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Immer der Gemeinschaftlichkeit nach

Gute Arbeit ist nicht vom Leben getrennt.

von Brigitte Kratzwald , erschienen in 48/2018

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Als ich in den 1960er Jahren aufwuchs, wurden häufig Menschen für langjährige Zugehörigkeit zu einem Unternehmen geehrt. Darauf war man stolz. Ich aber fand die Vorstellung, mein ganzes Leben das Gleiche zu tun, schon damals überhaupt nicht erstrebenswert. Mit der »Erwerbsarbeit« konnte ich mich mein Leben lang nie wirklich anfreunden und nutzte jede Möglichkeit, ihr zu entkommen. Ich dachte immer, das sei ein Fehler von mir und liege auch daran, dass ich nie wirklich gewusst hatte, »was ich werden will«, sondern immer eher neugierig auf etwas Neues war. Erst viele Jahre später fiel mir das »Manifest gegen die Arbeit« der Gruppe »Krisis« in die Hände. Arbeit wird dort als fremd­bestimmt und zwangsverordnet kritisiert und einem freiwilligen schöpferischen Tätigsein gegenübergestellt, bei dem der Mensch sich entfalten kann. Für mich war das ein Aha-Erlebnis nach all den Jahren, in denen mir Arbeit als das Wichtigste im Leben vorgegaukelt worden war. Vielleicht lag ich doch nicht so falsch?
Dabei hätte ich es bereits in meinem 15. Lebensjahr lernen können, denn da habe ich zum ersten Mal in den Ferien »gearbeitet«. An meinem ersten Tag in der Fabrik – die Gruppe jugendlicher Hilfskräfte ging voller Elan ans Werk – kam die dezidierte Aufforderung der »alten« Arbeiter: »Arbeitet nicht so schnell, sonst müssen auch wir so schnell sein!« Aus marxistischer Sicht sprach daraus Klassenbewusstsein und Solidarität, aus Sicht von Krisis ganz klar eine Form des Widerstands gegen die Ausbeutung durch Arbeit. Das verstand ich damals nicht, aber ich lernte: Bei der »Arbeit« versucht man, möglichst wenig zu tun, und das geht nur, wenn alle mitmachen.
Einige Jahre später nach Abschluss der Schule blieb ich, wie die meisten meiner Freundinnen und Freunde, nicht in dem Dorf, in dem wir aufgewachsen waren, sondern ging in die Stadt. Und es war ganz klar: Wir arbeiteten dort die ganze Woche, um Geld zu verdienen; das Leben fand am Wochenende zu Hause statt. Was wir den größten Teil der Woche taten, hatte keinen anderen Zweck, als das Leben zu finanzieren – und Ersteres hinderte uns daran, Zweiteres zu genießen. Den Begriff »Work-Life-Balance« gab es damals noch nicht, dieses Verhältnis – fünf Tage Arbeit, zwei Tage Leben – empfand ich dennoch als sehr unbefriedigend.
Als ich mein erstes Kind bekam, nutzte ich die Chance und wurde »Hausfrau und Mutter«, eine Rolle, die damals im länd­lichen Raum noch sozial anerkannt war. Es folgten zwei weitere Kinder, und ich habe diese Jahre sehr genossen. Ich fand meine »Arbeit« immer wichtiger als die meines Mannes als Servicetechniker; deshalb machte es mir nichts aus, kein eigenes Geld zu verdienen. Ich sah es als gerecht an, dass ich einen Teil von seinem Einkommen bekam, leistete ich doch schließlich etwas dafür. Zusätzlich engagierte ich mich ehrenamtlich in verschiedenen Initiativen – etwa in einem Tauschmarkt für Kindersachen oder einem Treffpunkt für Mütter – und war mit meinem Leben zufriedener als je zuvor.

Wenn die Effizienzkriterien kommen
Dabei war mir klar, dass ich auch das nicht für immer tun wollte. Kinder werden schließlich größer. In den 1990er Jahren wurde in Österreich die mobile Altenbetreuung eingeführt. Ich ergriff die Möglichkeit, in meinem Heimatort diese mit aufzubauen. Wir erhielten eine gute Ausbildung, in der wir lernten, dass es wichtig sei, die Persönlichkeit und Bedürfnisse der alten Menschen zu respektieren und vor allem ihre Selbständigkeit zu fördern. Wir sollten auch Gesprächspartnerinnen für die alten Menschen sein und uns Zeit für sie nehmen. Selbstverständlich erwarben wir auch medizinische und pflegerische Kompetenzen. Das ermöglichte uns, unsere Arbeit gern und gut zu machen, und wir hatten bald einen guten Ruf in der Gemeinde.
Dass wir gerne zu den alten Menschen gingen, hing auch damit zusammen, dass wir uns selbst organisieren konnten und unsere Klientinnen und Klienten dabei als gleichberechtigt betrachteten. So schafften wir es, deren Wünsche, unsere Bedürfnisse und die unserer Familien unter einen Hut zu bringen. Wir riefen uns gegenseitig an, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab; waren wir aus irgendwelchen Gründen verhindert, sprang eine andere ein. Dazu kam die Interaktion mit den Angehörigen und einem weiteren Umfeld, was die Qualität unserers Engagements für die Gemeinde ausmachte. Das hier fühlte sich nicht wie »Arbeit« an, es war schlichtweg ein sinnvoller Teil meines Lebens, obwohl ich dafür bezahlt wurde.
Doch damit war es schon nach wenigen Jahren vorbei. Der Trägerverein setzte sich das Ziel, ein wettbewerbsfähiges Dienstleistungsunternehmen zu werden. Ab nun standen vor allem betriebswirtschaftliche Aspekte im Mittelpunkt. Es folgte die ISO-Zertifizierung, und alle Abläufe und Tätigkeiten wurden streng normiert, die Wege und Zeiten nach Effizienzkritierien und nicht mehr nach den Bedürfnissen der beteiligten Menschen geplant. Wir durften keine Vereinbarungen mehr untereinander oder mit denjenigen, die wir pflegten, treffen; jede Kommunikation musste nun über die Einsatzleitung laufen. Es entstand ein »Leitbild«, in dem all die Qualitäten unserer Arbeit aufgelistet wurden, die für uns selbstverständlich waren, die sich dann jedoch rasch aus dem Alltag verabschiedeten. Denn jetzt hörten wir, dass wir uns doch von den alten Leuten nicht um den Finger wickeln lassen sollten: »Zum Reden hamma ka Zeit.«

Die Commonslogik hält Einzug
Für mich hieß das, mich wieder nach etwas Neuem umzuschauen. Inzwischen war es schwieriger geworden, ohne Ausbildung einen Job zu bekommen. Also zog ich, nachdem die Kinder ihrer Wege gegangen waren, nach Graz und begann ein Studium im Bereich der Sozialwissenschaften. Es eröffnete mir eine ganz neue Welt, und ich lernte viele politische Initiativen kennen, von ­denen ich in meinem Landleben noch nie gehört hatte. Schließlich stieß ich auf jenes »Manifest gegen die Arbeit«, doch trotz dieses neuen Wissens gab ich mich noch der Illusion hin, mit Uni­-Abschluss würde ich doch endlich eine »gute Arbeit« finden.
Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Jobs im Sozialbereich gab es fast nur noch auf Projektbasis für ein oder zwei Jahre. Ich lernte die Kunst der »Projektantragslyrik« und die Differenz zwischen Anspruch und Realität kennen. Das größte Problem bei sozialer Arbeit auf Projektbasis ist: Man muss Beziehungen zu den Menschen aufbauen, mit denn man arbeiten soll. Ist es endlich geschafft, und stellen sich die ersten Erfolge ein, ist die Projektlaufzeit um, und alles verläuft im Sand, die Menschen bleiben wieder alleine zurück. So zu arbeiten, machte mich krank.
Also war ich bald wieder auf der Suche – und stieß auf das Thema Commons. Ich lernte viele interessante Menschen und Initiativen kennen und beschloss, den nächsten Lebensabschnitt diesem Thema zu widmen, denn hier ging es genau dar­um, die Logik von Kapitalismus und Lohnarbeit zu überwinden. So wagte ich den Schritt in die Selbständigkeit, als – wie ich es gerne etwas provokant nenne – »freiberufliche Weltverbesserin«. Selbstverständlich lässt sich damit nicht viel Geld verdienen. Das kann ich aber durch ein großes soziales Netzwerk ausgleichen, weil ich vieles von dem, was ich zum guten Leben brauche, ohne oder für wenig Geld bekommen kann, etwa indem ich mit anderen zusammen wohne und so nur wenig fürs Wohnen bezahle. Ich hatte allerdings ein neues Problem: In meinen Vorträgen erzählte ich, dass wir von der Geldwirtschaft wegkommen sollten – und musste doch dafür Geld verlangen! Mit diesem Widerspruch selbstbewusst umzugehen, war eine neue Lernaufgabe.
Die Lösung fand sich in der Commons-Logik selbst: Ihr zufolge arbeiten Menschen nicht, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sondern sie müssen im Gegenteil erst ihre Bedürfnisse befriedigen können, um in der Lage zu sein, einen sinnvollen Beitrag zum ­Gemeinwohl zu leisten. Der Wert eines Vortrags oder eines ­Artikels lässt sich ohnehin nicht in Geld messen. Ich tausche also nicht Vortrag gegen Geld. Vielmehr ist es so: Solange es genügend Menschen gibt, die das, was ich zu sagen habe, so wichtig finden, dass sie mir Geld geben, damit ich mich diesen Themen widmen kann, tue ich es. Statt ein fixes Honorar zu verlangen, stimme ich mich mit den Menschen, die mich engagieren wollen, flexibel ab. Wenn mich jemand einlädt und sagt, es gebe nur ein geringes Budget für mich, sage ich meistens: Gebt, was ihr könnt. In meinen lokalen Netzwerken verlange ich kein Geld, weil ich weiß, dass wir uns hier ohnehin immer gegenseitig ­helfen – und das heißt auch, selbstverständlich ein Honorar zu organisieren, wenn es denn möglich ist.
Seit drei Jahren nun bin ich Rentnerin. Wegen meiner geringen Affinität zur Erwerbsarbeit fällt die Rente freilich gering aus, aber es ist wenigstens ein kleines bedingungsloses Grundeinkommen als Basis. Das führt nun keineswegs dazu, dass ich nicht mehr »arbeite«, sondern dass ich noch mehr Dinge als zuvor ohne Bezahlung tun kann – weil ich es will!


Brigitte Kratzwald (64) forscht, schreibt und hält Vorträge über Commons in Bezug auf Landnutzung, Wissen, Mensch-Natur-Verhältnis, gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften und die Weiterentwicklung der Demokratie. Auf Seite 72 stellen wir ihr Buch »Das Ganze des Lebens« vor. www.commons.at

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