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Älteste

Ein Porträt der Pionierin Nancy Arrowsmith – Autorin, Heilkundige und Gärtnerin.

von Lara Mallien , erschienen in 49/2018

Bild

© Foto: Gisela Floto

Vorwort von Lara Mallien: 
Anlässlich unseres Jubiläums habe ich im Archiv in den ersten Ausgaben der Vorgänger-Zeitschrift von Oya gestöbert. Der reichhaltige Kompost, auf dem Oya heute wächst, stammt unter anderem aus der von 1988 bis 2009 erschienenen Zeitschrift »KursKontakte«. Der Musik­verleger Stefan Keller aus Zürich hatte ein Magazin aus der »alternativen« Szene Kaliforniens mit einem umfangreichen Kalender zu Seminarangeboten entdeckt und meinte, das könnte auch hierzulande sinnvoll und erfolgreich sein. Bei Johannes Heimrath fiel diese Idee auf fruchtbaren Boden, denn er war auf der Suche nach wirtschaftlich tragfähigen Unternehmungen im Netzwerk des von ihm mitbegründeten Temenos-Gemeinschaftsprojekts in Wolfratshausen, in dem es unter anderem um selbstbestimmte Bildung für Kinder und Erwachsene ging. Ein Medium, das ganzheitliche Bildungsangebote vermittelte, passte dort hinein, und so starteten die beiden wagemutigen Freunde das Zeitschriftenprojekt. Neben einer Fülle von Anzeigen gab es einen von Johannes Heimrath betreuten redaktionellen Teil. Für die Ausgabe 2 hatte er mit Nancy ­Arrowsmith ein Gespräch über ihr Naturgeister-Buch geführt. Nach der vierten Ausgabe wurde klar, dass die Anzeigen ein auf gutes Papier gedrucktes Heft mit redaktio­nellem Teil nicht tragen würden, und so erschien KursKontakte fortan auf Zeitungspapier. Einige Jahre lang führte Eveline Wagner, die heute in der Gemeinschaft Tempelhof lebt, KursKontakte als reines Anzeigenblatt.
Ohne die lange, wendungsreiche Geschichte, wie aus KursKontakte Oya wurde, zu erzählen, wollte ich an diese Anfänge anknüpfen und herausfinden, wo Nancy heute lebt und was sie beschäftigt.


 

Als ich zum ersten Mal durch Nancys Garten lief – ich spielte, elfjährig, mit ihrer damals fünfjährigen Tochter Nina – war ich wie verzaubert. Ich war durch das Tor der roten Ziegelwand geschlüpft und stand zwischen mich überragenden Stauden und Büschen: Johannisbeeren, Farnkraut, Salbei und, ein paar Schritte weiter, üppiges Gemüse. Alles schien hier so kräftig zu wachsen wie Nancys dichte braune Locken. Als Kind verglich ich Nancy oft mit einer Zeichnung aus dem von ihr verfassten Naturgeister-Buch, in dem ich schon damals gerne blätterte; sie zeigt eine Brunnenfrau mit dichtem Schopf und strahlenden Augen. So verschwammen in meiner Wahrnehmung Nancys wilder Garten und ihr Naturgeister-Buch voller verrückter Gestalten zu einem Bild, das für mich pure Lebenskraft ausdrückte. Vor Nancy hatte ich großen Respekt – ihre schier überbordende Energie war mir auch ein wenig unheimlich. Als Kind war ich öfter auf dem »Jaidhof«, einem Forsthaus im Waldviertel, zu Besuch. Nancy lebte dort mit ihrem Partner Michael Korth. Der gehörte zusammen mit Johannes Heimrath, Isabella Ernst und Christine Simon – meiner Mutter – zum Ensemble »BärenGässlin«, das mit wiederentdeckter Musik des Mittelalters in ganz Europa konzertierte.
»Im Jaidhof habe ich damals mit dem Gärtnern angefangen, weil wir kein Geld hatten, aber etwas zu essen brauchten«, lacht Nancy, als ich sie nun im Mai am Telefon erreiche. Wir hatten über 30 Jahre keinen Kontakt und freuen uns darüber, einander unsere Geschichten zu erzählen. »Meine Mutter hat schon in den 1950er Jahren ökologisch gegärtnert, und so wusste ich, was ich zu tun hatte. Als die Leute aus der Nachbarschaft meine ersten gemulchten Beete sahen, machten sie lange Hälse – so etwas war in Österreich damals völlig unbekannt.«

Ohne Geld in München
Nancy ist in den USA aufgewachsen. Ihr Vater war der Altphilo­loge William Arrowsmith, berühmt für die Übersetzung klassischer griechischer Werke ins Amerikanische. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem sein 1985 erschienenes Buch »Wir sind ein Teil der Erde – Die Rede des Häuptlings Seattle im Jahre 1855«, bekannt. »Er wollte immer dorthin, wo kulturell das meiste los war«, erinnert sich Nancy. »Als ich Kind war, in den 1950er und 60er Jahren, sind wir ständig von einer Uni zur nächsten gezogen. Zwischendurch waren wir in Italien, wo er Forschungsaufträge hatte. Dort war ich immer besonders gerne, vor allem in den ­Gärten der Kleinbauern auf dem Land.«
Wegen der ständigen Umzüge verläuft Nancys Schullaufbahn recht unregelmäßig. Mit 16 Jahren beginnt sie ein Studium der Geschichtswissenschaften in Santa Cruz. »Das war 1967, da war viel los in Kalifornien«, erinnert sie sich. Als sie kurz darauf Pfeiffersches Drüsenfieber bekommt, lernt sie ein Quartal lang zu Hause – und schneidet danach in den Klausuren besser ab, als wenn sie die Vorlesungen besucht hätte. »›Irgendetwas stimmt hier nicht‹, habe ich mir gedacht«, erzählt Nancy. »Also habe ich mein Studium abgebrochen. Das gab einen Riesenkrach mit meinen Eltern.«
Über Umwege kommt sie nach Europa, landet Anfang der 1970er Jahre in der lebendigen, jungen Kulturszene Münchens ohne einen Pfennig in der Tasche und will irgendetwas unternehmen, um ihr Vagabundenleben zu beenden. »Da kam mir die Idee, dass ich etwas über die Überlieferungen zu Naturgeistern schrei­ben könnte. Wie man mit akademischen Quellen arbeitet, war mir vertraut, und so habe ich auf eigene Faust mit der Recherche angefangen«. (Die Geschichte des daraus entstandenen Buchs »Die Welt der Naturgeister« erzählt das folgende Interview.) Zum Geldverdienen arbeitet sie nebenher in einem Kräuterladen von einem Mann namens Wilhelm Lindig, der schon im Krieg mit seinem Vater Kräuter gesammelt und verkauft hatte. Er führt sie in die Welt der Kräuter-Wirkkräfte ein – das legt den Grundstein für ihr bis heute immer wieder neu aufgelegtes Standardwerk »Das Buch der heilenden Kräuter«.
Als Bücherwurm, Autorin und Rezensentin ist Nancy viel in der Münchener Verlagsszene unterwegs. Dort lernt sie ihren Lebensgefährten, den Musiker Michael Korth kennen. Er gibt ­gemeinsam mit seinem Freund Johannes Heimrath Bücher über die mittelalterlichen Dichtersänger heraus, beide studieren in Salzburg unter anderem Musikethnologie. Michael hatte 1978 im Waldviertel – damals noch eine der ärmsten Regionen Österreichs – ein einsames Forsthaus gemietet; dort fühlt sich Nancy am richtigen Ort. Da das Paar mit ihren Büchern und seinen Konzerten anfangs nicht sonderlich viel Geld verdient, ist der ­Gemüsegarten tatsächlich eine wichtige Überlebensquelle.

Selbstversorgerin und Chefredakteurin
Ein zurückgezogenes Selbstversorgerleben entspricht Michael und Nancy aber nicht im geringsten. So mischen sie kräftig in der österreichischen Kulturszene mit.
»Jedes Land hat eine Zeit, in der sehr vieles möglich ist«, sinniert Nancy. »Damals, in den späten 1970er und frühen 80er Jahren, war Österreich einmalig. Die kulturelle Elite war klein, man kannte sich, und ungewöhnliche Leute waren gefragt. Das Land lag damals am Rand von Westeuropa, es gab nur wenige, die dort Initiativen für Neues entwickelten. Nur in diesem Klima konnte ich ohne ein Studium und nennenswerten Ruf 1984 zum Wiener Orac-Verlag gehen und fragen: ›Wollen Sie nicht ein paar Millionen Schilling investieren? Ich hätte da eine Idee.‹«
Das war der Anfang der heute weitverbreiteten Gartenzeitschrift »Kraut & Rüben«. Nancy wird Chefredakteurin; der Job ist ihr auf den Leib geschneidert, denn die Arbeit mit Sprache und das Gärtnern sind ihr Zuhause. Nach einem Jahr wird bereits klar, dass Kraut & Rüben im gesamten deutschsprachigen Raum ein großer Erfolg werden könnte, aber dazu ist ein höheres Werbebudget nötig, als es der kleine Orac-Verlag aufbringen kann. Der BLV-Verlag in München ist interessiert, kauft das Heft und macht es groß – mit Nancy als Chefredakteurin und der Autorin des erfolgreichen Buchs »Der biologische Garten«, Marie-Luise Kreuter, als Beraterin. Bekannt werden, Einfluss nehmen auf den öffentlichen Diskurs – das ist Nancy aus ihrer Familie vertraut, für sie nichts Besonderes. Kraut & Rüben erreicht eine sechsstellige Auflage – aber Nancys Interessen verschieben sich.

Mit der Arche Noah im Nirgendwo gelandet
»Während meiner Zeit bei Kraut & Rüben ist mir die Bedeutung von ökologischem Saatgut immer bewusster geworden. Ohne solches Saatgut können wir nicht von Bioanbau sprechen. Damals war die EU-Gesetzgebung in ihren Anfängen. Was dort an Verordnungen zu Saatgut festgelegt wurde, fand ich sehr bedenklich. Unabhängig davon gab es in Österreich und noch viel mehr in den benachbarten östlichen Ländern eine lebendige Tradition der Bäuerinnen und Bauern, selbst Saatgut zu vermehren. Manchmal sind wir einfach auf den Markt nach Budapest gefahren und haben in der lokalen Gemüse-Vielfalt geschwelgt. Damit kam die Frage auf: Wie vermehren wir das jetzt bei uns? So kam es, dass ich mit anderen Gärtnerinnen und Gärtnern zusammen den Verein ›Arche Noah‹ gegründet habe.« Im Jahr 1989 gibt es mit Arche Noah das erste zivilgesellschaftlich organisierte und für alle Interessierten offene Saatgutprojekt im deutschsprachigen Raum. Nancy reist in den nächsten Jahren viel in die USA, wo es Organisationen wie »Seed Exchange« gibt, und erhält tatkräftige Unterstützung, unter anderem von der wissenschaftlich geführten Genbank Gatersleben. Ihr Projekt ist aber weniger universitär gedacht, sondern soll möglichst vielen Menschen die Bedeutung samenfester, alter Sorten nahebringen. Es entstehen eine ansehnliche Saatgutsammlung, Tausch-Gemeinschaften und ein Jahreskatalog. Als der Gärtner Peter Scherenzel zu Arche Noah stößt, sucht der Verein ein Gelände, um Saatgutvermehrung im größeren Stil zu realisieren. Nancy konzentriert sich auf die Büro­arbeit und knüpft Kontakte. Bald wächst das Projekt, der Garten zieht auf ein zwei Hektar großes Gelände im Schlossgarten von Schiltern um. Dort entsteht ein Schaugarten, den es heute noch gibt. »Und dann ist es aus den Fugen geraten«, sagt Nancy traurig. Sie möchte über den damaligen Konflikt in der Arche Noah nicht sprechen, und ich will auch gar nicht mehr wissen. Es ist die typische Konstellation, in der eine charismatische Gründerin und die später Hinzugekommenen nicht miteinander zurechtkommen.
Mit keinem Projekt zuvor hat sie so viel Herzblut verbunden, acht Jahre lang hatte sie all ihre Energie dort hineingesteckt. Als sie aus Arche Noah ausscheidet, fällt sie in ein tiefes Loch. Zum ersten Mal fühlt sie sich alt. Chronische Schmerzen in den Gelenken machen ihr zu schaffen. Ihre Tochter arbeitet inzwischen in Hamburg. Sie weiß nicht mehr, was sie in Österreich hält – und geht in die USA.

Aus der Wüste auf die Insel
Ihre Mutter lebt in Arizona. Nancy zieht in ihre Nähe in die kulturell bunte Stadt Bisbee an der mexikanischen Grenze. Durch das warme Klima dort verspricht sie sich eine Linderung ihrer Schmerzen. »Ich dachte, ich kenne mich aus in den USA – aber das war ein Irrtum«, erzählt sie. »Es hat mich schockiert, welche Unbildung dort um sich gegriffen hatte. Alles Fremde war suspekt, ich musste mir Mühe geben, nicht als Ausländerin abgestempelt zu werden. Für meine Themen, das war mir schnell klar, würde ich in Arizona kein Publikum finden.« Nancy jobbt als Sekretärin und konzentriert sich auf ihre Gesundheit. Die konventionelle Medizin kann ihr nicht helfen, wohl aber die traditionelle chinesische, in der Kräuter eine wichtige Rolle spielen. So entschließt sie sich nach einigen Jahren, einen Masterstudiengang für orientalische Medizin und Akupunktur zu absolvieren. Als 55-Jährige zu studieren, ist in den USA wiederum nichts Außergewöhnliches. Sie genießt es, sich in die Thematik zu vertiefen. Sieben Jahre lang betreibt sie in Arizona eine therapeutische Praxis. Doch wirklich anzukommen, gelingt ihr nicht – das immer konservativer werdende Umfeld geht ihr an den Lebensnerv.
Als ihre Tochter sie zu einem Urlaub auf die kanarische ­Insel La Palma einlädt, erfährt sie das Klima dort als Wohltat für ihre noch immer schmerzenden Gelenke. Sie ist von der vielfältigen Natur – von der steinigen Küste bis zu den 2500 Meter hohen Bergen verändern sich die Klimazonen – und den üppigen Gärten fasziniert. »Mir kam der Gedanke: So gut wie alles, was ich zum Leben brauche, könnte ich hier selbst anbauen«, erzählt Nancy. »So wie früher bräuchte ich nicht viel Geld. Meine kleine Rente und ein Garten würden das Überleben sichern.« 2016 setzt sie ihren Plan in die Tat um. Sie findet ein Haus in Puntagorda 500 Meter über dem Meeresspiegel. »Jede Familie hat hier einen Acker oder ein paar Ziegen, das erinnert mich an die Kleinbauerndörfer, wie ich sie als Kind in Italien erlebt habe«, freut sie sich. »Hier wächst wirklich alles – es macht Spaß, Feigen und Guaven aus Samen zu ziehen. Eine Schwertlilie aus dem Jaidhof habe ich auch hierher umgezogen. Klar, es war nicht leicht, mit 65 Jahren in einer neuen Kultur anzukommen, aber inzwischen spreche ich etwas Spanisch und komme gut mit den Leuten aus der Nachbarschaft zurecht. Die Menschen hier verstehen die Natur, so haben wir immer Gesprächsstoff. Die Insel hat etwas ganz Eigenes, dieses Land zwischen Meer und Bergen ist sehr magisch.«
»Da sind sie also wieder, die Naturgeister?«, frage ich. Nancy lacht. »Früher hatte ich den Wunsch, mehr über Naturgeister verstehen zu lernen. Jetzt nehme ich Präsenz und Lebendigkeit wahr und bin damit glücklich.«
Eine Pionierin für so viele wichtige Themenbereiche lebt also, mehr oder weniger von der Welt vergessen, am äußersten Rand Europas. Ich erschrecke, als mir das bewusst wird, und frage Nancy, ob sie sich einsam fühlt. »Nein, ich bekomme oft genug Familienbesuch, und ich habe meinen beiden Hunde und meine Hühner. Aber ich hätte gerne wieder mehr Anschluss an engagierte jüngere Leute.« Auf meine Frage, ob sie sich über gelegentlichen Besuch freue, kommt ein eindeutiges »Ja«.
 

Bücher von Nancy Arrowsmith
Das Naturgeister-Buch erschien unter verschiedenen Titeln, zuletzt beim Piper Verlag als »Elfen, Trolle, Hobgoblins«. Auch lesenswert: »111 Gründe, seinen Garten zu lieben«, »Das Buch der heilenden Kräuter« oder ihr mit Michael Korth herausgegebenes Buch »Schöner Jüngling, mich lüstet dein. Liebesgedichte von Frauen«.

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