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Improvisation und Demokratie – ein Dialog als Schreibspiel

Der Cellist Willem Schulz und die Künstlerin Beate Simon erforschen künstlerische und demokratische Kommunikationsweisen.

von Bea Simon , Willem Schulz , erschienen in 49/2018

Bild

© Foto: Maria Otte

Dieter Halbach hat das Zustandekommen des folgenden Beitrags für Oya 49 organisiert. Er schreibt:
Für unsere Jubiläumsausgabe fiel mir das Gespräch aus der Ausgabe »Entscheidungskunst« aus dem Jahr 2013 wieder ein. Ich denke, nur mit Einfühlung und Improvisation kann demokratisches Zusammenleben gelingen. Gerade Menschen, die ausgewandert sind oder flüchten mussten, haben enorme Improvisationsfähigkeiten und können uns alle inspirieren. Am Anfang steht jedoch diese Frage: Wie können wir ein inneres Zentrum finden, das bewegliche Lebenshaltungen ermöglicht? Dazu setzen die beiden Kunstschaffenden ihr Gespräch von damals fort.  

 

Beate Simon  Lieber Willem, vor fünf Jahren haben wir einen Schreib-Dialog geführt über den Zusammenhang zwischen künstlerischer und demokratischer Kommunikation. Wir betrachteten Beispiele deines improvisierenden Streichorchesters und meine Erfahrungen in Gruppen über kollektives Bewusstsein. Mein Fazit war: »Insgesamt sehe ich viele Parallelen zwischen einem lebendigen demokratischen Gruppenprozess und künstlerischer Improvisation. Beides erfordert die Fähigkeit, eigene Vorstellungen fallenlassen zu können, in das kollektive Feld und den Raum des Nicht-Wissens lauschen zu können, Impulse wahrzunehmen und weiterzuentwickeln, sich einem höheren Dritten unterzuordnen, aber auch die Verantwortung und den Mut zu zeigen, wenn das eigene Können gefragt ist, um dann zeitweilig die Führung zu übernehmen. Durch die erhöhte Präsenz der Teilnehmenden kann eine Art höhere Intelligenz spürbar werden, die über unseren normalen Verstand hinausgeht und uns kleine Wunder beschert.« Heute wollen wir den Faden erneut aufnehmen.
Willem Schulz  Liebe Beate, dieses schrieb ich in meiner Einleitung vor fünf Jahren: »Schon in meiner Jugend ermüdete ich, wenn ich am Cello saß und eine Note nach der anderen aufgelegt wurde. So schön die klassische Musik sich zuweilen anhörte, meine eigene war es nicht.
Doch gab es sie überhaupt, meine eigene Musik? Ich suchte und fand. Über Happening und Fluxus in den 1960ern war das freie Improvisieren mit jeglicher Klang- und Geräuschmaterie ein konsequenter Schritt für mich. Ich entdeckte eine offene musikalische Sprache ohne Tabus. Und ich erkannte die Notwendigkeit, den Kopf zu entleeren, um zu hören, was ist. Das ist die Grundlage einer aktiven Demokratie in der Musik.« Diese Erfahrungen tragen auch heute noch mein Leben. Die der Improvisation zugrundeliegenden Prinzipien in Bezug auf demokratische Prozesse interessieren mich weiterhin sehr.
BS  Ich habe mich viele Jahre mit den Räumen des kollektiven Bewusstseins beschäftigt und schon vor 15 Jahren einige Co-Creation-Camps initiiert, in denen wir selbstorganisiert und hier­archiefrei experimentierten. 2015 gründete ich mit anderen erfahrenen Menschen aus der Gemeinschaftsbewegung hier in Bad Belzig die Flüchtlingsinitiative »People meet People«, aus der heraus auch interkulturelle Kunstprojekte unter dem Namen »CONVIVENCIA« (Zusammenleben) entstanden sind.
Die Ankunft der vielen Geflüchteten hat auch mich sehr herausgefordert. Angst und Unsicherheit tauchten auf, als ich die geflüchteten Männer in Gruppen auf der Straße traf.
Ich wollte mich aber nicht zurückziehen – also nach vorn! In der Initiative People meet People entwickelten wir Kommunikationswerkzeuge, mit denen sich Geflüchtete und Deutsche auf Augenhöhe begegnen und sich einander brennende Fragen stellen konnten.
Ich habe diese Treffen als bereichernd und auch als sehr herausfordernd erlebt, mit vielen tragischen und berührenden Geschichten, die für mich schwer zu verarbeiten waren. Es wurde deutlich, wie sehr wir durch die Flüchtlingswelle in einen globalen Innenraum gedrückt werden. Wir können jetzt nicht mehr wegschauen, was weit entfernte Länder betrifft, mit all ihren innewohnenden Problemen. Da bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: sich dem innerlich zu öffnen oder dagegen anzugehen, was sich ja in der Polarisierung unserer Gesellschaft heute deutlich zeigt.
Eine Öffnung bedeutet aber nicht einfach Harmonie, sondern kann sich auch sehr unangenehm anfühlen. Eine gelingende Improvisation mit sehr unterschiedlichen Klängen hat auch Phasen von Dissonanz und Reibung, und der Prozess bricht trotzdem nicht ab. Dies ist wohl ein wesentliches Element zur Integration und auch zur Demokratie: Den Prozess am Laufen zu halten, indem ich mich auch auf schwierige Elemente beziehe – eine nie endende Dynamik, die immer wieder Schönes und Neues hervorbringen kann.
WS  Du schreibst über die notwendige innere Öffnung zu globalen Themen in unserer Zeit und dem Ringen um die eigene innere Bereitschaft dazu. Genau damit beginnt meiner Erfahrung nach auch ein offener musikalischer Prozess: mit der Bereitschaft zur Wahrnehmung. Diese setzt eine Haltung voraus, die den Raum zwischen außen und innen öffnet; einen großen Raum, der nach innen durch einen entspannt atmenden Körper den »Einfluss« bis in die letzte Zelle zulässt und nach außen wiederum in äußerster Wachheit die Fühler der Aufmerksamkeit multidimensio­nal ausfährt. So ist das Außen im Innen präsent und das Innen im Außen: jederzeit bereit für den Impuls, die Eingebung.
BS  Ja, ich glaube, nur so kann sich lebendiger Austausch zwischen sich fremd fühlenden Menschen ereignen. Das ist auch meine Erfahrung aus den interkulturellen Treffen. Es ist sehr anstrengend, diese äußerste Wachheit aufrechtzuerhalten, wenn gleichzeitig auch Widerstände gegen die Öffnung zum Fremden bestehen. Das gilt auch generell in Bezug auf Andersdenkende, beispielsweise zwischen links- und rechtsgerichteten Gruppen.
WS  Improvisation in der Gemeinschaft kann trainiert werden, beispielsweise durch das individuelle Spiel im eigenen Zimmer. In einem Zyklus für Cello mit allen möglichen Arten von Noten habe ich zum Beispiel vorgeschlagen, den Blick aus dem Fenster zu richten und das Gesehene zu spielen. Der Wald, den ich aus meinem Fenster sehe, ist immer anders, immer neu. Seine Farben, das Licht, die Flora. Wenn ich dieses als Partitur nehme, erlebe ich jedes Mal, wie anders auch meine Musik klingt, die sich darauf bezieht. Oder eine Idee, die ich 1968 beschrieben habe, animiert von der Fluxusbewegung jener Zeit: »Wenn dir nichts anderes einfällt – spiele Klavier!«
Man kann sich kaum vorstellen, welche Erfahrungen ein Musiker macht, wenn er sich ernsthaft diesem Vorschlag stellt. Mit diesen Beispielen möchte ich zeigen, wie Qualitäten der Improvisation entwickelt werden können, und dass diese völlig andere Parameter betreffen, als die, die Musiker normalerweise erlernen.
BS  Ich glaube, um diese ganz anderen Parameter zu erlernen, bräuchten wir in unserer Gesellschaft das Schulfach Soziale Kompetenz und insgesamt mehr Räume, wo sich Bürger unterschiedlichster sozialer Herkunft treffen, am besten unter Anwendung von neuen, kreativen Kommunikationswerkzeugen. Anscheinend steckt tief in jedem von uns die Sehnsucht, gesehen und gehört zu werden. Eine kompetente Begleitung würde Formate benutzen, um einen Vertrauensraum aufzubauen, Impulse zu geben, um sich angstfrei zu zeigen und das übergeordnete, verbindende Thema im Blick zu behalten. Die Leitung muss selber einen genügend großen Innenraum in sich halten, um alle Stimmen der Gruppe gehört werden zu lassen.
WS  Um in einer gemeinschaftlichen Improvisation einen Standort zu haben und nicht zum Mitläufer zu werden, bedarf es der Bildung eines Vertrauens in die Gruppe und eines Vertrauens in die eigene Resonanz- und Aktionsfähigkeit – und dies ist ein permanentes Experiment.
Was allerdings ein Experiment ist, hängt freilich völlig von den konkreten Beteiligten ab. So kann für erfahrene Experten freier Musik möglicherweise das Einbeziehen einer Kinderliedmelodie ein größeres Experiment sein, als das Sich-Einlassen auf eine wilde Klangwelt. Nach all meiner Erfahrung ist eine gute Improvisation, in der der Wind des aufregend Neuen weht, immer davon abhängig, ob die Spieler sich wirklich auf Experimente einlassen.
BS  Ja, wenn sich Menschen unserer Gesellschaft auf solche Experimente wirklich einlassen, können Konflikte zu überraschenden konstruktiven Lösungen führen. Gelungene Beispiele gab es gerade im katholischen und konservativen Irland, wo in zwei Volksabstimmungen die Homoehe und das Recht auf Abtreibung beschlossen wurden. Das Geheimnis dieser kleinen Revolutionen waren die vorbereitenden Bürgerversammlungen, in denen per Losverfahren rund 100 Bürger und Politiker ausgewählt wurden, um gemeinsam über ein Jahr lang einen kreativen Entscheidungsprozess zu gestalten. Ein besonders schönes Beispiel für den Verlauf solcher Prozesse ist die Freundschaft eines homophoben Arbeiters, der als Kind von einem Mann missbraucht worden war, und eines Homosexuellen, die sich über diese Versammlungen kennenlernten. Sie haben mit ihrer persönlichen Veränderung dann maßgeblich das positive Votum des Gremiums geprägt.
WS  Schwarmverhalten ist aber nicht gleich Schwarmverhalten. Wir sind geneigt, dieses dumpfe Mitläufertum populistischer Bewegungen so zu bezeichnen. Schwarmverhalten kann aber – wie es in der Tierwelt zu beobachten ist – ein äußerst sensibles Mitein­ander sein, das zum einen Schutz, Geborgenheit und Stärke bietet, zum anderen aber mit spontanen Führungswechseln spielt und dem einzelnen jederzeit eine Distanzierung und einen eigenen Weg zugesteht.
Wir haben mit der Cooperativa Neue Musik in Bielefeld 2013 das Kunstfestival DIAGONALE zum Thema »Schwärme« veranstaltet und erlebt, wie feinfühlig die Bewegungskommunikation in tanzenden Schwärmen verlief oder wie verschmolzen Klangprozesse sich in musikalischen Improvisationen entwickelten. Die Bildung von kollektiven Formationen, die nicht einstudiert, sondern in freier Improvisation entstehen, ist ein wunderbares, funkelndes Zusammenspiel zahlloser kleinster Impulse. Am besten gelingt das übrigens dann, wenn erlebbar wird, dass das Individuum in der Dichte des Schwarms die Freiheit hat und nutzt, jederzeit auch anders zu entscheiden, auszubrechen und eigene Wege zu gehen.
BS  Ich glaube, jede Gruppe braucht etwas sehr Spezifisches für ihre Weiterentwicklung – je nachdem, wo die individuellen und die kollektiven Schattenthemen liegen. Im besten Fall fühlen sich alle gesehen, mit dem Projekt verbunden, bringen gerne ihre Fähigkeiten ein und fühlen doch eine klare Orientierung.
Der Sozialphilosoph Hartmut Rosa sagt: »Die neuzeitliche Demokratie beruht auf der Vorstellung, dass sie jedem einzelnen eine Stimme gibt und sie hörbar macht, so dass die politisch gestaltete Welt zum Ausdruck ihrer produktiven Vielstimmigkeit wird.« Resonanz, sagt Rosa, bedeutet »nicht Einklang oder Harmonie, sondern Antwort, Bewegung, Berührung, tönendes Widersprechen.«
WS  Übergreifende Gemeinsamkeiten kann man dann suchen, wenn das Eigene und Andersartige sein darf. Dann ist die Arena geöffnet, das gemeinsame Spiel beginnt: Anschmiegsam und sprunghaft, subtil und platt, still und donnernd – das ganze Potenzial der Möglichkeiten ist imaginär hörbar, in jedem Moment. Der Weg da hindurch ist die Melodie, meine Melodie. Wie wunderbar, einer anderen Melodie zu begegnen oder einem ganzen Schwarm von Melodien! Werde ich mitziehen oder meinen eigenen Weg gehen?
BS  Ich wünsche mir, dass auch unter Politikern eine Erweiterung in der Kommunikationsweise entwickelt wird. Von der eigenen Meinung und sogenannten Streitkultur hin zu mehr Empathie, um gemeinsam kreative Lösungen zu finden. Wir begegnen als Gesellschaft immer mehr verschiedenen Faktoren, Möglichkeiten, Unwägbarkeiten. Das lässt ein Gefühl von unsicherem Boden entstehen, was bei vielen die Reaktion auslöst, lieber bei Altbekanntem zu bleiben. Der Begriff der Heimat wird wieder eine politische Kategorie. Die neue Schlüsselkompetenz wäre eine Haltung der Verunsicherungsfähigkeit, um mit Wandel, Brüchen und Widersprüchen selbstbewusst umgehen zu können (siehe Die ZEIT Nr. 8/2018).
Ich denke, diese Verunsicherungsfähigkeit, das Sich-Öffnen für das Nicht-Wissen lässt sich in Begegnungsräumen erlernen, wo jeder sich gesehen und gehört fühlen kann und sinnvolle Zugehörigkeit erlebt. Improvisation ist also die Fähigkeit, in einer ­komplexen, ständig sich wandelnden Welt zu leben. Es können fluide ­Gemeinschaft und offene Heimaten entstehen statt fertiger Identitäten und Konzepte. Die Kunst kann dafür Muster und Erfahrungsräume anbieten.
WS  Ja, die Kunst bietet gnädig einen geschützten Erfahrungsraum für offene Prozesse, Raum für das eigene Solo.
Stille ist die Basis. Wer sie nicht liebt und achtet, verdudelt die Musik. Vielleicht auch das Leben. Eigentlich ist alles schon da. Ich muss nichts machen. Ich spiele, denn ich höre!
In den 1980ern arbeitete ich für einige Zeit an einer Universität. Als Dozenten im Bereich Musik konnten wir jährlich Instrumente oder Geräte anschaffen. Ich bestellte einen großen Berberteppich, was von meinen Kollegen argwöhnisch beäugt wurde. Auf diesem Teppich lud ich die Studierenden ein, Stille zu erfahren – eine Basisfähigkeit für Musiker.
Und noch ein berührendes Improvisationserlebnis: Kürzlich trugen wir einen geliebten Freund zu Grabe. Er war Pianist und Komponist, und seine besondere Freude galt der freien Improvisation. Während der Trauerfeier luden wir die vollbesetzte Kirche ein, gemeinsam den »Unendlichen Klang« zu singen. Zu diesem hatte unser Freund uns mehrfach eingeladen. Animiert von einer Idee des amerikanischen Minimalkomponisten La Monte Young werden nur die Töne einer einzigen Quinte gespielt und gesungen – allerdings in jeglicher Färbung, Oktavierung und Dynamik. Die wenigsten Kirchenbesucher hatten Erfahrung mit musikalischer Improvisation. Dennoch entstand aus einer anfänglichen Stille ein großer gemeinsamer Klang in ständig sich ändernden Variationen, in dem jeder all seine Trauer und all seine Freude zum Ausdruck bringen konnte. Und wie wunderbar: Das Ende dieser Improvisation entstand völlig stimmig und von selbst.


Beate Simon (55) lebt als Musikerin und Malerin in einer Gemeinschaft im Fläming. Nach längerer Praxis der Zen-Meditation widmete sie sich der sozialen Gestaltung und leitete u. a. den Integralen Salon Wendland. www.be-art.net, www.peoplemeetpeople.de

Willem Schulz (68) ist Cellist im Ersten Improvisierenden Streichorchester (EIS) und forscht seit den 1980er Jahren an Musik als Intervention, als ungewöhnlichem sozialem Ereignis in der Öffentlichkeit, auf der Straße und in der Landschaft. www.willemschulz.de
www.cooperativaneuemusik.wordpress.com

Kunstraum schafft Kommunikationsraum

Kommende Ausstellungen der Tuschearbeiten von Beate Simon: CONVIVENCIA, 29. Juni bis 9.September 2018, St.-Thomas-Kirche Berlin am Mariannenplatz | 28.Oktober bis 25. November 2018,
St.-Stephanus-Kirche, Windthorststraße 38, Oldenburg

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