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Phönix aus der Asche?

Drei mit Oya verbundene Orte, an denen es nicht so ­weitergeht, wie es erträumt war.

von Anja Marwege , Jasmine Dale , Lara Mallien , erschienen in 49/2018

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© Foto: www.lammas.org.uk

 Anja Marwege hat wesentlich zu diesem Artikel beigetragen. Sie schreibt:
Mein Tätigsein für Oya begann mit einer dreitägigen Reise, während der ich den Bodenkünstler Uwe Wüst auf seine Äcker begleitete. Das war vor sechs Jahren. Seither besuche ich immer wieder Menschen an Orten, die sie verändert haben. Manche dieser Plätze machen wir in Oya sichtbar und begleiten sie über längere Zeit. Mit Blick auf diese Ausgabe tauchten drei Orte auf unserer inneren Landkarte auf, die erstaunliche Parallelen zeigen: Bei allen war etwas wegen einer Krise in starker Veränderung oder in Auflösung begriffen. Es ging und geht um das »Zu-Ende-Kommen«, um das Loslassen. 

 

Nach Jahren einem Menschen wiederzubegegnen oder wieder an einen vertrauten Ort zu reisen, hat etwas Magisches. Das Bekannte zieht ungemein an. Zugleich lässt das, was in der Zwischenzeit geschehen ist, zurücktreten und ehrfürchtig hinhören. Manche Orte, die nicht einzelne oder Gruppen für sich beanspruchen, sondern deren Membranen in alle Richtungen hin offen sind, wurden in den letzten Jahren zu Keimzellen von Wandlungsprozessen aller Art. Eine Reihe von ihnen empfinden Menschen im Oya-Redaktions­kreis als Heimaten, unabhängig davon, wieviel Zeit sie dort in verschiedenen Zusammenhängen verbracht haben:
Im Berliner »HandlungsSpielRaum« beispielsweise haben wir viele redaktionelle Treffen abgehalten. ­Einige der Postkarten an den Wänden mit Sprüchen wie »Warum stehst du morgens auf?« oder »Einen Beruf sucht man nicht aus wie einen Toaster. Man findet ihn wie die große Liebe.« kannten wir schon auswendig. Diesen Ort gibt es seit kurzem als Projekt nicht mehr.
Im Münchener Gemeinschaftsgarten »O’pflanzt is!« haben wir 2012 auf einem der ersten Oya-Tage verstanden, warum es essenziell ist, unsere Leserinnen und Leser zu besuchen. Es ging gar nicht so sehr darum, »wichtige« Themen zu diskutieren, sondern schlicht miteinander zu sein und vonein­ander zu erzählen. – Der Garten ist nun wieder brachliegendes Bauland.
Ein in der Oya-Ausgabe »Hausen in Holz und Halm« aus dem Jahr 2016 erschienener Artikel begeisterte uns für das Ökodorf Lammas in Wales. Das in der walisischen Landesverfassung verankerte »Gesetz der einen Erde« erlaubt Menschen, die mit einem kleinen ökologischen Fußabdruck leben wollen, das Errichten neuer ländlicher Siedlungen. Ein Mitglied aus dem Redaktions­team ist in der Folge dorthin gereist, um von Simon und Jasmine Dale, Pionier und Pionierin für den Bau von energieautarken Strohballen-Rundhäusern, so viel wie möglich für ein eigenes Bauprojekt zu lernen. – Das Haus der Dales ist im letzten Winter abgebrannt.
Diese drei Heimatorte sind in ihrer gewohnten Form verschwunden. Täuschten wir uns, was ihre Bedeutsamkeit betrifft, weil es sie nun, nach einigen Jahren, nicht mehr gibt? Dass sie an ein Ende gekommen sind, heißt nicht, dass die Projekte und Menschen gleichfalls gescheitert wären. Erfolgreich sein oder scheitern – diesen Gegensatz aufzumachen, wäre hier fehl am Platz. Alle Beteiligten, mit denen wir sprachen, vermittelten uns den Eindruck, dass sie der Entwicklung, die ein Loslassen und Innehalten verlangte, ­bedingungslos folgen konnten – ebenso bedingungslos, wie sie ihre Energie in den Aufbau jener Orte gesteckt hatten. Von einem Aufgeben ihrer Ideen und Anliegen ist keine Rede, selbst wenn in ebenjenen Büroräumen, der städtischen Brache oder auf dem walisischen Hügel gerade nicht viel zu sehen ist. Der Klang der Orte ist weiterhin hörbar.
Wut, Enttäuschung oder Trauer – ja, auch Streit – spielen in solchen Phasen freilich ebenso eine Rolle. Ein Ende kennt wohl immer auch tiefen Schatten. Wie damit umgehen? Wir sind dankbar für die Ein­blicke in solche Prozesse – sie erscheinen uns geradezu ermutigend.


Urbane Spielwiese

Vier Jahre lang war der Berliner »HandlungsSpielRaum« ein Ort für nicht-kommerzielles Geschehen. Nun ist er geschlossen.

Der HandlungsSpielRaum war ein Anfang vom Ende institutionalisierter Bildungswege. Wo Infrastrukturen für informelle Zusammenkünfte fehlten, das eigene Wohnzimmer keine Dauerlösung bot und auch nicht den Ansprüchen eines offenen, geteilten Raums genügte – da kam der HandlungsSpielRaum genau richtig. Joshua Conens und Valentin Niebler entschieden sich 2014 zusammen mit vier weiteren Menschen, Hütende eines solchen Orts zu werden. Für Joshua war es ein richtiges »Lebensthema«, wie er sagt. Ihm fehlten nicht nur nicht-privatisierte, nicht-kommerzielle Räume, wo es sich arbeiten ließ, sondern auch soziale Räume für Menschen, die sich jenseits von Unis und anderen Institutionen bewegten. Mit ihrem Anliegen waren die beiden nicht allein. So wurde der Ort in einem Hinterhof in Berlin-Neukölln geboren.
Von Anfang an gab es ganz unterschiedliche Anliegen in der Gruppe. Die Haltung entsprach einem »Gucken-wir-mal-was-angenommen-wird«. Es kristallisierte sich heraus, dass gerade kleine Initiativen oder Einzelpersonen, die sich teure Bezahlräume nicht leisten konnten, einen Ort suchten. Also hieß es: Der HandlungsSpielRaum akquiriert Geld für die Miete und schafft einen Treffpunkt, der ohne Geldgegenleistung genutzt werden kann. Ein weitgehend bedingungsloser Raum tat sich auf. Weitervermietungen waren nicht im Sinn des Projekts. Von regelmäßigen Treffen, Workshops, Konferenzvorbereitungen bis zu politischen Sitzungen kamen hier viele Anliegen zusammen. Manchmal musste deutlich gesagt werden, dass der Raum kein billiges Co-Working-Büro sei. Das dort beheimatete »autodidaktische Semester« war eine Besonderheit, eine Art selbstorganisiertes »Studium individuale«. Mitten in einer Metropole, in der jeder Quadratzentimeter einen Marktwert hat, existierte der HandlungsSpielRaum wie ein alter Baum, unter dessen Schutz das Leben gedeiht.
Die Raumverwaltung bedeutete viel Arbeit. 12 000 Euro Jahresmiete mussten über Spenden und Fördergelder eingeworben, Anfragen koordiniert, der Raum in Ordnung gehalten werden.
Die Biographien der Hütenden drehten sich weiter. Bei Joshua war es ein Film-Projekt, das ihm klarmachte: Nun geht es an einen anderen Ort. Die Verantwortung für den HandlungsSpielRaum passte nicht mehr. Valentin und er gingen, es wurde stiller im Projekt. Schließlich fand sich doch eine neue Gruppe, die ein Jahr lang versuchen wollte, den Raum zu halten. Sie übernahm ein bestehendes Konzept – weiterhin sollte das Nicht-Kommerzielle diesen Ort prägen, wieder gab es fluide, auch konträre Vorstellungen davon, was den HandlungsSpielRaum ausmachen sollte. Es hätte auch in eine ganz andere Richtung weitergehen können. Johannes Reuter gehörte diesem Nachfolgeteam an. Motiviert durch die tolle Atmosphäre, geriet er immer mehr zum Organisator des HandlungsSpielRaums und entschied noch im vergangenen Jahr, im neuen Team weiterzumachen. Bis zuletzt gab es Soli-Partys, um das Geld für die saftige Miete her­einzubekommen. Ende Mai 2018, als dann wirklich die Türen des HandlungsSpielRaums schlossen, wies die Kasse immerhin kein Minus auf.
Schwieriger jedoch als die Geldbeschaffung war es, unter den fünf Hütenden genug Einigkeit zu finden, um entscheidungsfähig zu sein. Ein neues Team mit einem bereits existierenden Nutzungskonzept zusammenzubringen, war komplizierter als gedacht. Die Vorstellungen wuchsen nicht über die Zeit zusammen, auch weil sich nicht alle gut genug kannten. Viele hatten ihre Herzens­projekte anderswo, wollten den HandlungsSpielRaum eher erhalten, weil es eben so schade wäre, wenn es ihn nicht mehr gäbe. »Meine Hoffnung war, dass sich im Lauf des Jahres immer mehr Menschen in den Kreis des HandlungsSpielRaums stellen und ihn zu einem gemeinsamen, selbstorganisierten Raum werden lassen würden«, sagt Johannes Reuter. Doch es blieb eher dabei, dass die einen den Raum organisierten und die anderen mehr konsumierten. Das trennte und schuf auch personell zwei Gruppen: die Organisierenden und die Nutzenden. Zeitliche Belastung und ungewollte Routine für das Organisationsteam entzogen dem Projekt seine Kraft. Bis zum Schluss war der HandlungsSpielRaum jedoch der Boden für viele andere Initiativen. Das Humus-Festival wurde dort zur Tatreife gebracht. Das Satire-Kollektiv Peng!, das transform-Magazin oder Slow-Food-Menschen trafen sich.
Nun ist es vorbei. »Mein Ziel war es, dem HandlungsSpielRaum noch einmal eine Chance zu geben, und das haben wir getan, in Verbindung mit vielen neuen und nervenaufreibenden Erfahrungen.« Es wurde anstrengender als erhofft. »Ich bin enttäuscht, weil der Aufwand und die Dinge, die sich daraus entwickelt haben, nicht in einem guten Verhältnis zueinander stehen«, sagt Johannes. Zugleich kann er im Guten gehen. Auch für ihn geht es an anderen Orten weiter: Er ist im Gemeinschaftsgarten »Prachttomate« aktiv und möchte bald mit Jugendlichen einen Lehm­ofen auf dem Rütli-Campus bauen. Joshua hat einen befriedigenden Umgang mit dem Ende gefunden: »Wir haben enorm viele Erfahrungen gesammelt, und jetzt gibt es einen anderen Rahmen, um daran weiterzuarbeiten.« Projekte hätten ihre Zeitspanne. Institutionen hingegen seien oft für die Ewigkeit gemacht, doch der Lauf der Dinge sei ein Werden und Vergehen. Gut möglich, dass nach einer Phase, wo Nicht-Kommerzialität dezentral an verschiedenen Orten gelebt wird, wieder ein gemeinsamer Raum dafür entstehe. 
Anja Marwege


Landfreikauf

In Oya 36 (Winter 2016) berichteten wir über das Ökodorf Lammas, das für seine selbstgebauten Hobbithäuser und das walisische »Gesetz der einen Erde« bekannt geworden ist. Früher waren die Hügel konventionell bewirtschaftetes Weideland gewesen.

Lammas hat eine intensive Zeit hinter sich. Wir staunen über den Willen des Bodens, sich zu regenerieren. In den letzten Jahren haben wir über 10 000 Bäume, Sträucher und Stauden gepflanzt und Teiche und Tümpel angelegt. Wir wählten die Arten und ihre Platzierung so aus, dass sie sich positiv auf die biologische Vielfalt und den Lebensraum auswirken und dem Klima­wandel entgegenwirken würden. Jetzt, wo sie herangewachsen sind, entfaltet sich ihre Wirkung. Lammas ist zum Zuhause vieler Populationen kleiner Säugetiere, Vögel und Insekten geworden. Besonders viel Zeit haben wir darauf verwendet, existierende Wildkorridore mit Wäldern und Knicks zu verbinden. Wir gestalteten kleine Klimazonen durch Sonne und Schatten und durch Windschutzmaßnahmen. Alle diese Elemente schaffen ein Netzwerk fruchtbarer Beziehungen, die wiederum weniger resiliente Pflanzen, wie etwa einjähriges Gemüse oder Obstbäume, gedeihen lassen. In diesem Jahr konnten wir mehr denn je zuvor beobachten, dass die Qualität des Bodens steigt, dass es weniger Erosion gibt, dass die Ernte reicher wird und dass es weniger Schäden, etwa durch Schneckenfraß, gibt.
Unsere Gärten und Äcker sind also mittlerweile zu reifen, stabilen Systemen geworden; dazu gehören auch mehr als 500 Pfirsichbäume und 41 Reben süßen Weins in dem Gewächshaus auf unserem Grundstück. Wir ernten das ganze Jahr über Salat und anderes Blattgemüse – im tiefen Winter mit einem spürbaren Überschuss, den wir mit anderen teilen. In den Wintermonaten versorgen uns Hunderte von Gläsern mit eingemachtem Gemüse und Marmeladen, ergänzt durch Wintergemüse, wie Kohl, Lauch, gelagerte Kartoffeln und Zwiebeln. Wir nutzen das Holz aus unseren Wäldern für praktische Dinge, vom Zaun bis zum Möbelstück.
Das Ökodorf heißt nach wie vor Gäste willkommen und bietet viele Lernräume. Dazu gehören Kurse in Permakultur-­Design oder für den Bau kleiner, naturnaher Häuser. Immer gibt es Plätze für Menschen mit geringem Einkommen. Wir haben Hunderte von Besucherinnen und Besuchern auf Touren durch das Projekt geführt und mit ihnen Orte aufgesucht, die unseren Umgang mit Land und Boden, landschaftliche Restaurierungen, naturnahe Häuser, Energiespartechniken und Low-Tech-Systeme jenseits der öffentlichen Versorgungs-Infrastrukturen zeigen. Wir waren Gegenstand von Forschungsprojekten verschiedener Universitäten über nachhaltige Entwicklung.
Eine der größten Herausforderungen ist der andauernde Streit über die rechtliche Situation unseres Projekts. Im März 2018 wertete das Katasteramt unseren bisherigen Status als »nicht zweckgemäß«. Nun sind wir dabei, jedes Grundstück in eigenständiges Eigentum zu überführen. Hoffentlich wird das helfen, die angespannte Stimmung, die das Gemeinschaftsleben in den letzten Jahren bestimmt hat, zu beruhigen!
Aus meiner persönlichen Perspektive ist noch ein besonders weitreichendes Ereignis von Bedeutung: Am Neujahrstag mussten wir ohnmächtig zusehen, wie unser riesiges Hobbithaus bis aufs Fundament niederbrannte. Die Feuerwehr entschied sich, die Strohballen und Lehmwände zu zerstören, die nicht Feuer fangen wollten – es bestand die Gefahr eines Schwelbrands. Ja, und hier stehe ich, blicke zurück auf die letzten zehn Jahre des Lammas-Lebens, am Ende ohne auf unserem Stück Land tätig zu sein. Das alles gab mir die Möglichkeit, aufzuschreiben, was ich über das Rückverwildern meines Landstücks und als Lehrerin für Permakultur gelernt habe, damit es nun sowohl in kleinen Gärten als auch im nationalen Maßstab angewendet werden kann.
Wir blicken auf den Rest des Jahres voraus und sind gespannt, was als nächstes passieren wird.  
Jasmine Dale, übersetzt von Anja ­Marwege

www.lammas.org.uk

 

Heimatlos

Im letzten Winter musste der Münchener ­Gemeinschaftsgarten »o’pflanzt is!«, in dem 2012 einer der ersten Oya-Tage stattfand, überraschend geräumt werden.

München ist die am dichtesten besiedelte Stadt Deutschlands. Es ist fast wie ein Sechser im Lotto, wenn man vom Land Bayern eine Stadtbrache für einen großen Gemeinschaftsgarten zu pachten bekommt. Dieses Glück hatte die Initiative »o’pflanzt is!« im Sommer 2011, als sie ein Gelände im Südwesten des Olympiaparks mit Hochbeeten, Schuppen, Feuerplatz und Bienenkästen in ein kleines Paradies verwandeln durfte.
Von Anfang an engagierten sich hier Menschen aus allen Alters- und Berufsgruppen, die das Gärtnern und einen selbstgestalteten, gemeinschaftlichen Freiraum genossen. Bald gab es neben der Gärtnerei zahllose weitere Aktivitäten, darunter ein kostenfreies wöchentliches Kinder- und Familienprogramm sowie verschiedenste Wochenend-Workshops. Wer auch immer mitgärtnern, ein Fest organisieren oder auch nur das eigene Fahrrad mit Hilfe des Werkzeugcontainers reparieren wollte, war willkommen.
So viel Offenheit lässt sich freilich nur verwirklichen, wenn immer ein Mensch da ist, der sich auf dem Gelände auskennt: Wo finde ich was? Was gibt es gerade zu tun oder zu lassen? Wie funktioniert die Sommerküche? Es hat ein paar Jahre gedauert, doch dann hatte das Team herausgefunden, wie sich das Kümmern um alle Bereiche realisieren lässt: Ein Kreis von gut 20 Personen traf sich zweimal im Monat; alle waren so kompetent, dass sie wechselweise die Verantwortung für die Betreuung von regelmäßigen Angeboten und einzelnen Projekten auf dem Gelände übernehmen konnten. Die Gruppe achtete darauf, dass es allen gutging, und wenn jemand von sieben gleichzeitig zu erfüllenden Aufgaben nur noch drei übernehmen konnte, wurde schnell Abhilfe geschaffen. Um diese Kerngruppe herum gab es einige hundert »Aktive«, die regelmäßig gärtnerten. Patrick Beggan, der sich heute als Vorstand des Vereins »o’pflanzt is!« engagiert, war erstaunt, wie wenig Konflikte es in der Gruppe gab, als er 2015 dazukam. Da verbaute zwar mal jemand ein Holzbrett in einer Dachreparatur, das eigentlich für ein Regal vorgesehen war – aber auch wenn etwas nicht klappte, blieb man meistens gelassen.
Dass die Lebensdauer dieses Paradieses begrenzt sein würde, war klar, doch seitens des Verpächters wurde stets versichert, es gäbe Zeit, noch müssten sie sich nicht nach einem neuen Ort umschauen. Als letzten September eine Kündigung mit dreimonatiger Räumungsfrist im Briefkasten lag, traute die Gartengemeinschaft ihren Augen nicht. Die Gruppe entschloss sich, die Kündigung zu akzeptieren, und setzte auf Kooperation: Wäre es möglich, eine andere Fläche zu bekommen, oder die zukünftige Grünfläche des neuen Wohnkomplexes mitzugestalten? Oder dessen Dach zu begrünen? Die Antwort der Behörden lautete stets: »Nein, nein, nein.« Das erschien unverständlich, denn der Garten wurde von der Stadt jahrelang als Vorzeigeprojekt gelobt. Jetzt ist das Grundstück leer; das Inventar wurde größtenteils verschenkt und der Rest hastig zu einem benachbarten Sportverein geschafft.
Für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, war das Ende ihrer grünen Heimat ebenso schwer zu verkraften wie für Aktive, die wie Sophia Müller erst vor kurzem dazugekommen waren. Sophia war bislang »nur« Gärtnerin gewesen. Jetzt sah sie, dass politische Arbeit gefragt war, und engagierte sich im Presse-Team. Wie Patrick trieb sie die Sorge an, die lebendige Gartengemeinschaft könnte zerbröckeln.
Inzwischen ist allen im Team bewusst, dass es so etwas wie einen Gemeinschaftsgarten von Seiten der städtischen Verwaltung gar nicht geben kann: Auf ihn passen weder die Regelungen für einen Schrebergarten, noch die für einen Spielplatz, einen Park oder einen Kiosk. In keiner Stadt Deutschlands ist ein halb­öffentlicher, gemeinschaftlich gehüteter Raum wie dieser Garten in den Verordnungen vorgesehen. Das möchten die »o’pflanzt«-Leute ändern. Wenn sie das politisch so gründlich angehen wie die gute Organisation ihres ehemaligen Gartens, könnten sie Erfolg haben. 
Lara Mallien

www.o-pflanzt-is.de

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