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Die gute Medizin Natur

Das Finden heilsamer Erfahrungen in und mit der Natur

von Gudrun Geibig , erschienen in 06/2011

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Gesund zu sein hat viel damit zu tun, wie verbunden sich Menschen mit der Natur fühlen. Das Naheliegendste, um für sich selbst gute Medizin zu finden, ist eine stille Zeit ­zwischen Pflanzen, Tieren und Steinen.

Wo entstehen Gesundheit und Lebenskraft? Wenn ich mich selbst beobachte, dann kommt die Antwort aus einem Bereich, der unmittelbar von der Präsenz von Pflanzen, Tieren und Landschaften, Bergen und Wasserläufen erreicht wird.
In Resonanz mit einem Baum zu kommen, kann Medizin sein. Noch bevor ich aus seinen Blättern Tee oder Heilsalbe herstelle, wirkt die bloße Begegnung. Wenn ich mich auf ihn einlasse, verlasse ich die bekannten Pfade meines Denkens und wage mich auf unbekanntes Gebiet.
Ich kann mir meine Medizin in der ­Natur selbst suchen, brauche keine Lehrerin und keinen Lehrer, kein Rezeptbuch, sondern nur meine Aufmerksamkeit.
Wenn ich hinaus in die Wiesen und Wälder gehe und die Begegnung mit Bäumen und Pflanzen, Tieren und Steinen suche, mache ich womöglich intuitiv Dinge, die sich seltsam und verrückt anfühlen, die im normalen Alltag peinlich oder beängstigend wären, jetzt aber aufregend und lustvoll sind. Ich werde mit Aufgaben und Schwierigkeiten konfrontiert, die für meine jetzige Lebenssituation symptomatisch sind. Gleichzeitig öffnen sich neue Wege, es ergeben sich natürliche Lösungen, mit denen ich Herausforderungen meistern kann.

Medizin finden

In die Natur zu gehen, um »gute Medizin« zu finden, ist in traditionellen Kulturen, nicht nur in der indianischen, weit verbreitet. Ich denke, dass wir auch als westlich geprägte Menschen solche Wege erschließen können. Wir brauchen dafür kein Brimborium, keine abstrakten Konzepte, sondern nur den Mut zu eigener Erfahrung. Eine Medizinwanderung in der Natur ist etwas anders als ein Badenachmittag, eine Bergtour oder ein eiliger Rundgang. Der Schlüssel ist, die Zeit stillstehen zu lassen, kein Ziel vor Augen zu haben, sondern sich mit dem, was ist, in Verbindung zu setzen.
Wie kann das gehen? Hier ein paar Vorschläge für eine behutsame Annäherung.
Über die Schwelle gehen
Wenn du dich auf die Suche nach deiner Naturmedizin machst, gehe am besten in ein Gebiet, in dem es noch unberührte Natur oder gar Wildnis gibt. Das kann auch die Brombeerhecke bei der nächsten Streuobstwiese, ein Bachlauf oder ein kleiner Wald in der nächsten Umgebung sein. Nimm dir Zeit – ob nur zwei Stunden oder mehrere Tage – Hauptsache, es gibt keine Eile, keinen Druck, etwas schnell schaffen zu müssen.
Es gibt nur wenige Spielregeln: Gehe alleine, und sprich mit anderen Menschen nur, wenn es unbedingt nötig ist.
Alles was du während einer Auszeit in der Natur erlebst, kann seine heilsame Wirkung entfalten, unabhängig davon, ob du es bemerkst oder verstehst.
Es tut gut, als Einstieg symbolisch über eine Schwelle zu gehen – mit einem bewussten Ritual die Wirklichkeit des Alltags zu verlassen. Finde einen Ort in der Natur, der diese Schwelle für dich konkret macht: ein Bach, ein enger Durchgang, ein herabhängender Ast oder ein Hindernis, über das du kletterst. Bevor die Schwelle überschritten wird, tut es gut, sich das eigene Anliegen erneut bewusst zu machen: Wofür suche ich nach Medizin? Was soll heil werden? Es kann helfen, dies beim Überschreiten der Schwelle laut auszusprechen.
Sobald du die Schwelle überschritten hast, befindest du dich in einem anderen Raum, in einer anderen Wahrnehmung. Alle Lebewesen, die dir begegnen, siehst du jetzt mit anderen Augen: als Teil deiner selbst. Achte auf alles, was geschieht – fragend, horchend –, würdige alles, was deinen Sinnen begegnet. So gehst du schweigsam, bis du einen Ort findest, an dem du dich zu Hause fühlst. Du wirst es wissen, wenn du dort ankommst. Jetzt kannst du deine Reise beginnen.
Hier ein paar Ideen, wie der Weg beginnen kann:
- Atme tief ein – lass die Luft in deinen Körper strömen. Sie lässt alle Zellen prickeln und verbindet dich mit allen Wesen. Alles Lebendige atmet auf seine Weise, auch der Boden unter deinen Füßen.
- Entspanne die Füße, und lasse dich mit deinem Gewicht zur Erde sinken.
- Spüre den Himmel über deinem Scheitel, dehne die Wirbelsäule und wachse nach oben zum Himmel. Erlaube, dass alle Gelenke sich öffnen, und lass zu, dass Raum und Weite entstehen.
- Vielleicht findest du eine Bewegung, mit der du dich zum Himmel und zur Erde hin öffnen kannst.
- Beobachte, wie dein Atem sich verändert, je nachdem, worauf du deine Aufmerksamkeit richtest – auf eine Pflanze, einen Stein, den Bach … Wird er tiefer, flacher, ruhiger, dynamischer, langsamer, schneller? Wohin geht der Atem im Körper?
- Lass deine Aufmerksamkeit weit werden, und schaue auf alle Details deiner Umgebung. Wenn du alles gesehen hast, nimm ein paar Atemzüge, und frage: Was gibt es noch zu sehen?

Eine heilsame Bewegung finden

Augenkontakt mit einem Tier zu suchen und einen Baum oder
eine Pflanze bewusst anzublicken, verändert den eigenen Körper. Folgt der Blick der Bewegung eines Tiers oder einer Pflanze, kann daraus ein Tanz werden, der den ganzen Körper mitnimmt: die Bewegungen wahrnehmen, mitschwingen, sich die Bewegung zu eigen machen. Es ist spannend, zu beobachten, ob sich bestimm­te Bewegungen nach einiger Zeit wiederholen. Daraus lässt sich ein »Konzentrat« bilden, ein kurzer Bewegungsausschnitt, der alles, was du erlebt hast, beinhaltet. Es ist heilsam, diese Bewegung immer wieder zu vollziehen und zu beobachten, was sich dabei verändert. Will noch etwas hinzukommen? Formt sich eine Bewegung noch deutlicher aus, oder kann sie weggelassen werden?
Nach diesem Tanz bleibst du still sitzen. Was nimmst du jetzt in dir wahr? Welche Bilder, Erinnerungen, Worte entstehen? Jetzt ist eine gute Zeit, um zu malen, zu schreiben, zu dichten.
Um wieder in den Alltag zurückzukommen, ist ein Abschied wichtig: Verabschiede dich von deinem Platz, und lass ein ­Geschenk zurück. Gehe bewusst über die Schwelle zurück in den Alltagszustand. Es muss nicht dieselbe Stelle sein, an der du die Wildnis betreten hast. Zurück in der Gemeinschaft der Menschen, teile dein Erlebnis mit jemandem, dem du vertraust. Du bringst ­etwas mit, das nicht nur dir selbst helfen kann, sondern allen. 

Gudrun Geibig (54) ist Heilpraktikerin und Taijiquan- und Qigong-­Lehrerin. Sie leitet in Aschaffenburg das Kurszentrum Taiji-Raum und begleitet Schüler und Schülerinnen in Gruppen und in Einzelarbeit auf ihrem persönlichen Weg zu einem guten Leben. info@taiji-raum.de

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Naturerfahrung, Ökotherapie

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