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In der Erde atmen

Passagen aus David Abrams Essay »The Perceptual Implications of Gaia«.

von David Abram , erschienen in 49/2018

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Vorwort von  Lara Mallien, die die folgenden Passagen aus für Oya 49 auswählte:
Der bereits 1990 erschienene Artikel »The Perceptual Implications of Gaia« des Naturphilosphen David Abram gehört zu meinen Lieblingstexten. Im Jahr 2003 ist er unter dem Titel »Von Gaia umfangen – wie die Gaia-Hypothese unsere Wahrnehmung verändert« in der von mir und Johannes Heimrath viele Jahre redaktionell betreuten Geomantie-Zeitschrift »Hagia Chora« erstmals auf Deutsch erschienen. David ­Abram beschreibt darin die Chance, durch ein umfassendes Verständnis der Gaia-Hypothese, die im Phänomen der Atmosphäre ihren Ausgangspunkt nimmt, nicht nur zu einer intellektuell anderen Auffassung von unserem Lebens­ort im Universum zu kommen, sondern auch zu einem verbundenen Lebensgefühl. Er sagt, dass wir nicht »auf«, sondern »in« der Erde leben. Dieser Perspektivwechsel hat mich entscheidend verändert. Er inspiriert nach wie vor die Gedanken zum »­Natursein« des Menschen, denen wir uns in Oya von Anfang an gewidmet haben. Für diese Ausgabe habe ich meine Lieblingspassagen neu übersetzt. 

 

Die Luft ist uns so nahe, dass wir fast nie über sie nachdenken. Auch unserer Atmung schenken wir in der Regel keinerlei Aufmerksamkeit, dabei ist sie ein fundamentaler existenzieller Akt – den wir schlicht als gegeben hinnehmen. Die uns umgebende Luft ist für unsere Augen unsichtbar – daran liegt es, dass wir uns normalerweise so verhalten und so über sie sprechen, als würde sie gar nicht existieren. Wir sprechen zwar vom Raum zwischen den Dingen oder dem Raum zwischen zwei Menschen, nicht aber von der Luft zwischen uns oder der Luft zwischen uns selbst und einem nahestehenden Baum. Meist gehen wir davon aus, dass der Raum zwischen uns irdischen Lebewesen im Großen und Ganzen der gleiche sei wie der Raum zwischen den Planeten. Unsere Alltagssprache spiegelt das deutlich: Wir sprechen davon, dass wir »auf« der Erde leben, nicht »in« der Erde.

Die Luft ist nicht in erster Linie durch die Abwesenheit fassbarer Dinge geprägt: Sie selbst hat eine Dichte – was rätselhaft erscheint, wo sie doch unsichtbar ist. Wir haben es also mit einem dichten, fühlbaren Nichts zu tun. In dessen Tiefen sind wir eingetaucht wie die Fische ins Wasser des Ozeans. Die Luft ist unser Medium, unsere stille Gesprächspartnerin in allem, was wir tun und lassen. Ohne ihre nährende Gegenwart, ohne ihre lebenswichtige Teilhabe an allem, was wir unternehmen, könnten wir nicht existieren.
Im Verein mit den anderen Tieren, den Pflanzen und den Mikroben sind wir ein aktiver Teil der Atmosphäre der Erde, lassen beständig den Atem des Planeten durch unsere Körper und Gehirne zirkulieren, tauschen für andere lebenswichtige Gase aus und wachen damit über den fein abgestimmten Aufbau unseres Mediums. Die Methanproduktion der Mikroorganismen in unseren Verdauungsorganen – das Gas, das wir in unserem Darm herstellen – ist ein essenzieller Beitrag zur dynamischen Stabilität der Atmosphäre (sicherlich weniger wichtig als derjenige der Wiederkäuer, aber dennoch wesentlich).
Es ist kein Wunder, dass wir, die wir uns als Teil ­einer gebildeten Kultur begreifen, die Luft – ihre allgegenwärtige Präsenz – immer wieder vergessen, setzen wir für uns doch eine weitaus edlere Lebensaufgabe voraus, als zu ihrem Fortbestand beizutragen. Unsere Kreativität, so nehmen wir an, habe nicht etwa ihren Sitz in den Tiefen unseres Fleisches, sondern im erhabenen Raum des reinen Denkens, und die Welt der Ideen existiere mit Sicherheit außerhalb des Organischen. Nur wenn wir uns der Luft innewerden, haben wir eine Chance, unseren Heimatort in der wirklichen, von uns bewohnten Welt wiederzufinden. Denn die Luft, diese so wenig verstandene, unsichtbare Präsenz, verbindet uns physisch mit dem ­Innenleben von allem, was wir sehen, wenn wir vor unsere Türen treten – mit den Habichten und den Bäumen, mit dem Boden, dem Meer und den Wolken.

Alles, was ich höre, sagt mir etwas über den inneren Zustand einer anderen lebenden Entität – über den Planeten selbst, über eine Entität, die sowohl eine andere als auch eine nicht von mir unterschiedene ist, denn ich bin vollständig von ihr umfangen, bin ein Teil, der sie ausmacht.

Vor meiner Hütte branden die Wellen ans Ufer. Ich kann keinen Unterschied zwischen ihrem Klang und dem, was ich von ihnen sehe, wahrnehmen. Jede Welle in der ­Dünung, die mir entgegenrollt, das Stürzen und Aufschlagen der Wellenkämme, bevor der Wasserschwall über den Strand ausläuft, nur um sich zischend über die rollenden Strandkiesel hinweg wieder zurückzuziehen, um sich mit dem nächsten Wirbel zu treffen – in solchen Erfahrungen verweben sich visuelle, auditive und taktile Aspekte und informieren einander. Auch ein ganz bestimmter Meeres­duft durchzieht dieses Wechselspiel und verleiht dem Ganzen einen unverwechselbaren Geschmack.

Erstaunlich wenig ist über die rätselhaften chemischen Prozesse des Geruchs- und Geschmackssinns bekannt. In den Lehrbüchern über die Wahrnehmung finden sich kaum mehr als ein paar wenige Seiten über diese Sinne; sie scheinen sich objektiven Messungen und Analysen zu widersetzen. Dennoch sind es genau diese Sinne, mit denen wir das Medium, in dem wir uns bewegen, wahrnehmen. Wir können, während wir atmen, die Atmosphäre sowohl riechen als auch schmecken, und diese Wahrnehmungen sind so konstant, so notwendig und zugleich so unbewusst (oder vernachlässigt), dass sie den verborgenen Nährboden für all unsere anderen Wahrnehmungen bilden – so wie die Atmosphäre als komplexes, alle Lebens­prozesse integrierendes Phänomen vielleicht das umfassendste Phänomen der Erde ist. Wenn mir mehr und mehr bewusst wird, dass der Organismus, der ich bin, nicht nur Dinge durch die Atmosphäre hindurch, sondern auch die Atmosphäre selbst wahrnimmt – dass ich sie immerzu rieche, schmecke und berühre, ebenso wie ich sie in den Blättern rascheln höre und in den sich türmenden Wolken sehe – dann wird mir das Ausmaß bewusst, in dem mich meine Sinne in intimem, unmittelbarem Kontakt mit dem Leben der Biosphäre als Ganzes halten.

Wenn mein Verstand – mein »Mind« – aufhört, sich als ­etwas vom lebendigen Körper Abtrennbares zu dünken, und stattdessen beginnt, seine Verwurzelung in den Sinnen und im physischen Fleisch zu erkennen, kann er sich nicht länger von der materiellen Welt, in der der Körper seinen Platz hat, absondern. Sobald mein Bewusstsein seine Behauptung, vollkommen transzendent zu sein, aufgibt und seine Abhängigkeit von der Physis anerkennt, erbebt die gesamte physische Welt und erwacht.

In der Kosmologie der Indigenen Nordamerikas ist die Luft – oder der Wind – die heiligste aller Kräfte, das unsichtbare Prinzip, das sowohl in uns als auch um uns her­um zirkuliert, das die Gedanken aller atmenden Wesen belebt, so wie es die Zweige und Wolken wiegt. In unzähligen Sprachen der Welt haben die Wörter für Geist oder Psyche die gleichen Wurzeln wie die für Wind und Atem. Das Wort »Spirit« ist verwandt mit »Respiration« durch ihre gemeinsame Wurzel im Lateinischen – »spiritus« – was »Atem« oder »Windstoß« bedeutet. Ebenso hat unser Wort »Psyche« mit all seinen Ableitungen seine Wurzeln im Altgriechischen; dort heißt es »atmen« oder »blasen« (wie der Wind). Die Atmosphäre ist der Spirit, das subtile Bewusstsein dieses Planeten. Wir leben im Spirit der Erde, er zirkuliert durch unser Inneres. Unsere individuelle Psyche, unsere Subjektivität ist nur ein innerer Ausdruck dieses unsichtbaren Bewusstseins, der Luft, der Psyche der Welt. Und all unsere Wahrnehmungen, das geheime Werk unserer Augen, unserer Nasenflügel, unserer Ohren und unserer Haut stehen in stetiger Kommunikation und Kommunion mit dem Leben als Ganzes. Indem wir atmen, tragen wir beständig zum Leben der Atmosphäre bei, so wie wir auch durch unser Schauen, Zuhören, Berühren und Schmecken zur Evolution der lebendigen Gewebe und Farben um uns beitragen, und so leihen wir unsere Imaginationskraft dem fortwährenden Gestaltungsprozess der Erde. Die Spinnen tun freilich nichts anderes …

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Der Originalartikel findet sich auf www.wildethics.org/essay/the-perceptual-implications-of-gaia
Die Übersetzung: www.kurzlink.de/von-gaia-umfangen

Bücher von David Abram
Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt,
thinkOya, 2012 
Becoming Animal. An Earthly Cosmology, Vintage, 2011

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