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Der Mußenkuss

Die besten Ideen entstehen im Leerlauf.

von Ute Scheub , erschienen in 48/2018

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Auch wenn sich der Großteil der Menschheit von der Industrie­gesellschaft ein angenehmes Leben verspricht – erfüllt hat sich dieses Wunschdenken nicht. Es ist inzwischen an der Tagesordnung, dass Menschen sich tief in den Feiertag hineinarbeiten; sie müssen im gleichen Zeitvolumen ein Vielfaches von früher erledigen. Im Zug der Digitalisierung verwischt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit: Laut einer im März veröffentlichten ­repräsentativen Umfrage des Arbeitsforschungsinstituts IZA geben fast zwei Drittel der befragten Berufstätigen an, sich auch in ihrer Freizeit mit ihrer Arbeitsstelle zu beschäftigen. Zeit wird wie Altpapier zusam­mengeknautscht und zu einem Brennbrikett verpresst. Burn, burn, Burnout. Parallel zum Burnout des Planeten, zur Erschöpfung von fossilen und anderen Ressourcen, brennen auch die Menschen aus.
Eine Umfrage im Freundeskreis bestätigt das Bild. Eine Klinik­ärztin verbringt zwei Drittel ihrer Arbeit mit bürokratischer Dokumentation, obwohl sie damit das wirksamste Heilmittel – ihre Zuwendung zu Kranken – geradezu kriminell reduziert. Ein Anwalt erlebt einen »wahnwitzigen Zeitdruck«, den Behörden per Mail und Mandanten per Handy ausüben. Eine Abteilungsleiterin schafft es nicht mehr, ihre E-Mails zu lesen. Sie alle arbeiten an freien Tagen Liegengebliebenes auf.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass gute Ideen und Geistesblitze niemals innerhalb von Arbeitsroutinen oder unter Zeitdruck entstanden. Georg Friedrich Händel komponierte den »Messias« 1741 nach einer Genesung, die ihm wohl selbst als Auferstehung anmutete. Folgt man Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit«, so waren es nur zwei Worte in einem Libretto, die Händel elektrisierten: »Comfort ye«, »sei getrost«: »Und schon, kaum gelesen, kaum durchfühlt, hörte Händel es als Musik, in ­Tönen schwebend, rufend, rauschend, singend.« Friedrich ­Nietzsche erlebte 1881 bei einer Wanderung im Gebirge eine Gedankenflut, aus der er sein Werk »Also sprach Zarathustra« formte: »Wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf … ein vollkommenes Außersichsein … eine Glückstiefe …« Auch Erfinder und Entdecker werden plötzlich von einer Formel, einer Form, einem Bild durchzuckt.
In der antiken Mythologie sind es Quellnymphen, die mit ihrem Musenkuss Dichtern Verse einhauchen. Aber sind es nicht eher Mußenküsse? »Muße« entstammt dem Althochdeutschen »muoza« und bedeutet »freie Zeit zu etwas, Bequemlichkeit, Untätigkeit«. Sie gehört ausgerechnet zum Wortstamm »müssen« und bezeichnet einen Zustand, der einem die Möglichkeit bietet, etwas zu tun.
Dieses scheinbare Paradox löste die moderne Hirnforschung mit ihrer Entdeckung des hirninternen »Leerlaufs« auf. Der US-Neurologe Marcus Raichle schob 1998 Testpersonen in den Kernspintomografen und stellte fest: Wenn diese Aufgaben lösten, wurden bestimmte Hirnareale aktiviert, andere aber deaktiviert. Wenn sie aufhörten, zielgerichtet zu denken, aktivierten sich umgekehrt diese »Leerlauf-Netzwerke«. Dazu gehören auch Hirnregionen, die für autobiografisches Erinnern, Identität und Fantasieren zuständig sind. Sie arbeiten auch beim Tagträumen oder im Schlaf, stellen Ordnung im Gehirn her, trennen Wichtiges von Unwichtigem, verarbeiten Gelerntes, verbinden Gedächtnisinhalte mit neuen Eindrücken. Dies verdeutlicht, wie elementar wichtig Zeiten der Muße für alle Menschen sind – sie nur den ­sogenannten Kreativen zuzugestehen, wäre deshalb ein schwerer Fehler.
»Das Gehirn geht in sich selbst spazieren«, sagt der Forscher Wolf Singer. »In den Ruhenetzwerken generieren wir die Fähigkeit, über uns selbst und das Verhalten anderer zu reflektieren«, ergänzt der Neurophysiologe Bernd Hufnagl. »Hier entsteht Empathie. Und wir entwickeln Neues: Wir verarbeiten die Erlebnisse des Tages und stellen sie in den Kontext unserer Erfahrungen.« Wir tauchen in Erinnerungen und Unterbewusstes hinab und bergen Schätze von halbvergessenem Wissen. Deshalb sollte man vor wichtigen Entscheidungen »nochmal darüber schlafen«.
Den Geist treiben lassen wie ein tanzendes Blatt auf einem Fluss – ist es nicht notwendig, sich dies auch in Phasen, die wir gemeinhin als »Arbeitszeiten« bezeichnen, zu erlauben? Jede gute Handwerkerin, jeder Handwerker sinnt in Ruhe über ein Werkstück nach und findet dabei womöglich die Lösung für ein kniffliges technisches Problem.
Mein eigenes Rezept für süße »Mousse au chocolat« besteht aus Bewegung. Im Wald, im Duft nach Laub und Moos, kann ich sehr gut nachdenken. Anfangs bin ich noch doof wie Brot, meine Gedanken sind wirr und ungeordnet. Doch je länger ich gehe, desto besser rütteln sie sich zusammen, und nach ein paar Kilometern beginnen neue Ideen aufzublitzen. Bin ich in dieser Zeit also nicht höchst produktiv? Arbeite ich gar?
Es ist nicht einfach, in einer Zeit, in der so viele äußere Faktoren Menschen in den Burnout treiben, ein mußevolles Leben zu gestalten, aber es ist ein wichtiger Akt des Widerstands. Die Ausbeutung von Ressourcen sein zu lassen – das beginnt in der eigenen Existenz.

Ute Scheub (62) ist promovierte Politikwissenschaftlerin, gehört zu den Gründerinnen der taz und lebt als Publizistin in Berlin. Sie schreibt am liebsten Geschichten des Gelingens.

Lektüre für Mußestunden
Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1996; Karlheinz A. Geißler: Lob der Pause. Von der Vielfalt der Zeiten und der Poesie des Augenblicks. oekom, 2012

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