burnside , erschienen in 51/2018

Bild

© Foto: Lucas Burnside

Befragt den Geist des Orts in allem;
Sein Genie lässt die Wasser steigen oder fallen;
Es hilft dem stolzen Hügel, himmelhoch emporzustreben,
Es heißt die Täler, geschwung’ne Terrassen auszuprägen;
Ruft querfeldein, umfängt geschwendet Land,
Vereint getrennte Wälder, Licht und Schatten fall’n durch seine Hand,
Bald bricht, bald lenkt es die geplanten Linien um;
Komponiert durch euer Pflanzen, entwirft durch euer Tun.
(Alexander Pope, Briefe an verschiedene Personen, IV)

Das Genie ist der Fehler im System.
(Paul Klee)

Dem vorherrschenden kapitalistisch-konsumistischen Paradigma gilt jegliches Land als Immobilie, als nichtssagender Raum – Niemandsland oder potenzieller Baugrund, wertlos bis zur baulichen Erschließung. Unseren heidnischen Ahnen hingegen galt alles Land als Ort – eigen, vielstimmig, beseelt – und somit als wesenhaft und heilig. Ein Ort war nicht einfach nur ein Raum, in dem Objekte existieren konnten, sondern war vielmehr ein Theater voller verwobener Rufe und Antworten, voller sorgsam angelegter Pfade, Spuren und Duftmarken, voller Gebiete, wo gesungen und getötet wurde, voller reißender Ströme, Wanderungskorridore und wildem Geheul. Er war Zufluchtshort für die Lebenden wie die Toten, für unsere Schatten und unsere Phantome; er war Schauplatz unserer Geschichte und unserer Sterblichkeit. Indem wir ihn durchquerten, erhielten wir ihn lebendig, so wie der fahrende Rötelhändler, der in Thomas Hardys Roman »Die Heimkehr« durch die fiktive Landschaft Egdon Heath zieht. Ein Ort, das war dort, wo sich unsere Geschichten ereigneten, wo unser Schaffen Früchte trug und wo wir Zeugnis ablegten; ihm entsprangen alle unsere Verbindungen, und er vergewisserte uns beständig unserer Sterblichkeit. Wie sich viele von uns erinnern werden, sind Kinder von Natur aus Heiden – wenn schon nicht »Priester der Natur« (wie William Wordsworth kindliche Unschuld umschrieb), so doch ­»Druiden der Natur«.
Angesichts der, wie mir scheint, anhaltenden und bewussten Entweihung des Orts möchte ich die zugegebenermaßen kühne Idee vortragen, was das alte Europa ist oder sein könnte: eine von ihrem Sosein beseelte Bastion heidnisch-animistischer Geomantie (die Kunst, in Landschaften zu lesen); ein Gebiet, das den Nährboden für aktiven Widerspruch gegen eine seelenlose, starre Verwertungslogik bilden könnte, die nun, nachdem sie auch die »letzten Grenzen« eingerissen hat, droht, zum finalen, tödlichen gesellschaftlichen Maßstab zu werden, der den schieren Begriff »Ort« überflüssig macht und durch einen »Raum«-Begriff ersetzt, in dem Lebensstiloptionen ausgeübt werden und in dem alles an systemischer Funktionalität gemessen wird: Gegenwärtigkeit als bloßes Verhaltensmuster, Liebeswerben als soziale Technik, Land – samt dem Leben, das es erhält – als Ressource. Ich denke – oder irre ich mich da? –, wir wissen alle, dass eine solche Auffassung von »Realität« völlig ignorant sowohl gegenüber einer umfassend wirkenden Grund-Zärtlichkeit als auch gegenüber dem komplexen Austausch von Pheromonen und anderen Lock- und Botenstoffen zwischen jedem Körper und dessen nahen – oder fernen – Anderen ist. Ich denke, wir wissen auch alle, dass die Aus­löschung des Ortsbewusstseins Teil eines ausgeklügelten Plans ist, der »Raum« zum Spekulationsgut machen möchte; jedoch scheint es, als seien wir zu dem Schluss gekommen, dass wir angesichts dieses Profitstrebens hilflos wären, oder vielleicht denken wir auch nur, es wäre unfein, uns mit den dahinterstehenden Profiteuren anzulegen. Gewiss, in der einen oder anderen Form haben wir es alle schon gesagt: Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist – unter den gegenwärtigen Umständen ist das jedoch nicht viel besser, als seine Hände vor der aufgebrachten Menge demon­strativ in Unschuld zu waschen …
Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, ist ein guter Rat, solange Gott in seinem Himmel und per Definition weit entfernt von der kaiserlichen Macht weilt. Ist hingegen unsere höhere Macht nicht fern, sondern manifest in dieser Welt – als »Natur«, diesem Kürzel für alles, was noch nicht auf eine menschliche Vorstellung von Ordnung reduziert und begrenzt worden ist –, dann ist diese höhere Macht zumindest zeitweise sehr anfällig gegenüber imperialer Plünderung. Ja doch, unser Planet hat die Eiszeiten überstanden; ja, einst war er eine Art Feuerball, und, ja, eines Tages wird er sich von den Wunden, die wir ihm gegenwärtig zufügen, erholt haben … Aber: Nachdem ich das Glück hatte, unter den Riesenmammutbäumen in Nordkalifornien zu spazieren, in einer sternenklaren Nacht in der englischen Grafschaft Gloucestershire Dachsjunge beim Spiel nahe ihrem Bau zu beobachten und auf der Suche nach Feldspechten und Pottwalen stundenlang die Yatay-Palmenhaine des argentinischen El-Palmar-Nationalparks zu durchstreifen, bin ich zu dem naheliegenden Schluss gelangt, dass uns der Kaiser nicht nur viel zu viel abverlangt, sondern genug Unheil angerichtet hat und aufgehalten werden muss. Jetzt. Sofort. Nun könnte man dagegenhalten, dass Riesenmammutbäume, Dachse und Feldspechte für die ansässige Bevölkerung ganz gewöhnliche Anblicke sind, die mehr oder weniger als gegeben hingenommen werden, so wie große, in den Süden ziehende Schwärme Kleiner Rietgänse in meiner schottischen Heimat etwas ganz Gewöhnliches sind; die Wahrheit ist jedoch, dass wir gar nichts mehr als gegeben hinnehmen können, nicht einmal den angeblich so gemeinen Hausspatzen (in London ging die Spatzenpopulation zwischen 1994 und 2004 um 60 Prozent zurück) oder die Kiebitze, die in meiner Kindheit überall zu sein schienen (zwischen 1963 und 2008 ging die Kiebitzpopulation in England und Wales um 50 bis 80 Prozent zurück). Die Gründe dieses Artensterbens sind im Fall der Spatzen ein Mangel an wirbellosen Beutetieren und im Fall der Kiebitze veränderte landwirtschaftliche Strukturen (die Ausbreitung der Agrarindustrie infolge fehlgeleiteter Subventionen für Bodenentwässerung). Dem »Spiegel« vom 27.08.2012 zufolge haben Subventionen für »Energiepflanzen« im Rahmen des »Erneuerbare-Energien-Gesetzes« ganz ähnliche Auswirkungen auf Feldvögel in Deutschland: »Die Monokulturen sorgen dafür, dass Vögel wie die Wiesenweihe und der Kiebitz verschwinden, die kaum noch Brutplätze finden. In einigen Gegenden Bayerns sind zwischen 2004 und 2010 über 90 Prozent des artenreichen Grünlands verschwunden – oft für Maisflächen.«
Damit sage ich wohl nichts, was die meisten von uns nicht ohnehin schon längst wissen. Manche mögen es auch für völlig theoretisch halten, überhaupt auf diese Punkte hinzuweisen: Denn wie Daniel Nocera schreibt, sind wir Exemplare der Spezies Mensch nun mal einfach »beschissene Umweltschützer«, und wie David Owen 2011 in seinem hervorragenden, wenn auch desillusionierenden Buch »The Conundrum« (Das Rätsel) erkannte: »Für uns Reiche ist es ein Klacks, sich als ach so emsige Schützer von Energie, Klima und Umwelt zu gerieren; wir müssen nichts weiter tun, als ein Hybridauto zu fahren, regional zu essen (während wir uns alle möglichen Ausnahmen für Lebensmittel, die nun mal nicht hierzulande wachsen, erlauben), daran zu denken, unsere Smartphoneladekabel nachts auszustecken und unseren Müll zu trennen. Was sich hingegen zumindest bislang als Ding der Unmöglichkeit erwiesen hat, ist, Schritte zu ergreifen, die tatsächlich einen großen, dauerhaften Umschwung auf globaler Ebene herbeiführen würden. Hand aufs Herz: Sind wir daran überhaupt ernsthaft interessiert? Das ist das große Rätsel.« Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass wir – als Individuen – sehr wohl daran interessiert sind, dass wir jedoch als Exemplare der Spezies Mensch – selbst jene unter uns, die großartige Individuen abgeben – zu Faulheit, Gier oder schlichter Nachlässigkeit neigen, sobald wir in Gruppen auftreten. Wie Owen schrieb: »Unser Klima- und Energiedilemma ist in Wirklichkeit eine Tragik der Allmende planetaren Ausmaßes« – doch damit nicht genug. Ein Beobachter, der auf die Erde käme, um sich ein Bild davon zu ­machen, wie unsere Spezies als Gemeinschaft zusammenarbeitet, würde wohl bald zu dem Schluss gelangen, dass die Katastrophe programmiert ist, sobald zwei oder drei von uns zusammenkommen. Wie der Biologe Garrett Hardin schrieb: »Eine Gesellschaft, die an die Freiheit der Allmende glaubt, in der jedoch jedermann sein Eigeninteresse verfolgt, steuert unweigerlich auf den Ruin zu. Freiheit in Verbindung mit Allmende bedeutet den Ruin aller.«
Diese Stimmung ist uns aus dem Werk von Poeten wie etwa John Clare bekannt. Aber gibt es in der Diskussion um die Allmende nicht Anlass zu weit mehr als nur zur Klage? Was machte die Commons so bedeutend in der englischen Geschichte? Unverblümter Klartext, wie er aus der folgenden Passage des Nachworts zu Paul Kingsnorths Roman »The Wake« spricht, stimmt mich hoffnungsfroh: »Die Invasion und Okkupation durch die Normannen war die wahrscheinlich verheerendste ­Katastrophe in der Geschichte Englands. Sie brachte nicht nur Gemetzel, Hungers­nöte, Brandschatzung, Krieg, Versklavung und groß­flächige Landenteignung über die englische Bevölkerung, sondern auch eine neue herrschende Klasse, die vielfach nichts als Verachtung für ihre neuen Untertanen empfand. Erst 1399, über drei Jahrhunderte, nachdem Guillaume, Herzog der Normandie (William der Eroberer), seine erfolgreiche Invasion begonnen hatte, bekam England wieder einen König, dessen Muttersprache Englisch war.« Kingsnorth schrieb weiter: »Dies ist umso bedauerlicher, als die Auswirkungen von Guillaumes Invasion noch heute spürbar sind. Im 21. Jahrhundert befinden sich in England nach wie vor 70 Prozent des Grundbesitzes in der Hand von weniger als 1 Prozent der Bevölkerung; damit steht England nach Brasilien an zweiter Stelle der Länder mit der ungerechtesten Landverteilung. Es ist fraglich, ob dies heute der Fall wäre, wenn die Normannen nicht vor einem knappen Jahrtausend sämt­liches Land in der Hand des Königs und seiner Kumpane konzentriert hätten.«
Wir brauchen solch unerschrockene Sprache, um uns etwas ins Gedächtnis zu rufen, das wir nie aus dem Blick hätten verlieren dürfen: Ich erinnere mich noch gut daran, wie perplex ich als Kind war, wenn die Leute es einfach so hinnahmen, dass Land Eigentum war und ein Mensch oder eine kleine Gruppe ­damit nach Willkür verfahren konnten. Ebensosehr wie solche freimütigen Worte brauchen wir die einfühlsame Sprache, die aus den Essays des Literaten und Landwirts Wendell Berry spricht: »­Solange wir nicht begreifen, was das Land ist, stehen wir im Wider­spruch zu allem, was wir berühren. Und um dies zu begreifen, ist es notwendig – auch und gerade jetzt –, das Terrain unserer ­Eroberungsfeldzüge zu verlassen: die ausgeräumten Felder, die Städte, die ­Autobahnen – und zurück in die Wälder zu gehen. Nur dort kann ein Mensch der Stille und der Dunkelheit seiner eigenen Abwesenheit begegnen. Nur in dieser Stille und diesem Dunkel kann er ein Gespür für die Dauerhaftigkeit der Welt erlangen und dafür, dass sie sehr gut ohne ihn gedeihen kann, dass er ihr unterlegen und von ihr abhängig ist. Wenn ein Mensch diese Stille gehört und dieses Dunkel gesehen hat, mag er von Demut vor dem Ort erfasst werden und beginnen, ihn in sich aufzunehmen – und so von ihm lernen, was er wirklich ist. Während dann die Klänge des Orts durch seine Ohren, die Farb- und Lichtschattierungen durch seine Augen und die Gerüche durch seine Nase strömen, wird er vielleicht so tief wie nie zuvor in die Gegenwart jenes Orts eintauchen, wird an seinem Ort ankommen und wird dort bleiben wollen. Sein Leben wird nun aus dem Boden unter seinen Füßen sprießen, so wie die Leben all der anderen Wesen jenes Orts, und er wird seinen Platz unter ihnen einnehmen. Er wird dort mit ihnen sein – anstatt ihnen unwissend, gleichgültig oder feindselig zu begegnen – und wird so zu guter Letzt dem Land eingeboren. Er muss also wieder in Stille und Dunkelheit einkehren, um wiedergeboren zu werden.«
Gemeinsam können die unverhohlene Kritik und die klarsichtige Erinnerung in eine Art Wechselspiel treten, das eine mögliche Zukunft informieren kann: Wenn wir das Land zurückerobern, nicht, um es zu besitzen, sondern um seiner selbst willen, können wir vielleicht auch unsere dem Land eingeborenen Seelen zurückgewinnen. Wenn wir aufhören, Land als Eigentum zu betrachten, können wir einen heidnischen Sinn für Land als Ort, als Heimat wiederfinden; es ist dann ein Privileg, sich solchen Orten als gemeinschaffender Mensch, als Commoner zuzueignen. Wenn wir unsere verheerenden »Entwicklungspläne« verwerfen, werden wir vielleicht wieder an unseren Orten ankommen und einen magischen Pakt mit der andauernden Lebendigkeit des Lands schließen – diese Lebendigkeit ist etwas, das uns Menschen einschließt, jedoch niemals unser Eigentum sein kann. Ein weiteres Mal möchte ich Alexander Pope zu Wort kommen lassen und mit einem Zitat zu Genius und System aus seinem »Versuch vom Menschen« (deutsch von Gerhard Baitinger) schließen:

Und wenn jedes System im angemess’nen Schlusse fließt,
gleichsam sich als Teil zum Ganzen in seinem Flusse schließt,
der kleinste Fehler in einem Teile nur, nicht in allen,
und schon muss das große Ganze auseinanderfallen.
Lass die Erde aus der Balance ihrer Umlaufbahn flieh’n,
Planeten und Sonnen dann gesetzlos durchs All zieh’n.
Wenn ein Erzengel aus seiner Sphäre fällt,
Wesen stürzt aufs Wesen, Welt auf Welt.
All die Angst – die Ordnung zerbricht – für wen? Für Dich?
Des Himmels Fundamente zu ihrem Zentrum neigen sich,
Natur erzittert bis zu Gottes Thron.
Oh Erdenwurm! – Torheit! Hochmut! Tiefstes Babylon!


Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fersterer. Die Rede »Animist Memories. Notes Towards a Re-Sanctification of Europe« wurde bei den »Internationalen Autorentagen zu John Burnside« im Oktober 2014 in Schwalenberg gehalten. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe in Detmold.

John Burnside (63) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern Schottlands. Die Kindheit des in der Kleinstadt Dunfermline Geboren war von den Gewaltausbrüchen seines Vaters geprägt. Trost spendeten ihm lange Streifzüge durch die umliegenden Wiesen und Wälder. Auf jugendliche Drogen- und Alkoholexzesse, beglei­tet von schizophrenen Schüben, folgte sein vergeblicher Versuch, ein bürgerliches Leben zu führen. Die Monotonie einer Gelegenheitsarbeit als Programmierer ließ Burnside erste lyrische Versuche unternehmen. Nachdem er erkannt hatte, dass es schlichtweg im Widerspruch zu seiner Natur stand, einer gesellschaftlich definierten Norm entsprechen zu wollen, widmete er sich ganz dem ­Schreiben. Dieses bezeichnet er als »schamanistische Übung«: »Alle meine Gedichte forschen nach einer ›Anderswelt‹. Sie liegt aber nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt.« Für seine Gedichte, Romane und Erzählungen wurde er vielfach ausgezeichnet. Soeben ist die von ihm herausgegebene Lyrikanthologie »Natur!« erschienen. Heute lehrt John Burnside als Professor für kreatives Schreiben an der Universität St. ­Andrews und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im schottischen Distrikt Fife.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!