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eigen, hiesig und gemein

Von drei Qualitäten jenseits der Tauschlogik, die zum Austausch mit der lebendigen Wirklichkeit und zur Wiederverbindung mit der stofflichen Welt einladen.

von Matthias Fersterer , erschienen in 48/2018

Bild

© Foto: XoMEoX / Wikimedia

Ich feiere mich und singe mich selbst,
Und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen,
Denn jedes Atom, das zu mir gehört, gehört ebensogut zu dir.

Die ersten Verszeilen aus Walt Whitmans »Gesang meiner Selbst« kann man als lyrische Überhöhung auffassen, man kann sie ­jedoch auch in einem konkreten stofflichen Sinn als Annäherung an die Wirklichkeit verstehen.
Jedes Atom in unserem Körper war schon viele Male in anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, Gesteinen verkörpert. Wir sind Teil von Austauschprozessen, die weit über unseren persönlichen Zeithorizont hinausreichen und uns in einem ganz stofflichen Sinn zu Verwandten der Erde und ihrer Geschöpfe machen. In seiner Erzählung »Kohlenstoff« berichtet der Autor und Chemiker Primo Levi von der hunderte Jahrmillionen währenden Reise eines Kohlenstoffatoms durch unzählige molekulare Verkörperungen: Kalkstein, Windhauch, Falke, Meereswoge, Weinrebe, Menschenleber, Zeder, Holzwurm, Falter, Humus, atmosphärische Zirkulation – um in just jener Gehirnzelle des Schreibenden aufzutauchen, »die in diesem Augenblick, aus einem labyrinthartigen Wirrsal von Ja und Nein heraus, bewirkt, dass meine Hand einen bestimmten Weg auf dem Papier zurücklegt […], und sie drückt diesen Punkt aufs Papier: diesen.«
 

Austausch und Durchdringung
Wir sind das Ergebnis komplexer Symbiosen, die so alt wie das Leben selbst sind. Wir sind »symbiontische Wesen auf einem symbiontischen Planeten«, wie die Biologin Lynn Margulis schrieb. Jeder menschliche Organismus ist eine komplexe Lebens­gemeinschaft aus Mikroorganismen wie Amöben, ­Archaeen, Bakterien und Milben, aus Elementen, Verbindungen und Gemischen, aus Sedimenten des Gewesenen, die wir beständig mit unserer Umgebung austauschen. Jeder von uns ist eine Vielheit, ist eine formwandlerische Ausstülpung im Gewebe des Lebendigen, ist teilnehmender und teilgebender Bestandteil komplexer Austauschprozesse mit der Welt.
Wer genau es ist, der da »ich« sagt, der Satzzeichen zu Papier bringt und Pläne fürs kommende Jahr schmiedet, ist schwer zu sagen. »Unser symbiogenetisch zusammengesetztes Innerstes ist weitaus älter als jene Neuentwicklung aus jüngster Zeit, die wir als menschliches Individuum bezeichnen«, erinnert uns Lynn Margulis.
Unsere Begrifflichkeiten versagen schnell beim Versuch, diese orgiastische Vielfalt in Sprache zu fassen. Kategorien wie Tier, Bakterium oder Pflanze sind schon bei genauerer Betrachtung von Flechten, Algen, Pilzen oder Kefir-Kulturen nicht aufrechtzuerhalten. In der gewaltigen Polyphonie des Lebendigen gibt es keine starren Grenzen, sondern unzählige durchlässige Membranen, die den Erscheinungsformen zwar eine Kontur geben, sich jedoch permanent durchdringen, verschränken, austauschen. Es ist nicht möglich, eindeutig zu bestimmen, wo ich ende und wo anderes Leben beginnt.

Ambivalenz und Äquivalenz
Das Gegenteil von »Eindeutigkeit« ist »Mehrdeutigkeit« oder »Ambi­valenz« (von lateinisch ambo, »beides«, und valere, »wert sein«). Die angenommene Gleichwertigkeit zwischen diesem und jenem wird als »Äquivalenz« (von lateinisch aequus, »gleich«) bezeichnet. In seinem Buch »Ambivalenz und Moderne« erkannte der britische Soziologe Zygmunt Bauman: »Die typisch moderne Praxis, die Substanz moderner Politik, des modernen Intellekts, des modernen Lebens, ist die Anstrengung, Ambivalenz auszulöschen.« So sei die Moderne – eine ironischerweise nicht eindeutig datierbare Epoche, deren Beginn zwischen der Kolonisierung des amerikanischen Kontinents und der Industrialisierung Europas angenommen wird – »eine Ära besonders bitteren und unnachgiebigen Krieges gegen Ambivalenz«.
Wenn in diesem Essay von der »Moderne« die Rede ist, dann ist übrigens weder der »Modernismus« als künstlerisch-literarische Strömung an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert gemeint noch ein abgeschlossener historischer Zeitraum – aller postmodernen und post-postmodernen Rhetorik zum Trotz –, sondern die noch andauernde, wenn auch im Niedergang befindliche Ära der Industriemoderne.
Um ein für allemal Eindeutigkeit zu schaffen, werden im ­modernen Denken Kategorien entwickelt, die dieses einschließen und jenes ausschließen. Da es nie genügend Kategorien gibt, um die Komplexität der Welt abzubilden, entsteht mit jeder Ordnung neue Unordnung. So gibt es jenseits der Gegensätze »Freund« und »Feind« das »Fremde«, das in seiner ­Unbestimmtheit als Projektions­fläche für jegliche Zuschreibungen, Übertragungen und Ängste dient. Jede solche Kategorisierung ist Bauman zufolge ein »Gewaltakt, der an der Welt verübt wird« und immer eines bestimmten Maßes an Zwang bedürfe. Das Ideal der Moderne sei ein »geräumiger Aktenschrank«, der alle Einzelheiten der Welt kategorisiert und unverbunden aneinanderreiht. Die Unmöglichkeit eines solchen Aktenschranks erzeuge immer neue Ambivalenz und das Gefühl, dass es der bestehenden Ordnung an Endgültigkeit fehle. Am »Ende der Geschichte« kündet die Vision einer totalen Ordnung von der Ausmerzung alles Vieldeutigen und Unbestimmten. Insofern wohnt dem modernen Ordnungsdrang ein totalitärer Impuls inne. In diesem Licht wird auch nachvollziehbar, wieso Bauman den Holocaust nicht als Betriebsunfall, sondern als Zwangsläufigkeit der Moderne diagnostiziert.

Beziehungslogik statt Tauschlogik
Wenn die Ambivalenz das rote Tuch der Moderne ist und die Eindeutigkeit und Äquivalenz ihr heiliger Gral, dann ist der Betriebsmodus der Warenökonomie der Äquivalenztausch. Er gründet auf der Illusion, alles sei prinzipiell mit allem anderen vergleichbar, alles könne gegen alles getauscht und alles durch etwas anderes ersetzt werden. Der Äquivalenztausch ist ein Paradigma und ein Begründungszusammenhang der modernen Warenlogik: Ich gebe, damit du gibst (do ut des), und zum Wohl aller verfolge ich meinen persönlichen Vorteil (Utilitarismus). Die Vergleichsgröße, die die Fiktion aufrechterhält, dass einzigartige, an sich unvergleichbare Dinge – Äpfel, Birnen, Facharbeiterstunden, Kohlköpfe, Flachbildschirme, Heuballen, Bypass-Operationen, Verdienstausfälle etc. – miteinander verglichen, verrechnet und gleichwertig getauscht werden könnten, ist das Geld.
Geld schafft scheinbare Eindeutigkeit, indem es die Einordnung in den Aktenschrank und das Rechensystem der Moderne mit seiner Fiktion permanenter Vergleichbarkeit ermöglicht. Dabei wird übersehen, dass in einem lebendigen, organismischen System ein Element nur in seiner Bezogenheit auf alle anderen darin enthaltenen Elemente und auf das System als Ganzes Sinn, Bedeutung und Wert erhält. Jede Zelle, jedes Organ des menschlichen Körpers kann nur in Hinblick auf seine Beziehung zum Körper als Ganzem und auf dessen je eigene Verortung, Aufgabe und Seinsweise in der Welt verstanden werden. Nur eine einzige Zelle, die in diesem Gesamtzusammenhang nicht mitspielte, genügte, um den Organismus als Ganzen zu gefährden.
Jede Sparkassenbroschüre weiß von der Tauschmittelfunktion des Gelds zu erzählen: Geld sei eine notwendige Erfindung, weil niemand auf einmal so viele Kartoffeln gebrauchen könne, wie ein Kuh wert sei. Dem liegt das Vorurteil zugrunde, dass sich die Versorgung mit den Grundlagen des Lebens nicht anders als über die Logik der Äquivalenz und des Aufrechnens organisieren ließe und dass es notwendig und wünschenswert sei, immer und überall quitt zu sein. Das Leben ist jedoch kein Nullsummenspiel, ein Ökosystem kein ausgeglichener Haushalt, keine Bruchgleichung, deren Terme sich wegkürzen ließen. Lebendige Systeme sind nicht durch Gleichgewichte, sondern durch miteinander verwobene dynamische Ungleichgewichte gekennzeichnet.

Kreisender Austausch
Wenn Lewis Hyde in seinem Buch »Die Gabe« den Kreislauf ­einer Gabenökonomie beschreibt, klingen die vorhin beschriebenen umfassenden Austauschbeziehungen an: »Die vollkommene Gabe gleicht einem Blutkreislauf. Das Blut verteilt den Atem im gesamten Körper, ist flüssig, wenn es im Inneren die Luft transportiert, und gerinnt, wenn es mit der äußeren in Berührung kommt, es bewegt sich frei, aber in Bahnen, und kann heilend an jeder bedürftigen Stelle des Organismus eingreifen. Es fließt unter Druck […] und kehrt so innerhalb des Kreislaufes immer als Gabe zurück, ohne des Mechanismus von Kauf und Verkauf zu bedürfen.«
In diesem austauschend schenkenden Kreislauf ist Geben nicht weniger wichtig, nicht weniger wert als Nehmen. Die Grenzen zwischen Beitragen und Empfangen verschwimmen. Aufrechnende Überlegungen darüber, wer von wem wieviel genommen und wer wem wieviel gegeben habe, treten in den Hintergrund zugunsten von Fragen nach Beitrag, Fähigkeit und Bedürfnis. So entstehen nicht Verbindlichkeiten in Form von Schuldverhältnissen, sondern es entsteht Verbindlichkeit im Sinn von andauernder Beziehung, Commitment und wechselseitigem Sorgetragen für die Mitwirkenden des Kreislaufs wie auch für den Kreislauf als Ganzen.
Solche Austauschbeziehungen bilden einen freiwillig und bedin­gungslos aufrechterhaltenen Kreislauf, sofern bei Handlungen, die lebensnotwendig sind, von Freiwilligkeit die Rede sein kann. Bedingungslosigkeit sollte dabei nicht mit Voraussetzungslosig­keit verwechselt werden. Was aber sind die Voraussetzungen eines austauschend, wechselseitig durchdringend, symbiotisch, kooperativ – kurz: commonisch – organisierten gesellschaftlichen Zusammenlebens? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen im Folgenden drei dafür wesentliche Qualitäten aufgeführt werden: eigen, hiesig und gemein.

eigen
Das Eigene führt uns an den paradoxen Umstand heran, dass wir nur dann wirklich wir selbst sein können, wenn wir uns im Spiegel des Anderen erkennen. Im Eigenen muss immer auch das Andere mitgedacht werden. Zahlreiche Gesellschaftssysteme haben versucht, ihren Mitgliedern Freiheit ohne Verbundenheit (Kapitalismus), Verbundenheit ohne Freiheit (Kommunismus), das Eigene ohne das Andere (Apartheid) zu verordnen – Eigenheit und Andersheit, Freiheit und Verbundenheit bilden jedoch zwei Pole einer untrennbaren Einheit. Wirkliche Freiheit ist nicht ohne Verbundenheit, wirkliche Verbundenheit nicht ohne Freiheit möglich. Die Theologin Ina Praetorius spricht deshalb von »bezogener Freiheit«. Nichts anderes drückte Ivan Illich mit dem Begriff »Konvivialität« aus: individuelle Freiheit, die sich in wechselseitiger Abhängigkeit verwirklicht.
Auch in der »Subsistenz« (wörtlich: »durch sich selbst«) klingt das Eigene an. Subsistenzorientiertes Wirtschaften ist lebensfördernd im umfassenden Sinn, weil es den lebenserhaltenden Bedürfnissen aller dient, jenseits der aufrechnenden, ausgrenzenden Tauschlogik (siehe »Gabe und Tausch«, Seite 22).
»Eigen« steckt auch im »Zueignen«, das im Gegensatz zur Aneignung und zum Eigentum steht, und somit einen umfassenden Perspektivwechsel ermöglicht: Nicht ich eigne mir etwas an, sondern ich eigne mich zu und trete in einen wechselseitigen Austausch. Ich bin dann kein Eigentümer, der sein Besitztum nach Belieben herunterwirtschaften oder veräußern kann, sondern verbinde mich hütend, pflegend, lauschend, (ver-)antwortend mit einem gleichwürdigen Gegenüber, sei es ein Ort, ein Mensch, ein Tier, ein Werkzeug etc. – eben so beschrieb Peter Linebaugh in seinem Buch »The Magna Carta Manifesto« die Haltung gemeinschaffender Menschen im mittelalterlichen England.

hiesig
»Hiesig« sollte nicht mit »ausgrenzend« verwechselt werden. Die eigene Besonderheit zu erkennen, beinhaltet auch, die Eigenheit anderer anzuerkennen. Wenn wir uns Zygmunt Baumans Analyse anschließen, dann sind Apartheid, Holocaust und Gulags Folgen eines konsequent durchexerzierten Rationalismus, der sich in totalitärer Kategorisierungswut Bahn gebrochen hat. Dass diese Entwicklungen nicht alternativlos waren, zeigt sich etwa an der ethnisch und kulturell pluralistischen Gesellschaft des mittelalterlichen Andalusiens, die das Fremde, Andere und vor allem auch das Unbestimmte nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung verstand. Die Biodiversität, die das Leben auf der Erde erst ermöglicht hat, ist ein weiteres Beispiel für den grundsätzlichen Wert von Vielfalt. Ethnografische Zeugnisse zeigen, dass ortsgebundene, hiesige Kulturen friedlicher, weniger expansiv und ressourcenschonender lebten als die kolonialistischen und neokolonialistischen Gesellschaften westlicher Prägung, deren kollektive Erben wir sind. Dass wir Kinder des Kolonialismus sind, bedeutet jedoch nicht, dass wir zur linearen Fortschreibung der Geschichte verdammt wären: In Konzepten eines »Europas der Regionen« kommt etwa zum Ausdruck, dass sich das Hiesige und Eigene durchaus im Rahmen einer internationalen und supra­nationalen Gemeinschaft denken lässt.
Als der italienische Commons-Denker Massimo de Angelis Feldforschung in Südamerika betrieb, erkannte er, dass die Prozesse, durch die das Gemeinschaffen bei indigenen Andenvölkern organisiert wird, jenen ähneln, die traditionellerweise auch in europäischen und nordamerikanischen Kulturen angewendet wurden. In seinem Buch »Omnia Sunt Communia« beschrieb er eine tiefe wechselseitige Verbindung zwischen Commons und Indigenität, zwischen dem Hiesigen und dem Gemeinen: »So betrachtet, ist Indigenität kein exotisches Phänomen ferner Stammesgesellschaften, sondern ein Commons-Phänomen, das sich überall dort findet, wo Commoning« – Gemeinschaffen – »betrieben wird.«

gemein
Die Brüder Grimm bezeichneten »gemein« in ihrem »Deutschen Wörterbuch« als »altes hochwichtiges und edles Wort, nun aber übel heruntergekommen«. Seine Bedeutung (und Bedeutungsveränderung) ist weitgehend deckungsgleich mit dem Englischen common: Das Gemeine bezeichnet das, was sich dem Äquivalenztausch und der Warenlogik entzieht, das, was nicht gekauft und veräußert werden kann: Gemeinschaft, Commons, Subsistenz- und Versorgungsarbeit, das gemeinschaftliche Pflegnutzen dessen, wovon wir alle leben.
Ivan Illich beschrieb die ursprüngliche Bedeutung von »­gemein« in seinem Buch »Vom Recht auf Gemeinheit« als Recht aufs Gemeinschaffen, als »den Anspruch einer Gemeinde oder Gemeinschaft auf die ihr eigene Art der Umweltnutzung«. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhielt das Wort zusätzlich die abwertende Bedeutung »gewöhnlich«, »roh«, »niederträchtig«. Heute ist die ursprüngliche Wortbedeutung vergessen. Diese ­Bedeutungsverschiebung ist nicht zufällig; sie geht einher mit der Einhegung, Industrialisierung und Privatisierung (von lateinisch privare, »rauben«) unserer Lebensgrundlagen. In dieser Verschiebung spiegelt sich Illich zufolge »die Umwertung des ­Daseins«.
Die gegenwärtige Renaissance der Commons und des Gemeinen lässt hoffen, dass zumindest eine tiefe Schicht, in der menschlichen Gemeinschaften die Organisationsform des Gemeinschaffens eingeschrieben ist, unberührt von dieser umfassenden Umwertung geblieben ist. In der Wiederentdeckung des Gemeinen steckt das Potenzial zur Verschränkung der scheinbaren Gegensätze Arbeit und Leben, lokaler Kultur und planetarer Verantwortung, Ökonomie und Ökologie, menschlicher und mehr-als-menschlicher Gemeinschaft.

Das Gemeine leben
Die drei Begriffe »eigen«, »hiesig« und »gemein« sind untrennbar miteinander verbunden. Sie bezeichnen Ähnliches, sind aber nur als Dreiklang in ihrer vollen Tragweite zu verstehen: Was eigen und hiesig ist, ist auch gemein, und was gemein ist, ist eigen und meist auch hiesig. Sie sind verwandt mit Substantiven wie »Indi­genität«, »Subsistenz« und »Commons«, betonen jedoch als Adjektive prozesshafte Qualitäten, die nicht einfach so gegeben sind, sondern laufend erneuert werden müssen. Gerade deshalb sind es keine fernen Ideale, sondern gangbare Optionen, die jedem ­Menschen an jedem Ort offenstehen.
Diese Qualitäten mögen zunächst schlicht und bescheiden erscheinen, das heißt jedoch nicht, dass sie wirkungslos wären. Sie bergen (r)evolutionäres Potenzial: Sie öffnen das Bewusstsein für vielfältige Auswege aus der entfremdenden und vereinzelnden Äquivalenz- und Anstaltslogik. Sie wurden nicht in Studierstuben oder Salonzimmern erdacht, sondern entspringen historisch erprobten Praktiken des lebendigen, gleichwürdigen Austauschs zwischen Menschen untereinander und mit der stofflichen Welt im Hier und Jetzt. Sie sind uns nahe, weil sie naheliegende, urmenschliche Tätigkeiten umfassen: keimfähiges Saatgut sammeln und weitergeben; Nachbarschaftshilfe; Eigenarbeit; mündlich überlieferte Geschichten und Mundartdichtung; im richtigen Moment die richtigen Blicke, Worte, Gesten zwischen nahen und fernen Menschen austauschen; musikalische Improvisation; regional gewachsene Bauweisen; Wiederaneignung urbaner Räume; Bäume pflanzen; Sauerteigbrot backen; eigene Äpfel mosten; barcodefrei essen …
Kooperativer, gemeinschaffender Austausch ist kein Luxus, den man sich leisten kann, sobald der vermeintlich mensch­liche Drang nach Ausgrenzung, Eigennutz und Gier befriedigt ist. Vielmehr ist er eine Grundkonstante symbiontischer Wesen auf einer symbiontischen Planetin. Es ist gut möglich, dass darin der Schlüssel zu unserem Überleben und zu einem guten Leben im umfassenden Sinn liegt. In diesem Geist schloss Zygmunt Bauman sein letztes, postum erschienenes Buch »Retrotopia«: »Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber.«

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