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Von der Freiheit, klein zu sein

Anderthalb Autostunden südöstlich von München führt Markus Noppenberger mit einem engagierten Kreis von solidarisch Mitwirkenden einen Permakultur-Hof.

von Annalena Ehrlicher , erschienen in 50/2018

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© Foto: Marcus Gruber

Markus Noppenberger greift in die lockere Erde in seinem Gewächshaus: »Schau mal, in so einer Handvoll befinden sich mehr Lebewesen, als es Menschen auf dem Erdball gibt«, sagt er mit funkelnden Augen – und schüttelt den Kopf: »Warum bilden wir Menschen uns ein, dass es immer nur um uns geht?« Markus – zwischen freiflatterndem Federvieh, Sanddorn und Felsenbirnen sind wir schnell per du – öffnet seine Arme zu seiner Geste, die das Gebiet rund um seinen Hof umfasst: Auf rund 30 Hektar hat er innerhalb der vergangenen sechs Jahre ein Biotop geschaffen, in dem Menschen, Flora und Fauna gleichermaßen gedeihen. »­Alles geht mit den Gedanken los«, sagt er. Markus spricht mit dem Zungenschlag aus dem Südosten Bayerns und ist tatsächlich ein waschechter, heimischer Bauer. In dem konventionellen ­Agrarbetrieb, den sein Vater seit 1962 führte, hat er eine klassische Ausbildung zum Landwirt absolviert. Im Lauf der Jahre entwickelte er dann ein immer größeres Interesse an »natürlichen Prozessen«, wie er es formuliert.
Nur wenige Minuten von der A 94 entfernt – wenn der Wind entsprechend steht, ist das Rauschen hörbar – liegt der Hof in der spätsommerlichen Sonne. Markus lebt hier im Ort Hofern mit seiner Freundin, dem Großvater sowie einem Mieter. Bienen summen durch die Luft, einige Pfauen stolzieren zwischen Weinreben umher, rechts von den Gebäuden reflektiert ein Teich das Sonnenlicht. »Das ist der jüngste Teich, den ich angelegt habe«, erklärt Markus mit einem Nicken in Richtung der spiegelnden Oberfläche. Ein kleines Gewässer von etwa 400 Quadratmetern gab es auf dem Land der Noppenbergers bereits früher. In den Jahren 2010 und 2011 folgten drei weitere, den größten legte Markus 2012 nach seiner Fortbildung in Permakultur an. »Man stellt sich das schwieriger vor, als es ist«, berichtet er. »Wenn du dein Land kennst, weißt du, was du tun musst.« Mit einem 32-Tonnen-Bagger wurde die Erde entnommen; die groben und feinen Anteile wurden getrennt abgelegt. Letztere wurden anschließend verwendet, um mit einer Walze den Damm zu verdichten. »Im Prinzip funktioniert das so, wie der Biber seine Dämme baut«, sagt Markus und lacht. Ein Glücksfall ist der sehr lehmhaltige Boden, der am Teichgrund nicht zusätzlich verdichtet werden musste. Die Erde wurde mit dem Bagger auf dem Hügelbeet nebenan verteilt.
Etwa 2400 Quadratmeter umfasst die zuletzt entstandene Wasserfläche (zum Vergleich: ein Fußballfeld ist nicht ganz dreimal so groß). Indem hier im Morgengrauen Dunst aufsteigt, wird die Umgebung bewässert. Während sich vor allem im Winter das Regenwasser in der Teichanlage sammelt, wird im Sommer das gesamte Land rund um die Gewässer befeuchtet, vor allem das Hügelbeet, das zwischen Wohnhaus und Teich aus alten Baumstämmen, dünneren Zweigen sowie Mist, Heu, Kompost und Mutterboden aufgeschichtet worden ist. »Das Beet ist jetzt schon fünf Jahre alt«, erzählt Markus. »Hier wächst von Aubergine bis Zucchini alles gut, Jahr für Jahr auch Gemüse, das viele Nährstoffe braucht. Wir mussten bisher nicht düngen, nur im Herbst säen wir eine Gründüngung aus, die im Frühling wieder eingearbeitet wird.«

Arbeiten mit dem, was da ist
Wenn Markus von »wir« spricht, meint er sich selbst und seine freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Hinter dem Hof steht seit 2014 das Konzept der solidarischen Landwirtschaft. »Die ersten beiden Jahre nach meiner Ausbildung in Permakultur habe ich das noch nebengewerblich gemacht«, erinnert sich der 40-Jährige. Mit dem solidarischen Konzept betreibt er den Hof nun hauptgewerblich: Menschen aus der näheren Umgebung helfen mit und zahlen einen monatlichen Beitrag. Dessen Höhe kann variieren und hängt grundsätzlich davon ab, wie viele Stunden jemand auf dem Hof verbracht hat. In der Regel beläuft er sich auf 60 Euro pro Monat. Gut 30 Frauen und Männer sind beteiligt, zehn davon helfen regelmäßig. Wenn jemand aus persönlichen Gründen eine Zeitlang weniger teilnehmen kann, springen andere ein. »Das ist schon harte Arbeit«, stellt Markus fest. »Ohne die freiwillige Hilfe wäre das alles hier nicht zu schaffen.« Gearbeitet wird nach einem gemeinsam entworfenen Plan. Markus kooperiert mit anderen am liebsten auf Augenhöhe. »Wir versuchen, alles so einfach wie möglich zu halten«, erklärt er und stößt eine klapprige Tür in der Außenwand seines Wohnhauses auf. »Das ist der Abholraum. Wir packen keine festen Liefermengen ab; die Leute nehmen nach Augenmaß, was sie gerade brauchen.«
Um die Lebensmittel regulär zu verkaufen, müsste Markus viel mehr planen. »Da käme ich schnell wieder in die Strukturen, die ich vermeiden wollte«, sagt er. Ob der Hof denn überhaupt wirtschaftlich sei? Markus stutzt und macht eine Handbewegung, die alles und nichts heißen kann. »Was heißt schon ›wirtschaftlich‹? Ich kann hier auf meinem Land beobachten, wie ein Gewitter heranzieht und danach die Sonne alles wieder trocknet, wie Pflanzen aufblühen und Früchte tragen.« Was die Arbeit für ihn lohnenswert macht, lässt sich nicht mit Geld bezahlen. Dennoch: Auch Versicherungen, Medizin und ein Minimum an ­Maschinen wollen finanziert sein. Wie schafft er das? »Viele Sachen erübrigen sich, weil ich sehr viel selbst mache«, erklärt er. Sein zuerst erlernter Beruf ist der des Kfz-Mechanikers – die wenigen Maschinen, die auf dem Hof zum Einsatz kommen (»Handarbeit ist eigentlich das einzig Wahre!«), kann er im Zweifelsfall selbst reparieren. Neue Kleidung braucht er selten. Strom produziert die Fotovoltaik-Anlage auf dem Scheunendach, von einer Reitanlage auf seinem Areal erhält er Pachteinnahmen. »Wir nutzen hier eben alles, was da ist«, fasst er zusammen. Das Holz für den neuen Schuppen vor den Wohngebäuden, an dem noch gearbeitet wird, stammt beispielsweise von durch den Borkenkäfer beschädigten Bäumen. Zur Lagerung von Obst und Gemüse will Markus als nächstes einen Erdkeller bauen – so braucht er für die Kühlung keinen Strom. Steinmauern, die dem Land Struktur geben, dienen als natürliche Wärmespeicher.

Klein ist fein
Am stärksten beeinflussen sicherlich die Teiche das Landschaftsbild. Die Grenzen zu den anliegenden Ländereien werden schnell offensichtlich: Während auf Markus’ Land alles kleinteilig und spontan wirkt, hat die umgebende Landschaft fast ausschließlich größere Strukturen. »Die Nachbarn sind Biobauern und machen einen Superjob – aber der Druck, unter dem die Kollegen stehen, ist immens«, sagt Markus. Auf seinem eigenen Land ist nichts auf Masse ausgelegt. Die größte Struktur ist in diesem Jahr der Kartoffelacker. Zu seinem Land gehören allerdings auch einige Äcker, und in der Vergangenheit hat er dort gelegentlich Hafer, ­Roggen oder Mais angebaut. »Ackerbau an sich ist nichts Schlechtes, wenn der Boden nach einer anspruchsvollen Feldfrucht wieder Zeit bekommt, sich zu regenerieren«, meint Markus. »Wir führen dem Acker nach der Ernte immer organische Masse zu.« Das erreicht er dadurch, dass entweder eine Zwischenfrucht auf dem Feld wächst und wieder in die Erde eingearbeitet wird oder dass die Helferinnen und Helfer Kompost verteilen. In diesem Jahr hat Markus kein Getreide angebaut. Um Speisegetreide an Mühlen weiterzuverkaufen, müsste er in Technik investieren – »und das lohnt sich derzeit nicht, solange ich nur in kleinen Mengen produzieren will«, fügt er hinzu. Eine Kooperation mit lokalen ­Bäckern und anderen kleinen Höfen wäre die Grundlage dafür, dass Getreideanbau für ihn interessant würde.

Solidarisch frei
»Schau mal da hoch – siehst du die Hecke?«, fragt er. »Hecken sind wichtig, weil darin Vögel nisten.« Die wiederum können den Borkenkäfer zumindest ein wenig in Schach halten und helfen damit dem Wald. »Weltweit gehen die Waldbestände zurück, während sie in Bayern größer werden«, erklärt Markus, während er mit langen Schritten durch die Kartoffeln stapft. Der Mischwald ist das Vorbild für seinen Garten. Abwechseln, mischen, Zeit lassen – Wörter, die Markus häufig verwendet: Die Bepflanzung rund um den Noppenbergerhof variiert ständig. Wo in diesem Jahr Erdbeeren standen, wachsen vielleicht bald Erbsen. Markus lacht: »Davon abgesehen, dass es für den Boden besser ist, macht die Vielfalt ja auch Spaß.« Die kleinteilige, wechselnde Bepflanzung bietet auch Schutz vor Schädlingen, die in Reinkulturen eine ständige Bedrohung sind.
Markus deutet mit dem Zeigefinger einen Kreis an: »Alles hängt miteinander zusammen.« Durch den globalisierten Handel mit Lebensmitteln konkurrieren oberbayerische Bäuerinnen und Bauern mit Großkonzernen aus den USA. »Wenn du da mithalten willst, bist du im Hamsterrad«. Markus sagt Sätze wie diesen, ohne belehrend oder herablassend zu wirken. Lange war er selbst ein klassischer Biolandwirt; er kennt das Geschäft und respektiert die Kollegen. Dass ihm das Modell der solidarischen Landwirtschaft die Freiheit gibt, so zu handeln, wie es seiner Meinung nach für die Menschen rund um den Hof, die Pflanzen und den Boden am besten ist, empfindet er als großen Luxus. Ob er sein Modell als eine Art Prototyp versteht? »Na, zumindest insofern, als die Leute ja mittlerweile immer mehr erkennen, dass ›billig‹ nicht automatisch ›gut‹ bedeutet, und dass es schön ist, dem eigenen Gemüse beim Wachsen zuzuschauen«, antwortet er. »Ich denke schon, dass in ein paar Jahrzehnten die Agrarkultur anders aussehen wird als heute, weil es so eben nicht weitergehen kann. Wir sind ein Beispiel dafür, dass es Alternativen gibt, wenn sich die Leute zusammentun.«


Annalena Ehrlicher (26) hat soeben ihr Literaturstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München abgeschlossen und ­arbeitet als freie Journalistin.
 

Den Teichbauern besuchen?
www.markusnoppenberger.de

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