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Handle with (Agri-)Care!

Regenerative Agrikultur ist eine klima-, boden- und ­lebewesenfreundliche Landwirtschaft.
Dazu müssen wir eine »Care Revolution« auf
den Äckern in Gang bringen.

von Ute Scheub , erschienen in 50/2018

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© Foto: Ute Scheub

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie dringlich Klima- und Agrarwende sind, dann lieferte ihn dieser Sommer. Eine Hitzewelle und Dürre ohnegleichen suchte Deutschland und fast ganz Europa heim. Waldbrände plagten Schweden, Griechenland, Portugal und forderten Tote. Wenn es überhaupt noch regnete, dann gleich sturzflutartig, so dass der ausgetrocknete, humusverarmte Boden die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte. Astronaut Alexander Gerst vermeldete aus der Raumstation ISS, die Dürre sei selbst aus dem Weltall zu sehen. Klima­forscher kommentierten, Verursacher der Hitzewelle sei der schwache Jetstream, der kaum mehr atlantische Tiefdruckgebiete transportiert, weil es in der Arktis zu warm ist; solche hyperstabilen Ex­tremwetterlagen würden in Zukunft vermehrt auftreten.
Hauptverantwortlich für die Erdüberhitzung ist die Agro­industrie: die Pestizid- und Chemiedünger-Hersteller, Massen­tierhalter, Lebensmittelkonzerne, Landmaschinenbauer, Plantagenbesitzer und Herrscher der Mono- und Reinkulturen. Zusammengerechnet ergibt ihr Ausstoß an Treibhausgasen ungefähr die Hälfte aller klimarelevanten Emissionen. Um nur einen Teil der von ihnen verursachten Schäden aufzuzählen: Pestizide, Kunstdünger und tiefes Pflügen töten Bodenleben und Artenvielfalt; der aus dem Humus freigesetzte Kohlenstoff oxidiert in der Luft zu CO2. Schwere Maschinen verdichten den Boden, so dass Lachgas freigesetzt wird, 300-mal klimaschädlicher als CO2. Massentierhaltung erzeugt Methan, 25-mal schlimmer als CO2. Gülleverklappung führt zu Nitrat im Grund- und Trinkwasser sowie zu immer größeren »Todeszonen« in den Meeren. Das »Institut für Welternährung« meldete im Juli, die US-Fleisch- und Milchkonzerne JBS, Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers hätten als Brandstifter am Weltklima inzwischen sogar die größten Ölkonzerne überholt.
In Europa gibt die »Gemeinsame Agrarpolitik« der EU vor, wie auf den Höfen zu wirtschaften ist. Ihr Grundproblem ist der Irrglaube, die Landwirtschaft müsse sich nach derselben Rationalisierungs-Logik entwickeln wie die Industrie. Die Brüsseler Subventionen machen gezielt Agroindustrielle noch größer, denn sie richten sich vor allem nach der Flächengröße eines Betriebs. ­Sogar Ackergift-Konzerne wie Bayer erhalten Riesensummen, weil auch sie Flächeneigentümer sind. Umgekehrt mussten Hunderttausende von kleinen Höfen und Familienbetrieben aufgeben, weil nach dem Motto »Wachse oder weiche!« nur die Größten und Fettesten überleben. Das führt zu immer höheren Betriebskonzentrationen mit spezialisierten Mono- und Reinkulturen. Immer weniger Menschen arbeiten mit immer schwereren Maschinen auf immer öderen Äckern.
Politisch gewollt wurden auf diese Weise Lebensmittel billiger gemacht, um so Kaufkraft für Industrieprodukte freizusetzen; sie enthalten dafür aber mehr Gifte und weniger Nährstoffe. Die EU exportiert ihre Lebensmittelüberschüsse in südliche Länder, ruiniert dort die Marktpreise für Kleinbauern und schafft damit Fluchtursachen. Und hierzulande erstarken Rechts­populisten in den ausgeräumten ländlichen Regionen, weil dort junge Männer kaum mehr Perspektiven haben. Wenn Agro-Angestellte Lebewesen wie tote Dinge behandeln und gleichzeitig selbst wie tote Dinge behandelt werden, erzeugt das Beziehungslosigkeit und Angst gegenüber allem Lebendigen und Vielfältigen – und in der Folge oftmals Hass auf alles Fremde und vermeintlich Bedrohliche. Monokulturen auf den Feldern verursachen Monokulturen in den Köpfen.

Vom Schädling zum Nützling werden
Die Lage erscheint hoffnungslos. Ist sie aber nicht! Politischen Willen vorausgesetzt, wäre es möglich, die Landwirtschaft vom Problemverursacher zum Problemlöser umzubauen: mittels »regenerativer Agrikultur«. Zugegeben: Dieser vom internationalen Bündnis »Regeneration International« geprägte Begriff ist ein nicht sehr eingängiger Zungenbrecher. Deshalb reden manche auch von »aufbauender« oder »klimapositiver Landwirtschaft«. Damit ist ein beziehungsreicher Umgang mit der Natur gemeint, der Ressourcen regeneriert, Boden und Humus wieder aufbaut, CO2 in Form von Kohlenstoff speichert, Wasserkreisläufe wieder in Gang bringt, Artenvielfalt fördert und mit Lebewesen pfleglich und liebevoll umgeht, kurz: die ungeheure Regenerationskraft der Natur aktiv befördert. Und der »den Menschen vom Schädling wieder zum Nützling macht«, wie es Biobauer Sepp Braun formuliert, der seinen Hof in Freising bei München zu einer regenwurmfreundlichen Farm mit vielen geschlossenen Kreisläufen gemacht hat. Im braunen Untergrund seiner 54 Hektar tummeln sich hochgerechnet etwa 25 Millionen Regenwürmer, die jährlich fast 3000 Tonnen wertvolle Ton-Humus-Komplexe ausscheiden.
Sepp Braun ist ein echter »Regenerator«, weil er nicht in ­Effizienz-Kategorien denkt, sondern von den Bedürfnissen der ihm anvertrauten Lebewesen ausgeht. Ständig stellt er sich Fragen wie: »Was kann ich tun, damit sich meine Regenwürmer wohlfühlen?« »Wie kann es meinen Kühen und Hühnern richtig gut gehen?« »Welche Bedürfnisse haben mein Weizen, meine Kartoffeln, meine Agroforstbäume, um gut zu gedeihen?«
Das Potenzial von regenerativer Agrikultur ist riesig. Diese Bewegung umfasst weltweit Projekte und Höfe von klein bis groß, die mit Methoden der Permakultur arbeiten, mit Pflanzenkohle und Terra Preta, mit Agroforstsystemen, Waldgärten und Waldweiden, mit regenerativen Weidesystemen, mit Bodenbedeckung, Gründüngung, Zwischensaaten, Mischkulturen, Wasserrückhaltungsmethoden und vielem mehr. Allen gemeinsam ist, dass sie eine liebevolle Verbindung zum Land, das sie bestellen, und zur Natur als Ganzer pflegen.
Ein Schlüsselelement ist der Aufbau von Humus. Dieser besteht im Wesentlichen aus abgestorbenen Organismen und deshalb zu mehr als der Hälfte aus organischem Kohlenstoff. In früheren Zeiten lag der natürliche Anteil des Humus im Boden noch bei stolzen fünf bis zehn Prozent, heute ist er meist auf ein bis zwei Prozent gesunken, nahe der FAO-Klassifikation von fast humusfreien »Wüstenböden«. Humus ist enorm wichtig für Bodenfruchtbarkeit, sichere Ernten und gesunde Lebensmittel. Pro Hektar speichert der Boden mit jedem Prozent mehr Humus umgerechnet 100 Tonnen CO2 in Form von Kohlenstoff, 130 000 Liter Wasser sowie viele Nährstoffe. Humose Böden sind in der Lage, Dürrezeiten zu überstehen und Überschwemmungen zu trotzen, indem sie in ihren – auch durch viele Regenwürmer geformten – Bodenporen und -löchern riesige Mengen Wasser aufnehmen. Sie könnten auch die Erderwärmung entscheidend abmildern: Ein Prozent mehr Humus in den globalen Äckern könnte dem Bodenforscher Rattan Lal und anderen internationalen Experten zufolge den CO2-Anteil in der Luft auf ein weitgehend ungefährliches Ausmaß bringen.
Ein weiteres Schlüsselelement ist Vielfalt. Wenn etwa gleichzeitig trocken- und nässeresistente Sorten angebaut werden, wird auch bei Dürre oder Starkregen nie die ganze Ernte zerstört, wie es oft bei Monokulturen der Fall ist. Ein Ökosystem ist dann stabil, wenn beim Ausfall einer Art eine andere deren Funktion übernimmt. Dazu muss das dramatische Artensterben etwa bei Insekten oder im ursprünglich sagenhaft vielfältigen Bodenleben gestoppt werden.

Wo gibt es Pionierprojekte?
Pionierprojekte zeigen den Weg. Etwa Bec Hellouin in der französischen Normandie, gegründet von den Quereinsteigern Perrine und Charles Hervé-Gruyer. Der Permakulturhof mit seinen Gemüseinseln, Marktgärten, Gewächshäusern, Viechern und Waldgärten ist laut der Studie einer Pariser Universität zehnmal so produktiv wie ein konventioneller Betrieb – zehnmal! Die auf nur 4500 Quadratmetern erzeugten Produkte versorgen das fünfzehnköpfige Team, eine Gemeinschaft der solidarischen Landwirtschaft, den Hofladen und mehrere Feinschmecker-Restaurants in Paris. Und die Farm sieht aus, als ob die Natur die erfahrene Fürsorge mit Schönheit und Fülle zurückgeben wollte.
In seinem Buch »Wunderbarer Überfluss« träumt das Gründerpaar davon, was passieren würde, wenn sich viele solcher hochproduktiven Mikrofarmen zu einem neuen Ökosystem verbinden würden. Drei oder vier Millionen solcher Biointensiv­farmen könnten 70 Millionen Franzosen mit gesunden Lebensmitteln versorgen und drei bis fünf Millionen Arbeitskräfte beschäftigen – also die heutige Anzahl französischer Erwerbsloser. Jede Gärtnerin würde ungefähr 20 Menschen ernähren, auch Handwerk könnte wieder aufblühen.
Schwere Maschinen sind in Bec Hellouin und anderen Pio­nierprojekten tabu; sie würden Boden, Mischkulturen und Artenvielfalt zerstören. Regenerative Landwirtschaft funktioniert weitgehend per Hand oder mit leichten Geräten wie Saatlochstanzern, Grabegabeln und kleinen Säwalzen. Freilich ist händische Arbeit sehr anstrengend, aber auch lohnend: Sie fördert ländliche Jobs und ländliche Regionen. Heute muss ein konventioneller Bauer mit seinem Maschinenpark auf durchschnittlichem Boden ungefähr 100 Hektar Monokulturen bewirtschaften, um ökonomisch zu überleben. In Zukunft könnte eine ganze Gruppe von Menschen mit Pferd und Handgeräten vielleicht 10 Hektar oder weniger beackern. Durch das Schrumpfen der Anbaufläche würde viel Boden frei, der sich begrünen und aufforsten ließe. Hier könnte wieder Wildnis aufblühen, bedrohte Arten könnten sich regenerieren, wachsender Humus würde der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen. Zwar würde Essen dann vermutlich teurer sein, weil die Kosten dafür nicht mehr externalisiert würden. Aber auch besser – leckerer, sinnlicher, gesünder.
Solche individuelle Pflege von Pflanzen, Böden und Tieren entzieht sich der Rationalisierung und der marktwirtschaftlichen Verwertungslogik. Sie erfordert viel Beobachtung, Einsatz, Zuwendung, Verständnis, Fürsorge, Hingabe. Please handle with care! Patentlösungen für alle und alles verbieten sich. Für jeden Ort, jede Zeit, jeden Boden, jede Sorte, jede Pflanzenmischung muss eigens ausprobiert werden, was die je besten Bedingungen fürs Gedeihen sind. »Care« – also gelingendes Kümmern, Umsorgen, Pflegen – ist eine Resonanzbeziehung zwischen gleichwürdigen Subjekten und somit das genaue Gegenteil der lebensfeindlichen Agroindustrie, die heute als landwirtschaftlicher Standard gilt.

Für eine Care-Revolution auf den Äckern
Doch wer kommt für die Kosten solch fürsorglicher Mehrarbeit auf? Ist diese überhaupt mit Geld aufzuwiegen, oder liegt sie nicht vielmehr jenseits der kommerziellen Sphäre? Das Problem ist dasselbe wie bei menschlicher Care-Arbeit: Im marktwirtschaftlichen System wird Fürsorge weder anerkannt noch finanziell oder anderweitig gewürdigt. Dabei ist sie der viel wichtigere und umfangreichere ökonomische Bereich – jener Eisberg an ungesehener Versorgungsarbeit, der die Spitze dessen, was man landläufig »Arbeit« nennt, erst ermöglicht: Kinder aufziehen, Alte pflegen, Freunde und Nachbarn unterstützen, ehrenamtliches Engagement – fast überall lastet sie auf den Frauen. Feministinnen haben deshalb 2014 die »Care-Revolution« ausgerufen: Sie fordern, dass der für eine Gesellschaft unersetzliche Wert von Sorgearbeit endlich anerkannt wird – etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen oder menschenwürdige Pflegeeinrichtungen. Menschen benötigen von Geburt an die Fürsorge anderer, denn ihr »Ich« kann nur durch ein Gegenüber entstehen. In Südafrika gibt es dafür den Begriff »Ubuntu«, der die wechselseitige Verbundenheit bezeichnet: Ich bin, weil wir sind.
Das lässt sich auf die Agrikultur übertragen: Wir sind, weil sie ist. Die Lebewesen, von denen wir uns ernähren, pfleglich zu behandeln und artgerecht aufzuziehen, mit dem Land als gleichwürdigem Gegenüber in Beziehung zu treten, seine Bedürfnisse zu erkennen – das ist »Agricare«. Konsequent angewandt, geht dieser Ansatz weit über eine neue landwirtschaftliche Methode hinaus: Er ist Teil einer Kulturwende, einer kopernikanischen Wende im Mensch-Natur-Verhältnis westlicher Gesellschaften. »Solange wir nicht begreifen, was das Land ist, stehen wir im Widerspruch zu allem, was wir berühren«, schrieb Landwirt und Schriftsteller Wendell Berry (siehe Seite 62). Eine solche tiefgreifende Landwende würde den himmelschreienden Widerspruch auflösen, dass wir den Grund und Boden, der uns nährt und erhält, als Ressource vernutzen. Stattdessen würden wir unser Verbundensein mit allem Lebendigen begreifen. Menschen, die diese Einsicht verinnerlichen, könnten sich nicht mehr als Besitzer und Beherrscher der Erde gerieren, sondern würden sich als Hüterinnen und Pflegnutzer in der Gemeinschaft der Lebewesen des von ihnen bestellten Landes begreifen. Daraus ergäben sich weitreichende Konsequenzen: Wenn Boden nicht mehr als vom Menschen getrennte Ressource verstanden wird, sondern als essenzieller Bestandteil der eigenen Existenz, kann er nicht länger als Spekulationsgut ausgebeutet werden – übrigens auch in den Städten, in denen Wohnungen langsam unbezahlbar werden. Er würde dann vielmehr zu einem mit Würde und Rechten begabten Gemeintum, einem Commons, einer Allmende. Selbst nach jetzigem Recht könnte Boden anders bewirtschaftet werden – etwa mit Erbpacht oder Konzeptverfahren, in denen jene Land erhalten, die darauf das für die Gesellschaft Sinnvollste herstellen.
Ist es jedoch überhaupt vorstellbar, einer Mehrheit diese commonsbasierte Perspektive zu vermitteln und die Landwirtschaft insgesamt zu einer regenerativen umzubauen? Von der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Realpolitik aus betrachtet mag dies utopisch erscheinen. Das ist jedoch kein Grund, eine Care-Revolution auf den Äckern, auf den Weiden und in den Ställen als Träumerei abzutun. Die Ideen, dass die Erde sich um die Sonne dreht, dass aus Sklaven freie Bürger werden oder dass Frauen und Kindern Rechte zustehen, dürften den meisten unserer Vorfahren nicht weniger utopisch erschienen sein.
Immerhin zeigen diese Beispiele geglückter emanzipatorischer Bewegungen, dass nichts so stark ist wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Sie zeigen auch, dass tiefgreifende Veränderung nicht ohne vorherigen Leidensdruck geschieht. Letzterer zumindest ist in diesem Extremsommer gegeben – die Zeit ist mehr als reif für Agricare.


Ute Scheub (63) ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Mitbegründerin der taz. Als freie Autorin befasst sie sich vor allem mit Humusaufbau und Wegen in eine enkeltaugliche Landwirtschaft.

Mehr über Agricare erfahren
www.regenerationinternational.org
www.humusrevolution.de
www.care-revolution.org

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