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Die große Freiheit zu lernen

Alexander Capistran (27) fragte Helga Janzen (79) nach ihrem eigenen Bildungsweg.

von Alex Capistran , Helga Janzen , erschienen in 50/2018

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© Foto: joern Hartwig

Kennengelernt haben sich die beiden in einem Lesekreis. Die Begeisterung für Sinnfragen ­einerseits und herrschaftskritische Überlegungen zur Gesellschaft andererseits ließ sie nach kurzer Zeit in einen ­längeren Briefaustausch finden. Darin zeigte sich: Für die Entfesselung des persönlichen Bildungstriebs ist es nie zu spät.

[Alexander Capistran] Liebe Helga, wie ist es möglich, dass du dir die Freude am Lernen über Jahrzehnte hinweg erhalten konntest?
[Helga Janzen] Hallo Alexander, wahrscheinlich, weil ich in einem Klima derartiger Enge groß wurde, dass ich die Freiheit zu lernen – einmal entdeckt –, nicht mehr losgelassen habe. Meine Mutter vertrat ein dogmatisches, freudloses Christentum – von uns später als »Pietkong« bezeichnet. Und das von Nonnen geleitete Mädchengymnasium, das ich besuchte, vertrat dasselbe »in Schwarz«. In beiden Fällen wurde mir ein völlig determiniertes Weltbild vermittelt. In diesem Gehäuse konnte ich nicht leben und wollte ausbrechen.
Als ich merkte, dass es wirklich Freiräume gab, wurde die ­Motivation, selbstbestimmt zu lernen und zu leben, immer stärker und ließ mich nicht mehr los.

Du hast mit über 60 Jahren eine Doktorarbeit geschrieben. Aus welchem Impuls heraus hast du das getan, und wie kam es dazu?
Der Weg dahin begann schon 1970, als der Studien­gang Diplom-Pädagogik aus der Taufe gehoben wurde. Gegen den Wider­stand des Familienclans, aber mit Unterstützung durch meinen Mann, absolvierte ich das Studium ziemlich erfolgreich. Die Kinder waren schon größer, so dass sich eine Halbtags-Berufstätigkeit einrichten ließ. So wie du zur Zeit in den verschiedensten Zusammenhängen tätig bist, machte ich es damals auch.
Inzwischen hatte sich meine Umgebung daran gewöhnt, dass ich ein unruhiger Geist war, immer für eine Überraschung gut. Meine Kinder konnten sich mit ihrer lernbegeisterten Mutter nur teilweise anfreunden, und die Großfamilie ertrug es gerade so.
Aus einem ganz persönlichen, existenziellen Anliegen heraus begann ich nach dem Tod meines Mannes mit einer Promotion: Ich war immer in der Evangelischen Kirche aktiv gewesen, aber irgendetwas fehlte mir dort. Das machte mich im Lauf der Zeit unzufrieden und traurig. Durch die feministische Theologie wurde mir klar, dass es das Mütterliche im Gottesbild war, für das traditionell das von den Protestanten verachtete Symbol der Madonna stand. Fehlende Mütterlichkeit war für mich ein existenzielles Thema, und so machte ich mich im Rahmen der Doktorarbeit auf die Suche. Was sagten Psychoanalyse, Tiefen- und Entwicklungspsychologie zu diesem Thema? Was die Theologie? Und vor allem: Welche Spuren ließen sich in Kunst und Literatur finden?
Was ich fand, ließ in mir die Überzeugung reifen, dass gerade der Protestantismus mit seinen »drei Herren im Himmel« für den Narzissmus und die Entwurzelung der Menschen in den modernen Gesellschaften mitverantwortlich ist.
Die Arbeit an der Dissertation war anfangs wie eine Mutprobe, die ich wohl nur wegen meiner unglaublich starken ­Motivation bestanden habe. Fast lustig war, dass ich für mein sehr »weibliches« Thema drei Doktorväter hatte – zwei evangelische Theologen und einen Psychologen. Die Arbeit selbst war insgesamt für mich eine echte Selbsterfahrung.
Später gab es Angebote, an der Universität zu bleiben. Ich habe sie aber nicht angenommen, weil das Reglement dort meinem Freiheitsdrang widersprach. Meine Familie verstand überhaupt nicht, warum ich mir nach erfolgreicher Promotion keinen gutdotierten Job suchte, sondern mich erst recht in verschiedenen Initiativen »herumtrieb«. Es reizte mich einfach zu sehr, jenseits von Bildungs-Institutionen neue Erkenntnisse mit interessierten Menschen zu teilen.

Wenn dir die Starrheit des akademischen Systems noch nie entsprochen hat, warum hast du dann trotzdem promoviert? Hättest du dich nicht auch in einem freieren Rahmen mit deinem Thema beschäftigen können?
Das ist eine gute Frage: Warum habe ich mich überhaupt eingelassen auf den akademischen Betrieb? Wahrscheinlich, weil ich durch den Beruf meines Mannes (Theologe) von vielen Akademikern umgeben war und mich lange Zeit unterlegen gefühlt habe. Als ich bemerkte, dass auch bei ihnen nur mit Wasser gekocht wurde, dachte ich: Das kannst du auch. Und als ich dann mit guten Zeugnissen nach Hause kam, fühlte ich mich richtig gut.
Bei der Dissertation kam noch etwas hinzu: Je älter ich wurde, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass ich mich niemals irgendwo zu Hause fühlte. Durch Tiefenpsychologie und feministische Theologie erkannte ich, dass mir nichts so sehr fehlte wie Geborgenheit, Beheimatung und Mütterlichkeit – das drückt sich eben in unserer Kultur traditionell im Symbol der Madonna aus. Da ich immer noch Schwierigkeiten hatte, mich selber, meine Gefühle und Gedanken ernstzunehmen, wählte ich den akademischen Betrieb. Wenn andere – ausgewiesene Fachleute – mich mit diesem Thema ernstnehmen, so dachte ich, dann kann ich es selber auch. So war die Dissertation für mich in erster Linie eine Therapie.

Wie bist du in den letzten Jahren deinem Bildungstrieb ­jenseits von Institutionen gefolgt?
»Bildungstrieb« – das Wort hat mich beschäftigt. Es gab dieses Bedürfnis, zu einem akademischen Umfeld zu gehören. Aber noch wichtiger war es mir, mich orientieren zu können. Orientierung boten mir weder die mehr oder weniger expliziten Welterklärungsmodelle, mit denen ich großgeworden war, noch die rein rationalen Angebote im Uni-Betrieb. Immer hatte ich nach einer gewissen Zeit das Gefühl, es fehle etwas. Einzig die Tiefenpsychologie von C.  G. Jung, in der die nicht-rationalen Anteile des Menschen ernstgenommen werden, half mir weiter. Dadurch kam ich auch zu Erich Neumann, Jean Gebser, Ken Wilber und Hans-Peter Dürr. All diese Forscher spielen an der Uni keine Rolle. Diesen Spuren musste ich also außerhalb der akademischen Welt folgen – weitgehend allein, ­allenfalls in kleinen Gruppen wie unserem »Paradigmen-Club«, einem Lese- und Diskussionskreis, der seit vielen Jahren politische, weltanschauliche und spirituelle Themen erforscht.
So formte sich allmählich – gegen viele Widerstände meiner verinnerlichten Imperative – ein Weltbild, in dem Wissen und Spiritualität keine Gegensätze sind. Und damit fühle ich mich mehr und mehr zu Hause.

Welche Rolle spielten Menschen anderen Alters in deiner Biografie?
In meiner Jugend waren eine Tante und eine Großtante wichtig, die eher aus dem anthroposophischen Spek­trum kamen. Sie waren an Kunst interessiert, was in meiner ­Familie sonst überhaupt keine Rolle spielte. In ihrer Wohnung gab es schöne Bilder und ein Märchenbuch, durch das ich in eine ganz neue Welt eintauchen konnte.
Aber auch mit Gleichaltrigen habe ich Horizonterweiterungen erfahren, beispielsweise in der evangelischen Jugend, wo nicht diese Enge herrschte, wie ich sie von zu Hause kannte. Die jungen Menschen dort hatten zum Teil keine Probleme mit Rauchen, Alkohol und sexuellen Kontakten – Verhaltensweisen, für die man laut meiner familiären Prägung sofort in die Hölle kommen musste.
Dann habe ich ziemlich früh geheiratet und Kinder bekommen, Windeln gewaschen, Fläschchen gemacht und Verwandte beköstigt. Wir hatten viel Besuch von der Familie, und ich hatte immer die Hoffnung, dass wir, wenn ich eine schöne Kaffeetafel kredenzte, auch richtig tiefe Gespräche haben würden – nur leider kam das nie zustande.
Im Studium hatte ich dann auf einmal viel Kontakt mit Leuten, die jünger waren. Ich fühlte mich aber genauso jung wie sie und wurde auch genauso behandelt. Dass ich 10 oder 20 Jahre älter war als die meisten, spielte keine Rolle. Auf dem Land wurde ich mit »Frau Pastor« angeredet, und in der Uni wurde ich geduzt. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich in Initiativen getummelt, wo ich Kontakt mit Jüngeren hatte, und habe mich dort wohler gefühlt als mit Gleichaltrigen.

Siehst du dich als eine Weise oder Älteste?
So ein Attribut hört sich erst einmal ungewohnt und nicht wirklich passend an, aber unter soziologischen Gesichtspunkten denke ich, dass da etwas dran ist: Ich habe viel Lebenserfahrung, mich mit vielem beschäftigt, und ich merke in Gesprächen mit Jüngeren, dass ich oft etwas davon weitergeben kann. Insofern steckt da schon ein Quentchen Wahrheit drin. Mein Ziel war nie, besonders weise zu werden, sondern Denkansätze kennenzulernen, durch die ich mich in der Welt besser orientieren kann und mit denen sich ­bestehende Verhältnisse verbessern lassen. So bin ich zu den erwähnten großen Denkern und Physikern des 20. Jahrhunderts gekommen, die unser Weltbild umgekrempelt haben. Etwas in mir sagt, dass sie recht haben. Nun bilden ihre Erkenntnisse eine neue Grundlage, und noch nie hat es mir so viel Freude gemacht, weiterzulernen.


Helga Janzen (79) lebt in Dortmund und entschied sich noch in hohen Jahren für ein Pädagogikstudium. Sie promovierte zu fehlender Mütterlichkeit im Protestantismus. Heute gärtnert sie in einer solidarischen Landwirtschaft.

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