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Bssss, drrrr, zzzzz …

Matthias Fersterer befragte den Künstler, Musiker und Insektenkundler Inox Kapell über Missverständnisse und Lernmöglichkeiten im Umgang mit Sechsbeinern.

von Inox Kapell , Matthias Fersterer , erschienen in 49/2018

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© Foto: inoxkapell.de

Vorwort von Matthias Fersterer:
2013 tauchte Inox Kapell im Oya-Büro auf, erzählte Faszinierendes aus der Welt der Insekten und ließ exzentrische Zeichnungen zurück. Seitdem wollte ich mich ausführlicher mit ihm unterhalten. Ein anlässlich dieser Ausgabe geplantes Treffen wurde durch einen Getriebeschaden einerseits und einen herannahenden Geburts­termin andererseits vereitelt. Somit blieb es vorerst beim Austausch per Mail und Telefon. Warum sind empathische Annäherungen an unsere fliegenden und krabbelnden Anverwandten wesentlich? Sie können menschliche Überheblichkeit heilen und uns an unseren Platz im großen planetaren Haushalt erinnern.

 

Matthias Fersterer: Inox, du bist ein Entomologe – Insektenkundler – und Insektenfreund, der den Sechsfüßlern nicht nur durch Sachkenntnis, sondern auch durch tiefe Zuneigung verbunden ist. Wo missverstehen wir Menschen die Insekten? Und was können wir von ihnen lernen?
Inox Kapell: Durch die Be­obachtung der Insekten habe ich ein ganzes Universum entdeckt, das ähnlich und doch sehr verschieden zur Menschenwelt ist und sich oft mit dieser überlappt – etwa im Fall der domestizierten Honigbienen. Ich lerne andauernd von den Insekten. Sie sind nachhaltig und klug, sie leben schon so lange auf diesem planetaren Misthaufen und erschaffen ihn ständig neu: Milliarden von Insekten sterben Jahr für Jahr und geben Millionen Tonnen Materie in den Boden zurück, die Nährstoff für die Pflanzen und somit Grundlage unserer Nahrung sind. Ich bin den Insekten sehr dankbar und spüre, wie sie dies erwidern: Wenn ich Führungen mache, schwirrt, krabbelt und flattert es nur so um mich herum. Manchmal denke ich an ein bestimmtes Insekt – und schon zeigt es sich!
Insekten haben zwar keine Mimik, doch sie zeigen mir auf andere Weise, dass sie mich erkennen und sich für mich und meine Gerüche interessieren. Wir könnten anhand von Fliegen, die plötzlich auftauchen und uns umschwirren, erkennen, welche Krankheiten wir ausbrüten. Leider beschäftigen wir uns damit viel zu wenig, abgesehen von der Forensik, die anhand von Mücken­larven ermittelt, wie alt ein Kadaver ist.
Insekten leben in einer ganz eigenen Zeitlichkeit. Deshalb sind wir oft erstaunt, wie schnell sie fliegen – und sie sehen uns wiederum in Zeitlupe. Ihre Sinnesorgane sind ganz anders als unsere. Ihre Augen nehmen UV-Licht und polarisiertes Licht wahr. Ihr Panzer ist ihr Außenskelett; sie haben eine ganz eigene Art zu kommunizieren, etwa über Gerüche und Flugmuster. Die Insekten lehren mich Demut vor einer Lebensform, die völlig anders als unsere ist. Diese verarbeite ich in meiner Kunst und meiner Musik – auf meinem aktuellen Album singe ich etwa vom komplexen, kooperativen Sozialleben der Ameisen.
Jedes Insekt hat – ebenso wie jeder Mensch – eine Bedeutung auf diesem Planeten. Ob die Insekten sich dessen bewusst sind, weiß ich nicht, aber sie tragen diese Bedeutung als Wesenszug in sich. Schade, dass viele Menschen das nicht bemerken – denn da ist so viel los! Ich versuche, bei Kindern die Neugierde für Insekten zu wecken. Darin liegen Zukünfte, daraus können sogar Berufswünsche werden: Hummelhotelbauer oder Waldameisengebietsforscher oder Biotopmitgestalter oder Mistkäferzüchter.

Als Fluxus-Künstler, Musiker und Insektenbotschafter trägst du manchmal Ameisenhelm und Teesiebe als Facettenaugen. Fühlst du dich zuweilen selbst als Insekt?
Schon als kleiner Junge fühlte ich mich den Insekten eng verbunden. Ich wurde wütend, wenn ich sah, wie andere mit ihnen umgingen, und freute mich über jeden Menschen, dem es gelang, sich mit den Insekten zu arrangieren oder sogar anzufreunden. Wenn ich traurig war, habe ich in der Beobachtung der Käfer, Ameisen und Hummeln Trost gefunden.
Mit vielleicht acht oder neun Jahren sah ich zum ersten Mal »Phase IV«, diesen surrealistischen Science-Fiction-Film, in dem Ameisen die Hauptrolle spielen. Das löste ganz viel in mir aus. Ich erkannte mich in den Ameisen wieder. Später habe ich diesen Film in einem Kino in Wiesbaden – oder »Wespbaden«, wie ich sage – in der Verleihfassung vorgeführt. Erst 2012 tauchte das ursprünglich von Regisseur Saul Bass intendierte, aber vom Filmstudio abgelehnte Ende auf: Es deutet eine evolutionäre Weiterentwicklung durch die Vermählung der Ameisen mit den Menschen an. Als Kind spürte ich, dass diese suggestiven, symbolhaften Bilder über die Verbindung zwischen Menschen und Insekten etwas für mich Wesentliches ausdrücken: Die Ameisen sind ein Spiegel unserer selbst. Ich fühle mich ihnen sehr nahe, bin vielleicht Ameise ehrenhalber.

Wenn dir ein Magier wie Merlin aus T. H. Whites »König auf ­Camelot« anböte, dich für einen Tag in ein sechsbeiniges Wesen zu verwandeln – wer würdest du dann sein wollen?
Ich wäre gerne nochmal Libelle, Juchtenkäfer und Warzenbeißer.

Wie würde sich das anfühlen? Wie nähmst du als Insekt die Welt und unsere menschliche Zivilisation wahr? Wie würdest du auf Spielzeugdrohnen, Monokulturfelder, Autobahnen, LED-beleuchtete Straßenzüge reagieren? Würdest du deinen Mitmenschen nach deiner Rückverwandlung etwas mitteilen wollen?
Ja, würde ich – mein Bericht würde ungefähr so lauten: »Bssss, drrrr, zzzzz … krabbele oder fliege ich vorbei an agrar­industriellen Kolossen, die tonnenweise Kunstdünger und Pestizide versprühen. Als Insekt spüre ich das natürlich stärker, denn ich rieche ja viel deutlicher oder tiefer, nehme riechend einzelne Moleküle wahr: ob giftig oder nicht, ob lecker oder unlecker, ob ich sie brauche oder nicht – ich rieche einfach stark. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich vom Auto zerquetscht. Doch andererseits rieche ich auch viel Neues: Die Mülltonnen sind voll mit Süßem, das ich so noch nicht kannte. Die Wespen erwischt es meistens – sie sind nicht zu halten, wenn’s lecker nach Abfall, Fleisch oder Zuckersüßem riecht. Große Felder erstrecken sich dann vor mir als Fliege, Käfer und Mücke – darüber zu fliegen ist ein Risiko, denn die gespritzten Pflanzen sind oft giftig, jedenfalls für mich als Sechsbeiner. Angezogen von den darunterliegenden Blütengerüchen fliege ich verwirrt umher, tanke ein wenig Pollen oder Nektar, gehe an dem Giftcocktail zugrunde und werde vergiftete Nahrung für daran verendende Feldvögel. Als Schmetterling würde ich nicht mehr wissen, was ich überhaupt noch anfliegen kann. Überall begegne ich Giften, von denen ich nicht weiß, warum sie da sind … Hilfe!«
Unsere Zivilisation ist eine recht morbide Versuchslandschaft, und am Ende leiden auch wir Menschen dar­unter. Auf ­T-Shirts, in Comics und in Zeichentrickfilmen sind Insekten heute omnipräsent – nur in der Natur fehlen sie mehr und mehr, und es gibt immer weniger Menschen, die sie bewundern. Bestenfalls fällt auf, dass früher mal mehr Insekten an der Windschutzscheibe klebten. Dabei sind Insekten wahre Wunder! Ein Roboter ist ein Roboter ist ein Roboter – Insekten hingegen leben, sind, verwandeln sich: Allein ihre Metamorphose ist Grund genug, sie zu bestaunen. Der Große Eichenbock (Cerambyx cerdo) lebt etwa sieben, acht Jahre als Larve und nur ein, zwei Monate als Käfer. Bei diesen Verwandlungen, die zuerst durch die Malerin und erste Insektenkundlerin überhaupt, Maria ­Sibylla Merian (1647–1717), erkannt und detailliert beschrieben wurden, wird der Körper des Insekts zur Unkenntlichkeit umgeformt und bleibt dann unverändert bis zum Tod. Diese Extremerfahrung macht das Tier auf eine Weise komplett – es landet auf meinem Finger und sagt mit wortlosem Stolz: »Jetzt bin ich ganz.«
Wenn ich den Käfer betrachte, wird mir klar, dass ich richtig bin. Ich für meinen Teil weiß, dass mein Weg in die wirkliche Welt führt und dass wir Menschen ohne Ausbeutung mit allen anderen Wesen zusammenleben könnten, mit viel Liebe und Klugheit. Das sagt mir der Käfer, und der kann’s wissen, denn er lebt schon seit 150 Millionen Jahren hier – und die Insekten sind klar in der Überzahl: Sie machen 60 Prozent aller Arten aus, und allein die Biomasse der Ameisen auf der Erde ist so groß wie jene der Menschen!

Wie kommt es da, dass wir Menschen uns so hartnäckig für evolutionäre Schwergewichte halten?
Denk ich darüber nach, komm ich auf folgenden entsetzlichen Gedanken: Ganz sicher sind wir Menschen nicht der Höhepunkt der Evolution, aber vielleicht sind wir ihr Endpunkt. Wir stehen aufrecht und gehen dennoch oft gebückt. In uns ist bereits im Embryostadium die ganze Evolution enthalten, am Ende menschlich. Nun sollten wir uns, aus dem Uterus befreit, auch weiter evolvieren. Dazu ist doch dieser Planet da, damit wir uns entwickeln. Der Mensch bildet sich ein, er wäre auf einem technischen Fortschrittsweg. Doch ich sehe immer mehr Menschen, die sich nicht mehr bewegen können, die pupsend auf dem Sofa sitzen, in ferngesteuerten Autos zum Drive-In düsen und im Büro vor dem Computer ­hocken – das soll Evolution sein?!
Es gibt viele Gründe, warum wir uns über die Insekten und die ganze Natur stellen. Einer ist, dass wir unsere Sinneswahrnehmung begrenzen. Wir nehmen diese kleinen, federleichten, aber immens wichtigen Goliathe nur wenig wahr, merken uns aber sehr genau, wenn uns ein Insekt sticht. Und wir übernehmen Vorurteile und Behauptungen ungeprüft. Die Honigbiene wird immer noch mit der Wespe verwechselt, und wenn wir »Wespe« sagen, sprechen wir von ungefähr neun ähnlichen, aber doch verschiedenen Arten. Missverständnisse und Unwissen machen aus Mücken Elefanten, dann wird alles in einen Topf gepackt, und die Tiere stören auf einmal unseren Tagesablauf. Karel Gott sang dieses nette Lied von der Biene Maja, aber die Zeichner der dazugehörigen Trickfilmserie haben nicht genau hingeschaut: Die schwarz-gelbe Farbe ähnelt eher einer Wespe, und Bienen wie Wespen haben nicht zwei, sondern vier Flügel.

Nun reagieren viele Menschen in der direkten Begegnung mit Insekten hilflos, ängstlich, angeekelt, aggressiv. Was rätst du ihnen? Wie gehst du persönlich mit Ameisenstraßen in der Küche, Stechmücken im Schlafzimmer, Motten in Speisekammer und Kleiderschrank um?
Ich lasse die Insekten ihre Arbeit tun, wo immer sie diese gerade verrichten. Wenn sie mich in geschlossenen Räumen besuchen, dann öffne ich ein Fenster, so dass sie nicht eingesperrt sind. Mein Rat ist dieser: Schaut genau hin, was das Tier tut, und überlegt, wie viel Lebensraum ihr diesen Wesen schon weggenommen habt. Die Insekten brauchen auch Raum! Seid respektvoll, und seht sie euch doch mal genau an, wenn sie euch schon so nahekommen! Das mag mitunter beschwerlich sein, doch ist es der sinnvollste Weg.
Es hilft, sich zu vergegenwärtigen, dass wir die Schützer dieser Schätze, dieser Insekten-Pracht sind – und dadurch helfen wir uns auch immer selbst: Insekten sind nicht grundlos im Haus. Wenn irgendwo etwas lange herumliegt und verwest, dann kommen diese unzähligen Arten – Totenkäfer, Mehlkäfer, Speckkäfer, Pochkäfer, Zimmermannsbock, Wanzen, Wespen, Hornissen, Hummeln und natürlich Ameisen –, um die Reststoffe aufzunehmen, wieder an die Erde abzugeben und zu Stoffen zu verwandeln, die Pflanzenwuchs und Biodiversität zuträglich sind. Es gibt keine Schädlinge: Sag einmal »Schädling« zu einem Insekt, und sieh genau hin, dann wird es nicht aufhören, dir zu zeigen, dass es das nicht ist. Es ist immer einen Versuch wert, sich die kleinen Tiere genau anzuschauen und die Faszination zu entdecken – dann sind sie einem vielleicht bald kein Greuel mehr.
Wenn ich durch die genaue Beobachtung einer Wespe in ganz andere Bahnen geschleudert werde und sie dadurch anders, neu sehen und beschreiben kann, dann gehe ich ins Schöpferische – das ist das Größte! Dann erfahre ich mich als besonders und sehe auch die Wespe als besonders. Erkennen ist alles.

Hab Dank für den inspirierenden Austausch!


Inox Kapell (51) ist Insektenkundler, Künstler in der Tradition der Fluxus-Bewegung, Musiker und Gründer des Plattenlabels »Urknall Tonquelle«. Meist wirkt er in Berlin oder in Schloss Freudenberg bei Wiesbaden. www.inoxkapell.de

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