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Kampagnen für Liebe

von Lara Mallien , Ralf Schmerberg , erschienen in 01/2010

Fröstelnd tapern wir zu dritt im grauen Berlin durch novembernasse Pfützen an graffitiverzierten Wänden vorbei in eine Folge von Kreuzberger Hinterhöfen. Hier soll das Atelier des Filmemachers Ralf Schmerberg sein, aber offenbar hat er sich gut versteckt. Ganz hinten schleppen zwei Jungs Dachlatten zu einer Baustelle. Ihre bunten Mützen sind die ersten hellen Farbkleckse im Grau der Stadt. Wir sind doch richtig hier: Die beiden gehören zu den »Mind Pirates«, der kreativen Truppe um Ralf Schmerberg.

Von Ralfs Sofa in der Fensternische seines Arbeitsraums, wo wir eine Weile auf ihn warten, blickt man direkt auf die Backsteintürmchen der Oberbaumbrücke über die Spree. Unter uns spaddelt ein Entenschwarm im Fluss und lässt ein wenig Natur ahnen. Aus der Geborgenheit der Sofaecke wirkt das graunasse Berlin ansatzweise romantisch. So wie hier könnte es jetzt auch in London, Paris oder Amsterdam sein. Duch dieses versteckte Atelier an der Spree zieht ein kreativer, globaler Geist, den wir erleichtert aufnehmen, um unsere etwas mühselige Anreise über eine verstopfte Autobahn zu vergessen.

Ralf lümmelt sich in die Sofakissen. Er sieht noch ein bisschen verkatert aus. Er kommt von einer USA-Reise zurück und muss den Jetlag dringend mit Kaffee und Rauchwaren bearbeiten.

Wir wissen wenig Persönliches über ihn. Er hat 2006 den monumentalen Event »Dropping Knowledge« in Berlin organisiert. Er dreht extreme Filme. Begeistert hat uns das stille Werk »Poem«, eine atemberaubend intensive Inszenierung einiger der schönsten deutschsprachigen Gedichte. Aufgewühlt hat uns »Trouble – Teatime in Heiligendamm«, ein Dokumentarfilm über den kreativen Widerstand und die Polizeigewalt während des G8-Gipfels 2007. Wobei »Trouble« kein Ralf-Schmerberg-Film ist. »Directing and Camera: The Mind Pirates Community« ist im Vorspann zu lesen. Es ist ein Film ohne Regisseur, der aus Schnipseln von über hundert Beiträgen anderer entstanden ist. Unter http://trouble-der-film.de kann man ihn aus dem Netz herunterladen. »Copyleft ist die Grundlage unserer Arbeit«, sagt Ralf Schmerberg über die Mind Pirates. »Das Arbeiten in neuen Formen als Kollektiv ist für die jetzige Gesellschaft zehnmal spannender als der einzelne Künstler mit dem einzelnen Kunstwerk.« Ralf macht Allmende-Projekte. Aber das Wort Allmende kennt er nicht, auch der Begriff »Gemeingüter« sagt ihm wenig. Er spricht die Sprache junger Leute aus der multimedialen Welt, und auch wenn er schon Mitte vierzig ist, klingt das nicht aufgesetzt.

Das aktuelle Filmprojekt von Ralf und den Mind Pirates handelt von überlebenswichtigen Menschheitsfragen des 21. Jahrhunderts. Deswegen musste er in die USA, und er merkt, dass er das Fliegen nicht mehr so hinnimmt wie noch vor zehn Jahren. »Ich hatte ein High-Fly-Leben, bin von Stadt zu Stadt gejettet, von einem Hotel ins nächste.« Ralf war einer der international gefragtesten Fotografen und Werbefilmer. »Es war ein unglaublich großzügiges Leben, das ich genießen durfte«, erzählt er, »so dass ich viele Jahre Zeit hatte, meiner eigenen Gier und meinen eigenen Bedürfnissen zu folgen. Aber jedesmal, wenn ich im Landeanflug aus meinem Flugzeugsessel die Slums in den südlichen Ländern sah, wusste ich, dass ich mein Leben auf Kosten dieser Menschen führe. Ich bin wieder und wieder durch diese Slums gegangen, und irgendendwann kam dieses innere Momentum, dass ich aussteigen wollte.« Ralf war sechsunddreißig Jahre alt, als ihm der Entzug vom Erfolgsrausch gelang. Er wolle die Dynamik seines Lebens umkehren, nicht nur jemand sein, dem reich gegeben wird, sondern jemand, der zurückgibt. »Mein Gefühl war damals: Jetzt ist die beste Zeit, jetzt ist die Fruchtbarkeit von dem, was ich tun und geben könnte, am stärksten.«

Früher Ausstieg und früher Erfolg
Vielleicht war Ralf Schmerberg diese Abkehr von seiner Weltstar- Karriere nur möglich, weil er den Ausstieg als sehr junger Mensch bereits erprobt hatte. Mit siebzehn, Anfang der 80er-Jahre, ging er nach Indien. Er wollte alle Konventionen aus Elternhaus, Schule und Kirche hinter sich lassen. Er setze sich in Krishnamurtis Vorträge und ließ sich entzünden von der Erkenntnis, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist, dass kein Guru den Weg weisen kann, sondern nur das eigene Fragen, die eigene Bewusstheit und die bedingungslose Hingabe an das, was ist. Er suchte auch beim Bhagwan nach dieser Radikalität und verbrachte Jahre in Oshos Ashrams in Poona und Oregon. Er wollte andere Kulturbilder, andere Orte und Menschen kennenlernen, nicht nur aus Büchern lernen, sondern von Menschen. Und er entdeckte die Kraft der mündlichen Tradition, an die sich der Westen nur noch vage erinnert: die Übertragung von Wissen und Weisheit, die möglich ist, wenn ein Mensch dir in die Augen schaut. »Mit zweiundzwanzig stand ich dann fest im Leben, war auf der Erde angekommen, kannte viele meiner Schattenseiten und hatte verstanden, dass es nicht nur um mich selbst, sondern um die Gemeinschaft der Menschen geht«, beschreibt Ralf seinen Selbstfindungsweg.

In dieser Zeit entdeckte er sein künstlerisches Medium. »Ich war schüchtern und brauchte ein Hilfsmittel, ein Verbindungs-Sprachrohr zur Welt, das war die Fotografie. Vielleicht konnte ich mich deshalb darin künstlerisch stark ausdrücken, weil mich mein ungewöhnlicher Lebensweg gestärkt hatte. Ich konnte mich durchsetzen, war risikobereit, auch kämpferisch. Wenn ich mich bei einem Projekt verbiegen und von meinen Werten abweichen musste, stieg ich sofort aus. Nicht viele meiner Kollegen brachten diese Dynamik mit, vielleicht, weil sie die Welt ihrer behüteten Elternhäuser nie verlassen hatten.« Mit dieser Kraft schaffte es Ralf sehr schnell nach ganz oben – und zum Glück schaffte er es auch aus eigener Kraft wieder nach unten zurück auf den Boden. Sonst hätte Dropping Knowledge nicht stattgefunden.

Der Tisch der freien Stimmen
Am Morgen des 9. Septembers 2006 stand auf dem Berliner Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung von 1933, der größte Runde Tisch der Welt, und 112 Rednerinnen und Redner aus 56 Ländern hatten sich am »Table of Free Voices« versammelt. Unter ihnen waren Forscherinnen und Forscher wie Hans-Peter Dürr, Elisabet Sahtouris und Ervin Laszlo, Umwelt- und Menschenrechts-Aktivistinnen wie Mae-Wan Ho, Jodie Evans und Helena Norberg-Hodge, Vertreterinnen und Vertreter indigener Kulturen wie der Eskimo-Älteste Angaangaq Lyberth und die Maori-Älteste Pauline Tangiora, Künstlerinnen und Künstler wie Jonathan Meese, Filmer wie Aloni Udi oder Wim Wenders oder die Clownin Antoschka. Sie warteten auf einhundert Fragen, die Ralf Schmerberg mit seinem Team über Monate hinweg gesammelt und ausgewählt hatte. Aus sieben Ländern stammten die Fragen, darunter äußerst anspruchsvolle, vielschichtige wie: »Was ist der richtige Weg zwischen gewaltfreiem Widerstand und bewaffnetem Kampf? Brauchen wir eine Biodiversität in den Formen des Widerstands?« Oder: »Wie muss ein Mensch unseren Planeten wahrnehmen, damit er versteht, dass er selbst Teil der Natur ist?«.Und auch scheinbar einfache Fragen: »Was passiert, wenn jeder Mensch auf der Welt ein Auto haben möchte?« Die Sprecherinnen und Sprecher waren herausgefordert, spontan zu antworten. Sie sprachen in Kameras, die ihre Aussagen aufzeichneten und direkt ins Internet übertrugen.

»Mit Dropping Knowledge wollte ich an die Tradition der mündlichen Überlieferung anknüpfen«, erklärt Ralf Schmerberg. »Die Menschen sprachen frei und unzensiert, alle sollten an ihrem Wissen und ihrer Weisheit teilhaben können.« In diesem Ereignis kam alles zusammen, was Ralf an Prägungen in seinem Leben erfahren hatte. Die Sorge um den Zustand der Welt, Film und Fotografie als künstlerische Medien, Internationalität, hochkarätige Akteure, großes Kino, Dramatik und nicht zuletzt das Motiv des Fragens, den für alles offenen Zustand des Nicht-Wissens, in dem wirkliches Zuhören und Verstehen möglich wird.
Mit der Veranstaltung schrieb Ralf rote Zahlen in Millionenhöhe. Die Allianz-Gruppe und weitere Stiftungen hatten das Projekt mit­finanziert, aber die Mittel reichten am Schluss nicht aus.

Piraten-Strategie
Die Schulden ist Ralf inzwischen los, aber das Finanzdebakel war ihm eine Lehre. »Ich habe mich entschieden, nicht den klassischen Weg zu gehen, etwa eine NGO zu gründen oder eine Stiftung, die sich präsentieren und den üblichen Regeln gehorchen muss«, erzählt er. Aus dem Team entstanden die Mind Pirates. Damit sollte Schluss sein mit Finanzierungs-Stress ebenso wie mit Kommerz. Die »Kopfpiraten« würden sich immer dort engagieren, wo sie gebraucht würden, auch wenn es kein Geld dafür gäbe. »Lieber verkaufe ich ­Möbel, als dass ich meine Leistung verkaufe«, wurde zu Ralfs Credo.

»Uns gefiel der spirituelle Aspekt des Piratentums«, erklärt er das Konzept. »Wir attackieren keine Schiffe auf dem Meer, sondern wir wollen die Köpfe erobern, das verkrustete Denken aufbrechen. Wir wollen keine neue Ideologie, denn keiner weiß heute, wie es weitergehen kann, deshalb betonen wir das Suchende, Fragende. Das Thema, das uns zusammenhält, nämlich unsere Kreativität für einen Bewusstseinswandel einzusetzen, ist sehr breit. Entsprechend breit ist das Spektrum der Beteiligten. Studentinnen und Studenten sind dabei, aber auch Familienväter.« Eine große, deutschlandweite Werbekampagne für »Liebe« ist einer der derzeitigen Pläne der Mind Pirates. Ralf ist sicher, dass sie Partner finden, die bei der Realisierung helfen. Anfangs finanzierte Ralf das Projekt selbst, inzwischen suchen die Piraten Wege in die Selbständigkeit. »Wir versuchen, dahin zu kommen, dass jeder im Team die gleichen Einkünfte hat. Vieles ist bei uns sehr familiär, wir kochen gemeinsam, helfen uns gegenseitig, stehen uns nahe, aber sind doch ein Arbeits- und kein Lebenskollektiv. Und wir feiern gerne zusammen. Die Baustelle da draußen wird ein Clubraum. Gute Partys könnten auch eines unserer Standbeine werden.«

Wir werden weiter kooperieren. Wie, wird sich zeigen. Bevor wir gehen, zeigt uns Ralf die Arbeitsfassung des Dropping-Knowledge-Films. In schneller Folge überblenden sich Gemälde, die Schlüssel­szenen in der Entwicklung des westlichen Bewusstseins illustrieren, mit Filmsequenzen aller nur denkbaren Licht- und Schattenseiten unseres Planeten – die schöpferische Macht der Elemente, Naturschauspiele, Menschen, Kulturdenkmäler, Krieg, Zerstörung, Plünderung. Das alles sind wir. Es ist ein heftiger Spiegel, nicht leicht zu ertragen. Dann wirft uns der Film in die Mitte des »Table of Free Voices«, zwischen all die Menschen, die sich der Zukunft zuwenden.

Das geht unter die Haut. »Ich will erreichen, dass die Leute nach dem Kino eine Nacht nicht schlafen können, das wäre mir am liebsten. Ich will sie nach dem Kino nicht gleich wieder verlieren, weil es bedeutungslos gewesen sein könnte. Der Film will die Menschen zur Aktion antreiben. Dafür brauchen wir heute eine viel radikalere Ausdrucksweise als noch vor wenigen Jahren. Uns ist klar, dass wir ohnehin nur Menschen erreichen, die ähnlich denken wie wir, aber genau die sollten jetzt etwas tun und nicht nur hilflos herumstehen.«

Dabei ist der Film nicht entmutigend, im Gegenteil. Er entfaltet das Potenzial aller Sprecherinnen und Sprecher am Tisch der freien Stimmen und überschüttet uns mit einem gewaltigen Reichtum an seelischer und geistiger Kraft. Das ist eine Kraft, die jeder in sich entdecken kann. Jeder kann sie einsetzen für eine Welt, in der man Fragen wie »Wie können wir es schaffen, dass jeder Mensch genug sauberes Wasser hat?« nicht mehr zu stellen braucht.

Wir verabschieden uns in dem guten Gefühl, an einer Allmende zu arbeiten, an einer gemeinsamen Ressource: an Kommunikation, an Medien, die authentisch sind, die aufrütteln, ermutigen und den Hunger wecken, in diesen seltsamen Zeiten das Richtige zu tun.

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