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So lange grün wie möglich

Wie es im Ackerbau gelingen kann, den Boden beständig mit Bewuchs bedeckt zu halten.

von Malte Cegiolka , erschienen in 50/2018

Bild

© Foto: Malte Cegiolka

Ist Bodenaufbau für Betriebe mit Hunderten von Hektar möglich? Ich bin auf dem Weg in den Niederen Fläming, zu einem Familienbetrieb, der mir vielleicht Antworten geben kann. Doch ich bin skeptisch, denn es geht um einen »konventionellen« Landwirtschaftsbetrieb. Ich denke an Ackergifte, Monokultur und nackte Erde. Was kann ich da erwarten?
Im kleinen Lichterfelde biege ich von der Dorfstraße in das grüne Hoftor eines alten Torhauses ein. Vor mir eröffnet sich ein großer, uriger Innenhof eines beachtlichen Vierseiten-Anwesens mit einem Taubenhaus im Zentrum. An der rechten Gebäudeseite fällt ein amerikanisches, braunlackiertes »Muscle Car« ins Auge.
Hier wohnt und wirtschaftet Mark Dümichen, 43 Jahre, Bauer aus Überzeugung. Vor einigen Jahren hätte der aufgeschlossene, kräftige Mann noch darauf bestanden, als Landwirt bezeichnet zu werden. Heute ist das anders. Mit dem Begriff »Landwirt« verbindet er zunehmend eine moderne Landwirtschaft, die nach den Regeln des Geldes spielt und sich um Nachhaltigkeit keine Gedanken macht. In seinem Büro hängt über dem Schreibtisch das Familienwappen der ursprünglich aus Pommern stammenden Dümichens. Mark ist Nachfahre einer bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Bauerndynastie, die seit dem 16. Jahrhundert im Fläming ansässig ist. Es ist ihm eine Ehre und Pflicht, sich in die Erbfolge einzureihen, Besitz und Betrieb nach bester Praxis weiterzuführen, um selbst eine blühende Wirtschaft an seinen Sohn übergeben zu können. Vor etwa 15 Jahren begann er zu erkennen, welch weitreichende Aufgaben dieses Vermächtnis für ihn mit sich bringt.

Aus der Krise neu gestalten
Nachdem sein Vater den durch die DDR enteigneten Hof 1994 wiedererhalten hatte, mussten die Dümichens feststellen, dass ihre Äcker jedes Jahr mehr Ackergift und Kunstdünger benötigten, um das ­Ertragsniveau zu halten. Die Bedingungen in ­dieser Gegend sind ohnehin nicht ideal. Mit gerade einmal 400 mm Jahresniederschlag ist die Region eine der trockensten Deutschlands. Die sandigen Böden vermögen kaum, das Wasser zu halten. Bei all den Ausgaben, die ein Hof heute zu stemmen hat, erhöhen schlechte Ernten das Pleite-Risiko für den 360-Hektar-Betrieb, dem nur 100 Hektar selbst gehören. Die Krisensituation wurde für Mark Ende des Milleniums zu einer bedeutenden Wegmarke, die ihn auf die Suche nach standortangepassten Lösungen zum Thema Bodenfruchtbarkeit führte.
Er habe damals über 20 Bücher gewälzt, erinnert sich Mark. Besonders »Hands-on Agronomy« des amerikanischen Landwirtschaftsberater Neal Kinsey habe seine weitere Laufbahn geprägt. Ihm wurde bewusst, wie sehr die Art der Landbearbeitung entscheidet, ob Humus und Bodenfruchtbarkeit entstehen: Mit Pflügen und Grubbern hatte er sich selbst geschadet, da das regelmäßige Aufreißen der Erde für die Verdunstung kostbarer Feuchtigkeit, für ein »Verbrennen« der Nährstoffe und des wasserspeichernden Humus sowie für das Absterben wichtiger Bodenorganismen sorgte. Das Ergebnis war ein gestörtes Bodengefüge, das einen erhöhten Dünger- und Ackergifteinsatz erforderte. Gemeinsam mit seinem Vater schloss er sich einer Gruppe von Landwirten an, die ähnlich wie die Dümichens an einer pfluglosen, bodenkonservierenden Landwirtschaft tüftelten und mit denen sie Bildungsreisen zu Betrieben in verschiedenen Ländern unternahmen. Aus diesen vielfältigen Inspirationen und Erkenntnissen entwickelte Mark mit seinem Vater in einem bis heute währenden Prozess ein eigenes komplexes Anbausystem. Es bewirkte eine derartige Gesundung des Bodens, dass er nicht nur Dünge- und Ackergift-Exzesse mindern, sondern auch den Humusgehalt und sogar seine Erträge steigern konnte.

Wildwuchs und Ackergifte
Auf einem Rundgang demonstriert mir Mark seine Verfahren und Errungenschaften und nimmt sich dafür viel Zeit, denn es geht ihm um einen Bewusstseinswandel in der Landwirtschaft. »Alles, was so ungepflegt aussieht, das sind meine Flächen«, sagt Mark stolz und deutet auf die begrünten Schläge in der Nähe des Hofs, auf denen er hauptsächlich Mais, Getreide und Saatgut für Gründüngungen anbaut. Er hat eine besondere Beziehung zu Beikräutern, denn die sonst unbeliebte Begleitflora ist sein bestes Bodenbearbeitungswerkzeug. Seine Prämisse ist, den Boden permanent bewachsen zu halten, weshalb er sein System »Permakultur« nennt. Dafür sät er mit einer speziellen Maschine noch vor der Ernte eine Zwischensaat, die kurze Zeit steht und am Ende als Humusbildner auf der Fläche verbleibt. Das Kraut lockert das Gefüge, bietet Nahrung für Bodenleben und spendet Schatten. Mit seinem zusätzlich durch Kompost und intelligente Fruchtfolgen unterstützten Direktsaatverfahren ist er in Deutschland Pionier. Im Unterschied zu vielen europäischen Ländern gibt es laut Mark in der Bundesrepublik nur eine Handvoll Landwirte, die wie er konsequent auf Bodenbearbeitung verzichten. Bei der ­Direktsaat muss für den Aufgang der Saat die »Grünphase« unterbrochen – sprich: das konkurrierende Grün für das Keimlingswachstum – beseitigt werden. Weil dafür in Südamerika, wo die Methode sehr populär ist, die Äcker mit katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen mit Glyphosat getränkt werden, ist die Technik in Umweltkreisen umstritten.
Mark strebt nach einem ­ökologisch sinnvollen und nachhaltigen Anbau­sys­tem. Die Herbizide, auf die er gelegentlich noch zurückgreift, stellen für ihn einen Kompromiss dar. Entweder Trockenheit, Humusabbau, Dieselexzess und Erosion – oder Direktsaatsystem mit Ackergift. »Ich lasse meine Erzeugnisse jedes Jahr auf Glyphosat testen, es ist noch nie etwas gefunden worden«, versichert Mark. Nur bei besonders hartnäckigen Beikräutern und mit einem Zehntel der durchschnittlich angewendeten Menge nutzte er die Mittel. In den meisten Fällen kann die kurzzeitige Ackerbereinigung mit biologischen Mitteln wie Essigsäure oder Ameisensäure durchgeführt werden. Jede Handlung bedeutet für Mark eine Abwägung, in der das ökologische Gleichgewicht eine große Rolle spielt. Dieses wahren zu wollen und sich dabei gezwungen zu sehen, in der heutigen landwirtschaftlichen Situation mit Ertragsdruck und Großflächigkeit der Erde unter Einsatz aggressiver Maßnahmen etwas abringen zu müssen, belastet ihn. Der im Beirat der örtlichen Naturschutzbehörde engagierte Bauer bedauert die Zwickmühle sehr. Er kann nachvollziehen, dass er mit ­Umweltfrevlern in einen Topf geworfen wird.
»Wenn du bei Trockenheit über einen anderen und dann über diesen Acker gehst, wirst du das Gefühl haben, mit einem gefederten Sportschuh zu gehen!«, schwärmt er von der Fluffigkeit seiner Erde. Die Effekte des neuen Systems waren für ihn vielfältig bahnbrechend: Im Frühjahr sind seine Äcker, aufgeheizt durch all das Bodenleben, als erste wieder aufgetaut und befahrbar. Bei Trockenheit halten seine Flächen länger Wasser im »Humusspeicher«. Bei Nässe ist er der einzige Bauer der Gegend, der wegen eines natürlich drainierten Bodens keine Staunässe auf den Feldern hat. Seinen Dieselverbrauch hat Mark dank weniger Feldarbeiten mehr als halbiert. ­Insektizide und Fungizide sind für ihn, seit er eine gesunde Bodenflora hat, Geschichte. Mit anderen Worten: Seine Wirtschaft hat, insbesonde vor dem Hintergrund des Klimawandels, an Resilienz gewonnen. Sie braucht verhältnismäßig wenig fremden Input, um produktiv zu sein. Missernten durch Wetterextreme wirken sich bei den Dümichens daher nicht so stark aus wie bei anderen Betrieben.

Mut zu riskanten Experimenten
Neben der Direktsaat sind auch eine ausgefuchste Fruchtfolge, die bewusste Wahl von alten und robusten Sorten, eine an Nährstoffbalance ausgerichtete Düngung nach Kinsey sowie die reichlichen Kompostgaben einer aufwendigen Rotte für die Erfolge verantwortlich. Gerade die Kompostierung ist eine effektive, aber langwierige Aufgabe. Sie kostet am meisten Zeit, und so konnte Mark seit den Anfängen vor acht Jahren »erst« 40 von 360 Hektar seiner Felder damit beschenken.
Während wir Kompostplatz und Lagerhallen besichtigen, werde ich ehrfürchtig angesichts des Muts und Durchhaltevermögens, das Mark auf dem neuen Weg bewies. Zu den Investitionen in neue Infrastruktur und Boden kam eine sechsjährige Periode, in der er mit einem Mulchsystem scheiterte und massive Ertragseinbrüche während der Bodenaufbauphase verzeichnete. Erst vor drei Jahren hatte der Boden sich im neuen Zustand so weit stabilisiert, dass die Erträge wieder das alte Niveau erreichten. Mark war das Risiko bewusst eingegangen, anfangs am Existenzminimum zu agieren. Seine Frau hielt ihr eigenes Gewerbe als Frisörin aufrecht. Er selbst schuf sich mit der Restaurierung amerikanischer Autos ein zweites Standbein und vermied Angestellte, um nicht in Lohnschulden treten zu müssen. Mehrere Jahre verdiente er selbst nichts; sein Vater unterstützte ihn als unbezahlte Arbeitskraft.

Fürsorge in Bauernhand
Mark hat sich der Bodenfruchtbarkeit verschrieben. Auch wenn seine Methode, wie jedes großflächige Agrarsystem, keine vollständig harmonische Mensch-Natur-Beziehung herzustellen vermag, ist sie doch ein Weg, im Sinn der Regenerativität, das ökologische Potenzial der Flächen zu entfalten. Zentral ist: Als einer der letzten Bauern mit Land im Fläming trägt Mark Sorge für die Flächen, die er gestaltet und die nach ihm andere Generationen nutzen werden. Es ist für ihn schwer, mit anzusehen, wie immer mehr Land durch Großfirmen und Spekulanten »weggekauft« wird. Nachhaltige Bewirtschaftung ist für ihn eng mit Eigentum verknüpft. Die Beziehungslosigkeit und die Marktlogik sorgen dafür, dass diese Rechtskonstrukte das Land als Profitquelle oder Endlager für Biogas-Gülle ausschlachten. Er wünscht sich das Land in Bauernhand und generell mehr Zuwendung zur oberen Schicht der Erdkruste, der Grundlage jeglicher Nahrung. Wegen all seiner lebenspendenden Funktionen, so Marks Credo, habe jede und jeder – Bäuerinnen und Bauern, Handeltreibende, Konsumentinnen – das Recht, Ansprüche an den Umgang mit dem Boden zu stellen und diese einzufordern.
Als sei es zu Demonstrationszwecken inszeniert worden, werden wir an diesem Tag Zeugen eines schaurigen Spektakels: Als der trockene Wind über den staubigen nackten Schlag einer Agrarfirma neben Marks Maisfeldern weht, sehen wir mit an, wie die oberste – die wichtigste – Schicht des Bodens davonfliegt, in einer hohen Wolke Richtung Horizont.


Malte Cegiolka (26) lebt in einer jungen Gemeinschaft im Fläming, mit der er sich dem Aufbau enkeltauglicher Strukturen und der Förderung regionaler Kreisläufe widmet.mc@landwende.de

Mehr vom unkonventionellen Bauern
www.wir-moegen-es-gruen.de

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