Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Herzsinn und Weltangst (Buchbesprechung)

erschienen in 50/2018

Die gut 30 Essays in Rudolf Gaßenhubers »Herzsinn und Weltangst« kreisen um folgende Fragen: Wieso nimmt unser Grundvertrauen in die Welt ab? Wieso macht sich stattdessen zunehmend eine Art Weltangst bemerkbar? Wieso lässt diese Angst unseren Herzsinn verkümmern? Die These, mit der der Autor – ein Heilpraktiker für Psychotherapie – einsetzt, ist die, dass hinter dieser Weltangst eine durch historische Traumatisierungen bedingte Sicherheitsmanie steckt. Trotz dieser schweren Thematik steuert das Buch auf helle und befreiende Ausblicke zu: »Wie wäre eine Welt mit weniger Angst und Sicherheitsstreben? Oder, anders gefragt, wie fühlt es sich an, aus diesen seelischen Verschanzungen herauskommen zu dürfen und den Herzsinn wieder lebendig werden zu lassen?« Gaßenhuber argumentiert von einem philosophischen und psychotherapeutischen Ansatz aus. Mit essayistischer Leichtigkeit weiß er sich nicht nur gut ausgewählter Fakten, sondern immer auch verblüffender Metaphern zu bedienen. Das Buch trägt damit seinen Untertitel »philosophisch-psychologische Essays« zurecht.
Inhaltlich stellt das Buch eine Ausein­andersetzung mit zentralen Stationen deutscher Trauma-Geschichte dar: Dreißigjähriger Krieg, Hitler-Diktatur, Aufarbeitung der Nazigreuel, Verstrickung in heutige Machtintrigen und Stellvertreterkriege. Zugleich handelt es sich um eine philosophisch-traumatherapeutische Intervention: eine Suche nach neuem Welt- und Naturvertrauen, nach Herzsinn und Geborgenheit. Bei dieser Suche braucht mensch vor allem eines: Mut. Und zwar doppelten Mut: hier das Abscheuliche sehen und benennen zu können, dort das Menschliche mit all seiner Ambivalenz wahrnehmen und zulassen zu können. Der Leser oder die Leserin vergleiche hierzu die fünf Essays, die um die »Schule des Abscheus« kreisen; aber ebenso die mit dem Stichwort »Aufhellungen«.
In der deutschen Trauma-Geschichte spielt die Nazi-Diktatur eine gravierende Rolle. Deshalb ist es gerechtfertigt, dass der Autor sich – am Beispiel der Psycho- und Pathogenese Hitlers – gleichsam exemplarisch darauf konzentriert. Ich empfehle hier folgende Essays: »1899: Vom Ursprung des Hasses – Anfänge eines Mörders«, »Vernebelung der Hassentstehung – Schutz der Familie«, »Angst, Hass und Größe – Zur Dynamik des Vernichtens«, »Ursprung der Aggression – Hölle und Vorhölle« und »Vernichtung oder Solidarität – Der Scheideweg«. Diesen schweren Essays sollten aber die ins Helle führenden angehängt werden, etwa: »1929: Herz und Begegnung – Leben ist Angesprochen-Werden« und »1997: Nach 1945 – Märchenhafte Lebensfreude«.
Eine Metapher hat mich besonders beeindruckt, die vom »Schwedenloch des Geistes«. Schwedenlöcher waren Erdlöcher, in denen die Menschen zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs sich und ihre Schätze vor den plündernden Heeren und Söldnertruppen versteckten. Mit der Metapher meint Gaßenhuber aber etwas anderes, nämlich den Schlüsselsatz der neuzeitlich-rationalistischen Philosophie: Cogito ergo sum. ­Descartes hat diese Formel 1641, also während Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, in seinen »Meditationes« ausformuliert. »Die Formel […] bezeichnet den maximal möglichen Rückzug des Menschen auf einen innersten, kleinsten Bewusstseinspunkt, auf einen letzten Zufluchtsort – das Schwedenloch des Geistes.« Nun ist der Dreißigjährige Krieg schon lange vorbei, und auch das Hitler-Regime gehört der Vergangenheit an. Wir brauchen heute – zum Glück – keine solchen Verstecke mehr zu graben. Und doch: Viele Menschen verschanzen sich nach wie vor in psychischen Höhlen. Es sind allerdings weniger Schwedenlöcher des Geistes als solche des Herzens. Ängstlich verstecken wir darin unser Herz und meinen, hier und nur hier sei es sicher. Ein Irrtum, denn genau dadurch, so Gaßenhuber, »verkümmert der Herzsinn«.
Was aber ist der Herzsinn? Diese Schlüsselfrage umkreist der Autor in den Essays »1929: Herz und Begegnung – Leben ist Angesprochen-Werden« und »1943: Anfreunden oder Trauern – Freundschaft und Offenheit«. Er bezieht sich dabei auf zwei Herz-Denker: Martin Buber und Antoine de Saint-Exupéry. Zunächst definiert Gaßenhuber den Herzsinn als Mitgefühl und als seelischen Begegnungs-, Tast- und Hörsinn. Dann erweitert er: »Erst der Herzsinn erzeugt und eröffnet die Wirklichkeit, um die es im Leben geht. Man könnte durchaus auch sagen: ›Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.‹ (Saint-Exupéry)«.
Fazit: Eine hervorragende Auseinandersetzung mit dem Nazi-Problem; ein originelles und tief-menschliches Buch, das wirklich etwas zu sagen hat.
Bernhard Kerscher

Herzsinn und Weltangst
Philosophisch-psychologische Essays.
Rudolf Gaßenhuber
Albunea, 2018, 164 Seiten
ISBN 978-3937656199
18,00 Euro
E-Book: 11,99 Euro

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!